BuchKult
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Die besinnlichen Tage

zwischen Weihnachten und Neujahr

haben schon manchen

um die Besinnung gebracht.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

 

 

Eine gewaltige Diskrepanz besteht zwischen der Anzahl der Werke der Lyriker und denen der bildenden Künstler zum Thema Jahreswechsel. Während Erstere ein reichhaltiges Angebot an Gedichten - lustige, ironische, besinnlich, nachdenkliche - vorgelegt haben, gibt es von den Malern und Grafikern fast NICHTS, sieht man einmal von den Grußkartendesignern ab. Viel Gescheites ist aber auch hier nicht.

 

So hab ich den Gedichten zu Silvester und Neujahr Bilder von Feuerwerken beigegeben, wobei sich kein einziges ausdrücklich auf Silvester bezieht, die Garderoben mancher Betrachter legen dies jedoch bei einigen nahe. Aber Feuerwerk ist Feuerwerk, egal ob der Anlass ein Jubiläum, eine Inthronisation, eine Siegesfeier ein Sommerfest oder eben Silvester ist.

 

Am Schluss gibt’s dann noch ein paar Grußkarten.

 

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Edward Middleton Manigault, The Rocket, 1909, Columbus Museum of Art
Edward Middleton Manigault (1887-1922)war ein amerikanischer Maler der Moderne.

Theodor Fontane 1819-1898

An Lischen*

 

Habe ein heitres, fröhliches Herz

Januar, Februar und März,

Sei immer mit dabei

In April und Mai,

Kreische vor Lust

In Juni, Juli und August,

Habe Verehrer, Freunde und Lober

In September und Oktober,

Und bleibe meine gute Schwester

Bis zum Dezember und nächsten Silvester.

 

*Gemeint ist Fontanes Schwester Elise

 

Govard Bidloo, Fireworks, 1692
Govard Bidloo, auch Govert Bidloo, Godefridus Bidloo und Gottfried Bidloo (1649-1713) war ein niederländischer Chirurg, Anatom, Hochschullehrer und Leibarzt.
 

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Silvester

 

Daß bald das neue Jahr beginnt,

Spür ich nicht im geringsten.

Ich merke nur: Die Zeit verrinnt

Genauso wie zu Pfingsten,

 

Genau wie jährlich tausendmal.

Doch Volk will Griff und Daten.

Ich höre Rührung, Suff, Skandal,

Ich speise Hasenbraten.

 

Mit Cumberland, und vis-à-vis

Sitzt von den Krankenschwestern

Die sinnlichste. Ich kenne sie

Gut, wenn auch erst seit gestern.

 

Champagner drängt, lügt und spricht wahr.

Prosit, barmherzige Schwester!

Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!

Rasch! Prosit! Prost Silvester!

 

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt

In heimlichen Geweben.

Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,

Beginnt ein neues Leben.

 

Gaston La Touche, The Joyous Festival, ca. 1906
Gaston La Touche oder de La Touche (1854-1913) war ein französischer Maler, Illustrator, Graveur und Bildhauer.

Cäsar Flaischlen 1864-1920

Sylvester

 

Komm, vergiss einmal all die Geschichten

komm und begrab einmal all den Kram!

es sind ja doch nur Lumpereien,

die einem nur das Herz zerquälen,

die einen nur müde machen und lahm!

 

Die Menschen sind so, ich weiß es wohl:

statt fröhlich und guter Dinge zu sein,

vernörgeln sie sich die schönsten Stunden

mit kindisch törichten Hetzerein.

Sie möchten es selbst nicht, wenn man frägt ...

sie sehnen sich, harmloser sein zu dürfen,

sie nennen es Unrecht, Schande und Hohn

und möchten heraus aus all dem Gezänke ...

und kommen doch nicht los davon ...

und wenn man so zusieht, wie sie allmählich

mutloser werden, trüber und trüber ...

 

Mein Gott, man könnte weinen drüber!

Lebt mit mehr Freude! ach, ich möcht's

groß wie die Sonne an den Himmel schreiben,

dass es wie Feuer in die Herzen loht ...

lebt mit mehr Freude und ohne die Not

und ohne den Hass und ohne den Neid,

an den ihr das halbe Leben verpasst ...

macht's euch zu Lust und nicht zu Last!

lebt mit mehr Freude,

lebt mit mehr Rast!

 

Matthäus Merian der Ältere, Feuerwerk Wien 1666
Matthäus Merian der Ältere (1593-1650) war ein schweizerisch-deutscher Kupferstecher und Verleger aus der vornehmen Basler Familie Merian.
 

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Silvester

 

Es gibt bei Armen und Reichen

So manche Herzen bang und still;

Aus manchem dieser Herzen will

Die Sorge nimmer weichen.

 

Ich bin einer neuen Idee auf der Spur

Und überlege sie sehr:

Man sollte armen Leuten nur

Gutes tun oder sagen,

Ohne vorher oder hinterher

Nach ihnen zu fragen.

 

Wer hat das wohl zuerst bestellt,

Was nun so glatt sich leiert:

Dass jeder Stand und alle Welt

Terminlich trauert und feiert.

 

So wünschlein-pünschlein den andern gleich

Will ich mich nüchtern betrinken,

Um gegen Morgen durchs Federweich

In Kaktusträume zu sinken.

 

Etwa: Dass eine Mutschekuh,

Die vollgefressen mit Heu war,

Mein Zimmer betrat und rief mir zu:

»Prost Neujahr, Herr Doktor, prost Neujahr!«

 

James Ensor, Il fuoco d'artificio, 1887 (cropped)
James Sidney Ensor (1860-1949) war ein belgischer Maler und Zeichner, der neben Gemälden auch eine Vielzahl von Radierungen und Kaltnadelarbeiten schuf.

Kurt Tucholsky 1907-1935

Was fange ich Silvester an?

 

Was fange ich Silvester an?

Geh ich in Frack und meinen kessen

blausanen Strümpfen zu dem Essen,

das Herr Generaldirektor gibt?

Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?

         Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel –

         der Hausherr tut das sonst bei Dressel –,

         das junge Volk verdrückt sich bald.

         Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt –

 

         Prost Neujahr!

         Ach, ich armer Mann!

         Was fange ich Silvester an?

 

Wälz ich mich im Familienschoße?

Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,

dann gibts Gelee. Dann gibt es Krach.

Der greise Manne selbst wird schwach.

         Aufsteigen üble Knatschgerüche.

         Der Hans knutscht Minna in der Küche.

         Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.

         Die Bowle –! (›Leichter Mosel‹ nur –).

 

        Prost Neujahr!

         Ach, ich armer Mann!

         Was fange ich Silvester an?

 

Mach ich ins Amüsiervergnügen?

Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?

Schrei ich in einer schwulen Bar:

»Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr –!«

         Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister –

         (Nein, nein – ich bin ja kein Minister!)

         Bleigießen? Ists ein Fladen klein:

         Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein ...

 

         Prost Neujahr!

         Helft mir armem Mann!

         Was fang ich bloß Silvester an –?

        

         (Einladungen dankend verbeten.)

 

Joseph Furttenbach, "Feuerwerkh, welches Herr Johann Kouhn, den 26. Augusti Anno 1644 in seinem garten uff dem word, hat abgehen lassen", 1645, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum
Joseph Furttenbach (1591-1667), auch Joseph Furttenbach d. Ä. zur Unterscheidung von seinem gleichnamigen Sohn, war ein deutscher Architekt, Mathematiker, Mechaniker und Chronist.

Fred Endrikat 1890-1942

Sylvesterfeier

 

Erst haben wir auf den siebzehnten Januar getrunken.

Die Rede war zünftig und der Grog wunderbar.

Hierauf hat der nächste mit dem Finger gewunken,

nun tranken wir auf den neunzehnten Februar.

Anschließend mußten wir uns von den Plätzen erheben,

denn wir tranken auf den zwölften März und den achten April.

Auch den Mai und den Juni ließen wir himmelhoch leben

mit feierlichen Reden und mit Gebrüll.

Vom Juli bis September wurde es immer bunter,

Jedesmal mit einer neuen Runde – das ist doch klar.

Wir tranken den Kalender einmal rauf und wieder runter.

von Sylvester auf- und abwärts bis zu Neujahr.

Hierauf vertilgten wir die Likörkarte alphabetisch,

vom Allasch bis zum Zwetschgenwasser, nach der Reih'.

Beim X gab es Grog. Wir wurden poetisch

und sangen die »Mühle im Schwarzwald« dabei.

Nun folgte das Trinken mit Heimatkunde,

von Apolda bis Zabern, bergauf und bergab.

Der Wirt rief: »Nicht kneifen, ihr Schweinehunde!«

Bei Lüdenscheid machten schon einige schlapp.

Wir hieben die Gläser mit Macht aneinander

und brachten einen Kantus, urmarkig und froh,

für die Asta Nielsen bis zur Zarah Leander

und vom Ali Baba bis zum Cicero.

Mein Nachbar, der lange Ilmendörfer,

zielte mit dem Glas nach einem Hirschgeweih,

er war nämlich Sportsmann, von Geburt Hammerwerfer.

Nun begann eine allgemeine Glaswerferei.

Heißa, da flogen die Scherben. Ich hört' jemand lallen:

»Bravo, meine Herren, das nenn' ich Niveau.«

Weg mit den Gläsern. Peng. Karthago muß fallen.

Schinkenkloppen wäre stillos und roh.

Die sonst so gütige Wirtin war leise verbittert,

dieweil ihr guter Kronleuchter total demoliert,

die Holztäfelung an den Wänden wie von Granaten zersplittert

und die Gipsbüste vom Dante auf dem Klavier ramponiert.

Die Wirtin versuchte, beschwichtigend einzuschreiten.

Wir gröhlten: »Nur einmal blüht im Jahr der Mai.«

Einige andere gingen über zu Tätlichkeiten,

dann kamen Sanitäter und die Polizei.

Im Raume wogte ein festlicher Schwaden

von Rumgrog und Punsch, Nießpulver und Blei,

von Kartoffelsalat und kalten Schweinskarbonaden,

von sauren Gurken und andrer Arznei.

Wir hörten den Nachtwächter draußen Feierabend blasen.

Die Gäste lagen umher wie verlorene russische Eier.

Im Hofe krähten schon die lieben Osterhasen.

Es war eine ausgiebige Sylvesterfeier.

 

Pharamond Blanchard, Coronation of Alexander II, Moscow, September 17, 1856
Henri Pierre Léon Pharamond Blanchard (1805-1873) war ein französischer Lithograf und Maler von Landschaften und historischen Motiven.
 

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Silvester bei den Kannibalen

 

Am Silvesterabend setzen

Sich die nackten Menschenfresser

Um ein Feuer, und sie wetzen

Zähneklappernd lange Messer.

 

Trinken dabei — das schmeckt sehr gut —

Bambus-Soda mit Menschenblut.

 

Dann werden aus einem tiefen Schacht

Die eingefangenen Kinder gebracht

Und kaltgemacht.

Das Rückgrat geknickt,

Die Knochen zerknackt,

Die Schenkel gespickt,

Die Lebern zerhackt,

Die Bäuchlein gewalzt,

Die Bäckchen paniert,

Die Zehen gesalzt

Und die Äuglein garniert.

 

Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.

Und allen läuft das Wasser im Munde

Zusammen, ausnander und wieder zusammen.

Bis über den feierlichen Flammen

Die kleinen Kinder mit Zutaten

Kochen, rösten, schmoren und braten.

 

Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau

Zubereitet als Karpfen blau.

Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin,

Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.

 

Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist

Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.

Die Kinder und der Karpfen sind gar.

Es wird gespeist.

 

Und wenn die Kannibalen dann satt sind,

Besoffen und überfressen, ganz matt sind,

Dann denken sie der geschlachteten Kleinen

Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.

 

Ebenezer Landells, A firework display
Ebenezer Landells (1808-1860) war ein britischer Holzstecher, Illustrator und Zeitschrifteninhaber.
 

Erich Kästner 1899-1974

Spruch in der Silvesternacht

 

Man soll das Jahr nicht mit Programmen

beladen wie ein krankes Pferd.

Wenn man es allzu sehr beschwert,

bricht es zu guter Letzt zusammen.

 

Je üppiger die Pläne blühen,

um so verzwickter wird die Tat.

Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,

und schließlich hat man den Salat!

 

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.

Es nützt nichts, und es schadet bloß,

sich tausend Dinge vorzunehmen.

Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

 

 

Ernst Oppler, Feuerwerk
Ernst Oppler (1867-1929) war ein Maler und Grafiker des deutschen Impressionismus.Sein Schaffen ist kennzeichnend für den Übergang von der Kunst des 19.Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik.
 

Kurt Tucholsky 1907-1935

Silvester

 

Im niedern Zimmer

zieht sich der Pfeifenrauch in dicken, blauen Schwaden.

Der Nachtsturm rüttelt an den Fensterladen;

die brave Lampe leuchtet mir wie immer.

 

Wie stets glüht mir der rote Wein

im festen Glase mit dem Kaiserbilde;

ein stiller Wein - er mundet mir so milde -

ich träum ins Glas - was spiegelt sich darein?

 

Vier lange Jahre.

Es hieß sich immer wieder, wieder ducken

und schweigen und herunterschlucken.

Der Mensch war Material und Heeresware.

 

Das ist vorbei.

Was ist uns nun geblieben?

Wo ist das Deutschland, das wir ewig lieben?

Wofür die Plackerei?

 

Für nichts.

Ich tue einen Zug - die Pfeife knastert -

Was hat man uns gebetet und gepastert -

Tag des Gerichts!

 

Und wißt ihr, wer uns also traf?

Der Koksbaron und der Monokelträger,

das Bürgerlamm und der Karrierejäger -

Ihr lagt im Schlaf.

 

So wacht heut auf!

Wir trugen unser Kreuz und jene ihre Orden

wir sind gestoßen und getreten worden:

Muschkot, versauf!

 

Vergeßt ihr das?

Denkt stets daran, wie jene Alten sungen!

Ich aber komm euch in Erinnerungen

ein volles Glas -!

 

Jan Bogumil Plersch, Fireworks at Kaniow in honor of Catherine II in 1787
Jan Bogumil Plersch (1732?-1817) war ein polnischer Maler und Innenarchitekt deutscher Herkunft.

Josef Weinheber 1892-1945

Silvester

 

Nun so sind wir wieder vor der braven,

altbewährten Flasche festgeklebt.

Ein Jahr mitgezecht und beigeschlafen,

durchgeschuftet und dahingelebt

und am End' zufrieden, wenn der Haufen

Mißlichkeiten glimpflich abgelaufen.

 

Was an Träumen, Versen, Taxgebühren

noch vom alten Jahr her fällig ist,

hoffen wir, im neuen zu quittieren.

Leider, wie es geht, in Jahresfrist

wird derselbe Mist als Rest verbleiben,

den wir heut aufs neue Konto schreiben.

 

Schließlich herrscht kein Grund, sich aufzuregen.

Alte Schulden, halbvernarbtes Weh

woll'n wir heut getrost ad acta legen.

Nur verstimmend wirkt das Resume.

Gehn wir denn mit diesem Nasenstüber

hopps! zur neuen Tagesordnung über.

 

Schnell die Pfropfen 'raus! Es geht an Zwölfe.

Keine Hoffnung fälscht uns den Genuß,

daß uns Gott im neuen Jahre helfe.

Mit der Flasche machen wir Beschluß:

Rausch macht weiser, besser, innerlicher -

Alles andre aber ist nicht sicher.

 

Ferdinand du Puigaudeau, Fireworks over the Port
Ferdinand du Puigaudeau (1864-1930) war ein französischer Maler.
 

Dr. Owlglaß 1873-1945

Silvester

 

Nun fällt die Klappe wieder zu.

Kriegt auch die arme Seele Ruh?

I Gott bewahre — alle Leute

sind äußerst neu’rungssüchtig heute:

 

«Erwirb dir, was du noch nicht hast,

und repariere, was nicht passt!

Vom Kopf bis zu den Stiefelsohlen

lass dich, o Adam, »überholen’!»

 

— Von Herzen gern und danke sehr.

Jedoch gesetzt den Fall, man wär’

längst überholt schon, alte Mode,

ein ausrangierter Don Quijote?

 

Was dann? ... Ist hier etwa der Satz

der ewigen Wiederkehr am Platz?

Tut’s not, sich in Geduld zu fassen

und, statt zu spielen, bloß zu passen?

 

Gaston La Touche, Dinner at the Casino, Dayton Art Institute
Gaston La Touche oder de La Touche (1854-1913) war ein französischer Maler, Illustrator, Graveur und Bildhauer.
 

Victor Blüthgen 1844-1920

Am Jahresschluß

 

Bald schließt der zwölfte Glockenschlag

Die letzte Jahresstunde,

Jetzt schlafe, was da schlafen mag,

Wir stehn in froher Runde,

      Es klopft das Herz, es dampft das Glas,

      Bei kräft’gem Wörtlein leert sich’s baß –

Verbrennt Euch nicht die Lippen

Mit Nippen!

 

Stoßt an! Wem gilt der erste Schluck?

Dem Frieden, der uns segnet.

Dem Kriegsgelüst mit festem Druck

Ward noch ein Jahr begegnet!

      Schwing fürder deinen Palmenzweig,

      Und aus der Heimathscholle steig’

Dem Fleiß ein neuer Segen

Entgegen!

 

Stoßt an! Mein Spruch zum zweiten spricht:

Ein voller Schluck der Treue,

Die Liebe, Freundschaft, Recht und Pflicht

Gewahrt mit frommer Scheue.

      In allem Glück die Sicherheit.

      Der beste Stab in Noth und Leid!

Bleib’ er im Weiterwallen

Uns allen!

 

Stoßt an! Wem gilt der dritte Gruß?

Dem tapfern Muth im Streben,

Der wehrhaft und mit festem Fuß

Hinschreitet durch das Leben.

      Ihn lähmt nicht Sorg’ noch Widerdrang,

      Er findet Weg für jeden Gang –

Will ihm das Heut nicht borgen,

Zahlt’s Morgen.

 

Stoßt an! Und wem der vierte Schluck?

Der Hoffnung frohgemuthet,

Die wie ihr immergrüner Schmuck!

Mit keinem Tod verblutet.

      Zerrinnt die Gegenwart zu Schaum,

      Sie rettet uns den schönen Traum

Und winkt uns traut im Stillen

Erfüllen.

 

Und wenn uns bleiben diese Vier,

Mich dünkt, wir können’s wagen,

Daß heiter unsre Bürde wir

Zwölf Monde weiter tragen.

      Zum guten Schluß die Gläser klar –

      Es schlägt – fahr wohl, du altes Jahr!

Behüt uns Gott mit Treuen

Im neuen!

 

Kobayashi Kiyochik, View of Fireworks at Ryohgoku, Tokyo
Kobayashi Kiyochika (1847-1915) war ein japanischer Holzschnitt-Künstler der Meiji-Zeit.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Silvester

 

Zwischen zweier Jahre Sarg und Windel

Wiederholt sich immer solch historischer Schwindel,

Der zumal Kalenderfabrikanten

Und viele alte antitot gesinnte Tanten

Hochbeglückt.

 

Und auch mich.

Prosit Neujahr, Brüder!

Ich bin heute lüderlich.

Ja, ich brülle und betrinke mich.

Mich schlägt keine Uhr.

Und ich wünsche jedem Menschen nur:

Daß von dem, was er mit losem Munde

Heute erfleht,

möglichst wenig in Erfüllung geht.

Weil die Welt mir doch zu jeder Stunde

So am richtigsten erscheint, wie sie besteht.

 

 

Matthäus Merian der Ältere, Feuerwerk im Stuttgarter Lustgarten, 17. März 1616
Matthäus Merian der Ältere (1593-1650) war ein schweizerisch-deutscher Kupferstecher und Verleger aus der vornehmen Basler Familie Merian.
 

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Der Glückwunsch

 

Ein Glückwunsch ging ins neue Jahr,

Ins Heute aus dem Gestern.

Man hörte ihn sylvestern.

Er war sich aber selbst nicht klar,

Wie eigentlich sein Hergang war

Und ob ihn die Vergangenheit

Bewegte oder neue Zeit.

Doch brachte er sich dar, und zwar

Undeutlich und verlegen.

 

Weil man ihn nicht so ganz verstand,

So drückte man sich froh die Hand

Und nahm ihn gern entgegen.

 

 

James Abbott McNeill Whistler, Nocturne in Black and Gold, The falling rocket
James Abbott McNeill Whistler (1834-1903) war ein US-amerikanischer Maler.

Maria Luise Weissmann 1899-1929

Jahres-Ende

 

Du greises Jahr: du eilst, dem Ziele zu

Rascher und rascher, sehnst dich nach der Ruh

In einem tiefen grenzenlosen Tod.

Doch sieh: ich eile schneller, nach dem Rot

Des neuen Morgens gierig, dir voraus.

O komm! Hinübergeh! Lösch aus, lösch aus!

Gezeichnetes, Beladenes, befleckt

Mit großer Müdigkeit, mit Schmerz bedeckt –

Vergeh – ich werde! Stirb – und ich vermag

Aufzuerstehn: o neuer, reinster Tag!

 

 

 

Léon Cogniet, Feu d'artifice au Chateau Saint Ange à Rome, um 1820, Orléans, Musée des Beaux Arts
Léon Cogniet (1794-1880) war ein französischer Maler des Neoklassizismus und der Romantik.

Ludwig Thoma als Peter Schlemihl 1867-1921

Silvesternacht

 

Und nun, wenn alle Uhren schlagen,

So haben wir uns was zu sagen,

Was feierlich und hoffnungsvoll

Die ernste Stunde weihen soll.

 

Zuerst ein Prosit in der Runde!

Ein helles, und aus frohem Munde!

Ward nicht erreicht ein jedes Ziel,

Wir leben doch, und das ist viel.

 

Noch einen Blick dem alten Jahre,

Dann legt es auf die Totenbahre!

Ein neues grünt im vollen Saft!

Ihm gelte unsre ganze Kraft!

 

Wir fragen nicht: Was wird es bringen?

Viel lieber wollen wir es zwingen,

Daß es mit uns nach vorne treibt,

Nicht rückwärts geht, nicht stehen bleibt.

 

Nicht schwächlich, was sie bringt, zu tragen,

Die Zeit zu lenken, laßt uns wagen!

Dann hat es weiter nicht Gefahr.

In diesem Sinne: Prost Neujahr!

 

Ippolito Caffi, La Girandola, Rome
Ippolito Caffi (1809-1866) war ein italienischer Maler.

Ludwig Thoma 1867-1921

Neujahr bei Pastors

 

Mama schöpft aus dem Punschgefäße,

Der Vater lüftet das Gesäße

Und spricht: »Jetzt sind es vier Minuten

Nur mehr bis zwölfe, meine Guten.

 

Ich weiß, daß ihr mit mir empfindet,

Wie dieses alte Jahr entschwindet,

Und daß ihr Gott in seinen Werken

– Mama, den Punsch noch was verstärken! –

 

Und daß ihr Gott von Herzen danket,

Auch in der Liebe nimmer wanket,

Weil alles, was uns widerfahren

– Mama, nicht mit dem Arrak sparen! –

 

Weil, was geschah, und was geschehen,

Ob wir es freilich nicht verstehen,

Doch weise war, durch seine Gnade

– Mama, er schmeckt noch immer fade! –

 

In diesem Sinne meine Guten,

Es sind jetzt bloß mehr zwei Minuten,

In diesem gläubig frommen Sinne

– Gieß noch mal Rum in die Terrine! –

 

Wir bitten Gott, daß er uns helfe

Auch ferner – Wie? Es schlägt schon zwölfe?

Dann prosit! Prost an allen Tischen!

– Ich will den Punsch mal selber mischen.«

 

Jakob Philipp Hackert, Feuerwerk auf der Engelsburg in Rom, 1775
Jakob Philipp Hackert, eigentlich Philipp Hackert (1737-1807) war ein deutscher Landschaftsmaler des Klassizismus.

Wilhelm Busch 1832-1908

Zum Neujahr

 

Bald, so wird es zwölfe schlagen.

Prost Neujahr! wird mancher sagen;

Aber mancher ohne Rrren!

Denn es gibt vergnügte Herren.

Auch ich selbst, auf meinen Wunsch,

Mache mir ein wenig Punsch. -

 

Wie ich nun allhier so sitze

Bei des Ofens milder Hitze,

Angetan den Rock der Ruhe

Und die schönverzierten Schuhe,

Und entlocke meiner Pfeife

Langgedehnte Wolkenstreife,

Da spricht mancher wohl entschieden:

Dieser Mensch ist recht zufrieden!

Leider muss ich, dementgegen,

Schüttelnd meinen Kopf bewegen. -

Schweigend lüfte ich das Glas.

(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -

 

Sonsten wie erfreulich war es,

Wenn man so am Schluss des Jahres

Oder in des Jahres Mitten

Zum bewussten Schrein geschritten

Und in süßem Traum verloren,

Emsig den Kupon geschoren!

Aber itzo auf die Schere

Sickert eine Trauerzähre,

Währenddem der Unterkiefer

Tiefer sinkt und immer tiefer. -

Traurig leere ich das Glas

(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -

 

Henriette, dieser Name

Füllt mich auch mit tiefem Grame:

Die ich einst in leichten Stoffen

Herzbeklemmend angetroffen

Nachts auf dem Kasinoballe,

Sie, die später auf dem Walle

Beim Ziewiet der Philomele

Meine unruhvolle Seele

Hoch beglückt und tief beseligt,

Sie ist anderweit verehlicht,

Ist im Standesamtsregister

Aufnotieret als Frau Pfister,

Und es wird davon gesprochen,

Nächstens käme sie in Wochen. -

Grollend lüfte ich das Glas.

(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -

 

Ganz besonders und vorzüglich

Macht es mich so mißvergnüglich,

Dass es mal nicht zu vermeiden,

Von hienieden abzuscheiden,

Dass die Denkungskraft entschwindet,

Dass man sich so tot befindet,

Und es sprechen dann die Braven:

Siehe da, er ist entschiafen.

Und sie ziehn gelind und lose

Aus der Weste oder Hose

Den geheimen Bund der Schlüssel,

Und man rührt sich auch kein bissel,

Sondern ist, obschon vorhanden,

Friedlich lächelnd einverstanden. -

Schaudernd leere ich das Glas.

(Ach, wie schön bekömmt mir das!) -

 

Wo wird dann die Seele weilen?

Muss sie sich in Duft zerteilen?

Oder wird das alte Streben,

Hübsche Dinge zu erleben,

Sich in neue Form ergießen,

Um zu lieben, zu genießen,

Oder in Behindrungsfällen

Sehr zu knurren und zu bellen?

Kann man, frag' ich angstbeklommen,

Da denn gar nicht hinterkommen?

Kommt, o kommt herbeigezogen,

Ihr verehrten Theologen,

Die ihr längst die ew'ge Sonne

Treu verspundet in der Tonne.

Überschüttet mich mit Klarheit! -

Doch vor allem hoff' ich Wahrheit

Von dem hohen Philosophen;

Denn nur er, beim warmen Ofen,

Als der Pfiffigste von allen,

Fängt das Licht in Mäusefallen. -

Prost Neujahr! Und noch ein Glas!

(Ei, wie schön bekömmt mir das!) -

 

Uh, mir wird so wohl und helle!

Himmel, Sterne, Meereswelle,

Weiße Möwen, goldne Schiffe;

Selig schwanken die Be-jiffe,

Und ich tauche in das Bette

Mit dem Seufzer: Hen-i-jette!

 

Der Feuerwerksplatz im Wiener Prater, c.1825

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Neujahrslied

 

So singen wir, so trinken wir

Uns froh hinein ins neue Jahr.

Wir lassen drüben Gram und Leid,

Und nehmen mit die Fröhlichkeit

Ins neue Jahr.

 

So singen wir, so trinken wir

Uns froh hinein ins neue Jahr.

Die Freundschaft geht von selber mit,

Begleitet treu uns Schritt für Schritt

Ins neue Jahr.

 

So singen wir, so trinken wir

Uns froh hinein ins neue Jahr.

Die Hoffnung wartet unser dort,

Sie sprach: »Kommt mit! ich ziehe fort

Ins neue Jahr.«

 

So singen wir, so trinken wir

Uns froh hinein ins neue Jahr.

Drum, wer's nicht froh beginnen kann,

Der fang es lieber gar nicht an,

Das neue Jahr!

 

Claude Déruet, Le Feu, 1637-1642, Orléans
Claude Deruet (ca. 1588-1660) war ein lothringischer Maler des Barocks.

Johann Peter Hebel 1760-1826

Neujahrslied

 

Mit der Freude zieht der Schmerz

Traulich durch die Zeiten.

Schwere Stürme, milde Weste,

Bange Sorgen, frohe Feste

Wandeln sich zur Seiten.

 

Und wo eine Träne fällt,

Blüht auch eine Rose.

Schon gemischt, noch eh’ wir’s bitten,

Ist für Throne und für Hütten

Schmerz und Lust im Lose.

 

War’s nicht so im alten Jahr?

Wird’s im neuen enden?

Sonnen wallen auf und nieder,

Wolken geh’n und kommen wieder

Und kein Mensch wird’s wenden.

 

Gebe denn, der über uns

Wägt mit rechter Waage,

Jedem Sinn für seine Freuden,

Jedem Mut für seine Leiden

In die neuen Tage.

 

Jedem auf dem Lebenspfad

Einen Freund zur Seite,

Ein zufriedenes Gemüte

Und zu stiller Herzensgüte

Hoffnung ins Geleite.

 

Isaak Leizerov, Siegesgruß
Isaak Leizerov (1902-1966) war ein russischer Maler.

Wilhelm Busch 1832-1908

Prosit Neujahr!

 

Das alte Jahr gar schnell entwich,

es konnt sich kaum gedulden

und ließ mit Freuden hinter sich

den dicken Sack voll Schulden.

 

Wenzel Hollar, Fireworks in Hemissem, New York, MET
Wenzel Hollar (1607-1677), auch Wenceslaus oder Václav Hollar, war ein böhmischer Zeichner und Kupferstecher, der den größten Teil seines Lebens in England verbrachte.

Heinrich Daniel Zschokke 1771-1848

Neujahrswünsche

 

Jeder wünscht sich langes Leben,

seine Kisten voller Geld,

Wiesen, Wälder, Äcker, Reben -

Klugheit, Schönheit, Ruhm der Welt,

doch wenn alles würde wahr

was man wünscht zum neuen Jahr,

dann erst wär es um die Welt,

glaubt es, jämmerlich bestellt.

 

Lebten alle tausend Jahre,

was gewönnen wir dabei?

Kahle Köpfe, graue Haare

und das ew'ge Einerlei!

Im erschrecklichen Gedränge

ungeheurer Menschenmenge

würden Stadt und Dorf zu enge,

und die ganze Welt zu klein.

Niemand könnte etwas erben,

denn es würde keiner sterben;

und wer möchte Doktor sein?

 

Wäre jedermann so reich,

als wohl jeder wünscht zu werden:

Nun, dann würden wir auf Erden

uns, in Sorgen, alle gleich.

Da niemand des andern Bürde

künftig auf sich laden würde,

müßte jeglicher allein

sein höchsteigner Diener sein;

selber seine Strümpfe stricken,

möcht' er nicht gern barfuß gehn;

selber Rock und Hosen flicken

möcht' er nicht wie Adam stehen;

müßte kochen, braten, backen,

liebte er gesunde Kost.

Wäre er kein Freund vom Frost,

müßt' er selber Holz sich hacken.

 

Ständen alle ohne Mängel

wir hienieden schon, als Engel,

o wie wär' es böse Zeit

für die liebe Geistlichkeit!

Wer denn könnte Pfarrer werden

in dem Himmel hier auf Erden,

wenn der Laie besser wäre

als die Predigt, die er hört?

Nur wo nötig ist die Lehre

-und sonst nirgends- hat sie Wert.

Advokaten gingen müßig;

Richter wären überflüßig;

und Dragoner und Husaren

wären überflüß'ge Waren.

Ach, in diesem Weltgetümmel

wüchse wieder neue Not,

denn es brächte unser Himmel

manchen braven Mann ums Brot.

 

Wären alle Mädchen schön,

und von außen und von innen

und vom Wirbel bis zum Zehn

zauberische Huldgöttinnen:

zu alltäglich, zu gemein

würden schöne Mädchen sein;

niemand würde auf sie blicken. -

Wäre alles Diamant,

was jetzt Kiesel ist und Sand,

niemand möchte sich drum bücken.

 

Jeder wünscht zum neuen Jahr.

Aber würde alles wahr,

dann erst wär' es um die Welt,

glaubt es, jämmerlich bestellt!

Wollet Ihr die Welt verbessern,

(bloße Wünsche tun es nie,

Spiele sind's der Phantasie!)

wollet ihr die Welt verbessern,

fange jeder an bei sich,

denn der Mittelpunkt der größern

Welt ist jeglichem sein Ich.

Dieses Ich wirft seine Strahlen,

einer innern Sonne gleich,

durch des Lebens weites Reich.

Wie es selber ist, so malen

sich die Dinge klein und groß,

prächtig oder farbenlos!

 

Konstantin Gorbatov, Fireworks in Venice
Konstantin Iwanowitsch Gorbatov (1876-1945) war ein russischer Vertreter des Post-Impressionismus und Professor der Petersburger Kunstakademie.

Friedrich von Logau 1605-1655

Zum Jahreswechsel

 

Ernst war das Jahr, das nun geendet,

ernst ist das Jahr, das nun beginnt.

Daß sich die Welt zum beß'ren wendet

sei, Mensch, zum Besseren gesinnt.

Bedenk: das Schicksal aller Welt

ist mit in deine Macht gestellt,

und auch das Kleinste in der Zeit

ist Bild und Keim der Ewigkeit.

 

Emil Orlik, Nächtliches Heidelberg mit Feuerwerk 1929
Emil Orlik (1870-1932) war ein böhmischer Maler, Grafiker, Fotograf, Medailleur und Kunsthandwerker.

Clara Müller-Jahnke 1860-1905

Jahrwende

 

Am altersgrauen Baum der Zeit

ist eine Blume abgeblüht,

und eine Knospe tut sich auf.

 

Die Menschheit seufzt in gleicher Fron;

von ihrer müden Stirne fällt

der Schweiß in Tropfen erdenwärts.

 

Ihr Glaube aber träumt im Licht:

vor ihren Sehnsuchtsblicken schwimmt

das Morgenrot des neuen Tags.

 

Wie auch die Kette klirrt und drückt,

der Zukunft Sturm zerbricht sie doch, –

und jedes Jahr löst einen Ring.

 

Und jede Knospe, die erblüht

am altersgrauen Baum der Zeit,

birgt einen Keim der künftigen Frucht.

 

So grüß ich dich, du neues Jahr;

du junge Knospe tu dich auf,

und blüh' in lichtem Rosenrot!

 

Des Friedens milder Maienwind

umspiele deinen vollen Schoß,

der Liebe Geist befruchte dich!

 

Und deine Düfte gieße aus, –

mit Blütenblättern kränze du

der Menschheit tiefgefurchte Stirn.

 

In des Jahrhunderts Niedergang

sei du ein lichter Zukunftstraum,

sei du ein Gruß der neuen Zeit!

 

Royal Fireworks

Joachim Ringelnatz 1883-1934

In der Neujahrsnacht

 

Die Kirchturmglocke schlägt zwölfmal Bumm.

Das alte Jahr ist wieder ’mal um.

Die Menschen können sich in den Gassen

Vor lauter Übermut gar nicht mehr fassen.

Sie singen und springen umher wie die Flöhe

Und werfen Mützen in die Höhe.

 

Der Schornsteinfegergeselle Schwerzlich

Küsst Herrn Conditor Krause herzlich.

Der alte Gendarm brummt heute sogar

Ein freundliches: Prosit zum neuen Jahr.

 

Giovanni Signorini, Fireworks over the River Arno
Giovanni Signorini (1810-1862) war ein italienischer Maler.

Theodor Fontane 1819-1898

Und wieder hier draußen ein neues Jahr ...

 

Und wieder hier draußen ein neues Jahr -

Was werden die Tage bringen?!

Wird’s werden, wie es immer war,

Halb scheitern, halb gelingen?

 

Wird’s fördern das, worauf ich gebaut,

Oder vollends es verderben?

Gleichviel, was es im Kessel braut,

Nur wünsch’ ich nicht zu sterben.

 

Ich möchte noch wieder im Vaterland

Die Gläser klingen lassen,

Und wieder noch des Freundes Hand

Im Einverständnis fassen.

 

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun

Und atmen eine Weile,

Denn um im Grabe auszuruhn,

Hat’s nimmer Not noch Eile.

 

Ich möchte leben, bis all dies Glühn

Rücklässt einen leuchtenden Funken

Und nicht vergeht wie die Flamm’ im Kamin,

Die eben zu Asche gesunken.

 

Matthäus Merian der Ältere, Schwedisches Feuerwerk Anno Nurnberg 1624
Matthäus Merian der Ältere (1593-1650) war ein schweizerisch-deutscher Kupferstecher und Verleger aus der vornehmen Basler Familie Merian.

Gottfried Keller 1819-1890

So werd ich manchmal irre an der Stunde

 

So werd ich manchmal irre an der Stunde,

An Tag und Jahr, ach, an der ganzen Zeit!

Sie gärt, sie tost, doch mitten auf dem Grunde

Ist es so still, so kalt und zugeschneit!

 

Habt ihr euch auf ein neues Jahr gefreut,

Die Zukunft preisend mit beredtem Munde?

Es rollt heran und schleudert weit, o weit!

Zurück euch, ihr versinkt im alten Schlunde!

 

O hätt den Hammer ich des starken Thor,

Auf das Jahrhundert einen Schlag zu führen,

Ich schlüg sein morsches Zeigerblatt zu Trümmern!

 

Tritt denn kein Uhrenmacher kühn hervor,

Die irre Zeit mit Macht zu regulieren?

Soll sie denn ganz in Staub und Rost verkümmern?

 

Utagawa Toyoharu, Shinpan uki-e - Tōto Ryōgokubashi hanka no zu
Utagawa Toyoharu (1735-1814) war ein japanischer Künstler.
 

Richard von Schaukal 1874-1942

Das neue Jahr

 

Ein Kinderlied

 

Das alte Jahr hat über Nacht

in aller Stille sich fortgemacht.

 

Das neue ist noch ein kleines Kind:

es weiß noch gar nicht, wer wir sind.

 

Und ist doch unser Herr von heut,

hat Macht über soviel tausend Leut’.

 

So wollen wir denn, ohne umzuschaun,

ihm all unsre Sachen anvertraun.

 

Es stammt aus einem großen Haus:

es kennt sich ganz gewiss bald aus.

 

Franz Richard Unterberger, Santa-Lucia-Fest in Amalfi
Franz Richard Unterberger (1837-1902) war ein Tiroler Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts.

Johann Peter Hebel 1760-1826

Neujahrswunsch des Wochenblattträgers für 1812

 

Als wenns nie da gewesen wär,

Ist wieder eins hinunter,

Begraben in das tiefe Meer,

Bei Fusel und Burgunder.

 

Bei Saitenspiel, Pistolenschuß

Und krachenden Petarden,

Bei Händedruck und Liebes-Kuß

In Sälen und Mansarten.

 

S’hats wohl verdient das gute Jahr

Für viele schöne Gaben,

Daß wir an seiner Todten-Bahr

Valet getrunken haben.

 

Was will ich lange Seiten voll

Sie alle recitiren,

Ich hoff, das liebe neue soll

Sie selber repetiren.

 

Mit Blüthen war der März geschmückt,

Mit Blüthen der Oktober,

Manch Kindlein in der Wiege liegt,

Mit Bäcklein wie Zinnober.

 

Vor allem ist der liebe Wein

Nach Herzenswunsch gerathen,

Und mancher schmollt im Kämmerlein,

Und zählet die Dukaten.

 

An unser einen kommt es spät,

Auch etwas zu erhaschen,

Und wenn man auf der Gasse geht,

Zu klimpern in den Taschen.

 

Doch was mir werden soll, das war

In guter Hand indessen,

Ich weiß, das gabenreiche Jahr

Hat mich nicht ganz vergessen.

 

Fritz Stoltenberg, Kiel Hafen Feuerwerk
Fritz Stoltenberg (1855-1921), vollständiger Name: Friedrich Martin Andreas Stoltenberg, war ein Landschafts- und Marinemaler aus Schleswig-Holstein.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Neujahrslied

 

Das alte Jahr vergangen ist,

Das neue Jahr beginnt.

Wir danken Gott zu dieser Frist,

Wohl uns, dass wir noch sind!

Wir sehn aufs alte Jahr zurück

Und haben neuen Mut:

Ein neues Jahr, ein neues Glück!

Die Zeit ist immer gut.

 

Ja, keine Zeit war jemals schlecht:

In jeder lebet fort

Gefühl für Wahrheit, Ehr’ und Recht

Und für ein freies Wort.

Hinweg mit allem Weh und Ach!

Hinweg mit allem Leid!

Wir selbst sind Glück und Ungemach,

Wir selber sind die Zeit.

 

Und machen wir uns froh und gut,

Ist froh und gut die Zeit

Und gibt uns Kraft und frohen Mut

Bei jedem neuen Leid.

Und was einmal die Zeit gebracht,

Das nimmt sie wieder hin -

Drum haben wir bei Tag und Nacht

Auch immer frohen Sinn.

 

Und weil die Zeit nur vorwärts will,

So schreiten vorwärts wir;

Die Zeit gebeut, nie stehn wir still,

Wir schreiten fort mit ihr.

Ein neues Jahr, ein neues Glück!

Wir ziehen froh hinein,

Denn vorwärts! vorwärts! nie zurück!

Soll unsre Losung sein.

 

 

Anonym,

Vuurwerk,

1929,

Postkarte

Richard von Schaukal 1874-1942

Neues Jahr

 

Wieder ein Ring am Baum,

der seine Wurzeln in Traum

taucht und Tiefe der Nacht.

 

Wieder ein Zeichen der Zeit,

die durch die Ewigkeit

tastende Menschen erdacht.

 

Wieder um Weh und Wahn

kreisend gemessene Bahn,

bis wir am Ziel erwacht.

 

Andrei Ryabushkin, New Year Celebrations
Andrei Petrowitsch Ryabuschkin (1861-1904) war ein russischer Maler.

Karl Henckell 1864-1929

Mein Neujahrswunsch

 

Was ich erwünsche vom neuen Jahre?

Dass ich die Wurzel der Kraft mir wahre,

Festzustehen im Grund der Erden,

Nicht zu lockern und morsch zu werden,

Mit den frisch ergrünenden Blättern

 

Wieder zu trotzen Wind und Wettern,

Mag es ächzen und mag es krachen,

Stark zu rauschen, ruhig zu lachen,

So in Regen wie Sonnenschein

Freunden ein Baum des Lebens zu sein.

 

 

New Year's Day in Old New York, from the Christmas Number of 'The Graphic', NY MET

Wilhelm Busch 1832-1908

Zu Neujahr

 

Will das Glück nach seinem Sinn

Dir was Gutes schenken,

Sage Dank und nimm es hin

Ohne viel Bedenken.

 

Jede Gabe sei begrüßt,

Doch vor allen Dingen:

Das, worum du dich bemühst,

Möge dir gelingen.

 

 

Franz Marc, Neujahrskarte
Franz Moritz Wilhelm Marc (1880-1916) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker.

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz 1654-1699

Das Neue Jahr

 

Sonnet

 

So bleibt auf ewig nun das alte Jahr zurücke:

Wie theilt der Sonnen Lauff so schnell die Zeiten ab!

Wie schleppet uns so bald das Alter in das Grab!

Das heißt wol schlecht gelebt die kurtzen Augenblicke,

 

In welchen viel Verdruß, vermischt mit schlechtem Glücke,

Und lauter Unbestand sich zu erkennen gab!

Das heißt wol schlecht gewohnt, wenn uns der Wander-Stab

Nie aus den Händen kömmt; Wenn wir durch List und Stricke

 

Hinstraucheln in der Nacht, da wenig Licht zu sehn,

Und Licht, dem allemahl nicht sicher nachzugehn!

Denn, so der Höchste nicht ein eignes Licht will weisen,

 

Das, wenn wir uns verwirrt, uns Sinn und Auge rührt,

Ist alles Licht ein Licht, das zur Verdamniß führt!

O gar zu kurtze Zeit! O gar zu schweres Reisen!

 

 

Rudolf Schiestl, Ein gut neu Jahr
Rudolf Schiestl (1878-1931) war ein deutscher Maler, Radierer, Grafiker und Glasmaler.

Rudolf Schiestl, Fröhlich Neujahr

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Neujahrspredigt

 

Laßt uns, Freunde, ins neue Jahr

Eingehn wie in ein schönes, gesichertes Haus,

In dem die Liebe und der Friede wohnt

Und Schönheit überall heimisch ist.

 

Und laßt uns, Freunde, heiter gelassenen Sinns,

Mit keinem Haß belastet, ohne Neid,

Heil, liebe Freunde, im starken Herzen, laßt uns

In dieses neue Haus einziehn, und lachend.

 

Wir sind wohl keiner wundenlos, unversehrt,

Und jeder spürte, daß Niederträchtigkeit

Sehnenkräftige Bogen und giftige Pfeile hat,

Und daß der Dummheit Kartaunen nicht bloß brüllen,

Sondern auch vieles zerstören können, das

Mit Mühe und Kunst errichtet ward, – und, ach,

Des Schlimmsten wurden wir uns wohl auch bewußt,

Daß Schwachheit unser Teil ist und irgendwo

Jeder, wie fest er gefügt sich dünke,

Locker und undicht ist im Baue.

 

Das aber, Freunde, fechte uns nicht an!

Wir wollen tapfer sein und, gilts Gefecht,

Mit Lachen in den Feind gehn, da wir ja

Als Edle kämpfen und dem Troß voran

Als Wissende: Es ist die Kraft in uns,

Allein zu stehn, gemeiner Art entrückt.

Wenn aber Dumpfheit alles niederschlägt

Und Kampf nicht lohnt und Widerwillen uns

Erfassen will, so wollen wir, Freunde, nicht

Mit Trübsal abziehn, sondern heiter

Das Schwert der Scheide schenken und mit Gesang

Den Schritt wegwenden in die Einsamkeit.

Dies, liebe Freunde, ist nach meinem Sinn,

Vielleicht das Beste, das das Jahr bescheren mag:

Verborgenheit und Ruhe in uns selbst.

 

Wohl dem, der dies erfährt, doch selig der

(Wie selig, weiß ich, der es nun erfuhr)

Der nicht allein in dieses schöne Haus

Gelassener Beschaulichkeit zu gehen braucht.

In Einsamkeit vereint, das ist mein Spruch,

Und dies mein Wunsch, daß jeder, der es wert,

Voll aus, bis auf den Grund ausfühlen möge, welch ein Glück

Dies Wort umschließt: In Einsamkeit vereint.

 

 

Arnold Nechansky, Viel Glück zum neuen Jahr, NY MET
Arnold Nechansky (1888-1938) war ein österreichischer Kunstgewerbler des Jugendstils.
 

Arnold Nechansky, New Year's Card, NY MET

 

Arnold Nechansky,

Prosit Neujahr, NY MET

Neujahrswünsche

 

Das neue Jahr sei ein Jahr des Lichtes,

der Liebe und des Schaffens.

Bringe den Menschen die Krone des Lebens

und lasse die Kronen dieses Lebens menschlich sein.

Setze dem Überfluß Grenzen

und lasse die Grenzen überflüssig werden.

Gib allem Glauben seine Freiheit

und mache die Freiheit zum Glauben aller.

Nimm den Ehefrauen das letzte Wort

und erinnere die Ehemänner dagegen an ihr erstes.

Lasse die Leute kein falsches Geld machen

aber auch das Geld keine falschen Leute.

Gib den Regierungen ein besseres Deutsch

und den Deutschen bessere Regierungen.

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit

und der Wahrheit mehr Freunde.

Gib den Gutgesinnten

eine gute Gesinnung;

lasse die Wissenschaft

Wissen schaffen.

Und lasse die, die rechtschaffen sind,

auch Recht schaffen,

Lasse uns nicht vergessen,

daß wir alle von Gottes Gnaden sind

und daß alle allerhöchsten Menschen Demokraten waren.

Gib unserem Verstand Herz

und unserem Herzen Verstand,

auf daß unsere Seele schon hier selig wird.

Sorge dafür, daß wir alle in den Himmel

kommen - aber noch lange nicht!

 

Wünsche eines unbekannten Dorfpfarrers in Mecklenburg,

die er in seiner Neujahrspredigt am 1. Januar 1864 äußerte

 

 

Vier Neujahrskarten von Mela Köhler

Melanie Leopoldina (Mela) Köhler (auch: Koehler, 1885-1960), verh. Broman war eine Malerin, Grafikerin, Illustratorin, Aquarellistin und war eine Mitarbeiterin der Wiener Werkstätte.
 

Jenny Nyström, Gott nytt år - Frohes neues Jahr
Jenny Nyström-Stoopendaal (1854–1946) war eine schwedische Malerin und Grafikerin.

 

 

 

 

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Das gefährlichste

Möbelstück ist die

›Lange Bank‹,
das gefährlichste

Instrument die

›Alte Leier‹.
Abraham a Sancta Clara

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes
ist die Rücksicht;
doch zuzeiten
sind erfrischend

wie Gewitter
goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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