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Adalbert Holzer - Der Mai ist gekom... - aus Guckkasten 09-1911

Blüh auf, gefrorner Christ, der Mai steht vor der Tür.

Du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier.

Angelus Silesius 1624-1677

Im Mai sind alle Blätter grün,

im Mai sind alle Kater kühn.

Drum wer ein Herz hat, faßt sich eins,

und wer sich keins faßt, hat auch keins.

Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910)

 

 

Gaspar Camps i Junyent, Mayo
Gaspar Camps i Junyent (1874-1942) war ein spanischer Maler, Illustrator und Plakatkünstler des Jugendstils und der Art Déco.

Bleuet – Blühmond – Blumenmond –

Winnemond – Wonnemond – Wonnemonat

Benannt ist dieser Monat – so die Zeugnisse einer Reihe lateinischer Autoren – nach der römischen Göttin Maia. Im vorjulianischen römischen Kalender war der Maius der dritte Monat, im julianischen Kalender der fünfte, jeweils mit 31 Tagen.

 

Karl der Große führte im 8. Jahrhundert den Namen Wonnemond ein (eigentlich althochdeutsch „wunnimanot“ = Weidemonat), der darauf hinweist, dass man in diesem Monat das Vieh wieder auf die Weide treiben konnte. Mit „Wonne“ im heutigen Begriffszusammenhang hat der alte Monatsname also eigentlich nichts zu tun. Doch findet sich dieses Missverständnis schon zu Beginn der Neuzeit und des Neuhochdeutschen.

 

Ebenso erhielt der Mai die Bezeichnung Blumenmond wegen der Hauptblütezeit der meisten Pflanzen. Nach alter Überlieferung darf man sich der zunehmenden Wärme erst nach den so genannten Eisheiligen vom 11. Mai bis zum 15. Mai sicher sein. Etwa seit dem 13. Jahrhundert wird der Mai in Europa mit Maifeiern, -umgängen und -ritten gefeiert, in vielen Gegenden Deutschlands und Österreichs ist das Aufstellen oft imposanter Maibäume gewachsenes Brauchtum; länger schon existierten Feste wie Beltane oder Walpurgisnacht.

 

Gunnar Hallström, Walpurgis Night, Birka, 1904
Gunnar August Hallström (1875-1943) war ein schwedischer Künstler.

Adam von Kamp 1761-1867

Alles neu macht der Mai

 

Alles neu macht der Mai,

macht die Seele frisch und frei.

Laßt das Haus, kommt hinaus!

Windet einen Strauß!

Rings erglänzet Sonnenschein,

duftend prangen Flur und Hain:

Vogelsang, Hörnerklang

tönt den Wald entlang.

 

Wir durchziehen Saaten grün,

Haine, die ergötzend blüh'n,

Waldespracht, neu gemacht

nach des Winters Nacht.

Dort im Schatten an dem Quell

rieselnd munter silberhell

Klein und Groß ruht im Moos,

wie im weichen Schoß.

 

Hier und dort, fort und fort,

wo wir ziehen, Ort für Ort,

alles freut sich der Zeit,

die verschönt erneut.

Widerschein der Schöpfung blüht

uns erneuend im Gemüt.

Alles neu, frisch und frei

macht der holde Mai.

 

 

Très Riches Heures, Mai
Très Riches Heures - Die Brüder von Limburg (Paul, Johan und Herman) waren niederländische Miniaturmaler. Das Stundenbuch des Herzogs von Berry (französisch Les Très Riches Heures du Duc de Berry bzw. kurz Très Riches Heures) ist das berühmteste illustrierte Manuskript des 15. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein ausgesprochen reichhaltig verziertes Stundenbuch, das 208 Blätter mit 21,5 cm Breite und 30 cm Höhe enthält, von denen etwa die Hälfte ganzseitig bebildert sind.
 

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Mailied

 

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch.

 

Und Freud' und Wonne

Aus jeder Brust.

O Erd', o Sonne!

O Glück, o Lust!

 

O Lieb', o Liebe!

So golden schön,

Wie Morgenwolken

Auf jenen Höhn!

 

Du segnest herrlich

Das frische Feld,

Im Blütendampfe

Die volle Welt.

 

O Mädchen, Mädchen,

Wie lieb' ich dich!

Wie blickt dein Auge!

Wie liebst du mich!

 

So liebt die Lerche

Gesang und Luft,

Und Morgenblumen

Den Himmelsduft,

 

Wie ich dich liebe

Mit warmem Blut,

Die du mir Jugend

Und Freud' und Mut

 

Zu neuen Liedern

Und Tänzen gibst.

Sei ewig glücklich,

Wie du mich liebst!

 

 

Eugène Grasset, Mai
Eugène Samuel Grasset (1845-1917) war ein schweizerisch-französischer Bildhauer, Maler und Illustrator der Belle Époque und Wegbereiter des Jugendstils.

Wenn kleine Leute singen,

Was singen sie da?

Sie singen von hohen Dingen,

Von Glück und Gloria.

Sie singen, was sie ersehnen

Und schließen die Augen dabei,

Sie werben im Lied und wähnen,

Nun kommt der große Mai

Mit Blüten und Schmetterlingen,

Wo alles in Fülle fließt,

Und wissen nicht, daß ihr Singen

Das Glück schon ist.

Autor unbekannt

 

George Clausen, Garden in May
George Clausen (1852-1844) war ein britischer Künstler, der mit Öl und Aquarell, Radierung, Mezzotinta, Trockenpunkt und gelegentlich Lithografien arbeitete.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Erste Blüten, erster Mai

 

Lange schlug das Herz mir dumpf

Und in faulen Schlägen,

War ein tangbedeckter Sumpf

Ohne Wellenregen.

 

Bunte Blumen blühten rings,

Und ich ging vorüber;

Wissenschaft, die graue Sphinx,

Gab mir Nasenstüber.

 

Wissenschaft, die graue Sphinx,

Mag der Teufel holen;

Euch, ihr Blüheblumen rings,

Sei mein Herz befohlen.

 

Sonnevoll ist mein Gemüt,

Eine grüne Wiese,

Drauf es singt und springt und blüht,

Wie im Paradiese.

 

Eine Geige klingt in mir,

Glockenklar und leise ...

»Oh du allerschönste Zier! ...«

Wundersame Weise.

 

Glück und Glanz und Glorienschein

Über allem Leben,

Und die ganze Welt ist mein,

Mir zu Lehn gegeben.

 

Und mein Herz haucht Liebe aus,

Alle Not verendet,

Sorge, Sünde, Haß und Graus

Sind in Glück gewendet.

 

Dumme, holde Träumerei,

Immer kehrst du wieder:

Erste Blüten, erster Mai,

Schwärmerische Lieder.

 

Maria Oakey Dewing, Garden in May
Maria Oakey Dewing (1845-1927) war eine US-amerikanische Malerin.

Achim von Arnim 1781-1831 &

Clemens Brentano 1778-1842

Mailied

 

Im Maien im Maien ists lieblich und schön,

Da finden sich viel Kurzweil und Wonn';

Frau Nachtigall singet,

Die Lerche sich schwinget

Über Berg und über Thal.

 

Die Pforten der Erde, die schließen sich auf,

Und lassen so manches Blümlein herauf,

Als Lilien und Rosen,

Violen, Zeitlosen,

Cypressen und auch Nägelein.

 

In solchen wohlriechenden Blümlein zart,

Spazieret eine Jungfrau von edeler Art;

Sie windet und bindet,

Gar zierlich und fein,

Ihrem Herzallerliebsten ein Kränzelein.

 

Da herzt man, da scherzt man, da freuet man sich,

Da singt man, da springt man, da ist man fröhlich;

Da klaget ein Liebchen

Dem andern sein' Noth,

Da küßt man so manches Mündlein roth.

 

Ach Scheiden, ach Scheiden, du schneidendes Schwerdt,

Du hast mir mein junges frisch Herzlein verkehrt.

Wiederkommen macht,

Daß man Scheiden nicht acht't;

Ade, zu tausend guter Nacht.

 

Im Maien, im Maien, da freuet man sich,

Da singt man, da springt man, da ist man fröhlich,

Da kommet so manches

Liebchen zusammen;

Ade, in tausend Gottes Namen.

 

(aus: Des Knaben Wunderhorn)

 

William John Hennessy, The Flowers of May
William John Hennessy (1839-1917) war ein irischer Maler.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Mai

 

Nun aber hebt zu singen an

Der Mai mit seinen Winden.

Wohl dem, der suchen gehen kann

Und bunte Blumen finden!

 

Die Schönheit steigt millionenfach

Empor aus schwarzer Erden;

Manch eingekümmert Weh und Ach

Mag nun vergessen werden.

 

Denn dazu ist der Mai gemacht,

Daß er uns lachen lehre.

Die Herzen hoch! Und fortgelacht

Des Grames Miserere!

 

Willard Leroy Metcalf, Poppy Garden
Willard Leroy Metcalf (1858-1925) war ein amerikanischer Maler

Erich Kästner

Der Mai  

       

Im Galarock des heiteren Verschwenders,

ein Blumenzepter in der schmalen Hand,

fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,

aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

 

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.

Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.

Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.

Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein.

 

Die Apfelbäume hinterm Zaun erröten.

Die Birken machen einen grünen Knicks.

Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,

das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.

 

Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle.

Wir ziehn den Hut. Die Kutsche rollt vorbei.

Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.

O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!

 

Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.

Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.

Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.

Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.

 

Er nickt uns zu und ruft: "Ich komm ja wieder!"

Aus Himmelblau wird langsam Abendgold.

Er grüßt die Hügel, und er winkt dem Flieder.

Er lächelt. Lächelt. Und die Kutsche rollt.

 

 

Edward Atkinson Hornel,

The Dance of Spring, um 1891
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spätimpressionismus und wichtiger Vertreter der Glasgow Boys, einer Künstlergruppe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.
 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798–1874

Zum Reigen herbei

 

Zum Reigen herbei

Im fröhlichen Mai!

Mit Blüten und Zweigen

Bekränzt euch zum Reigen!

Im fröhlichen Mai

Zum Reigen herbei!

 

Zum Reigen herbei!

Mit Jubelgeschrei

Die Vögel sich schwingen,

Sie rufen und singen

Mit Jubelgeschrei:

Zum Reigen herbei!

 

Hans Andersen Brendekilde, Spielende Mädchen im Garten
Hans Andersen Brendekilde (1857-1942) war ein dänischer Maler.

Paul Ernst 1866-1933

Auf dem Hof

 

Sonnenschein fällt in das letzte Sprühen des Mairegens.

Der neue Leiterwagen dampft in die Sonne.

Ein Tropfen blitzt.

Unter ihm, in einer kleinen Lache, blauer Himmel und weiße Wölkchen.

 

Alessio Issupoff, Lilacs in Bloom
Alessio Issupoff (1889-1957) war ein russischer Maler.

Wilhelm Busch 1832-1908

Frühlingslied

 

In der Laube von Syringen,

Oh, wie ist der Abend fein.

Brüder, laßt die Gläser klingen,

Angefüllt, mit Maienwein.

 

Heija, der frische Mai,

Er bringt uns mancherlei.

Das Schönste aber hier auf Erden

Ist lieben und geliebt zu werden.

Heija, im frischen Mai.

 

Über uns die lieben Sterne

Blinken hell und frohgemut,

denn sie sehen schon von ferne,

auch hier unten geht es gut.

 

Wer sich jetzt bei trüben Kerzen

Der Gelehrsamkeit befleißt,

Diesem wünschen wir von Herzen,

daß er bald Professor heißt.

 

Wer als Wein- und Weiberhasser

jedermann im Wege steht,

Der genieße Brot und Wasser,

Bis er endlich in sich geht.

 

Wem vielleicht sein altes Hannchen

Irgendwie abhanden kam,

Nur getrost, es gab schon manchen,

Der ein neues Hannchen nahm.

 

Also, eh der Mai zu Ende,

Aufgeschaut und umgeblickt,

Keiner, der nicht eine fände,

Die ihn an ihr Herze drückt.

 

Jahre steigen auf und nieder;

Aber, wenn der Lenz erblüht,

Dann, ihr Brüder, immer wieder

Töne unser Jubellied.

 

Heija, der frische Mai,

Er bringt uns mancherlei,

Das Schönste aber hier auf Erden

Ist lieben und geliebt zu werden,

 

Heija, im frischen Mai.

 

 

Harald Slott-Møller, Spring
Harald Slott-Møller (1864-1937) war ein dänischer Maler und Keramiker. Zusammen mit seiner Frau, der Malerin Agnes Slott-Møller, war er Gründungsmitglied von Den Frie Udstilling.
 

Friedrich von Logau 1604-1655

Der Mai

 

Dieser Monat ist ein Kuß,

den der Himmel gibt der Erde,

Daß sie jetzund seine Braut,

künftig eine Mutter werde.

 

Giovanni Segantini, Spring in the Alps
Giovanni Segantini (1858-1899) war ein in Welschtirol als österreichischer Staatsbürger geborener Maler des realistischen Symbolismus. Er galt als Meister der Hochgebirgslandschaft und begann früh mit der Freilichtmalerei.

Clemens Brentano 1778-1842

 

Wie sich auch die Zeit will wenden, enden

Will sich nimmer doch die Ferne,

Freude mag der Mai mir spenden, senden

Möcht' Dir alles gerne, weil ich Freude mir erlerne,

Wenn Du mit gefaltnen Händen

Freudig hebst der Augen Sterne.

 

Alle Blumen mich nicht grüßen, süßen

Gruß nehm' ich von Deinem Munde.

Was nicht blühet Dir zu Füßen, büßen

Muß es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde,

Bis Du mir mit frohen Küssen

Bringest meines Frühlings Kunde.

 

Wenn die Abendlüfte wehen, sehen

Mich die lieben Vöglein kleine

Traurig an der Linde stehen, spähen

Wen ich wohl so ernstlich meine, daß ich helle Tränen weine,

Wollen auch nicht schlafen gehen,

Denn sonst wär' ich ganz alleine.

 

Vöglein euch mag's nicht gelingen, klingen

Darf es nur von ihrem Sange,

Wie des Maies Wonneschlingen, singen

Alles ein in neuem Zwange; aber daß ich Dein verlange

Und Du mein, mußt Du auch singen,

Ach das ist schon ewig lange.

 

Fritz Overbeck, Blühende Obstbäume
Fritz Overbeck (1869-1909) war ein deutscher Maler und Radierer.

Die Eisheiligen

 

Gehen die Eisheiligen ohne Frost vorbei,

singen Bauer und Winzer Juchhei!

Bauernweisheit

 

Pankrazi, Servazi und Bonifazi

sind drei frostige Bazi –

und zum Schluss fehlt nie

die kalte Sophie.

Bayerische Bauernregel

 

Konstantin Juon, May Morning
Konstantin Fjodorowitsch Juon (1875-1958) war ein russisch-sowjetischer Maler, Bühnenbildner und Kunsttheoretiker.

Zu den Eisheiligen, auch Gestrenge Herren oder Eismänner genannt, zählen mehrere Gedenktage von Heiligen im Mai. Wegen der Verschiebung durch die gregorianische Kalenderreform ist die gleichnamige alte Bauernregel aus der Zeit des julianischen Kalenders mittlerweile allerdings erst jeweils 10 Tage später anzuwenden als der Gedenktag des jeweiligen Heiligen liegt. Die Eisheiligen zählen zu den Wetterheiligen; sie waren Bischöfe und Märtyrer im 4. oder 5. Jahrhundert.

 

Die Eisheiligen und ihre Gedenktage

 

Mamertus, Bischof von Vienne – 11. Mai

Pankratius, frühchristlicher Märtyrer – 12. Mai

Servatius, Bischof von Tongeren – 13. Mai

Bonifatius, frühchristlicher Märtyrer – 14. Mai

Sophia, frühchristliche Märtyrin – 15. Mai

 

In Norddeutschland gilt Mamertus als erster Eisheiliger, in Süddeutschland, der Deutschschweiz und Österreich Pankratius. „Eismänner“ bezeichnet meist nur Pankraz, Servaz und Bonifaz, die „kalte Sophie“ wurde beigefügt. Dies kann damit erklärt werden, dass die von Norden her kommende Kaltluft in Süddeutschland etwa einen Tag später eintrifft.

 

Willard Leroy Metcalf, May Night, 1906
Willard Leroy Metcalf (1858-1925) war ein amerikanischer Maler.
 

In der Meteorologie stellen die Eisheiligen eine sogenannte Singularität dar.

 

Ab Anfang Mai sind die Temperaturen in Mitteleuropa meistens bereits recht hoch. Diese hohen Temperaturen werden aber immer wieder durch Wetterlagen unterbrochen, bei denen kalte Polarluft nach Mitteleuropa strömt. Ist dann der Himmel klar, so kann die nächtliche Abstrahlung zu Bodenfrost führen. Laut der Bauernregel wird das milde Frühlingswetter erst mit Ablauf der „kalten Sophie“ stabil. Die Bauernregel war wichtig, da Bodenfrost eine Saat vernichten kann. Die Aussaat durfte also erst nach der kalten Sophie erfolgen.

 

Stanislav Zhukovsky, Old Manor, Mai
Stanislav Yulianovich Zhukovsky (1873-1944) war ein polnischer Impressionist und Mitglied der russischen Künstlervereinigung Mir Iskusstwa.

Max Herrmann-Neiße 1886-1941

Die Eisheiligen

 

Die Eisheiligen stehen mit steif gefrorenen Bärten,

aus denen der kalte Wind Schneekörner kämmt,

früh plötzlich in den blühenden Frühlingsgärten,

Nachzügler, Troß vom Winter, einsam, fremd.

 

Eine kurze Weile nur sind sie hilflos, betroffen,

dann stürzt die Meute auf den Blumenpfad.

Sie können nicht, sich lang zu halten, hoffen;

so wüsten sie in sinnlos böser Tat.

 

Von den Kastanien reißen sie die Kerzen

und trampeln tot der Beete bunten Kranz,

dem zarten, unschuldsvollen Knospenglück

bereiten sie hohnlachend Schmerzen,

zerstampfen junges Grün

in geisterhaft verbissenem Kriegestanz.

 

Plötzlich mitten in all dem Toben und Rasen

ist ihre Kraft vertan,

und die ersten warmen Winde blasen

aus der Welt den kurzen Wahn.

 

Heinrich Vogeler, Maiglöckchen
Johann Heinrich Vogeler (1872-1942) war ein deutscher Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge und Schriftsteller.
 

 

Joseph Freiherr von Eichendorff 1788-1857

Maiglöckchen

 

Läuten kaum die Maienglocken,

leise durch den lauen Wind,

hebt ein Knabe froh erschrocken,

aus dem Grase sich geschwind.

Schüttelt in den Blütenflocken,

seine feinen blonden Locken,

schelmisch sinnend wie ein Kind.

 

Und nun wehen Lerchenlieder

und es schlägt die Nachtigall,

von den Bergen rauschend wieder

kommt der kühle Wasserfall.

Rings im Walde bunt Gefieder,

Frühling ist es wieder

und ein Jauchzen überall.

 

 

Illustration

Convallaria

majalis

Maiglöckchen - Convallaria majalis - Zauberpflanze

 

Augenkraut, Frauentränen, Marientränen, Schneetropfen

Diese uralte Kulturpflanze ist immer ein Glücks- und Liebessymbol gewesen, weshalb sie z. B. in den Brautsträußen steckt. In der Blumensprache drücken Maiglöckchen "innige Liebe" aus. Das Grün der Blätter steht für Hoffnung, das Weiß der Blüten signalisieren Reinheit.

Wer Maiglöckchen am 1. Mai bei sich trägt, soll das ganze Jahr Glück haben - deshalb ist es heute noch in Frankreich Sitte, am "Maiglöckchentag" (jour de muguet) auf allen Straßen Maiglöckchensträuße als Glücksbringer (porte-bonheur) zu verkaufen.

Eine Legende besagt, daß das Maiglöckchen dort entstanden ist, wo Maria neben dem Kreuz ihre Tränen vergoß, daher stammen die Namen "Frauen- oder Marientränen" und deshalb gehört es zu den "Marienblumen, Marienpflanzen" und ist christliches Symbol des Heils, der reinen Liebe.

In alten Kräuterbüchern heißt die Pflanze aus der Familie der Liliengewächse noch "Lilie der Täler" ("Lily of the valley" ist der englische Name des Maiglöckchens).

Früher glaubte man, daß, wenn man mit Maiglöckchen das Gesicht abreibt, die Sommersprossen verschwinden.

 

 

Mary Cassat, Lilacs in a Window
Mary Stevenson Cassatt (1844-1926) war eine US-amerikanische Grafikerin und Malerin des Impressionismus.

Hermann Lingg 1820-1905

Frühlingslied

 

Der Frühling verschleiert nun wieder

Die Erde ganz

Mir zartem Laubgefieder,

Mit Blütenglanz;

Nun eilet zum Tanz

Hier unter dem blühenden Flieder!

 

Von schwellenden Zweigen hernieder

Singt sehnlich bang

Die Drossel so liebliche Lieder;

Ertöne noch lang

Du süßer Gesang

Hier unter dem blühenden Flieder!

 

Schwermütige Liebe, komm wieder,

Du schönstes Glück!

Vom Dunkel der Sterne schweb nieder

Zur Erde zurück,

Du schönstes Glück,

Hier unter dem blühenden Flieder!

 

 

Édouard Manet, Lilacs in a vase, ca. 1882
Édouard Manet (1832-1883) war ein französischer Maler. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Malerei.

Karl Kraus 1874-1936

Flieder

 

Nun weiß ich doch, ’s ist Frühling wieder.

Ich sah es nicht vor so viel Nacht

und lange hatt’ ich’s nicht gedacht.

Nun merk’ ich erst, schon blüht der Flieder.

 

Wie fand ich das Geheimnis wieder?

Man hatte mich darum gebracht.

Was hat die Welt aus uns gemacht!

Ich dreh’ mich um, da blüht der Flieder.

 

Und danke Gott, er schuf mich wieder,

indem er wiederschuf die Pracht.

Sie anzuschauen aufgewacht,

so bleib’ ich stehn. Noch blüht der Flieder.

 

 

Charles Ethan Porter, Lilacs
Charles Ethan Porter (1847-1923) war ein afroamerikanischer Maler, der sich auf Stilllebenmalerei spezialisiert hatte.
 

Richard von Schaukal 1874-1942

Mai

 

Der Flieder am Tor

dringt rötlich hervor,

das himmlische Blau

erduftet im Tau.

Noch blendets vom Blühn,

schon rieselt es grün

und flimmert und bebt,

von Licht überschwebt.

O seliger Mai

und morgen vorbei:

ein trunkener Zug,

ein blitzender Flug!

 

Walentin Serow, Lilacs
Walentin Alexandrowitsch Serow (1865-1911) war ein russischer Maler, Grafiker und Porträtmaler. Er gilt als ein Vertreter der russischen Jugendstilmalerei.

Theodor Storm 1817-1888

Mai

 

Die Kinder schreien »Vivat hoch!«

In die blaue Luft hinein;

Den Frühling setzen sie auf den Thron,

Der soll ihr König sein.

 

Die Kinder haben die Veilchen gepflückt,

All, all, die da blühten am Mühlengraben.

Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest

In ihren kleinen Fäusten haben.

 

John Everett Millais, Spring Apple Blossoms
Sir John Everett Millais, (1829-189]) war ein britischer Maler aus dem Kreis der Präraffaeliten.

Mia Holm 1845-1912

Die Liebe

 

Die Liebe willst du finden?

So suche sie im Mai,

Da sitzt auf Blütenbäumen

Die wunderholde Fei.

 

Da flattert allerwegen

Ihr weiches, grünes Haar,

Aus jeder Blume lächelt

Ihr Schelmenaugenpaar.

 

Doch soll ich gut dir raten,

So bleib ihr lieber fern,

Denn Necken und Betrügen,

Das hat sie gar zu gern.

 

Sie kost mit dir ein Weilchen

Und lässt dich dann allein,

Sie giebt für kurze Wonne

Dir lange, bange Pein.

 

 

Walter Moras, Waldlichtung im Frühling
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

Ludwig Christian Hölty 1748-1776

 

Die Luft ist blau,

das Tal ist grün.

Die kleinen Maienglöckchen blühn.

Und Schlüsselblumen drunter,

Der Wiesengrund

ist schon so bunt

Und malt sich täglich bunter.

 

Drum komme, wem der Mai gefällt,

Und freue sich der schönen Welt

Und Gottes Vatergüte,

Die diese Pracht

Hervorgebracht,

Den Baum und seine Blüte.

 

(vertont von Franz Schubert)

 

 

W. Weimar, Blühende Zeit,

aus: Guckkasten 1911

Joseph Victor von Scheffel 1826-1886

 

Mai ist's jetzo. Für den Denker,

Der die Gründe der Erscheinung

Kennt, ist dieses nicht befremdlich.

In dem Mittelpunkt der Dinge

Stehn zwei alte weiße Katzen,

Diese drehn der Erde Achse,

Dieser Drehung Folge ist dann

Das System der Jahreszeiten.

 

Doch warum im Monat Maie

Ist das Aug' mir so beweglich,

Ist das Herz mir so erreglich?

Und warum wie festgenagelt

Muß im Tag ich sechzehn Stunden

Zum Balkon hinüberschielen,

Nach der blonden Mullimulli,

Nach der schwarzen Stibizzina?

 

Alfred Sisley, Obstgarten im Frühling
Alfred Arthur Sisley (1839-1899) war ein englischer Maler des Impressionismus, der in Frankreich lebte und wirkte.

Julius Rodenberg 1831-1914

 

Wie sich die Bäume wiegen

im hellen Sonnenschein,

wie hoch die Vögel fliegen,

ich möchte hinterdrein,

möcht jubeln über Tal und Höhn.

O Welt, du bist so wunderschön

im Mai’n.

 

Nikolay Bogdanov-Belsky, Bloomy Apple Garden, 1935
Nikolay Petrovich Bogdanov-Belsky (1886-1945) war ein russischer Maler.

Eduard Mörike 1804-1875

An den Mai

 

Es ist doch im April fürwahr

Der Frühling weder halb noch gar.

Komm, Rosenbringer, süßer Mai,

Komm du herbei!

So weiß ich, was der Frühling sei.

Wie aber, soll die erste Gartenpracht,

Narzissen, Primeln, Hyazinthen,

Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht

Schon welken und verschwinden?

Und mit euch besonders, holde Veilchen,

Wär's dann fürs ganze Jahr vorbei?

Lieber, lieber Mai,

Ach, so warte noch ein Weilchen!

 

 

George Inness, Apple Blossom Time, 1883
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Christian Adolph Overbeck 1755-1821

Fritzchen an den May

 

Originaltext

 

Komm, lieber May, und mache

Die Bäume wieder grün,

Und laß mir an dem Bache

Die kleinen Veilchen blühn!

Wie möcht’ ich doch so gerne

Ein Blümchen wieder sehn!

Ach, lieber May! wie gerne

Einmal spatzieren gehn!

 

In unsrer Kinderstube

Wird mir die Zeit so lang!

Bald werd’ ich armer Bube

Vor Ungeduld noch krank!

Ach bey den kurzen Tagen

Muß ich mich oben drein

Mit den Vokabeln plagen,

Und immer fleißig seyn!

 

Mein neues Steckenpferdchen

Muß jetzt im Winkel stehn;

Denn draußen in dem Gärtchen

Kann man vor Schnee nicht gehn.

Im Zimmer ist’s zu enge,

Und stäubt auch gar zu viel,

Und die Mama ist strenge,

Sie schilt aufs Kinderspiel.

 

Am meisten aber dauret

Mich Fiekchens Herzeleid!

Das arme Mädchen lauret

Auch auf die Blumenzeit!

Umsonst hol’ ich ihr Spielchen

Zum Zeitvertreib heran;

Sie sitzt in ihrem Stühlchen,

Und sieht mich kläglich an.

 

Ach! wenns doch erst gelinder,

Und grüner draußen wär!

Komm, lieber May! Wir Kinder,

Wir bitten gar zu sehr!

O komm, und bring vor allen

Uns viele Rosen mit!

Bring auch viel Nachtigallen,

Und schöne Kukuks mit!

 

Alfred East, Ploughing
Sir Alfred East (1849-1913) war ein britischer Maler.

Heinrich Leuthold 1827-1879

In der Maienfrühe

 

Lang seufzt ich vergebens,

es war mir im Drang

und Unmut des Lebens

verstummt der Gesang.

 

Nun bauen die Sänger

des Waldes ihr Nest,

nun halten mich länger

die Sorgen nicht fest.

 

Die Sorge, die eisig,

das Herz mir umschnürt,

hat alle der Zeisig

und Buchfink entführt.

 

Welch üppiges Blühen

in Wald und Geheg!

Die Qualen und Mühen,

nun jauchz' ich sie weg.

 

Früh auf aus dem Bette,

durch Wald und Gesträuch…

Ich pfeif um die Wette,

ihr Vögel, mit euch!

 

Ich singe und pfeife,

so wie mir's gefällt,

durchschwärme, durchstreife

die lachende Welt.

 

Und sättige wieder

des Herzens Begier…

Auch hab' ich ja Lieder

und Flügel wie ihr!

 

 

Marie Bashkirtseff, Frühling, 1884
Marie Bashkirtseff (1858 oder 1860 - 1884) war eine russische Malerin, deren Gemälde in Frankreich entstanden sind. Ihr Werk ist dem Naturalismus zuzuordnen.

Anna Ritter 1865-1921

Vom Küssen

 

War ich gar so jung und dumm,

Wollte gerne wissen:

"Warum ist mein Mund so roth?"

Sprach der Mai: "Zum Küssen."

 

Als der Nebel schlich durch's Land,

Hab ich fragen müssen:

"Warum ist mein Mund so blaß?"

Sprach der Herbst: "Vom Küssen."

 

Henri Le Sidaner, Eglise Gerberoy
Henri Le Sidaner (1862-1939) war ein französischer Maler.

Rudolf G. Binding 1867-1938

Maigeschehen

 

Der Maiwind bläst den Fluss entlang.

Hoch wird die Birke aufgeweht.

Ein Riesenhauch stromüber geht

und kraust die Wasser dunkel hin –

Und alles das an dir geschieht

im Mai den Fluss entlang.

 

Die Sonne ist so jung und blond.

Ein Himmel weit und weiß und blau

grenzt überall ans Herz genau.

Das endet nie. Und jung und blond

und Sonne, Himmel dir geschieht

im Mai den Fluss entlang.

 

 

Peder Mørk Mønsted, Spring day at a thatched house with blooming lilacs, 1925
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschaftsmaler.

Gottfried Keller 1819-1890

Gewitter im Mai

 

In Blüten schwamm das Frühlingsland,

Es wogte weiß in schwüler Ruh;

Der dunkle feuchte Himmel band

Mir schwer die feuchten Augen zu.

 

Voll Reu und Leid hatt ich den Mai

Gegrüßt und seinen bunten Flor;

Nun zog er mir im Schlaf vorbei,

Verträumt von dem vergrämten Tor!

 

Da war ein Donnerschlag geschehn,

Ein einziger; den Berg entlang

Hört ich Erwachender vergehn

Erschrocken seinen letzten Klang:

 

»Steh auf! entraffe dich

Der trägen, tatenlosen Reu!«

Durch Tal und Herz ein Schauer strich,

Das Leben blühte frisch und neu.

 

Arthur Streeton, Butterflies And Blossoms
Sir Arthur Ernest Streeton (1867-1943) ist einer der heute noch bekanntesten australischen Maler.

Wilhelm Busch 1832-1908

Sei mir gegrüßt, du lieber Mai

 

Sei mir gegrüßt, du lieber Mai,

mit Laub und Blüten mancherlei!

Seid mir gegrüßt, ihr lieben Bienen,

vom Morgensonnenstrahl beschienen!

Wie fliegt ihr munter ein und aus

in Imker Dralles Bienenhaus

und seid zu dieser Morgenzeit

so früh schon voller Tätigkeit.

Für Diebe ist hier nichts zu machen,

denn vor dem Tore stehn die Wachen.

Und all´ die wacker´n Handwerksleute

die hauen, messen stillvergnügt,

bis daß die Seite sich zur Seite

schön sechsgeeckt zusammenfügt.

Schau! Bienenlieschen in der Frühe

bringt Staub und Kehricht vor die Tür;

Ja! Reinlichkeit macht viele Mühe,

doch später macht sie auch Pläsier.

 

John Joseph Enneking, Blooming Meadows
John Joseph Enneking (1841-1916) war ein amerikanischer impressionistischer Maler, der mit der Boston School verbunden war.

Ludwig Uhland 1787-1862

Maientau

 

Auf den Wald und auf die Wiese,

Mit dem ersten Morgengrau,

Träuft ein Quell vom Paradiese,

Leiser, frischer Maientau;

Was den Mai zum Heiligtume

Jeder süßen Wonne schafft,

Schmelz der Blätter, Glanz der Blume,

Würz und Duft, ist seine Kraft.

 

Wenn den Tau die Muschel trinket,

Wird in ihr ein Perlenstrauß;

Wenn er in den Eichstamm sinket,

Werden Honigbienen draus;

Wenn der Vogel auf dem Reise

Kaum damit den Schnabel netzt,

Lernet er die helle Weise,

Die den ernsten Wald ergetzt.

 

Mit dem Tau der Maienglocken

Wascht die Jungfrau ihr Gesicht,

Badet sie die goldnen Locken,

Und sie glänzt von Himmelslicht;

Selbst ein Auge, rot geweinet,

Labt sich mit den Tropfen gern,

Bis ihm freundlich niederscheinet,

Taugetränkt, der Morgenstern.

 

Sink denn auch auf mich hernieder,

Balsam du für jeden Schmerz!

Netz auch mir die Augenlider!

Tränke mir mein dürstend Herz!

Gib mir Jugend, Sangeswonne,

Himmlischer Gebilde Schau,

Stärke mir den Blick zur Sonne,

Leiser, frischer Maientau!

 

Vincent van Gogh, Les amandiers en fleurs
Vincent Willem van Gogh (1853-1890) war ein niederländischer Maler und Zeichner; er gilt als einer der Begründer der modernen Malerei.

Gustav Falke 1853-1916

An den Mai

 

Schäm dich Gesell! Kein Sonnenschein?

Und du stellst dich als Mai hier ein?

Du bist der rechte Tröster nicht!

Wer mag dein garstig Angesicht

Noch länger sehn? Geh reisen!

Schon reift dein Bruder uns heran,

Der Juni, der wird unser Mann,

Und wird sich hold erweisen.

 

Sieh da! Ein blanker Sonnenstrahl!

So bist du doch nicht ganz entherzt

Und lächelst auch einmal?

Doch lieber Freund, es ist verscherzt!

Das ist kein Mai, der sich bedenkt

Und tropfenweise sich verschenkt,

Ein Mai muss aus dem Vollen fließen,

Wir müssen ihn wie Wein genießen

Und wie in seligem Rausche sein,

Pack ein!

 

 

Robert Reid, Spring
Robert Lewis Reid (1862-1929) war ein US-amerikanischer Figuren- und Wandmaler, der sich ab 1905 als Porträtmaler vornehmlich Motiven mit weichen impressionistischen Pastellen zuwandte.

Ludwig Thoma 1867-1921

Erster Mai

 

Ja, das war ein erster Mai!

Dreckig waren alle Straßen,

Auch der Wind hat kalt geblasen,

So, als wenn es Winter sei.

 

Unsre junge Mädchenschar

Trug verstärkte Unterhosen,

Und es konnte wohl erbosen,

Wem es etwa lästig war.

 

Nichts von Spitzen oder Mull!

Und von den Naturgenüssen

Hat man sich enthalten müssen,

Denn es war fast unter Null.

 

Alle haben sich geschont,

Die sonst gerne unterliegen,

Um nicht den Katarrh zu kriegen.

Und das heißt man Wonnemond!

 

 

Der Frühling ist ein Rattenfänger,

aus: Guckkasten 11-1909

Max Herrmann-Neiße 1886-1941

Neues Mailied (zum Mitsingen)

 

1

Der Mai ist zum Kotzen,

am Tag ist er zu heiß:

als wollte er protzen,

bringt er uns in Schweiß.

Sinkt der Abend hernieder,

friert man in seinem dünnen Rock

und sehnt sich schon wieder

nach Heizung und Grog.

 

2

Der Mai ist zum Speien,

die Bowlen schlagen aus.

Du latschest im Freien

und kehrst kaputt nach Haus,

hast zerrissene Sohlen,

im Bauche eine Wut

und was man sonst noch holen

sich im Mailüfterl tut.

 

3

Der Mai ist für Narren

ein Bluff und ein Trick,

die Dummen erharren

im Mai sich das Glück.

Der Geizhals spielt Genießer,

die Pärchen werden wild.

Die ältesten Spießer

stelln ein kitschiges Bild.

 

4

Der Mai macht sich mausig,

ein richtiger Ramschbasar.

Es tut, ach, herztausig

das dümmste Dromedar.

Das Maiblumengelbe,

der Stempel weißer Saft:

’s ist jedes Jahr dasselbe

und nicht sehr dauerhaft.

 

5

Das ist noch das Beste,

dass bald zerplatzt die Poesie;

die schäbigen Reste

verbraucht die Ansichtskarten-Industrie.

Die Pärchen dort glotzen

noch fort mit koloriertem Angesicht.

Der Mai ist zum Kotzen!

Doch was, was ist es nicht?

 

Franz Xaver Winterhalter, 1. Mai 1851, Detail, 1851, Royal Collection
Franz Xaver Winterhalter (1805-1873) war ein deutscher Porträtmaler.

Emil Claar 1842-1930

Der letzte Mai

 

Heut ist der allerletzte Mai

Und der schöne Frühling vorbei.

Wie gut, daß der Mensch nicht weiß, nicht sieht,

An welchem Tag sein Frühling entflieht!

 

 

 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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