Rudolf Leonhard 1889-1953
Unwetter
Es regnet. Das Wasser fällt
in langen zackigen Strähnen.
Der flackernde Drahtzaun hält
glitzernde Tropfen mit zähen Zähnen.
Es schauern in feuchter Kält
die Bäume mit dünnen Mähnen,
uns ist von Regen die Welt nicht vergällt
in unsern Baracken wie in Kähnen.
Ich möchte in dieser Wirbelwelt
noch viele Jahre bleiben
in meinem Leben, in meinem Feld
vor mich hin wie ein Regen treiben,
noch lang in den Erdendingen wühlen
und schrein und singen und dringen und schreiben
und, wie das Licht die Haut mir hellt,
immer den Wind am Leibe fühlen.
Paul Zech 1881-1946
Wir ducken uns tief …
Endloser Regen rinnt und rinnt.
Nebel spannen im Schreiten
zitternde Saiten von Wind zu Wind.
Alle Weiten rauschen heran.
Und die Bäume stapfen ums Haus wie Riesen
und werfen Gewitter herein.
Wir ducken uns tief! Wir krümmen uns klein!
Und unser verschwistertes Hand in Hand
wird grau, wie ein einsamer Strand,
überschwemmt und verwiesen.
Paul Zech 1881-1946
Schwarz hub sich ein Tannenwald
Schwarz hub sich ein Tannenwald vom Feld.
Spätgewitterkühle fuhr, vom Wind geschnellt,
durch die Wipfel und zerfetzte die Kontur,
Wald und Wolkenwälle flogen wie gehetzte
und verletzte Riesenvögel rasch daher.
Und die flache blondgemähnte Weizenflur
überschrie, gleich einem aufgewühlten Meer,
Lerchenchöre und das Wisperlied der Grillen.
Und dann strich der Regen, schräg ins Licht gestellt,
rauschend nieder und aus den gefurchten Rillen
sprang es silbersprühend auf, wie von Fontänen.
In den überschwemmten Wiesen, Sumpfmoränen,
schwamm der Schwarzforst wirr, wie aufgelöstes Haar,
und der Himmel, der wie ein verträntes Auge war.
Paul Zech 1881-1946
Nachtgewitter
Dumpfe Stunde, da die Qächter schnarchen
und die FunkeJsteme jah verglimmen!
Staat und steinerne Alleen schwimmen
durch den Tropfensturz Wie Sintflutarchen,
All die Schläfer in den Schlafgemächern
sind von fremder Schwüle so gehalten,
daß die Atemzüge sich verschwächen
und die roten Säfte jäh erkalten.
Erst wenn Blitze jeden Traum zerstören,
fahren sie aus ihrem Federpfühle
in des aufgerissnen Fensters Kühle.
Und dann schwillt ein seltsames Beschwören
durch das Dunkel und mit sturmverwehten
Lauten schluchzen Glocken: Laßt uns beten!
Karl Friedrich Gottlob Wetzel 1779-1819
Ungewitter
Horch und sieh! Die Blitze dröhnen
Und die dumpfen Täler stöhnen,
Die Natur im Fiebertraum
Wälzt Gewitter durch den Raum.
Wenn mich das Gewirr umschauert,
In der Luft der Zufall kauert,
Mahnt ein Götterbote mich:
"Daß du Mensch bist, freue dich!
Sollen all' die Graungewalten
Zur Bedeutung sich gestalten,
Müssen sie, dir untertan,
Deiner Macht sich schmiegen an.
Du nur schaffst durch dein Beraten
Dieses Wurfspiel um zu Taten,
Hauchst in den verworrnen Drang
Sprache, Geist und Seelenklang!"
Josef Weinheber 1892-1945
Das Gewitter
Er saß in seinem Haus, allein, am Tisch.
Vor seinen Fenstern war ein Flammenmeer.
Er dachte nach. Er dachte schöpferisch.
Der Donner brüllte, finster dachte er —
Der Donner tobte. Und der Geist befahl
ihm, schön zu denken. Die Erschütterung
gab ihm den Mut dazu. Er hatte Wahl
wie nie vorher, er wurde jählings jung,
er rief die Erde auf (indessen die
betroffnen Kreaturen feig und bang
sich beugten in die wilde Dämonie),
und schrie und jauchzte in den Untergang,
und hatte Wahl und nahm die Wahl sehr streng
— die Blitze rissen ihm den Durchblick auf —
und im gesammelt furchtbaren Gedräng
erlebte er den ganzen Lebenslauf..
Er saß in seinem Haus, allein, am Tisch.
Vor seinen Fenstern war ein Flammenmeer.
Er dachte nach, er dachte schöpferisch,
der Donner brüllte, jedes Wort wog schwer,
wie Erde schwer, er hatte ganz bei sich
die Schuld und das, was er für Sünde hielt.
Er sah sein Glück — Ein Blitz. So königlich
war nichts vordem: Er sah das Ebenbild,
sah es zerschellen, sah es wieder rein
und ganz beisammen — Blitz und wieder Blitz.
Die Flammen! Diese Flammen, wild herein
zu seinen Fenstern, magisches Geflitz —
Da lag die Seele bloß. Zu tun war nichts.
Der Donner tobte: Jetzt gib Rechenschaft!
Ach, Stammeln alles, Stammeln angesichts
jener gehäuften, letzten Leidenschaft.
Ein herrlich flammender Befehl zerstob
Gefühl wie Denken. Planlos ? — Plötzlich. Ob
er Seins zu End gedacht, gefühlt ? Genug!
Der Blitz erschlug ihn, den der Blitz erschlug.
August Stramm 1874-1915
Gewitter
Schwarz fletscht in Weiß
Die blauspielfrohen Dünste starren hagelgelb.
Helle flackert
Täubt zu Boden.
Wüten
Steinigt
Schlossen!
Tottoll krallet um die Nacht.
Matt aufadert Blau das Recken
Bebet bäumet
Wuchtet
Hebt sich
Stemmt die Fäuste
Hartscharfkantig
Schellet Wolken
Hellet Ängste
Steht und streckt sich
Packt das Gurgeln
Und zerwürgt es
Nach ihm stürzend
Sich verbeißend
Kollernd rollend
In
Die
Leere!
Augen
Schleiern auf und schluchzen!
Tränen
Wellen
Lösen
Schrecken!
Lichter
Grellen
Hoch im Bogen!
Klänge
Schwingen
Freie
Starke
Sonnsiegklänge!
Gustav Schwab 1792-1850
Das Gewitter
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl. –
Wie wehen die Lüfte so schwül!
Das Kind spricht: »Morgen ist Feiertag,
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Tal und Höhn,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;
Dem Anger, dem bin ich hold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?
Die Mutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Da halten wir alle fröhlich Gelag,
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid;
Dann scheint die Sonne wie Gold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?
Großmutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Großmutter hat keinen Feiertag,
Sie kochet das Mal, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit;
Wohl dem, der tat, was er soll!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?
Urahne spricht: »Morgen ist’s Feiertag,
Am liebsten morgen ich sterben mag;
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer;
Was tu ich noch auf der Welt?« –
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?
Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind;
Vier Leben endet ein Schlag, –
Und morgen ist’s Feiertag.
Joseph Victor von Scheffel 1826-1886
Wenn im Tal und auf den Bergen
Mitternächtig heult der Sturm,
Klettert über First und Schornstein
Hiddigeigei auf zum Turm.
Einem Geist gleich steht er oben,
Schöner, als er jemals war.
Feuer sprühen seine Augen,
Feuer sein gesträubtes Haar.
Und er singt in wilden Weisen,
Singt ein altes Katerschlachtlied,
Das wie fern Gewitterrollen
Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht.
Nimmer hören ihn die Menschen,
Jeder schläft in seinem Haus,
Aber tief im Kellerloche
Hört erblassend ihn die Maus.
Und sie kennt des Alten Stimme,
Und sie zittert, und sie weiß:
Fürchterlich in seinem Grimme
Ist der Katerheldengreis.
Julius Rodenberg 1831-1914
Gewitter
Dunkler Regen verhüllt mir das Meer.
Wie die Wellen sich bäumen und zischen!
O, wie rollt es so dumpf und schwer,
Und wie fahren die Blitze dazwischen!
Einsam steh' ich am Holzstackett,
Zitternd von Sturm und Wellenschlägen;
Unter den Füßen mir bebt das Brett,
Aber mein Herze jauchzt in den Regen.
Weißlich dahin mit dem Sturme spritzt
Meerschaum, gekräuselt zu duftigen Streifen;
Ha, und wie es donnert und blitzt!
Wie die Möwen schrillen und pfeifen!
Sechst ziehen dahin. Ein Schiff
Taucht empor aus den schäumenden Wellen.
Seht Ihr die Brandung dort — seht Ihr das Riff?
Lotsen heraus! — sonst wird es zerschellen.
Wie in den feuchten Segeln der Wind
Rasselt! Wie Steuer und Stricke knattern!
Und wie die Wolken zerrissen sind,
Die darüber fliegen und flattern!
War' ich ein Bootsmann! Stand' ich am Bord,
Oder hing ich im Mastkorb oben!
Dürft' ich des Herzens wilden Akkord
Mischen mit diesem Stürmen und Toben!
Oder könnt' ich am funkelnden Strahl
Dieser Blitze die Seele laben!
Oder würd' ich mit einem Mal
So getroffen und so begraben!
Anna Ritter 1865-1921
Sturmnacht
Heda – Geselle,
Bist du erwacht?
Singst du die alten,
Tollen Gesänge
Wieder hinein in die Sommernacht?
Schweige, Sturmwind,
Ach, schweige still –
Laß doch schlafen,
Was schlafen will.
Frühlingsträume
Und Sommerlust
Und die Sehnsucht tief in der Brust!
Wie die armen, alten Linden
Unter deiner Faust sich winden,
Wie die Blumen jäh erschrecken
Und die scheuen Kinderaugen
Unter grünem Gras verstecken!
Alles störst du aus dem Schlummer!
Gier und Kummer,
Noth und Streit
Trägst du in die Heiligkeit
Dieser Nacht mit frevlem Sinn,
Streust die Blätter der Erinnrung
Dreist vor meine Füße hin,
Schmückst mit der verblichnen Krone
Todten Glückes, wie zum Hohne,
Königlich die Bettlerin!
Joachim Ringelnatz 1883-1934
Gewitter
Oben in den Wolken krachte der Donner.
Am Ufer des Indischen Ozeans balzte ein Kind.
Würde der Mond noch monder, die Sonne noch sonner,
So würden die Menschen vielleicht noch drehlicher, als sie schon sind.
Tausend Menschen lachten und weinten;
Sechs von dem Tausend wußten, warum;
Zwei von den sechsen aber meinten
Von sich selber, sie seien eigentlich dumm.
Breite Straße filmte mir vorbei,
Links und rechts mit Lichtern und Reflexen
Fechtend und mit Worten und Geschrei.
Helle Nacht ergoß sich brausend.
Und ich grüßte ehrfurchtsvoll die zwei,
Und ich beugte staunend mich den sechsen,
Kniete, echt und bettelnd, vor dem Tausend.
Vor dem Grand Hotel zu den Drei Mohren
Kreiste jämmerlich ein Hund und schiß.
Nebenbei, von irgendwem verloren,
Lag ein künstliches Gebiß.
Doch ich räusperte und spie,
Und ich rotzte,
Bis ich einer weichen Phantasie
Würdig trotzte.
Und zur gleichen Zeit mag ein Kommis
(Elegante Kleidung – sauber – Schaf)
Auf dem Teppich heiß gestammelt haben,
Einer, der vom lieben Gott was wollte,
Was das Hauptbuch und den nächsten Tag betraf;
Dachten andere an Schützengraben.
Denn der Donner grollte.
Hermann Lingg 1820-1905
Hochsommer
O Frühling, holder fahrender Schüler,
Wo zogst du hin? Die Linden blühn,
Die Nächte werden stiller, schwüler,
Und dichter schwillt das dunkle Grün.
Doch ach! die schönen Stunden fehlen,
Wo jedes Leben überquoll,
Wo trunken alle Schöpfungsseelen
Ins Blaue schwärmten wollustvoll.
Nicht singt mehr, wie am Maienfeste,
Die Nachtigall, die Rosenbraut;
Sie fliegt zum tiefverborgnen Neste
Mit mütterlich besorgtem Laut.
Der goldne längste Tag ist nieder,
Der Himmel voll Gewitter glüht;
Verklungen sind die ersten Lieder,
Die schönsten Blumen sind verblüht.
Nikolaus Lenau 1802-1850
Schilflied
Sonnenuntergang;
Schwarze Wolken ziehn.
O wie schwül und bang
Alle Winde fliehn!
Durch den Himmel wild
Jagen Blitze, bleich;
Ihr vergänglich Bild
Wandelt durch den Teich.
Wie gewitterklar
Mein ich dich zu sehn
Und dein langes Haar
Frei im Sturme wehn!
Nikolaus Lenau 1802-1850
Frühlings Tod
Warum, o Lüfte, flüstert ihr so bang?
Durch alle Haine weht die Trauerkunde,
Und störrisch klagt der trüben Welle Gang:
Das ist des holden Frühlings Todesstunde!
Der Himmel, finster und gewitterschwül,
Umhüllt sich tief, daß er sein Leid verhehle,
Und an des Lenzes grünem Sterbepfühl
Weint noch sein Kind, sein liebstes, Philomele.
Wenn so der Lenz frohlocket, schmerzlich ahnt
Das Herz sein Paradies, das uns verloren,
Und weil er uns zu laut daran gemahnt,
Mußt ihn der heiße Sonnenpfeil durchbohren.
Der Himmel blitzt, und Donnerwolken fliehn,
Die lauten Stürme durch die Haine tosen;
Doch lächelnd stirbt der holde Lenz dahin,
Sein Herzblut still verströmend, seine Rosen.
Nikolaus Lenau 1802-1850
Das Gewitter
Noch immer lag ein tiefes Schweigen
Rings auf den Höhn; doch plötzlich fuhr
Der Wind nun auf zum wilden Reigen,
Die sausende Gewitterspur.
Am Himmel eilt mit dumpfem Klange
Herauf der finstre Wolkenzug:
So nimmt der Zorn im heißen Drange
Den nächtlichen Gedankenflug.
Der Himmel donnert seinen Hader;
Auf seiner dunklen Stirne glüht
Der Blitz hervor, die Zornesader,
Die Schrecken auf die Erde sprüht.
Der Regen stürzt in lauten Güssen;
Mit Bäumen, die der Sturm zerbrach,
Erbraust der Strom zu meinen Füßen; –
Doch schweigt der Donner allgemach.
Johan Christian Clausen Dahl, Fields near Dresden with a white Horse, National Museum of Art, Architecture and Design
Johan Christian Clausen Dahl (1788-1857) war ein norwegischer Landschaftsmaler der Romantik und enger Freund von Caspar David Friedrich. Von 1818 bis 1857 lebte und wirkte er in Dresden.
Justinus Kerner 1786-1862
Lust der Sturmnacht
Wenn durch Berg und Tale draußen
Regen schauert, Stürme brausen,
Schild und Fenster hell erklirren,
Und in Nacht die Wandrer irren,
Ruht es sich so süß hier innen,
Aufgelöst in sel'ges Minnen;
All der goldne Himmelsschimmer
Flieht herein ins stille Zimmer:
Reiches Leben, hab Erbarmen!
Halt mich fest in linden Armen!
Lenzesblumen aufwärts dringen,
Wölklein ziehn und Vöglein singen.
Ende nie, du Sturmnacht, wilde!
Klirrt, ihr Fenster, schwankt, ihr Schilde,
Bäumt euch, Wälder, braus, o Welle,
Mich umfängt des Himmels Helle.
Gottfried Keller 1819-1890
Es dämmert, es dämmert den See herab,
Die Wasser sind gar so dunkel;
Doch wann der Blitz über den Bergen strahlt,
Was ist das für ein Gefunkel!
Dann tun dem Schiffer die Augen weh,
Er sputet sich ängstlich zu Lande,
Wo gaffend der Feierabend steht
Am fahlerleuchteten Strande.
Die Leute freuen und fürchten sich
Und wünschen ein gutes Ende
Und daß der Herr sein Schloßengericht
Nicht in den Krautgarten sende!
Jetzt zischt der Strahl in die laue Flut
Wie eine feurige Kette,
Der dumme Haufen ergreift die Flucht
Und kriecht erschrocken zu Bette!
Wann Gott einen guten Gedanken hat,
Dann sagt man: Es wetterleuchtet!
Gib acht, du Gesindel, daß nicht einmal
In deine Wirtschaft er leuchtet!
Ricarda Huch 1864-1947
Wie schaurig rauscht das Schicksal durch die Nacht!
Hoch fliegt der Purpur um die stolze Eiche,
Die Papppeln zücken Schwerter wie zur Schlacht,
Aufschluchzend neigt die Weide sich zum Teiche.
Dazwischen singt der Sturm auf seiner Geige
Ein wildes Lied – die Saite reißt entzwei,
Und durch den Aufruhr der empörten Zweige
Blitzt weiß der Himmel wie ein Schrei.
Hugo von Hofmannsthal 1874-1929
Sturmnacht
Die Sturmnacht hat uns vermählt
In Brausen und Toben und Bangen:
Was unsre Seelen sich lange verhehlt,
Da ist's uns aufgegangen.
Ich las so tief in deinem Blick
Beim Strahl vom Wetterleuchten:
Ich las darin mein flammend Glück,
In seinem Glanz, dem feuchten.
Es warf der Wind dein duft'ges Haar
Mir spielend um Stirn und Wangen,
Es flüsterte lockend die Wellenschar
Von heißem tiefem Verlangen.
Die Lippen waren sich so nah,
Ich hielt dich fest umschlungen;
Mein Werben und dein stammelnd Ja,
Die hat der Wind verschlungen ...
Georg Heym 1887-1912
Der Baum
Am Wassergraben, im Wiesenland
Steht ein Eichbaum, alt und zerrissen,
Vom Blitze hohl, und vom Sturm zerrissen.
Nesseln und Dorn umstehn ihn in schwarzer Wand.
Ein Wetter zieht sich gen Abend zusammen.
In die Schwüle ragt er hinauf, blau, vom Wind nicht gerührt.
Von der leeren Blitze Gekränz umschnürt,
Die lautlos über den Himmel flammen.
Ihn umflattert der Schwalben niedriger Schwarm.
Und die Fledermäuse huschenden Flugs,
Um den kahlen Ast, der zuhöchst entwuchs
Blitzverbrannt seinem Haupt, eines Galgens Arm.
Woran denkst du, Baum, in der Wetterstunde
Am Rande der Nacht? An der Schnitter Gered,
In der Mittagsrast, wenn der Krug umgeht,
Und die Sensen im Grase ruhn in der Runde?
Oder denkst du daran, wie in alter Zeit
Einen Mann sie in deine Krone gehenkt,
Wie, den Strick um den Hals, er die Beine verrenkt,
Und die Zunge blau hing aus dem Maule breit?
Wie er da Jahre hing, und den Winter trug,
In dem eisigen Winde tanzte zum Spaß,
Und wie ein Glockenklöppel, den Rost zerfraß,
An den zinnernen Himmel schlug.
Heinrich Heine 1797-1856
Wartet nur
Weil ich so ganz vorzüglich blitze,
Glaubt ihr, daß ich nicht donnern könnt!
Ihr irrt euch sehr, denn ich besitze
Gleichfalls fürs Donnern ein Talent.
Es wird sich grausenhaft bewähren,
Wenn einst erscheint der rechte Tag;
Dann sollt ihr meine Stimme hören,
Das Donnerwort, den Wetterschlag.
Gar manche Eiche wird zersplittern
An jenem Tag der wilde Sturm,
Gar mancher Palast wird erzittern
Und stürzen mancher Kirchenturm!
Julius Hart 1859-1930
Gewitter
Den ganzen Abend hat es schon gegrollt
Und bang geflüstert in dem dunklen Laube,
Am Landweg kam in Wind der Staub gerollt,
Die Wolke flog gehüllt in dunkle Haube,
Scheu hat der Vogel sich ins Nest geduckt,
Der Hase barg sich in dem Laub voll Schrecken,
Als fern im Ost der erste Blitz gezuckt,
Der erste Regen rauschte durch die Hecken.
Nun ist's herauf, hinsaust die tolle Jagd
Des Sturmes durch den Schloßhof, in dem Weiher
Wühlt dumpf die Flut, wie dunkle Winternacht
Hängt über Thurm und Dach der Wolkenschleier,
Die Wipfel sausen und das Schilfrohr pfeift –
Ein toller Junker, geht's durch Teich und Binsen,
Hei, wie der Nebeldunst vorüber schleift,
Ein Höllenzug mit Winseln und mit Grinsen.
Hahi und Hussa, wie das jagt und tollt.
Der Blitz fällt zuckend hin, auf erz'nem Wagen
Kommt krachend hinterher der Donner angerollt,
Vom Wolkenmantel dicht den Leib umschlagen.
Ein Feuerstrahl fährt prasselnd aus dem Wald,
Und jach zum Himmel blitzen Flammenfluthen,
Drein jagt der Sturm, daß Hang und Heide hallt,
Und peitscht die Lüfte mit rothglüh'nden Ruthen.
O, könnt' ich doch auf dieser Wolken Nacht
In Feuerlettern meine Dichtung schreiben,
Die Dichtung, höll- und himmelheiß entfacht,
Und mit dem Sturm durch alle Lande treiben.
Dann sollte, wie bei wirbelndem Trommelklang,
Die Menschheit aus dem trägen Träumen schrecken,
Schlafmordend sollte mein Gesang
Zu heil'gem Kampf die Müden wecken.
Robert Hamerling 1830-1889
Gewitter im Walde
Es braus't der Forst, Gewitterwolken fliegen,
Des Waldes Ströme schwellend sich ergießen,
Gestein und Trümmer stürzen hingerissen,
Und krachend sich die hohen Wipfel biegen.
Die Thiere tief sich in die Klüfte schmiegen.
Wer leitet mich aus diesen Finsternissen?
Doch – bei der Blitze Schein, dem ungewissen,
Seh' ich vor mir die sich're Grotte liegen.
Ich lag're hin im weichen Moose mich:
Da kommt im Traum die Schönste mir der Schönen
Und neigt zu mir sanft mit Gekose sich.
Und während fernher die Gewitter dröhnen,
Erschließt mein Herz wie eine Rose sich,
Und stillt den Sturm mit Lieb' und Liebestönen.
Klaus Groth 1819-1899
Regenlied
Walle, Regen, walle nieder,
Wecke mir die Träume wieder,
Die ich in der Kindheit träumte,
Wenn das Naß im Sande schäumte;
Wenn die matte Sommerschwüle
Läßig stritt mit frischer Kühle,
Und die blanken Blätter tauten
Und die Saaten dunkler blauten.
Welche Wonne, in dem Fließen
Dann zu stehn mit nackten Füßen!
An dem Grase hinzustreifen
Und den Schaum mit Händen greifen.
Oder mit den heißen Wangen
Kalte Tropfen aufzufangen,
Und den neu erwachten Düften
Seine Kinderbrust zu lüften!
Wie die Kelche, die da troffen,
Stand die Seele atmend offen,
Wie die Blumen, düftetrunken
In dem Himmelstau versunken.
Schauernd kühlte jeder Tropfen
Tief bis an des Herzens Klopfen,
Und der Schöpfung heilig Weben
Drang bis ins verborgne Leben. –
Walle, Regen, walle nieder,
Wecke meine alten Lieder,
Die wir in der Türe sangen,
Wenn die Tropfen draußen klangen!
Möchte ihnen wieder lauschen,
Ihrem süßen, feuchten Rauschen,
Meine Seele sanft betauen
Mit dem frommen Kindergrauen.
Hans Grasberger 1836-1898
Gewitterregen
Wie grimm du magst die Flügel schlagen,
O Sturm, ich achte dein nicht viel!
Die schweren Tropfen, wie sie jagen!
Ich schöpfe dreist frohlockendes Behagen
Aus wildem Plätscherspiel.
Mir ist, als könnt’ ich schier gesunden,
Wenn solch ein Tropfen, groß und voll,
Den Weg in meine Brust gefunden
Zur Stelle, wo die brennendste der Wunden
Und wo der tiefste Groll.
Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
Ist um mich her ein wildes Brausen,
Als wogte Wald und Felsengrund,
Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,
Die Wasserfülle sich zum Schlund,
Berufen, gleich das Tal zu wässern;
Der Blitz, der flammend niederschlug,
Die Atmosphäre zu verbessern,
Die Gift und Dunst im Busen trug –
Sind Liebesboten, sie verkünden,
Was ewig schaffend uns umwallt.
Stefan George 1868-1933
Teppich des Lebens - Gewitter
Die irren flämmchen allerwege sind erloschen
Ein jäher donner hat die hohe saat gedroschen
Der sturm der nacht zerspaltet das geäst im forste
Er stört der eber lager und der geier horste.
Der strenge könig sprengt aus seinem wolkenschlosse
Er folgt auf goldgeschirrtem pferd mit grossem trosse
Der falschen gattin die sich tummelt in den wettern
Und preisgegeben ist den zügellosen rettern.
Oft glaubt er mit der rauhen faust sie zu versichern
Doch sie entwindet sich mit einem leisen kichern –
Bis er sie festet... zwischen seines gürtels spangen
Und dem genick des pferdes ist sie quer gefangen.
Bezwungen schluchzend regt sie ihre blanken zähne
Und schüttelt zürnend ihre aufgelöste mähne
Um ihre nackten glieder spült der schiefe regen
Ihr kalter busen sieht gefasst der haft entgegen.
Gustav Falke 1853-1916
Nachtgewitter
Der runde, rote Mond rollt
auf schwarzen Wolken her.
Die Nacht ist schwül, die Nacht ist schwer,
sie zittert, wenn hinterm Wald heraus
das Wetter grollt.
Der rasche blaue Blitz tritt
herrisch aus seinem Haus
und schleudert den flammenden Speer hinaus.
Die Nacht erschrickt vor dem lodernden Schein,
zag zögert ihr Schritt.
Der runde, rote Mond kriecht
tief in die Wolken hinein.
Er will nicht ohnmächtiger Zeuge sein,
wenn der herrische Held seine bange Braut,
die Nacht besiegt.
Die steht mit gelöstem Schwarzhaar,
demütig, ohne Laut.
Durch tränenfeuchte Wimper schaut
sie auf, und der feurige Sieger küßt
ihr dunkles Augenpaar.
Gustav Falke 1853-1916
Kurzes Gewitter
Der Tag, ein Jüngling, schlank und braun,
Lehnte an meinem Gartenzaun.
Da kam ein Wetter schnell herbei,
Schlug aus der Hand ihm die Schalmei,
Fuhr hart ihn an mit Blitz und Krach:
Laß doch den Sonntagssingsang nach!
Und zauste Haar ihm, Kranz und Kleid.
Der arme Junge tat mir leid.
Doch pudelnaß noch, lachte schon
Der überraschte Sonnensohn.
Weit hinten schwamm der schwarze Graus;
Er schüttelte die Locken aus
Und pfiff, als ob er nichts erlitt,
Und alle Vögel pfiffen mit.
Heinz Erhardt 1909-1979
Das Gewitter
Der Mond verbirgt sein bleiches Licht,
die Sterne am Himmel, sie funkeln nicht.
Die Nacht ist schwül.
Im Herzen wird‘s bang.
Der Uhu krächzt einen Totengesang.
Da - bricht`s aus schwarzer Nacht hervor,
als wäre geöffnet der Hölle Tor,
als ständen die Säulen des Erdballs in Flammen,
als stürze das ganze Weltall zusammen,
und aus der Wolken feuchtem Schoß
der Regen in Strömen sich ringsum ergoss,
als wollten des Wassers wilde Gewalten
das Land zum unendlichen Meere gestalten.
Und wie es stürmt und brandet und kracht,
da, eine Jungfrau tritt hinaus in die Nacht
und ruft in die tosenden Winde hinaus:
"Na, das ist ein Dreckwetter, da bleib ich zuhaus!"
Melanie Ebhardt 1879-1919
Gewitter
Die Tanne stöhnt und ächzt im Sturm,
Die starken Äste krachen,
Der Regen strömt, unheimlich schallt
Der Schrei der Eule durch den Wald
Wie wildes, schrilles Lachen.
Die Wolken ziehen grau und schwer,
Die grellen Blitze flammen,
Der Donner kracht, – dumpf rollt es nach –
Als bräche jäh beim nächsten Schlag
Die ganze Welt zusammen!
Doch wilder ist als Sturm und Wind
Mein sehnendes Verlangen!
Jäh, wie der Blitz die Nacht zerreißt,
Erscheint mein Glück vor meinem Geist,
Das gar zu schnell vergangen.
Und wenn der Wetterstrahl erlischt,
Scheint tiefer noch das Düster. –
Dein Nachglanz, Du verlor'nes Glück,
Enthüllt die Zukunft meinem Blick
Nur grauser noch und wüster!
Karl Ferdinand Dräxler-Manfred 1805-1879
Da steht ein Baum vom Blitz gerührt,
Doch nieder nicht geschmettert,
Wen just der Weg vorüberführt,
Sieht an ihm, wie's gewettert.
Neugierde kommt und schaut ihn an,
Mitleid bedauert dann und wann,
Doch die nicht helfen, nicht stützen,
Die können alle ihm nichts nützen.
<
Max Dauthendey 1867-1918
Wenn die Wolken sich heiß
den Liebeshof machen
Ein lechzend Gewitter durch den Nachmittag strich
Und krepierend hinter die Berge hinschlich.
Als lagen Drachen im Liebeskampf,
Umbrüllten sich Wolken mit dumpfem Gestampf.
Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen,
Sitzt grell der Tod in ihrem Lachen.
Jetzt atmet das Gras wieder hell und klar;
Kühl steht die Welt an alter Stell'
Und weiß kaum noch, dass sie voll Durstgefühl war.
Franz Arnold Cöllen 1830-1860
Das Gewitter
Horchet, wie am schroffen Felsen
Wuthentbrannt der Donner prallt,
Doch die Felsen starr und trotzig,
Werfen ihn zurück zum Wald.
Und er dringt in tiefe Schluchten,
Wo er grollend wiedertönt,
Wo das Echo hundertstimmig
Keck die Elemente höhnt.
Wie aus alten Riefenschlünden
Schlag auf Schlag ins Weite hallt,
Wo aus Wald und Schlucht der Donner
Unermüdlich wiederschallt.
Blitze zwischen durch das Dunkel
Und beleuchten Hain und Flur,
Es erbittert wie im Zorne
Furchterregend die Natur.
Blitze brechen durch die Wolken
Und zertheilen ihren Flor;
Aus den frisch geris'nen Wunden
Strömen Wasserbäche vor.
Bebt Ihr, schwache Erdensöhne —
Schrecken jene Wettermassen?
Armer Mensch! Bist Du so friedlich,
Daß der Sturm Dich macht erblassen?
Schau doch in die eig'ne Seele,
Trägst ja selbst das wilde Grollen
In der Brust, in Deinen Augen,
In den stets gewittervollen.
Sieh, wie die Gefühle rasen,
Wenn sich häufet Dein Verlangen,
Wie die Gluthen sich entfesseln,
Um das Opfer zu empfangen.
Dir sind sie zu klein die Welten,
Wo Du schaffst um zu vernichten;
Taufend Dinge müssen enden,
Sich nach Deinem Willen richten.
Warum bebst Du, wenn die Gottheit
Sich verkündet in dem Sturm?
Trägst ja ew'gen Sturm im Herzen,
Schwacher, stolzer Erdenwurm!