BuchKult
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Joseph von Eichendorff 1788-1857

Entschluss

 

Noch schien der Lenz nicht gekommen,

Es lag noch so stumm die Welt,

Da hab' den Stab ich genommen,

Zu pilgern ins weite Feld.

 

Und will auch kein' Lerch' sich schwingen,

Du breite die Flügel, mein Herz,

Lass hell und fröhlich uns singen

Zum Himmel aus allem Schmerz!

 

Da schauen im Tale erschrocken

Die Wandrer rings in die Luft,

Mein Liebchen schüttelt die Locken,

Sie weiß es wohl, wer sie ruft.

 

Und wie sie noch steh'n und lauschen,

Da blitzt es schon fern und nah,

All' Wälder und Quellen rauschen,

Und Frühling ist wieder da!

 

Willard Leroy Metcalf, Prelude
Willard Leroy Metcalf (1858-1925) war ein amerikanischer Maler.

Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Liebesfrühling

 

Wie oft schon ward es Frühling wieder

Für die erstorbne öde Welt!

Wie oft schon schollen frohe Lieder

Ihm überall durch Wald und Feld!

 

Wie oft schon ward es Frühling wieder!

Doch Frühling ward es nicht für mich:

Es schweigen meines Herzens Lieder,

Denn Frühling wird es nur durch dich.

 

Walter Crane, The Advent of Spring
Walter Crane (1845-1915) war ein englischer Maler und Illustrator und einer der führenden Vertreter des Arts and Crafts Movement.

Fred Endrikat 1890-1942

Frühling ist's!

 

Frühling ist's! Die Hennen glucksen.

Veilchen raus - und weiße Buxen.

Frauen schnüren sich geringer,

und der Bauer schiebt den Dünger.

Fliegen klettern unverdrossen

auf den Nasensommersprossen.

Ringsum blüht's an allen Hecken -

und es riecht aus den Ap'theken.

Ich steck mir voll Übermut

'nen Sonnenstrahl an meinen Hut.

Freudig jubeln und frohlocken

Kirchen-, Kuh- und Käseglocken.

Frühling wird's mit Vehemenz.

Auf grünen Filzpantoffeln naht der Lenz!

 

 

Eugen Bracht, Der Pflüger, 1916
Eugen Felix Prosper Bracht (1842-1921) war ein deutscher Landschafts- und Historienmaler sowie Hochschullehrer.
 

Luise Büchner 1821 - 1877

Frühlingsgruß

 

Wolken seh' ich geh'n und kommen,

Und ewig droht der Winter fortzuwähren –

Die Seele war so trüb mir und beklommen,

Ich rief den Frühling, ach! er will nicht kommen,

Sie und des Himmels Stirne aufzuklären.

 

Und durch des Gartens Gänge dichtverschlungen

Ging ich – doch sieh, was hat sich dort begeben!

Schneeglöcklein sind der kalten Erd' entsprungen,

Sie haben siegend sich hervorgerungen,

Erweckt von eines Sonnenkusses Leben.

 

Nun stillt ihr, Frühlingsboten, mein Verlangen!

Ihr wollt in's Herz mir neues Leben senken!

Wie gläubig euer Kelch ist aufgegangen,

Weil er der Sonne einz'gen Kuß empfangen,

So soll mir Frühling euer Anblick schenken!

 

Josef Stoitzner, Spring's Awakening
Josef Stoitzner (1884-1951) war ein österreichischer Maler und Grafiker.

Richard Dehmel 1863-1920

Erfüllung

 

Daß du auch an meinem Herzen,

Herz, nur neue Sehnsucht fühlst

und dich in vergangne Schmerzen

schmerzlicher als je verwühlst:

ist das nicht Erfüllung. Du?

 

Wenn die Erde schmilzt vom Eise,

daß die Luft nach Frühling schmeckt,

und in immer neuer Weise

wild ihr Grün zum Himmel reckt:

ist das nicht Erfüllung, Du?

 

Wenn wir dann noch Ostern feiern,

weil ein Mensch sein Leben ließ,

der den Frevlern wie Kasteiern

gleiche Seligkeit verhieß:

ist das nicht Erfüllung, Du?

 

Laß die tragische Geberde,

sei wie Gott, du bist es schon:

jedes Weib ist Mutter Erde,

jeder Mann ist Menschensohn,

Alles ist Erfüllung, Du!

 

Nils Edvard Kreuger, Spring in Halland, 1890, linkes Bild eines Triptychons
Nils Edvard Kreuger (1858-1930) war ein schwedischer Maler, Zeichner, Illustrator und Werbegrafiker.
 

A. de Nora 1864-1936

Frühlingsstürme

 

Wie ist es denn gekommen?

Es war wie ein Traum!

Es hat uns mitgenommen

Wie Blätter am Baum,

 

Die einsam über geblieben

Vom Winter sind,

Und die zusammengetrieben

Der Frühlingswind,

 

Und die aneinander schmiegen

Sich eng und dicht –

Wohin sie mitsammen fliegen

Sie wissen's nicht.

 

Félix Vallotton, Das blühende Feld
Félix Vallotton (1865-1925) war ein Schweizer, später französischer Maler, Grafiker, Holzstecher und Schriftsteller.

Joseph von Eichendorff 1788-1857

Frühlingsnacht

 

Übern Garten durch die Lüfte

Hört ich Wandervögel ziehn,

Das bedeutet Frühlingsdüfte,

Unten fängt's schon an zu blühn.

 

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,

Ist mir's doch, als könnt's nicht sein!

Alte Wunder wieder scheinen

Mit dem Mondesglanz herein.

 

Und der Mond, die Sterne sagen's,

Und in Träumen rauscht's der Hain,

Und die Nachtigallen schlagen's:

Sie ist Deine, sie ist dein!

 

Claude Monet, The Willow, Spring on the Epte, 1885
Claude Monet (1840-1926) war ein bedeutender französischer Maler.

Friedrich Hölderlin 1770-1843

Der Frühling

 

Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,

Es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben

Aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder

Und festlich machen sich Gesang und Lieder.

 

Das Leben findet sich aus Harmonie der Zeiten,

Daß immerdar den Sinn Natur und Geist geleiten,

Und die Vollkommenheit ist Eines in dem Geiste,

So findet vieles sich, und aus Natur das meiste.

 

 

 

Isaak Lewitan, Frühlingshoch-wasser, 1897
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.
 

Luise Otto-Peters 1819-1895

Erwachen

 

Der Frühling ist gekommen

Nach langer Winterszeit,

Das Eis ist fortgeschwommen,

Kein Weg ist mehr verschneit.

 

Die Lerchen singend schweben

Ob frisch ergrünter Flur,

Ringsum ein blühend Leben

Und neuen Schaffens Spur.

 

Ich weiß nicht was geschehen

In meiner eignen Brust?

Nie konnt ich so verstehen

Des Werdens ganze Lust.

 

Ein jubelndes Entzücken

Mich immer mehr erfüllt:

Was Glück ist – was Beglücken

Das wird mir jetzt enthüllt.

 

Die Liebe ist gekommen

Mit aller ihrer Macht!

Ihr Weckruf ward vernommen

Wie ich es nie gedacht.

 

Und aller Vöglein Lieder

Sie tönen in mir auch

Und Alles klinget wieder

Wie Offenbarungshauch.

 

Camille Corot, Ville d Avray, 1867, Washington DC, National Gallery of Art
Jean-Baptiste Camille Corot (1796-1875) war ein bedeutender französischer Landschafts-maler. Er ist einer der Hauptvertreter der Schule von Barbizon.

Christian Morgenstern 1871-1914

Frühlingsregen

 

Regne, regne Frühlingsregen,

Weine durch die stille Nacht!

Schlummer liegt auf allen Wegen,

Nur dein treuer Dichter wacht ...

 

Lauscht dem leisen warmen Rinnen

Aus dem dunklen Himmelsdom,

Und es löst in ihm tiefdrinnen

Selber sich ein heisser Strom,

 

Lässt sich halten nicht und hegen

quillt heraus in sanfter Macht ...

Ahndevoll auf stillen Wegen

Geht der Frühling durch die Nacht.

 

Hans Thoma, Der Rhein bei Saeckingen
Hans Thoma (1839-1924) war ein deutscher Maler und Grafiker.

Eduard Mörike 1804-1875

Er ist's

 

Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen

Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist's!

Dich hab ich vernommen!

 

Iwan Choultsé, Printemps dans les Alpes, Engadines
Iwan Fedorowitsch Choultsé (1874-1939) war ein Maler des russischen Realismus.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Frühling

 

Die warme Luft, der Sonnenstrahl

Erquickt mein Herz, erfüllt das Tal.

O Gott! wie deine Schritte tönen!

In tiefer Lust die Wälder stöhnen;

Die hochgeschwellten Bäche fallen

Durch Blumen hin mit trunknem Lallen;

Sein bräutlich Lied der Vogel singt,

Die Knosp in Wonne still zerspringt;

Und drüber goldner Wolken Flug;

Die Liebe ist in vollem Zug.

An jeder Stelle möcht ich liegen;

Mit jedem Vogel möcht ich fliegen,

Ich möchte fort und möchte bleiben,

Es fesselt mich und will mich treiben.

O Lenz, du holder Widerspruch:

Ersehnte Ruh und Friedensbruch,

So heimatlich und ruhebringend,

So fremd, in alle Ferne dringend.

Das Frühlingsleuchten, treu und klar,

Erscheint dem Herzen wunderbar

Ein stehngebliebner Freudenblitz,

In Gottes Herz ein offner Ritz;

Und wieder im Vorübersprung

Ein Himmel auf der Wanderung;

Ein irrer Geist, der weilend flieht

Und bang das Herz von hinnen zieht.

Ich wandle irr, dem Himmel nach,

Der rauschend auf mich niederbrach;

O Frühling! trunken bin ich dein!

O Frühling! ewig bist du mein!

 

Janus la Cour J, Thorsmølle, Aarhus Rådhus
Janus Andreas Bartholin la Cour (1837-1909) war ein dänischer Landschaftsmaler in der Tradition des Goldenen Zeitalters der dänischen Malerei.

Friedrich Hölderlin 1770-1843

Der Frühling

 

Es kommt der neue Tag aus fernen Höhn herunter,

Der Morgen der erwacht ist aus den Dämmerungen,

Er lacht die Menschheit an, geschmückt und munter,

von Freuden ist die Menschheit sanft durchdrungen.

 

Ein neues Leben will der Zukunft sich enthüllen,

Mit Blüten scheint, dem Zeichen froher Tage,

Das große Tal, die Erde sich zu füllen,

Entfernt dagegen ist zur Frühlingszeit die Klage.

 

George Sotter, Holicong Spring
George William Sotter (1879–1953) war ein US-amerikanischer Maler.

Wilhelm Busch 1832-1908

Immerhin

 

Mein Herz, sei nicht beklommen,

Noch wird die Welt nicht alt.

Der Frühling ist wiedergekommen,

Frisch grünt der deutsche Wald.

 

Seit Ururvätertagen

Stehen die Eichen am See,

Die Nachtigallen schlagen,

Zur Tränke kommt das Reh.

 

Die Sonne geht auf und unter

Schon lange vieltausendmal,

Noch immer eilen so munter

Die Bächlein ins blühende Tal.

 

Hier lieg ich im weichen Moose

Unter dem rauschenden Baum,

Die Zeit, die wesenlose,

Verschwindet als wie ein Traum.

 

Von kühlen Schatten umdämmert,

Versink ich in selige Ruh;

Ein Specht, der lustig hämmert,

Nickt mir vertraulich zu.

 

Mir ist, als ob er riefe:

Heija, mein guter Gesell,

Für ewig aus dunkler Tiefe

Sprudelt der Lebensquell.

 

 

 

Walter Moras, Waldlichtung im Frühling
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

Hans von Hopfen 1835-1904

Laß das Fragen!

 

Lieb Seelchen, laß das Fragen sein:

Was wird der Frühling bringen?

Lichtgrünes Gras, Waldmeisterlein

Und Veilchen vor allen Dingen.

 

Auch Herzeleid und Frauenhuld

Gedeiht in diesen Tagen,

Ein bißchen Glück, ein bißchen Schuld

– Lieb Seelchen, laß das Fragen!

 

 

 

Lesser Ury, Birkenwald im Frühling
Leo Lesser Ury (1861-1931) war ein deutscher Maler und Grafiker der impressionistischen Berliner Secession. Seine Motive waren anfangs Landschaften, Großstadtbilder und Stillleben, in seiner Spätzeit schuf er auch Monumentalbilder mit biblischen Motiven.
 

Hermann von Gilm zu Rosenegg 1812-1864

Himmel oder Frühling?

 

Habt ihr mich hinausgetragen,

in den Wald, den morgenfrischen,

wo die Nachtigallen schlagen

in den jungen Rosenbüschen?

 

Mutter, hilf mir aus dem Bette!

Auf den Rasen möcht ich springen

wie das Reh, und um die Wette

möcht ich mit der Lerche singen.

 

Und von Blumen welch Gewimmel!

Ach, so schön war's nie auf Erden!

Mutter, sag, ist das der Himmel,

oder will es Frühling werden.

 

Peder Mørk Mønsted, Springtime in the Forest
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschaftsmaler.

Heinrich Heine 1797-1856

Neuer Frühling

 

Sterne mit den goldnen Füßchen

Wandeln droben bang und sacht,

Daß sie nicht die Erde wecken,

Die da schläft im Schoß der Nacht.

 

Horchend stehn die stummen Wälder,

Jedes Blatt ein grünes Ohr!

Und der Berg, wie träumend streckt er

Seinen Schattenarm hervor.

 

Doch was rief dort? In mein Herze

Dringt der Töne Widerhall.

War es der Geliebten Stimme,

Oder nur die Nachtigall?

 

William Bell Scott, Landscape with a Gate and a Watermeadow
William Bell Scott (1811-1890) war ein schottischer Maler, Stecher und Dichter.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Liebesfeier

 

An ihren bunten Liedern klettert

Die Lerche selig in die Luft;

Ein Jubelchor von Sängern schmettert

Im Walde, voller Blüt und Duft.

 

Da sind, so weit die Blicke gleiten,

Altäre festlich aufgebaut,

Und all die tausend Herzen läuten

Zur Liebesfeier dringend laut.

 

Der Lenz hat Rosen angezündet

An Leuchtern von Smaragd im Dom;

Und jede Seele schwillt und mündet

Hinüber in den Opferstrom.

 

Anshelm Leonard Schultzberg, Varmotiv från Graversfors
Anshelm Leonard Schultzberg (1862-1945) war ein schwedischer Maler.

Eduard Mörike 1804-1875

Im Frühling

 

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel:

Die Wolke wird mein Flügel,

Ein Vogel fliegt mir voraus.

Ach, sag mir, all-einzige Liebe,

Wo du bleibst, dass ich bei dir bliebe!

Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

 

Der Sonnenblume gleich

steht mein Gemüte offen,

Sehnend, sich dehnend

In Lieben und Hoffen.

Frühling, was bist du gewillt?

Wann werd ich gestillt?

 

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,

Es dringt der Sonne goldner Kuss

Mir tief bis ins Geblüt hinein;

Die Augen, wunderbar berauschet,

Tun, als schliefen sie ein,

Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

 

Ich denke dies und denke das,

Ich sehne mich, und weiss nicht recht, nach was:

Halb ist es Lust, halb ist es Klage;

Mein Herz, o sage,

Was webst du für Erinnerung

In golden grüner Zweige Dämmerung?

– Alte unnennbare Tage!

 

Franz Courtens, Spring landscape with a field of hyacinths
Franz Courtens (1854-1943) war ein belgischer Landschaftsmaler und Kunstpädagoge.

Maria Mnioch 1777-1797

Frühlingsabend

 

Schöner Himmel, hast du keine Freude

An der schönen Frühlings-Erde!

Schau sie an, mit deinen tausend Augen,

Schau sie an, und lächle!

 

Jede Blume

Duftet lieblich

Zu dir auf.

So viel Sterne droben,

So viel Blumen hier!

Jede Blum' ist eine Braut,

Jeder Stern ein Bräutigam.

 

Schöner Himmel, nimm die finstern Wolken

Vom Gesicht!

Du, o holder Brautgefährte,

Treuer Hausfreund unsrer Erde,

Leucht', o Mond, mit hellem Glanze

Deine Freundin an und ihre Kinder!

 

Ha, ich fühl es, - die Erde

Hebt sich entgegen dem Himmel,

Und die Blumen - den Sternen!

Nieder schwebet der Wolkenvorhang,

Freudig blicken sich an die Geliebten.

Und des Thaues Tröpfchen auf den Blumen

Glänzen wie der Liebe Thränen,

Und des Himmels sanfte Strahlen

Küssen zärtlich die Thränen auf.

 

Schöner Himmel, hast du keine Freude

An der schönen Frühlings-Erde!

Schau sie an mit deinen tausend Augen,

Schau sie an, und lächle!

 

Edward Clifford, Bluebells, Abbeylix Woods
Edward Clifford (1844-1907) war ein englischer Künstler und Autor.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Lenz

 

Die Bäume blühn,

Die Vöglein singen,

Die Wiesen bringen

Ihr erstes Grün.

 

Schier tut's mir leid,

Zu treten die Erden

Und ihr zu gefährden

Ihr neues Kleid.

 

Sie hat nicht acht,

Ob Knospenspringen

Und Frühlingssingen

Mich traurig macht.

 

 

Albrecht Dürer, Schlüsselblume
Albrecht Dürer (1471-1528) der Jüngere (auch Duerer) war ein deutscher Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker.Mit seinen Gemälden, Zeichnungen, Kupferstichen und Holzschnitten zählt er zu den herausragenden Vertretern der Renaissance.
 

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Sonett an Orpheus I/21

 

Frühling ist wiedergekommen. Die Erde

ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;

viele, o viele.... Für die Beschwerde

langen Lernens bekommt sie den Preis.

 

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße

an dem Barte des alten Manns.

Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,

dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!

 

Erde, die frei hat, du glückliche, spiele

nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,

fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

 

O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,

und was gedruckt steht in Wurzeln und langen

schwierigen Stämmen: sie singts, sie singts!

 

Peder Severin Kroyer, Marie Kroyer in the Garden at Skagen
Peder Severin Krøyer (1851-1909), war ein norwegisch-dänischer Maler der Künstlerkolonie Skagen. Seine Werke sind überwiegend der impressionistischen Freilichtmalerei zuzuordnen.

Friedrich von Schiller 1759-1805

An den Frühling

 

Willkommen, schöner Jüngling!

Du Wonne der Natur!

Mit deinem Blumenkörbchen

Willkommen auf der Flur!

 

Ei! ei! da bist ja wieder!

Und bist so lieb und schön!

Und freun wir uns so herzlich,

Entgegen dir zu gehn.

 

Denkst auch noch an mein Mädchen?

Ei, Lieber, denke doch!

Dort liebte mich das Mädchen,

Und 's Mädchen liebt mich noch!

 

Fürs Mädchen manches Blümchen

Erbettelt' ich von dir –

Ich komm und bettle wieder,

Und du? – du gibst es mir?

 

Willkommen, schöner Jüngling!

Du Wonne der Natur!

Mit deinem Blumenkörbchen

Willkommen auf der Flur!

 

Fritz Overbeck, Buchweizenfeld
Fritz Overbeck (1869-1909) war ein deutscher Maler und Radierer.

Franz Werfel 1890-1945

Frühling

 

Nun ist sie da, nun ist sie wieder da,

Die Wildnis der Kindheit wieder!

Nun stehst du am Fluß,

Wie ewig in Wind und Vorbei...

Nun tanzet das greise Haar dir.

 

Es hängen die Brücken unter dem Adlerflug.

Kriegrisch die Bäume reißen sich Wolken ab.

Menschen entflattert

An tausend Ufern, Türme,

Und schluchzender Odem hebt die Brust des Gebirgs.

 

Hier stehst du gespiegelt, getragen hin.

Nicht weißt du mehr, ob Erd, ob Stern!

Dein fernes Du sinkt weg ...

So schütte denn am Abend

Den Becher Leben in den Himmel aus.

 

William Gilbert Foster, Whispering Eve
William Gilbert Foster (1855–1906) war ein britischer Maler.

Max Dauthendey 1867-1918

 

Die Nacht macht alle Bäume gleich,

Sie stehen wie die dunklen Mauern

Von einem unterirdischen Reich

Und wie Gestalten, die am Wege kauern.

 

Doch ihre Frühlingsgeister halten mit dir Schritt.

Sie senden Blütenrauch im Dunkeln her

Und gehen abwechselnd am Wege mit,

Und sie verlassen dich nur schwer.

Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer.

 

Jean-François Millet, Dandelions, 1867-68
Jean-François Millet (1814-1875) war ein französischer Maler des Realismus.

Heinrich Seidel 1842-1906

Frühlingsbote

 

Der Frühling weiß zu finden

Mich tief in Stadt und Stein,

Gießt mir ins Herz den linden

Fröhlichen Hoffnungsschein.

 

Manch' grüne Wipfel lauschen

Zwischen den Dächern vor,

Ein Lerchenklang durch's Rauschen

Der Stadt schlägt am mein Ohr.

 

Ein Schmetterling als Bote

Flattert im Wind vorbei,

Hinschwebend über das todte

Steinerne Einerlei.

 

 

Frederick Childe Hassam, Washington Arch Spring
Frederick Childe Hassam (1859-1935) war ein amerikanischer Maler des Impressionismus.

Rudolf Presber 1868-1935

Der Moderne

 

Nun hab' ich mein grämliches Winterweh

Sechs Monde mystisch gehütet

Und hab' auf manchem ästhetischen Tee

Pessimistische Eier gebrütet.

 

Mein Büchlein, das meinen Gram umschloß,

Kam in die besten Familien;

Mein Büchlein, das meinen Kummer ergoß

Auf stilisierte Lilien.

 

Die schlanken Mondänen durchforschten's mit Fleiß,

Und heimlich lasen's die Zofen;

Und alle tranken literweis

Mein Herzblut aus meinen Strophen.

 

Sie lobten an meiner Seele Not

Die Feuer, die zuckend verflammten,

Und sprachen von meinem nahen Tod

Mit der Ruhe des Standesbeamten…

 

Doch heut' ist draußen der Frühling erwacht,

Schon duftet's nach hellen Syringen –

Mein Herz spürt die Sonne und klopft und lacht

Und hört die Knospen springen.

 

Mein Herz zerreißt seinen Trauerflor,

Meine Jugend wird wieder munter,

Sie haut der Sorge eins hinter das Ohr

Und schmeißt sie die Treppe hinunter.

 

Vom junggrünen Teppich der Wiese her

Klingen Schalmeien und Tänze…

So werf' ich hinter der Fliehenden her

Die raschelnden Lorbeerkränze.

 

Und blinzelt zur Nacht mir ein lustiger Stern,

Ich folg' ihm augenblicklich –

O Gott, wie bin ich unmodern!

O Gott, wie bin ich glücklich!

 

Camille Pissarro, Place du Théâtre Français, Printemps, 1896, Collection Chtchoukine, Saint Pétersbourg, Ermitage
Jacob Abraham Camille Pissarro (1830-1903) war einer der bedeutendsten und produktivsten Maler des Impressionismus.

Nikolaus Lenau 1802-1850

An den Frühling 1838

 

Lieber Frühling, sage mir,

Denn du bist Prophet,

Ob man auf dem Wege hier

Einst zum Heile geht?

 

Mitten durch den grünen Hain,

Ungestümer Hast,

Frißt die Eisenbahn herein,

Dir ein schlimmer Gast.

 

Bäume fallen links und rechts,

Wo sie vorwärts bricht,

Deines blühenden Geschlechts

Schont die rauhe nicht.

 

Auch die Eiche wird gefällt,

Die den frommen Schild

Ihrem Feind entgegenhält,

Das Marienbild.

 

Küsse deinen letzten Kuß,

Frühling, süß und warm!

Eiche und Maria muß

Fort aus deinem Arm!

 

Pfeilgeschwind und schnurgerad,

Nimmt der Wagen bald

Blüt und Andacht unters Rad,

Sausend durch den Wald.

 

Lieber Lenz, ich frage dich,

Holt, wie er vertraut,

Hier der Mensch die Freiheit sich,

Die ersehnte Braut?

 

Lohnt ein schöner Freudenkranz

Deine Opfer einst,

Wenn du mit dem Sonnenglanz

Über Freie scheinst?

 

Oder ist dies Wort ein Wahn,

Und erjagen wir

Nur auf unsrer Sturmesbahn

Gold und Sinnengier?

 

Zieht der alte Fesselschmied

Jetzt von Land zu Land,

Hämmernd, schweißend Glied an Glied

Unser Eisenband?

 

Braust dem Zug dein Segen zu,

Wenns vorüberschnaubt?

Oder, Frühling, schüttelst du

Traurig einst dein Haupt?

 

Doch du lächelst freudenvoll

Auf das Werk des Beils,

Daß ich lieber glauben soll

An die Bahn des Heils.

 

Amselruf und Finkenschlag

Jubeln drein so laut,

Daß ich lieber hoffen mag

Die ersehnte Braut.

 

Alfred Sisley, The Terrace at Saint Germain, Spring
Alfred Arthur Sisley (1839-1899) war ein englischer Maler des Impressionismus, der in Frankreich lebte und wirkte.

Cäsar Flaischlen 1864-1920

Ich möchte still am Wege stehn

 

Ich möchte still am Wege stehn

und möcht' es Frühling werden sehn,

ich könnt' noch immer wie ein Kind

bei jeder kleinen Knospe säumen!

Und klänge in den kahlen Bäumen

ein Vogeltriller … ach, ich könnt',

mir einen langen Sommer träumen

voll Klang und Glanz und Sonnenschein

und glücklich sein!

 

 

Daniel Garber, In The Springtime
Daniel Garber (1880-1958) war ein amerikanischer impressionistischer Landschaftsmaler.

Ferdinand von Saar 1833–1906

Die Lerche

 

Strahlend im heitersten Blau steht die Sonne;

Aber früh noch ist es im Lenz

Und eisige Lüfte hauchen noch

Von den Bergen herüber,

Wo hartnäckig der Winter sich fest gefroren

In tannenumdunkelten Klüften.

 

Dennoch vom erstarrten Blachfeld

Schwingt sich mit kämpfendem Flügel

Die Lerche empor,

Hin und her geschleudert vom Sturm,

Aber die jauchzende Brust umfunkelt

Vom ewigen Licht –

Schwing' dich ihr nach, du mein geflügeltes Lied!

 

Guillaume Van Strydonck, Jardin potager au printemps, 1884, Ostende, Mu.ZEE
Guillaume Van Strydonck (1861-1937) war ein belgischer Maler, von 1891 bis 1896 in Indien tätig.

Hugo Ball 1886-1927

Frühling

 

So hast du in Behutsamkeit

Mit Lauben und mit Ranken

Den Garten meiner Nacht umsäumt

Jetzt lächeln die Gedanken.

 

Nun singen mir im Gitterwerk

Die süßen Nachtigallen

Und wo ich immer lauschen mag

Will mir ein Lied einfallen.

 

Die Sonne strahlt in deinem Blick

Und geht in meinem unter.

So schenkst du mir den schönen Tag

Ein mildes Sternenwunder.

 

So hast du meinen dunklen Traum

Durchleuchtet aller Enden

Und wo ich immer schreiten mag,

Begegne ich deinen Händen.

 

Mihály von Munkácsy, Tájkép fasorral
Mihály von Munkácsy, eigentlich Michael Lieb (1844-1900), war ein ungarischer Maler des Realismus und Freskant.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929 

Abend im Frühling

 

Er ging. Die Häuser waren alle groß.

Am lichten Himmel standen schon die Sterne.

Die Erde war den Winter wieder los.

Er fühlte seine Stimme in der Kehle

Und hatte seine Hände wieder gerne.

 

Er war sehr müde, aber wie ein Kind.

Er ging die Straße zwischen vielen Pferden.

Er hätte ihre Stirnen gern berührt

Und rief ihr frühres Leben sich zurück

Mit unbewußten streichelnden Gebärden.

 

Daniel Ridgway Knight, La Seine à Rolleboise, printemps
Daniel Ridgway Knight (1839-1924) war ein US-amerikanischer Maler.

Emanuel Geibel 1815-1884

Im Frühling

 

Ach wer hat es nicht erfahren,

Daß ein Ton, ein Blick, ein Duft,

Was vergessen war seit Jahren

Plötzlich vor die Seele ruft.

 

Also kommt in dieser süßen

Frühlingszeit von Wald und Fluß

solch Erinnern oft und Grüßen,

Daß ich tief erschrecken muß.

 

Weisen, die gelockt den Knaben,

Dämmern auf in meinem Ohr;

Dunkle Sehnsucht längst begraben,

Zuckt wie Blitz in mir empor.

 

Und wenn hoch die Sterne scheinen,

Geht im Traum durch meinen Sinn

Wirkend, mit verhaltnem Weinen,

Die verlorne Liebe hin.

 

Frits Thaulow, A French River Landscape
Frits Thaulow, eigentlich Johan Frederik Thaulow (1847-1906), war ein norwegischer Maler.

Jakob Bosshart 1862-1924

Lenz

 

Blätterrausch,

Duftender Maien,

Erdenrausch,

Wandern zu zweien!

Singen und Sehnen

In Stube und Wald,

Kindliches Wähnen

Und stille Gewalt,

Hoffen und Bangen

Und Jubeln und Zagen,

Glühende Wangen

Und zitterndes Wagen,

Fliehen und Suchen und Küsse ergattern –

Hörst du die Finken im Fliederbusch flattern?

 

Henri Martin, Chaumières au printemps, Musée Unterlinden, Colmar
Henri Jean Guillaume Martin (1860-1943) war ein französischer impressionistischer Maler.

Ricarda Huch 1864-1947

Heimweh

 

Daß ich einmal doch zu Haus

Läg im Grase wieder!

Bienenschwarm beim Honigschmaus

Summt am blauen Flieder,

Zwitscherton vorüber mir

Aus der Amsel Kehle,

Leichte Wölkchen über mir,

Hoffnung in der Seele!

 

Stanislav Zhukovsky, Alte Herrenhäuser
Stanislav Yulianovich Zhukovsky (1873–1944) war ein polnischer Impressionist.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Das grüne Wunder

 

Mein Birkenhain stand weiß und kahl,

Die dünnen Stämmchen fror,

Da kam April und zauberte

Das Leben grün hervor.

 

Mit einem Schleier angetan

Steht nun mein Birkenhain;

Das grüne Wunder ist geschehn,

Nun lasst uns gläubig sein.

 

Nun lasst uns glauben wiederum,

Dass Leben Schönheit heißt:

Mein Birkicht ist ein Zauberwald,

In dem das Wunder kreißt.

 

Adolf Kaufmann, Frühling
Adolf Kaufmann (1848-1916) war ein österreichischer Landschafts- und Marinemaler.

Klabund 1890-1928

Ein Frühlingstag

 

Die Leute schnuppern in die Luft wie Hunde,

Die dieses Frühlingstages Ruch erspüren wollen.

Die Sonne steigt sehr langsam aus dem Grunde

Der schwarzen Wolken, wie ein Bergmann aus dem Stollen.

Und aus den Menschen zieht sie einen Schatten,

Verzerrt sind Kopf und Rumpf und Flanken...

So kriechen unsre heiligsten Gedanken

Vor uns am Boden, die das Licht doch hatten.

 

 

 

Albert Welti, Der Tobelhof in Höngg, 1895
Albert Welti (1862-1912) war ein Schweizer Maler und Radierer.

Theodor Körner 1791-1813

Im Frühling

 

Morgenduft!

Frühlingsluft!

Glühend Leben,

Mutige Lust,

Freudiges Streben

In freudiger Brust!

Hinauf, hinauf

Auf der lichten Bahn

Dem Frühling entgegen!

Auf allen Fluren

Der Liebe Spuren,

Der Liebe Segen.

Wälderwärts

Zieht mich mein Herz,

Begaus, Bergein,

Frei in die Welt hinein,

Durch des Tages Glut,

Durch nächtlich Grausen.

Jugendmut

Will nicht weilen und hausen.

Wie alle Kräfte gewaltig sich regen,

Mit heißer Sehnsucht spät und früh,

Dem ewigen Morgen der Liebe entgegen,

Entgegen dem Frühling der Phantasie!

 

Albert Bierstadt, California Spring
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Theodor Fontane 1819-1898

Frühlingslieder

 

Der Frühling hat des Winters Kette

Gelöst nach altem gutem Brauch;

O, daß er doch zerbrochen hätte

Die Ketten unserer Freiheit auch.

 

Er nahm das weiße Totenlinnen,

Das die gestorben Erde trug,

Und sieht die Fürsten weiter spinnen

An unsrer Freiheit Leichentuch.

 

Wird nie der Lenz der Freiheit kommen?

Und werden immer Schnee und Eis

Und nimmer Ketten uns genommen?

Es seufzt mein Herz: wer weiß, wer weiß?!

 

Joaquim Vayreda i Vila, Spring, Montserrat, Museum
Joaquim Vayreda i Vila (1843-1894) war ein katalanischer Landschaftsmaler des Realismus.

 

 

 

 

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Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

BuchKult

Franz Dewes

fjdewes@buchkult-dewes.de

 

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