Paula Dehmel 1862-1918
November
Grüß Gott! Der November stellt sich vor.
Mir ist ergeben der große Chor
der Winde und Stürme, die das Gefilde
von Unrat säubern; und auch die Gilde
der Nebel und Wolken ist mir vertraut.
Wer auf des Meeres Sanftmut baut,
wagt sein Leben, wenn ich regiere;
ich hasse den Frohsinn in meinem Reviere,
ich hasse die Sonne, hasse die Milde,
zerreiße im Felde das letzte Gebilde.
Ich liebe nur eins: wenn das Jagdhorn schallt,
hinter scheuem Wild die Büchse knallt.
Max Dauthendey 1867-1918
Erster November
Da draußen ist frühe Nebelnacht,
Die hat den Tag um Stunden bestohlen,
Hat aus den Fenstern Laternen gemacht.
Ich möchte mir den Mond herholen,
Dass ich einen hätt’, der ewig lacht,
Denn die Nacht ist wie ein schwarzes Bett.
Dort hat der Tod, wie auf Lagern aus Kohlen,
Gedankenlos als Dieb seine Ruhestätt’.
Weiß nicht, ist die Stadt draußen klein oder groß,
Ob Menschen drin hausen, oder bin ich allein,
Denn ein jeder Tag schwarz wie der Fluss fortfloss,
Und beklagt gingen viele zur Nacht hinein.
Auch Vater und Mutter haben gefragt,
Und niemandem wurde der Weg gesagt.
Auch Vater und Mutter wurden zu Stein,
Ein Stein, der sich über dem Grabe schloss.
Drauf lese ich heut’ ihre Namen bloß,
Nur noch die Namen sind beide mein.
Woher sie kamen, wohin sie gingen, -
Ich kann die Nacht nicht zum Reden zwingen.
Fred Endrikat 1890-1942
November-Elegie
Der Regen tropft in meines Daches Rinne,
tripp-tropp, tripp-tropp.
In beide Hände stütze ich den Kopp.
Im Nebel liegen Feld und Wald und meine Sinne.
Der Wind bläst eine graue Melodie.
Melancholie. –
Des Sommers letzter Gruß
ist eine Fliege, die auf meiner Nase tanzt.
Hebt mühsam Fuß um Fuß. –
Ich schau' dem Tanze zu, und mich beschleicht ein Kummer.
Im Lenze sah ich sie als schlankes Fliegenjüngferlein,
doch jetzt ist sie ein dicker Brummer. –
Es heult der Wind, der Regen tropft.
Mein armes Herz voll Wehmut klopft.
In meiner Nase rotem Glanz
vollführt sie ihren Totentanz.
Zum letztenmal das Bein sie schwingt,
und tot sie von der Nase sinkt!
Vor mir ein Fliegenauge brach.
Ein großer Tropfen rollt ihr nach
Die Uhr tickt in mein Herzeleid
Vergänglichkeit.
Clara Müller-Jahnke 1860-1905
Novembertag
Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.
Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen . . .
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.
Richard Dehmel 1863-1920
Novemberfahrt
Ja, lacht nur, lacht! am Wege da
ihr pelzvermummten Gaffer!
Uns gab ein heißres Blut, hahah,
der Wein- und Weiberschaffer!
Und wenn wir etwas zittrig sind
und etwas rot die Nase,
so meint nur nicht, das sei vom Wind:
das Wetter liegt im Glase!
Wir fahren in die Welt hinein,
wenn uns es will behagen;
wir fahren in dem Sonnenschein,
den wir im Herzen tragen!
Und wenn die olle Sonne sieht
so junge Dreistewichte,
dann wird sie gleich vor Angst verliebt
und macht ihr schönst Gesichte.
Hurrah, Novembersonnentag,
du Wunderwanderwetter:
derweil am Herd das Zimperpack
sich wärmt den Katterletter!*
Hurrah, so stark dein herber Duft,
so würzig seine Schwere!
Hurrrah - ich schlürfe deine Luft,
als ob es Rheinwein wäre!
*Dieses deutsche Wort existiert anscheinend nur in diesem Gedicht. Wie die Recherche ergab, sind wohl „Les Quatre lettres“ (die vier Buchstaben, im Sinne von „sich auf seine vier Buchstaben setzen“) gemeint, was ja Sinn macht.
Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
Novemberlied
Dem Schützen, doch dem alten nicht,
Zu dem die Sonne flieht.
Der uns ihr fernes Angesicht
Mit Wolken überzieht;
Dem Knaben sei dies Lied geweiht,
Der zwischen Rosen spielt,
Uns höret und zur rechten Zeit
Nach schönen Herzen zielt.
Durch ihn hat uns des Winters Nacht,
So häßlich sonst und rauh,
Gar manchen werten Freund gebracht
Und manche liebe Frau.
Von nun an soll sein schönes Bild
Am Sternenhimmel stehn.
Und er soll ewig, hold und mild,
Uns auf- und untergehn.
Conrad Ferdinand Meyer 1825-1898
Novembersonne
In den ächzenden Gewinden
Hat die Kelter sich gedreht,
Unter meinen alten Linden
Liegt das Laub hoch aufgeweht.
Dieser Erde Werke rasten,
Schon beginnt die Winterruh -
Sonne, noch mit unverblassten,
Goldnen Strahlen wanderst du!
Ehe sich das Jahr entlaubte,
Gingen, traun, sie müßig nie,
Nun an deinem lichten Haupte
Flammen unbeschäftigt sie.
Erst ein Ackerknecht, ein Schnitter,
Und ein Traubenkoch zuletzt
Bist du nun der freie Ritter,
Der sich auf der Fahrt ergetzt.
Und die Schüler, zu den Bänken
Kehrend, grüßen jubelvoll,
Hingelagert vor den Schenken,
Dich als Musengott Apoll.
Ferdinand von Saar 1833-1906
Novemberlied
Novembernebel füllen
Mit feuchtem Grau das Tal,
Als wollten sie verhüllen
Die Erde, kahl und fahl.
Mit seinem dunklen Saume
Gespenstisch ragt der Wald,
Daraus, so wie im Traume,
Von fern die Axt erschallt.
Den Pfad mit kühlem Hauche
Umwittert ödes Weh',
Verwais't am dorn'gen Strauche
Bebt Hagebutt' und Schleh'.
Wohin die Schritte streben,
Versinkt der Fuß im Kot –
Mühselig ist das Leben
Und traurig wie der Tod.
Hermann von Lingg 1820-1905
Herbstabend
Durchs Stoppelfeld auf Nebelstreifen
Weht traurig kalt Novemberwind;
Dort wankt am Wald mit Reisighäufen
Ein armes Weib und führt ihr Kind.
Dort sucht man die vergessne Traube,
Dort pflückt man Schleh' und Hagebutt.
Im Hofe pickt die wilde Taube
Ein Körnchen noch aus Stroh und Schutt.
Und hier, gebeugt auf müden Füßen,
Kehrt Einer heim, arm und allein,
Um noch zum letztenmal zu grüßen
Die letzte Seele, die noch sein.
Max Dauthendey 1867-1918
Wie im Novembertag das Grün verschwunden
Wie im Novembertag das Grün verschwunden
Und sich kein grüner Grashalm mehr gefunden,
So muss vom Morgen bis zum Morgen ich nur darben,
Denn mit der Trennung von der Liebsten starben
Auf Erden und im Himmel alle sieben Farben.
Die Tage stehen mir als Nebel draußen,
Und Stille muss vor meinen Ohren sausen.
Die Stille klagt wie Luft in hohlen Stämmen.
Die Träne will die Stille überschwemmen, -
Um sie zu dämmen, müsst' ich's Blut erst hemmen.
Arno Holz 1863-1929
Unter
dunkelen, treibenden,
tiefschwerschleppenden Novemberwolken
verdämmert ... die Heide!
Gebückt
am Wegrand, kopfnickstumm
sitzt du, starrst du
und
... stierst ...
auf ... deine welken ... Hände.
Hofft,
harrt und ... hämmert in dir
noch
ein ... Herz?
Lebst ... du ... noch?
Schleichend,
unheimlich und tückisch,
durch
schwarzes, spitzes,
feuchtstarres Stachelgras
immer
näher und näher,
ein
klapperndes ... Rascheln.
Schauernd, eiskalt,
genickhoch
ein ... Hauch.
Gemartert,
im Dornenstrauch,
windgepackt, windgezwackt,
windgezaust
zittert ... ein ... letztes
Blättchen!
Paul Boldt 1885-1921
Novemberabend
Es weht. Das Abendgold ist eine Fahne,
Die von den Winden schon erbeutet wird.
Ein etwas Herbst in der Platane,
Ein grelles Chrom verweht, verwird.
In Wolken gleich verkohlten Stämmen
Riecht man die tote Sonne noch;
Dann das Einatmen, Drängen, Dämmen –
Einsamkeiten kommen hoch.
Max Dauthendey 1867-1918
November
Bin heut im erstarrten Garten gewesen,
Wo ich in deinem Auge einst Lieder gelesen;
Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog,
Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.
Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,
Wie ein Herz, das sich von der Erde hob,
Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,
Hab ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.
Ricarda Huch 1864-1947
November
Das Licht erlischt.
Die Nacht wird lang, es wachsen die Schatten,
Der Welt wird kahl, leer werden die Matten.
Wir essen Asche ins tägliche Brot gemischt –
Das Licht erlischt.
Das Licht ist tot.
Still sind die einst so fröhlichen Gassen,
Wieviel haben uns auf immer verlassen,
Die am Tisch mit uns saßen, mit uns brachen das Brot –
Das Licht ist tot.
Das Herz ist schwer.
Wo sind die vor uns dahingegangen?
Das Licht am Himmel wird neu erprangen,
Die toten Menschen kommen nie mehr – nie mehr –
Das Herz ist schwer.
Heinrich Heine 1797–1856
Im traurigen Monat November war’s
Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.
Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.
Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.
Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.
Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.
Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Fortsetzung unten
Fortsetzung: Heine, Im traurigen Monat November war’s
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
Fortsetzung unten
Fortsetzung: Heine, Im traurigen Monat November war’s
Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.
Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.
Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.
Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder —
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!
Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe —
Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen —
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!
Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte —
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.
Gustav Falke 1853-1916
November
Verloren friert der Mond im fahlen Blau
Des dämmernden Novemberhimmels ganz allein.
Kein Sternlein tröstet ihn. Irr flackt ein fahler Schein
Durchs traurige Gewirr der fast entlaubten Äste:
Der alten Eiche falln die Abendgäste,
Die grauen Krähn, ins ausgestorbne Haus.
Erzählen sich vom letzten Leichenschmaus
Und ziehn dann krächzend in ihr Nachtquartier
In langen Flügen durchs Revier.
Fern grenzt der Wald, ein schwarzer Strich, das Land,
Verschwimmend, bis sich Erd- und Himmelswand
Gespensterhaft im Schattenschoß verbinden.
Kein Hauch bewegt die Luft. Nur leise nahen, schwinden,
Verworrene Laute, Klagen der Natur,
Die auf des Sommers toter Spur
Ihr Witwenkleid mit müden Schritten schleift,
Vom weißen Licht schwermütigen Monds bereift.
Zu ihren Füßen unterm Nebel springt
Der bange Bach wie auf der Flucht und weint,
Weil bis zu ihm der stille Freund nicht dringt,
Mit dem er nächtens gern im Liebesspiel sich eint.
Ach, gestern fand ich dort,
Wo er durch Wiesen biegt
Und unterm Weidenbusch sich wie ein Schlänglein schmiegt,
Noch eine Blume am versteckten Ort
Und fand ein ausgebleichtes Endchen Band,
Womit ich Sommers dort ein zärtlich Kränzchen wand.
Für wen? Es schwamm hinab auf ungewisser Welle.
Schlecht träumt sichs heut von Licht und Helle.
Der kalte Nebel steigt und spinnt das Herz in Trauer.
- Novemberschauer.
Helene Krüger 1861 - um 1940
Nebelschleier, feucht und schwer,
Wallten um die elfte Schwester,
Fröstelnd schreitet sie einher,
Zieht des Mantels Falten fester.
Ihre Augen blicken trüb',
Ach, dahin ist alles Prangen!
Was den heit'ren Schwestern lieb,
Ist zur Ruhe eingegangen.
Aber sieh, des Menschen Lust
Ruht nicht mit den Kreaturen,
Jägereifer in der Brust
Folgt er kühn des Wildes Spuren.
Leicht entdeckt im weichen Schnee
Von der losgelass'nen Meute,
Werden Häslein, Fuchs und Reh
Seiner Flinte sichre Beute.
Auch November, feucht und grau,
Bietet seinem Herzen Freuden,
Und er sieht die hohe Frau
Ungern nur von hinnen scheiden.
Wilhelm Müller 1794-1827
November
Zu rechter Zeit hab' ich dir's angesehen,
Daß du, auf Tanz und Jagd und Becherklingen,
Verlangen fühlst nach würdigeren Dingen,
Womit ich gleich dir kann zu Diensten stehen.
Durch Leipzigs volle Laden ging ich spähen,
Was uns die deutschen Pressen Neues bringen:
Die Bogen, die noch auf den Seilen hingen,
Sie mußten ungetrocknet mit mir gehen.
Sparöfen kauft' ich auch und Sorgenstühle,
Kaffee und Knaster von der besten Sorte,
Und lange runde Bernsteinpfeifenspitzen.
Entreiß' dich, Freund, dem eitlen Weltgewühle:
Ich führe zu der Weisheit heil'gen Pforte
Die Jünger, ohne sehr sie zu erhitzen.
Heinrich Kämpchen 1847-1912
November
Nun ist in Sturmestosen
Das Sonnengold verglüht,
Verblüht sind alle Rosen,
Die Astern auch verblüht. –
Und wie des Waldes Bäume
Entblättert steh’n und kahl,
So sind des Sommers Träume
Verblichen auch zumal. –
Fort ist das Schaugepränge
Der Farben blau und rot,
Fort sind die Lustgesänge,
Die Feld und Wald uns bot. –
Schon zieht’s mit leisem Beben
Durch die bereifte Flur,
Und finst’re Mächte weben
Das Bahrtuch der Natur. –
Wie lange noch, wie lange?
Dann ist das Werk vollbracht –
Und sie, die todesbange,
Schläft in der Winternacht. –
Clara Müller-Jahnke 1860-1905
Im Novembersturm
Der Sturmwind rast und der Regen schlägt
ans Fenster in schweren Tropfen –
Ich fühl in der tollen Novembernacht
mein Herz wohl hörbar klopfen.
Es schlägt in brennender Ungeduld
sehnsüchtig und beklommen ...
Ach, wenn die Stunde doch Flügel hätt'
und wäre der Winter gekommen!
Und deckte die Ströme das blinkende Eis
und der Schnee die schweigende Runde –
und wären wir endlich allein, allein
in der heimlichen Mitternachtsstunde!
O Liebster, Liebster, – der Sturmwind rast
und der Regen rauscht endlos nieder –
mir aber fluten durch Haupt und Herz
traumselige Liebeslieder.
Bruno Wille 1860-1928
Novemberlaub
Auf stöhnender Föhre fidelt der Sturm
Heulende düstre Balladen;
Es schnaubt sein Odem, nebelfeucht
Von nordischen Seegestaden.
So trübe der Himmel, als wär's schon spät.
Die Wolken pilgern traurig.
Im Strudel taumelt verkommenes Laub
Um Baumgerippe so schaurig.
Ein letztes Blättchen am Dornenstrauch
Fröstelt in starrem Weh ...
O mach ein Ende, Novembersturm!
Deck zu, du wogender Schnee!
Wilhelm Engelhardt 1857-1935
Totensonntag 1893
Heute mir und morgen dir!
So hört man die Glocken klingen,
Wenn wir die Verstorbenen hier
Auf den Gottesacker bringen.
Aus den Gräbern ruft's herfür:
Heute mir und morgen dir!
Heute rot und morgen tot!
Unser Leben eilt auf Flügeln,
Und wir haben's täglich not,
Dass wir uns an Andern spiegeln.
Wie bald ruft des Herrn Gebot:
Heute rot und morgen tot!
Mensch, es ist der alte Bund,
Und der Tod zählt keine Jahre;
Bist du heute noch gesund,
Denk an keine Totenbahre!
Jedem kommt die letzte Stund',
Mensch, das ist der alte Bund!
Ach, wer weiß, wie nah mein Tod!
Ich will sterben, eh' ich sterbe,
So wird mir die letzte Not
Wenn sie kommt, doch nicht zu herbe.
Rüste mich dazu mein Gott!
Ach, wer weiß, wie nah mein Tod!
Selig, wer in Christo stirbt!
Denn ihm wird der Tod zum Leben;
Der das Leben hier erwirbt,
Dem nur wird es dort gegeben.
Wer nicht lebet, der verdirbt:
Selig, wer in Christo stirbt!
Josef Weinheber 1892-1945
November
Im Kirchhof brennt das stille Licht.
Die Toten ruhen, weine nicht.
Geborgen in der Erd, vergeht
der Keim, umdaß er aufersteht.
Martini Reif, Andreä Schnee,
die Magd trägt aus ihr süßes Weh.
Vom Hochwald dröhnt der Büchsenhall,
es stampft das Vieh im warmen Stall,
der Nebel hüllt das stille Land,
die Kerze ist herabgebrannt.
Laß frosten, laß vergehn, laß schnein!
Der Mensch muß wach und einsam sein.
Julie de Graag,
Memento Mori, 1916