BuchKult
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Erich Kästner 1899-1974

Dezember

 

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.

Ist gar nicht sehr gesund.

Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.

Kennt gar die letzte Stund.

 

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.

Ruht beides unterm Schnee.

Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.

Und Wehmut tut halt weh.

 

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.

Nichts bleibt. Und nichts vergeht.

Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.

Nützt nichts, dass man’s versteht.

 

Und wieder stapft der Nikolaus

durch jeden Kindertraum.

Und wieder blüht in jedem Haus

der goldengrüne Baum.

 

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,

wie hold Christbäume blühn.

Hast nun den Weihnachtsmann gespielt

und glaubst nicht mehr an ihn.

 

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.

Dann dröhnt das Erz und spricht:

„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,

und du kennst deinen nicht.“

 

 

Breviarium Grimani Dezember
Breviarium Grimani, Stundenbuch des Domenico Grimani. Das berühmte Breviarium Grimani mit über 1600 durchgehend illuminierten Seiten gilt als eines der schönsten Zeugnisse der flämischen Buchmalerei des frühen 16. Jahrhunderts. Um 1510-1520 in Brügge und Gent entstanden, waren zahlreiche berühmte Miniaturisten an seiner Entstehung beteiligt, darunter Gerard David, Simon Bening und Gerard Horenbout.

 

Gaspar Camps i Junyent, Diciembre
Gaspar Camps i Junyent (1874-1942) war ein spanischer Maler, Illustrator und Plakatkünstler des Jugendstils und der Art Déco.
 

Franz Grillparzer 1791-1872

Dezemberlied

 

Harter Winter, streng und rauch,

Winter, sei willkommen!

Nimmst du viel, so gibst du auch,

Das heißt nichts genommen!

 

Zwar am Äußern übst du Raub,

Zier scheint dir geringe,

Eis dein Schmuck, und fallend Laub

Deine Schmetterlinge,

 

Rabe deine Nachtigall,

Schnee dein Blütenstäuben,

Deine Blumen, traurig all

Auf gefrornen Scheiben.

 

Doch der Raub der Formenwelt

Kleidet das Gemüte,

Wenn die äußere zerfällt,

Treibt das Innere Blüte.

 

Die Gedanken, die der Mai

Locket in die Weite,

Flattern heimwärts kältescheu

Zu der Feuerseite.

 

Sammlung, jene Götterbraut,

Mutter alles Großen,

Steigt herab auf deinen Laut,

Segenübergossen.

 

Und der Busen fühlt ihr Wehn,

Hebt sich ihr entgegen,

Lässt in Keim und Knospen sehn,

Was sonst wüst gelegen.

 

Wer denn heißt dich Würger nur?

Du flichst Lebenskränze,

Und die Winter der Natur

Sind der Geister Lenze!

 

 

Très Riches Heures, Décembre
Très Riches Heures - Die Brüder von Limburg (Paul, Johan und Herman) waren niederländische Miniaturmaler. Das Stundenbuch des Herzogs von Berry (französisch Les Très Riches Heures du Duc de Berry bzw. kurz Très Riches Heures) ist das berühmteste illustrierte Manuskript des 15. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein ausgesprochen reichhaltig verziertes Stundenbuch, das 208 Blätter mit 21,5 cm Breite und 30 cm Höhe enthält, von denen etwa die Hälfte ganzseitig bebildert sind.
 

 

Eugène Samuel Grasset, Decembre
Eugène Samuel Grasset (1845-1917) war ein schweizerisch-französischer Bildhauer, Maler und Illustrator der Belle Époque und Wegbereiter des Jugendstils.

Georg Heym 1887-1912

Mitte des Winters

 

Das Jahr geht zornig aus. Und kleine Tage

Sind viel verstreut wie Hütten in den Winter.

Und Nächte ohne Leuchten, ohne Stunden,

Und grauer Morgen ungewisser Bilder.

 

Sommerzeit, Herbstzeit, alles geht vorüber,

Und brauner Tod hat jede Frucht ergriffen.

Und andre kalte Sterne sind im Dunkel,

Die wir zuvor nicht sahn vom Dach der Schiffe.

 

Weglos ist jedes Leben. Und verworren

Ein jeder Pfad. Und keiner weiß das Ende,

Und wer da suchet, daß er Einen fände,

Der sieht ihn stumm und schüttelnd leere Hände.

 

Paul Cornoyer, December Gloucester
Paul Cornoyer (1864-1923) war ein amerikanischer Maler.

Pieter Bruegel der Jüngere, Winterlandschaft, 1758
Pieter Bruegel der Jüngere (1564-1638), genannt de Helse Brueghel oder Höllenbrueghel, war ein brabantischer Genremaler.

Heinrich Hoffmann 1809-1894

Dezember

 

Er ist der letzte von zwölf Brüdern,

Des Jahres Pforte schließt er zu.

Was du gewonnen hast an Gütern

Und was verloren, zähle du!

Doch wäge strenger und besonnen,

Und schließ genaue Rechnung ab,

Was du an Weisheit hast gewonnen,

Und was an Torheit sich ergab.

 

Iwan Aiwasowski, Winter landscape
Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900) war ein russischer Maler der Romantik armenischer Abstammung.
 

 

Jan Mankes, Row of Trees
Jan Mankes (1889-1920) war ein niederländischer Maler und Zeichner.
 

Karl Röttger 1877-1942

Des Wunders lächelnd staunend, das geschah ...

 

Des Wunders lächelnd staunend, das geschah,

Stand ich am Morgen leise fröstelnd, sah

Die Heide blitzend, funkelnd, übersät;

Als die Dezembersonne mild und spät

Hinter den Kiefern aufstieg ... Silberblinken,

Glitzern und Blitzen aller Nähe, Weite

Im Winterlicht ... Und bronzen ein Geläute

Vom Dorf her: – Morgenglocken; – und ein Winken

Des Horizontes blauzart; fernklar, fein:

Wie hingehaucht. Und eine Stille dann

Fing durch das Strahlende zu wandern an,

Und fand auf weißen Wegen sich allein. ... O, ganz allein.

 

Peder Mørk Mønsted, Sneklædte skovvej i sollys, 1908
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschaftsmaler.

Andreas Achenbach, Winterlandschaft
Andreas Achenbach (1815-1910) war ein deutscher Landschaftsmaler der Romantik.

Adolf Friedrich von Schack 1815-1894

Am Kamin

 

Stürme, Dezember, vor meinem Gemach,

Hänge Zapfen von Eis an das Dach;

Nichts doch weiß ich vom Froste;

Hier am wärmenden, trauten Kamin

Ist mir, als ob des Frühlings Grün

Rings um mich rankte und sprosste.

 

All das Gezweig, wie es flackert und flammt,

Plaudert vom Walde, dem es entstammt,

Redet von seligen Tagen,

Als es, durchfächelt von Sommerluft,

Knospen und Blüten voll Glanz und Duft,

Grünende Blätter getragen.

 

Fernher hallenden Waldhornklang

Glaub’ ich zu hören, Drosselgesang,

Sprudelnder Quellen Schäumen,

Tropfenden Regen durchs Laubgeäst,

Der die brütenden Vögel im Nest

Weckt aus den Mittagsträumen.

 

Stürme denn, Winter, eisig und kalt!

An den Kamin herzaubert den Wald

Mir der Flammen Geknister,

Bis ich bei Frühlingssonnenschein

Wieder im goldgrün schimmernden Hain

Lausche dem Elfengeflüster.

 

 

Arseny Meshchersky, Winter Evening in the Forest
Arseny Ivanovich Meshchersky (1834-1902) war ein russischer Landschaftsmaler.
 

Caspar David Friedrich, Winterlandschaft mit Kirche
Caspar David Friedrich (1774-1840) war ein deutscher Maler, Grafiker und Zeichner. Er gilt heute als der bedeutendste Künstler der deutschen Frühromantik.

Matthias Claudius 1740-1815

Ein Lied vom Reifen

 

Seht meine lieben Bäume an,

Wie sie so herrlich stehn,

Auf allen Zweigen angetan

Mit Reifen wunderschön!

 

Von unten an bis oben 'naus

Auf allen Zweigelein

Hängt's weiß und zierlich, zart und kraus,

Und kann nicht schöner sein;

 

Und alle Bäume rundumher

All alle weit und breit

Stehn da, geschmückt mit gleicher Ehr,

In gleicher Herrlichkeit.

 

Und sie beäugeln und besehn

Kann jeder Bauersmann,

Kann hin und her darunter gehn,

Und freuen sich daran.

 

Auch holt er Weib und Kinderlein

Vom kleinen Feuerherd,

Und marsch mit in den Wald hinein!

Und das ist wohl was wert.

 

Einfältiger Naturgenuß

Ohn Alfanz drum und dran

Ist lieblich, wie ein Liebeskuß

Von einem frommen Mann.

 

Ihr Städter habt viel schönes Ding,

Viel Schönes überall,

Kredit und Geld und golden Ring,

Und Bank und Börsensaal;

 

Doch Erle, Eiche, Weid und Ficht

Im Reifen nah und fern -

So gut wird's euch nun einmal nicht,

Ihr lieben reichen Herrn!

 

Das hat Natur, nach ihrer Art

Gar eignen Gang zu gehn,

Uns Bauersleuten aufgespart

Die anders nichts verstehn.

 

Viel schön, viel schön ist unser Wald!

Dort Nebel überall,

Hier eine weiße Baumgestalt

Im vollen Sonnenstrahl

 

Lichthell, still, edel, rein und frei,

Und über alles fein! -

O aller Menschen Seele sei

So lichthell und so rein!

 

Wir sehn das an, und denken noch

Einfältiglich dabei:

Woher der Reif, und wie er doch

Zustande kommen sei?

 

Denn gestern abend, Zweiglein rein!

Kein Reifen in der Tat! -

Muß einer doch gewesen sein

Der ihn gestreuet hat.

 

Ein Engel Gottes geht bei Nacht,

Streut heimlich hier und dort,

Und wenn der Bauersmann erwacht,

Ist er schon wieder fort.

 

Du Engel, der so gütig ist,

Wir sagen Dank und Preis.

O mach uns doch zum heil'gen Christ

Die Bäume wieder weiß!

 

Camille Pissarro, Hoarfrost at ennery, 1873
Jacob Abraham Camille Pissarro (1830-1903) war einer der bedeutendsten und produktivsten Maler des Impressionismus.

Isaak Lewitan, Boulevard in winter, 1883
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Otto Ernst 1862-1926

Wintermärchen

 

Auf dem Baum vor meinem Fenster

Saß im rauhen Winterhauch

Eine Drossel, und ich fragte:

„Warum wanderst du nicht auch?

 

Warum bleibst du, wenn die Stürme

Brausen über Flur und Feld,

Da dir winkt im fernen Süden

Eine sonnenschöne Welt?“

 

Antwort gab sie leisen Tones:

„Weil ich nicht wie andre bin,

Die mit Zeiten und Geschicken

Wechseln ihren leichten Sinn.

 

Da die wandern nach der Sonne

Ruhelos von Land zu Land,

Haben nie das stille Leuchten

In der eignen Brust gekannt.

 

Mir erglüht’s mit ew’gem Strahle

– Ob auch Nacht auf Erden zieht –,

Sing’ ich unter Flockenschauern

Einsam ein erträumtes Lied.

 

Wundersamer Trost in Schmerzen!

Doch nur jene kennen ihn,

Die in Nacht und Sturm beharren

Und vor keinem Winter fliehn.

 

Dir auch leuchtet hell das Auge;

Deine Wange zwar ist bleich;

Doch es schaut dein Blick nach innen

In das ew’ge Sonnenreich.

 

Laß uns hier gemeinsam wohnen,

Und ein Lied von Zeit zu Zeit

Singen wir von dürrem Aste

Jenem Glanz der Ewigkeit.“

 

Johan Christian Clausen Dahl, Winter at the Sognefjord    
Johan Christian Clausen Dahl (1788-1857) war ein norwegischer Landschaftsmaler der Romantik und enger Freund von Caspar David Friedrich. Von 1818 bis 1857 lebte und wirkte er in Dresden.

Ivan Weltz, The First Snow
Ivan Weltz (1866-1926) war ein russischer Maler.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Der Reif

 

Der Reif ist ein geschickter Mann:

O seht doch, was er alles kann!

Er haucht nur in den Wald hinein,

Wie ist verzuckert schön und fein

Ein jeder Zweig und Busch und Strauch

Von seinem Hauch!

 

Wie schnell es ihm von Händen geht!

Kein Zuckerbäcker das versteht.

Und alles fein und silberrein,

Wie glänzt es doch im Sonnenschein!

Wär' alles doch nur Zucker auch

Von seinem Hauch!

 

Doch nein, wir sind schon sehr erfreut,

Dass uns der Reif so Schönes beut.

O Winter, deinen Reif auch gib,

Uns ist auch Augenweide lieb,

Und ohne Duft und Frühlingshauch

Freu'n wir uns auch.

 

Claude Monet, La promenade dargenteuil un soir dhiver
Claude Monet (1840-1926) war ein bedeutender französischer Maler.

Max Clarenbach, Winter an der Erft, ca. 1905-1907
Max Clarenbach, eigentlich Maximilien Clarenbach (1880-1952), war ein deutscher Maler der Düsseldorfer Schule und als Mitbegründer des Sonderbundes in Düsseldorf einer der bedeutenden Vertreter der rheinischen Malerei im frühen 20. Jahrhundert.

Als neulich der Schnee lag und meine Nachbarskinder ihre kleinen Schlitten auf der Straße probieren wollten, sogleich war ein Polizei-diener nahe, und ich sah die armen Dingerchen fliehen, so schnell sie konnten. Jetzt, wo die Frühlingssonne sie aus den Häusern lockt und sie mit ihresgleichen vor ihren Türen gern ein Spielchen mach-ten, sehe ich sie immer geniert, als wären sie nicht sicher und als fürchteten sie das Herannahen irgendeines polizeilichen Macht-habers. Es darf kein Bube mit der Peitsche knallen, oder singen, oder rufen, sogleich ist die Polizei da, es ihm zu verbieten. Es geht bei uns alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Natur, alle Originalität und alle Wildheit auszutreiben, sodaß am Ende nichts übrig bleibt als der Philister. (zu Eckermann, 12. 3. 1828)

 

Mal kein Gedicht, aber bei der Recherche für diese Seite fand ich diesen kleinen Prosatext von Goethe, der nichts von seiner Aktualität verloren hat. FD

 

 

Leon Spilliaert, Les plaisirs d'hiver 5, 1918
Leon Spilliaert (1881-1946) war ein belgischer Maler und Zeichner. Sein Werk verbindet Symbolismus und Expressionismus.
 

 

Frederick Childe Hassam, Sweeping Snow
Frederick Childe Hassam (1859-1935) war ein amerikanischer Maler des Impressionismus.
 

Martin Greif 1839-1911

Winteranfang

 

Kommet ihr wieder,

Spinnende Nebel,

Füllend mit trübem

Wehen die Luft?

 

Wo sich geöffnet

Blume an Blume,

Liegt nun, errötend,

Schauernder Duft.

 

Ach, und ihm wehret

Kaum mehr die Sonne,

Wie es noch gestern

Sichtbar geschah.

 

Abend und Morgen

Scheinen im Dämmer

Nahe verwoben –

Winter ist da.

 

Sebastian Vrancx, An Allegory of Winter
Sebastian Vrancx (1573-1647) war ein flämischer Schlachten- und Genremaler.

Lovell Birge Harrison, Inn at Cos Cob, 1914
Lovell Birge Harrison (1854-1929) war ein amerikanischer Genre- und Landschaftsmaler, Lehrer und Schriftsteller.

Heinrich Heine 1797-1856

Winter

 

     Die Kälte kann wahrlich brennen

Wie Feuer. Die Menschenkinder

Im Schneegestöber rennen

Und laufen immer geschwinder.

 

     O, bittre Winterhärte!

Die Nasen sind erfroren,

Und die Clavierconzerte

Zerreißen uns die Ohren.

 

     Weit besser ist es im Summer,

Da kann ich im Walde spazieren

Allein mit meinem Kummer

Und Liebeslieder scandiren.

 

Lucas van Valckenborch, Winter
Lucas van Valckenborch (um 1535-1597) war ein flämischer Maler.

Anton Mauve, Flock of sheep with shepherd in the snow
Anton Mauve (1838-1888) war ein niederländischer Landschaftsmaler zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Jakob Schiff 1852-?

Winter-Sonnwend-Fest

 

Nun bedeckt der Schnee die Fluren weit und breit;

Der Wald, das Feld, der Garten sind verschneit,

Ein Leichentuch liegt auf der Erde.

Doch wissen wir, darunter formt sich still

Die Pflanze, die zum Lichte dringen will,

Und hofft, dass holder Frühling kommen werde.

 

Ringsum herrscht Friede. Froher Festestraum

Weht durch die Welt. Den trauten Tannenbaum

Ziert Lichterschmuck und Liebesspende.

Horch – Glockenklang! Ein würdiger Choral

Schwebt sanft verhallend über Berg und Tal –

Das ist die Zeit der Wintersonnenwende!

 

Du müdes Menschenherz, vom Leid erfasst,

Aufstöhnend unter bittrer Sorgen Last,

Du sollst dich nicht verloren wähnen!

Schon keimt der Trost, der künftig dich beglückt,

Die Liebe waltet, die den Lenz dir schmückt:

Ein Freudensonnenstrahl trinkt deine Tränen.

 

Verzage nicht! Sei stark und fasse Mut!

Gewiss, es wird noch alles, alles gut,

Und jeder Kummer hat ein Ende!

Die Hoffnung gießt, das wahre Weihnachtskind,

In alle Seelenwunden Balsam lind

zur Wonnezeit der Wintersonnenwende!

 

Frits Thaulow, Fra Stortings plass, 1881
Frits Thaulow, eigentlich Johan Frederik Thaulow (1847-1906), war ein norwegischer Maler des 19. Jahrhunderts.

Willem Koekkoek, Dutch City View in Winter
Willem Koekkoek (1839-1895) war ein niederländischer Landschafts- und Marinemaler.

Ernst Lissauer 1882-1927

Nach der Wintersonnenwende

 

Dann kommt ein Tag, du bist wie aufgewacht,

Vorüber ist die längste Nacht,

Du fühlst wie Frühling an die Augen wehen,

Von neuem hebst du an zu sehen,

Es ist noch nichts geschehen,

Und doch ist dir, du habest viel vollbracht.

 

Paul Baum, Haus in Flandern, 1894
Paul Baum (1859-1932) war ein Maler des deutschen Impressionismus, Zeichner und Grafiker.

Mikhail Germashev, Schnee ist gefallen, 1897
Mikhail Markianowich Germashev (1867-1930) war ein russischer Maler.

Johanna Baltz 1849-1918

Wintersonnenwende

 

Nun geht das alte Jahr zu Ende;

Die Zeit der Wintersonnenwende

Hüllt Feld und Wald in lichtes Weiß.

Die Tannen frühlingsgrün nur ragen,

Doch ihre stolzen Häupter tragen

Ein flimmernd Diadem von Eis.

 

Es sinkt die Nacht; die Stunden rinnen,

Die ihren dunkeln Mantel spinnen;

Kein Stern hält heute treue Wacht;

Die Eichenwipfel weh’n im Sturme,

Und durch den Wald vom nahen Thurme

Dröhnt laut es zwölfmal: – Mitternacht!

 

Da legt es sich, da raunt’s, da flüstert’s!

Da schleicht’s, da springt es und da knistert’s!

Die Sonnenwende übt ihr Recht.

Lebendig werden Busch und Hecken,

Es schlüpft aus mancherlei Verstecken

Der Zwerge winziges Geschlecht.

 

Die Grubenlämpchen glühn und flimmern;

Den Wald, o Wunder! hat ihr Schimmern

verwandelt in ein Feenreich.

Wo eben mitternächtig Dunkel,

Herrscht zauberhaftes Glanzgefunkel,

Sich spiegelnd im beeisten Teich.

 

Hier spielt’s in feinen Birkenzweigen,

Die zierlich erdenwärts sich neigen,

Wie farbenbunter Demantglanz.

Dort sprüht es bläulich aus dem Moose,

Roth, wie der Kelch der wilden Rose

Flammt in dem Gras ein Purpurkranz.

 

Wo zack’gen Eises nur ein Glöckchen,

Wo weißen Schnees nur ein Flöckchen,

Bricht tausendfacher Glanz hervor.

Und horch! der Wundernacht zum Preise

Tönt durch den Wald die frohe Weise

Des Zwergenvölkchens muntrer Chor:

 

Fortsetzung siehe unten

 

Wolodymyr Orlowskyj, Sunset, 1896
Wolodymyr Donatowytsch Orlowskyj (1842-1914) war ein ukrainischer Landschafts- und Genremaler des Realismus.

Louis Douzette, Winterliche Abendstimmung
Louis Douzette (1834-1924) war ein deutscher Maler.

Fortsetzung, Johanna Baltz Wintersonnenwende

 

„Hei, längste Nacht! Hei, Sonnenwende!

Gesellen, rührt Euch, seid behende,

Weihnachten naht, der Liebe Fest!

Ihm tönet Preis von allen Zungen,

Zu uns auch ist herabgedrungen

Der Jubelgruß aus Ost und West!

 

Schafft Tannen her zu Weihnachtsbäumen,

Davon die jungen Herzen träumen,

Und Beeren roth vom Stacheldorn!

Auch Moos fürs Kripplein bringt zur Stelle;

Bald tönt Knecht Ruprechts Silberschelle,

Die Säumigen bedroht sein Zorn!

 

Christkindlein setzt ihn uns zum Meister,

Alljährlich ruft die kleinen Geister

Er aus verborgnem Felsennest.

Hei, längste Nacht! Hei, Sonnenwende!

Gesellen, rührt Euch, seid behende –

Weihnachten naht, der Liebe Fest!“ –

 

Das ist ein Bücken, Klettern, Biegen!

Es klingt die Axt, die Späne fliegen;

Sie gönnen sich nicht Rast, noch Ruh.

Und bei der Arbeit, welch Frohlocken!

Rothkehlchen schauen unerschrocken

Dem Liebeswerk der Zwerge zu.

 

Und wißt, die haben’s ausgeplaudert!

Ich aber habe nicht gezaudert

Und schildert’s Euch in Bild und Lied.

Das biet’, Ihr lieben guten Leute,

Ich Euch als Weihnachtsgabe heute –

Doch sagt nicht, daß ich’s Euch verrieth!

 

aus: Die Gartenlaube 1888/49

 

Luigi Loir, The Seine in december
François-Joseph Luigi Loir (1845-1916) war ein französischer Maler, der durch die Darstellung alltäglicher Szenen des Pariser Lebens aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert berühmt wurde.

Konstantin Gorbatov, Winterabend
Konstantin Iwanowitsch Gorbatov (1876-1945) war ein russischer Vertreter des Post-Impressionismus und Professor der Petersburger Kunstakademie.

Richard von Schaukal 1874-1942

Am letzten Tage des Jahres

 

Gehst zu Ende, trübes Jahr,

schwindest zu den grauen Müttern,

deren scharrendes Erschüttern

dich zu karger Frist gebar.

 

Und auf den gelähmten Schwingen

lastet dir gehäuftes Leid,

dauernde Vergangenheit,

der wir nimmer uns entringen.

 

Aber schon ein schwacher Schein

hinter dem gebückten Rücken

nimmt uns, nie genug zu drücken,

gern betörte Hoffer ein.

 

 

Igor Grabar, Wintermorgen
Igor Emmanuilowitsch Grabar (1871-1960) war ein russisch-sowjetischer Maler, Kunsthistoriker und Museumswissen-schaftler.

Stanislav Zhukovsky, Neuschnee    
Stanislav Yulianovich Zhukovsky (1873-1944) war ein polnischer Impressionist und Mitglied der russischen Künstlervereinigung Mir Iskusstwa.

Annette von Droste-Hülshoff 1797-1848

Silvesterfei

 

Der morsche Tag ist eingesunken;

Sein Auge gläsern, kalt und leer,

Barg keines Taues linden Funken

Für den gebräunten Eppich mehr.

Wie's draußen schauert! - längs der Wand

Ruschelt das Mäuslein unterm Halme,

Und langsam sprießt des Eises Palme

Am Scheibenrand.

 

In tiefer Nacht wem soll noch frommen

Am Simse dort der Lampe Strahl?

Da schon des Herdes Scheit verglommen,

Welch späten Gastes harrt das Mahl?

Längst hat im Turme zu Escout

Die Glocke zwölfmal angeschlagen,

Und glitzernd sinkt der Himmelswagen

Dem Pole zu.

 

Durch jener Kammer dünne Barren

Ziehn Odemzüge, traumbeschwert,

Ein Ruck mitunter auch, ein Knarren,

Wenn sich im Bett der Schläfer kehrt;

Und nur ein leiser Husten wacht,

Kein Traum die Mutter hält befangen,

Sie kann nicht schlafen in der bangen

Silvesternacht.

 

Jetzt ist die Zeit, wo los' und schleichend

Die Fei sich durch die Ritze schlingt,

Mit langer Schlepp' den Estrich streichend

Das Schicksal in die Häuser bringt,

An ihrer Hand das Glück, Gewind'

Und Ros' im Lockenhaar, ein schlankes, -

Das Mißgeschick ein fieberkrankes,

Ein weinend Kind.

 

Und trifft sie alles recht zu Danke

Geordnet von der Frauen Hand,

Dann nippt vom Mahle wohl das schlanke

Und läßt auch wohl ein heimlich Pfand;

Doch sollt' ein Frevler lauschen, risch,

Im Hui, zerstoben ist die Szene,

Und scheidend fällt des Unglücks Träne

Auf Herd und Tisch.

 

O keine Bearnerin* wird's wagen

Zu stehn am Astloch; lieber wird

Ein Tuch sie um die Augen schlagen,

Wenn durch den Spalt die Lampe flirrt.

Manon auch drückt die Wimper zu

Und zupft an der Gardine Linnen;

Doch immer, immer läßt das Sinnen

Ihr keine Ruh'.

 

*Das Béarn ist eine historische französische Provinz am Fuß der Pyrenäen.

 

Fortsetzung siehe unten

 

Vilhelm Hammershøi, Søndermarken Park in winter
Vilhelm Hammershøi (1864-1916) war ein dänischer Maler und gilt als Vertreter des Symbolismus.
 

Francis Hans Johnston, Moon Path
Francis Hans Johnston (1888-1949) war ein kanadischer Künstler.

Fortsetzung, Annette von Droste-Hülshoff, Silvesterfei

 

Ward glatt das Leilach* auch gebreitet?

Hat hell der Becher auch geblinkt?

Ob jetzt das Glück zum Tische gleitet,

Ein Bröcklein nascht, ein Tröpflein trinkt?

Oft glaubt sie zarter Stimmen Hauch,

Verschämtes Trippeln oft zu hören,

Und dann am Brote leises Stören

Und Knuspern auch.

 

Sie horcht und horcht - das war ein Schlüpfen!

Doch nein - der Wind die Föhren schwellt,

Und das - am Flur ein schwaches Hüpfen,

Wie wenn zum Grund die Krume fällt!

»Eugène, was wirfst du dich umher,

Was soll denn dies Gedehn' und Ziehen?

Mein Gott, wie ihm die Händchen glühen!

Er träumt so schwer.«

 

Sie rückt das Kind an ihrer Seiten,

Den Knaben, dicht zu sich heran,

Läßt durch sein Haar die Finger gleiten,

Es hangen Schweißes Tropfen dran;

Erschrocken öffnet sie das Aug',

Will nach dem Fensterglase schauen,

Da eben steigt das Morgengrauen,

Ein trüber Rauch.

 

Vom Lager fährt die Mutter, bebend

Hat sie der Lampe Docht gehellt,

Als sachte überm Leilach schwebend,

Ein Efeublatt zu Boden fällt.

Das Glück! das ist des Glückes Spur!

Doch nein! - sie pflückt' es ja dem Kinde,

Und dort - nascht' an der Semmelrinde

Die Ratte nur.

 

Und wieder aus der Kammer stehlen

Sich Seufzer, halbbewußt Gestöhn;

»O Christ, was mag dem Knaben fehlen!

Eugène, wach auf, wach auf, Eugène!

Du lieber Gott, ist so geschwind,

Eh noch der Morgenstrahl entglommen,

Das Unglück mir ins Haus gekommen

Als krankes Kind!«

 

*Leilach, norddeutsch, veraltet für Betttuch, Leintuch

 

 

Ludvig Munthe, Mondnacht im Winterwald
Ludvig Munthe (1841-1896) war ein norwegischer Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule.

James McNeill Whistler, Grau und Gold, Schnee in Chelsea, 1876
James Abbott McNeill Whistler (1834-1903) war ein US-amerikanischer Maler.

Erich Kästner 1899-1974

Spruch für die Silvesternacht

 

Man soll das Jahr nicht mit Programmen

beladen wie ein krankes Pferd.

Wenn man es allzu sehr beschwert,

bricht es zu guter Letzt zusammen.

 

Je üppiger die Pläne blühen,

umso verzwickter wird die Tat.

Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,

und schließlich hat man den Salat!

 

Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen

Es nützt nichts, und es schadet bloß,

sich tausend Dinge vorzunehmen.

Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

 

Henri Le Sidaner, L'Escalier, Gerberoy, 1902
Henri Le Sidaner (1862-1939) war ein französischer Maler.

 

Hans Thoma, Dezember
Hans Thoma (1839-1924) war ein deutscher Maler und Grafiker.

Bettet doch alte Menschen weich und warm

und lasset sie recht genießen,

denn weiter vermögen sie nichts mehr;

und beschert ihnen gerade im Lebens-Dezember

und in ihren längsten Nächten

Weihnachtsfeiertage und Christbäume:

sie sind ja auch Kinder,

ja Zurückwachsende.

 

Jean Paul 1763-1825

Walter Moras, Ein sonniger Wintertag
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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