Der Mai
Dieser Monat ist ein Kuß,
den der Himmel gibt der Erde,
Daß sie jetzund seine Braut,
künftig eine Mutter werde.
Friedrich von Logau 1604-1655
Emanuel Geibel 1815-1884
Der Mai ist gekommen
Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.
Da bleibe wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die Weite, weite Welt.
Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch
behüt'!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht.
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert;
es gibt so manchen Wein, den nimmer ich probiert.
Frisch auf drum, frisch auf im hellen
Sonnenstrahl,
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all-
mein Herz ist wie 'ne Lerche und stimmet ein mit Schall.
Und abends im Städtchen, da kehr' ich durstig
ein:
Herr Wirt, mein Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fiedel, du lustiger Spielmann du,
von meinem Schatz das Liedel, das sing' ich dazu.
Und find ich keine Herberg', so lieg' ich zur
Nacht
wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht.
Im Winde, die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Früh' das Morgenrot mich wach.
O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!
Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust;
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!
Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
Mailied
Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch.
Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust!
O Lieb', o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!
Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.
O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut
Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!
Adam von Kamp 1761-1867
Alles neu macht der Mai
Alles neu macht der Mai,
macht die Seele frisch und frei.
Laßt das Haus, kommt hinaus!
Windet einen Strauß!
Rings erglänzet Sonnenschein,
duftend prangen Flur und Hain:
Vogelsang, Hörnerklang
tönt den Wald entlang.
Wir durchziehen Saaten grün,
Haine, die ergötzend blüh'n,
Waldespracht, neu gemacht
nach des Winters Nacht.
Dort im Schatten an dem Quell
rieselnd munter silberhell
Klein und Groß ruht im Moos,
wie im weichen Schoß.
Hier und dort, fort und fort,
wo wir ziehen, Ort für Ort,
alles freut sich der Zeit,
die verschönt erneut.
Widerschein der Schöpfung blüht
uns erneuend im Gemüt.
Alles neu, frisch und frei
macht der holde Mai.
Friedrich von Hagedorn
Der Mai
Der Nachtigall reizende Lieder
Ertönen und locken schon wieder
Die fröhlichsten Stunden ins Jahr.
Nun singet die steigende Lerche,
Nun klappern die reisenden Störche,
Nun schwatzet der gaukelnde Star.
Wie munter sind Schäfer und Herde!
Wie lieblich beblümt sich die Erde!
Wie lebhaft ist itzo die Welt!
Die Tauben verdoppeln die Küsse,
Der Entrich besuchet die Flüsse,
Der lustige Sperling sein Feld.
Wie gleichet doch Zephyr der Floren!
Sie haben sich weislich erkoren,
Sie wählen den Wechsel zur Pflicht.
Er flattert um Sprossen und Garben,
Sie liebet unzählige Farben,
Und Eifersucht trennet sie nicht.
Nun heben sich Binsen und Keime,
Nun kleiden die Blätter die Bäume,
Nun schwindet des Winters Gestalt;
Nun rauschen lebendige Quellen
Und tränken mit spielenden Wellen
Die Triften, den Anger, den Wald.
Wie buhlerisch, wie so gelinde
Erwärmen die westlichen Winde
Das Ufer, den Hügel, die Gruft!
Die jugendlich scherzende Liebe
Empfindet die Reizung der Triebe,
Empfindet die schmeichelnde Luft.
Nun stellt sich die Dorfschaft in Reihen,
Nun rufen euch muntre Schalmeien,
Ihr stampfenden Tänzer, hervor!
Ihr springet auf grünender Wiese,
Der Bauernknecht hebet die Liese
In hurtiger Wendung empor.
Nicht fröhlicher, weidlicher, kühner
Schwang vormals der braune Sabiner
Mit männlicher Freiheit den Hut.
O reizet die Städte zum Neide,
Ihr Dörfer voll hüpfender Freude!
Was gleichet dem Landvolk an Mut?
Heinrich Seidel 1842-1906
Frühkonzert im Mai
Die Lerche steigt am Morgen
Noch vor der Sonne auf -
In Dämmerschein verborgen
Schwebt singend sie hinauf.
Sie badet ihr Gefieder
Im ersten Morgenstrahl
Und stürzt sich jauchzend nieder
Ins grüne Wiesenthal.
Was hat der Fink zu schlagen
Auf seinem grünen Ast?
Er hat nicht viel zu sagen,
Doch sagt er’s ohne Rast
Die Schwalbe gar im Fluge
Singt hell ihr krauses Lied.
Dieweil der Staar, der kluge,
Die Silbertöne zieht.
Die Nachtigall im Flieder
Sang schon die ganze Nacht,
Nun jauchzet sie schon wieder,
Da kaum der Tag erwacht.
Wie drängt in Frühlingstagen
Sich Liebe, Lust und Leid -
Es ist nicht auszusagen
In dieser kurzen Zeit!
In jungen Blüthenzweigen
Da rieseln fröhlich hin
Wie Pfeifen und wie Geigen
Grasmücken-Melodien.
Es tönt vom Erlenhage
Mit weichem Flötenklang
Wie eine sanfte Frage
Des Fitis holder Sang.
Es jauchzt von allen Ästen,
Aus jedem Busch hervor -
Klingt manches nicht zum besten,
Es macht sich doch im Chor.
Denn horch nur - welch ein Schwätzen
Im Schilfrohr, welch Geknarr -
Halb klingt’s wie Sichelwetzen
Und halb wie Froschgequarr!
Es brüllt im Sumpf die Dommel
Von Frühlingslust erfasst,
Der Specht rührt seine Trommel
Auf einem dürren Ast.
Der Storch im Wiesengrunde
Will auch nicht müssig sein,
Als dritter nun im Bunde
Fällt er mit Klappern ein.
Dem frühlingstrunknen Ohre
Erscheint auch dieses schön -
Zu einem frohen Chore
Schwillt all dies Lustgetön,
Und seine Klänge schweben
Empor zum Himmelszelt!
"Wie herrlich ist das Leben
Auf dieser schönen Welt!"
Dem frühlingstrunknen Ohre
Erscheint auch dieses schön -
Zu einem frohen Chore
Schwillt all dies Lustgetön,
Und seine Klänge schweben
Empor zum Himmelszelt!
"Wie herrlich ist das Leben
Auf dieser schönen Welt!"
Joseph Victor von Scheffel 1826-1886
Mai ist's jetzo. Für den Denker,
Der die Gründe der Erscheinung
Kennt, ist dieses nicht befremdlich.
In dem Mittelpunkt der Dinge
Stehn zwei alte weiße Katzen,
Diese drehn der Erde Achse,
Dieser Drehung Folge ist dann
Das System der Jahreszeiten.
Doch warum im Monat Maie
Ist das Aug' mir so beweglich,
Ist das Herz mir so erreglich?
Und warum wie festgenagelt
Muß im Tag ich sechzehn Stunden
Zum Balkon hinüberschielen,
Nach der blonden Mullimulli,
Nach der schwarzen Stibizzina?
Richard von Schaukal 1874-1942
Mai
Bist du endlich gekommen,
rosenfingriger Mai!
Töne deiner Schalmei
sind in den Lüften geschwommen.
Leise sind an den Bäumen
in einer seligen Nacht
aus ihren zagenden Träumen
weiße Blüten erwacht.
Hoch vom Himmel hernieder
spannt sich leuchtendes Blau,
und im glänzenden Tau
funkeln die Gräser wieder.
Unter den Küssen der Winde
schauernd gleitet der Bach,
stärker schon rauschen der Linde
Wimpel über dem Dach.
Julius Rodenberg 1831-1914
Wie sich die Bäume wiegen
im hellen Sonnenschein,
wie hoch die Vögel fliegen,
ich möchte hinterdrein,
möcht jubeln über Tal und Höhn.
O Welt, du bist so wunderschön
im Mai’n.
Kristan Von Hamle, Mitte 13. Jahrhundert
Der Frauen Preis
Da kommt der Mai mit Schalle!
Die Vögel singen alle;
In farbenreichem Kleide
Strahlt zauberisch die Haide.
Doch scheint ihr Glanz verblichen,
O Frau'n, mit euch verglichen.
Ihr sed so himmlisch gut,
So frei von falschem Muth,
Ihr süßen Minniglichen;
Ein Kuß von eurem Munde
Labt in des Herzens Grunde,
Mehr noch von Armen, schön und blank,
Ein williger Umfang.
Wer Tugend liebt und Ehre,
Der merke sich die Lehre,
"Er soll zu allen Zeiten
Der Frauen Lob verbreiten." -
Manch wonniglicher Segen
Beginnt wohl sein zu pflegen,
Wenn er sie fröhlich grüßt
Und fein die Rede süßt,
Nie kalt und nie verwegen.
Wenn rothe Lippen lachen
Muß alle Trauer schwachen;
Des holden Augenspieles Fund
Macht Herzen lieblich wund.
O Jubel, euch zu dienen!
Zwei Lippen wie Rubinen,
Zwei zarte Rosenwängel
Und Blicke wie die Engel
Muß jeder gerne schauen
Und eurer Huld vertrauen. -
Vor alle, was da lebt,
Und höchsten Ruhm erstrebt,
Ziemt euch der Rang, o Frauen!
Mit hunderttausend Munden
Kann Niemand würdig kunden
Und singen, was mein Lieb erhob:
Der Frauen Werth und Lob.
Rudolf Presber 1868-1935
Erziehung zum Seelenfrieden
Ich sucht' ein heilsam Kräutchen
Mir jüngst für Herzensweh.
Da sah ich zwei Liebesleutchen
In einer Pappelallee.
Sie schritten so weltvergeßlich,
Treu Hand von Hand geführt,
Und waren beide so häßlich
Und beide so gerührt.
Sie waren von ihrem Lose
Beglückt und voll Vertraun –
Er trug 'ne karrierte Hose,
Just wie ein Zirkusclown.
Ihr Blick war voller Süße,
Der Abend war hell und schwül.
Sie hatte platte Füße
Und einen Ridikül.
Das war ein Gliedergezappel,
Die Herzen zwickte der Mai –
Sie hielten mich für 'ne Pappel
Und gingen selig vorbei.
Ich stand am Straßengraben
Und schaute, wie das ging;
Sich gar so lieb zu haben
Ist doch ein schönes Ding!
Und was die Dichter schwappeln
Von Hollerbusch und so,
Es wird auch unter Pappeln
Noch mancher herzensfroh.
Und wer nicht grad' nach großen
Und seltnen Freuden strebt,
Hat in karrierten Hosen
Bescheidnes Glück erlebt.
Ioannis Kondylakis 1862-1920
Ein weicher Wind von Mai und Duft getragen,
Sinkt übers müde Land.
Mein offnes Fenster fängt ein Finkenschlagen,
Ein Sehnsuchtsruf, ein fernes Glockenfragen, –
Am Abendhimmel noch ein zartes Band.
Wie ist die Erde heut so lilienmilde,
Voll Güte unerschöpflich tief.
Ich steh vor ihrem wundersamen Bilde,
Vor dem Madonnenbild verzückt, der Wilde
Der Träumer, den sie zum Erstaunen rief.
Ioannis Kondylakis war ein griechischer Schriftsteller.
Nikolaus Lenau 1802-1850
Der Postillion
Lieblich war die Maiennacht,
Silberwölklein flogen,
Ob der holden Frühlingspracht
Freudig hingezogen.
Schlummernd lagen Wies´ und Hain,
Jeder Pfad verlassen;
Niemand als der Mondenschein
Wachte auf der Straßen.
Leise nur das Lüftchen sprach,
Und es zog gelinder
Durch das stille Schlafgemach
All der Frühlingskinder,
Heimlich nur das Bächlein schlich,
Denn der Blüten Träume
Dufteten gar wonniglich
Durch die stillen Räume.
Rauher war mein Postillion,
Ließ die Geißel knallen,
Über Berg und Tal davon
Frisch sein Horn erschallen.
Und von flinken Rossen vier
Scholl der Hufe Schlagen,
Die durchs blühende Revier
Trabten mit Behagen.
Wald und Flur im schnellen Zug
Kaum gegrüßt - gemieden;
Und vorbei, wie Traumesflug,
Schwand der Dörfer Frieden.
Mitten in dem Maienglück
Lag ein Kirchhof innen,
Der den raschen Wanderblick
Hielt zu ernstem Sinnen.
Hingelehnt an Bergesrand
War die bleiche Mauer,
Und das Kreuzbild Gottes stand
Hoch, in stummer Trauer.
Schwager ritt auf seiner Bahn
Stiller jetzt und trüber;
Und die Rosse hielt er an,
Sah zum Kreuz hinüber:
"Halten muß hier Roß und Rad,
Mags euch nicht gefährden;
Drüben liegt mein Kamerad
In der kühlen Erden!
Ein gar herzlieber Gesell!
Herr, ´s ist ewig schade!
Keiner blies das Horn so hell
Wie mein Kamerade!
Hier ich immer halten muß,
Dem dort unterm Rasen
Zum getreuen Brudergruß
Sein Leiblied zu blasen!"
Und dem Kirchhof sandt´ er zu
Frohe Wandersänge,
Daß es in die Grabesruh
Seinem Bruder dränge.
Und des Hornes heller Ton
Klang vom Berge wieder,
Ob der tote Postillion
Stimmt´ in seine Lieder.
Weiter ging´s durch Feld und Hag
Mit verhängtem Zügel;
Lang mir noch im Ohre lag
Jener Klang vom Hügel.
Clara Müller-Jahnke 1860-1905
Das Lied vom Mai
O du glühende blühende Maienzeit!
Der Himmel so blau und das Herz so weit,
vergessen die Schmerzen und Sorgen -
und was im Finstern begraben lag,
das hebt die Augen und grüßt den Tag
und lacht in den strahlenden Morgen!
Und aus den Toren der Städte zieht
eine festliche Schar, und ein jubelndes Lied
steigt hoch in die schimmernde Wolke,
ein Lied von der Zeiten wechselnder Flucht,
von den Tagen der Blüte, den Monden der Frucht,
einem freien glücklichen Volke.
Das Lied der Zukunft! Es tönt und klingt;
auf silberschimmernden Flügeln schwingt
es sich in die dunkelste Kammer
und strömt wie liebliche Maienluft
und haucht wie schwellender Rosen Duft
in des Elends erstickenden Jammer.
Das Lied der Zukunft! Es rauscht und braust;
auf feuermähnigem Rosse saust
es wie die Walküre der Sage
durch die zitternde Schwüle, die dräuenden Reihn -
und der Kampf ist sein, und der Sieg ist sein,
und es jauchzt dem vernichtenden Schlage!
Das Lied der Zukunft, das Lied vom Mai -
aus den Banden des Alltags macht es euch frei:
heut seid ihr des Frühlings Gäste.
Und mit euch segnen auf weitem Rund
die Völker der Erde den heiligen Bund
und feiern das Fest der Feste!
Justinus Kerner 1786-1862
Rat im Mai
Wo Saaten sich erheben,
Wo froh die Vögel schweben
Mit Singen himmelwärts,
In linden Maientagen,
Kannst du nicht ruhig schlagen,
Du krankes, krankes Herz?
Geh aus auf grüner Heide,
Wo's Blümlein blüht voll Freude,
In Duft, Gesang und Strahl;
Leg' dich zu ihm darnieder,
Duft, Himmelsglanz und Lieder,
Die heilen deine Qual.
Laß ganz der Menschen Streben,
Sei wieder freigegeben
Der alten Einsamkeit!
Wie Vogel singt in Lüften,
Ausströmt die Blum' in Düften,
Strömt aus, o Herz! dein Leid.
Dann kehre sonder Trauern
In armer Städte Mauern:
Es kehret ohne Weh
Die Blum' ins Erdreich wieder,
Träumt Sonnenschein und Lieder
Tief unter Eis und Schnee.
Martin Greif 1839-1911
Maienglück
Wieder streust du deine Düfte,
Blütenvolle Maienzeit,
Und im Atem deiner Lüfte
Ahn' ich deine Göttlichkeit.
In dir kehrt, die längst vergangen,
Kehrt die Jugend mir zurück,
Und in deinem Wunderprangen
Webt als Traum der Liebe Glück.
Max Kalbeck (1850-1921)
Am Wege
Hinaus zum grünen Walde gingen zwei,
Es war zur Morgenzeit im Monat Mai.
Vor ihren Augen lag die Welt so schön:
Im Duft die Täler und im Glanz die Höh'n.
Und wo ihr leichter Schritt die Wiese trat,
Da sproßten Blumen unter ihrem Pfad.
Und wo ihr Blick ins Weite suchend ging,
Da flog empor ein bunter Schmetterling.
Und Drosselschlag und Sang der Nachtigall
War ihrer jungen Herzen Widerhall. –
An einem Busch, der licht in Rosen stand,
Da faßten sie einander Hand bei Hand.
Und wo der Wald entstieg dem weichen Grund,
Da ruhten sie beisammen Mund an Mund.
Sie haben nicht den alten Mann geschaut,
Ihm waren Bart und Haare tief ergraut;
Der saß am Wege lächelnd still und brach
Zwei Rosen sich und sah den beiden nach.
Mia Holm 1845-1912
Die Liebe
Die Liebe willst du finden?
So suche sie im Mai,
Da sitzt auf Blütenbäumen
Die wunderholde Fei.
Da flattert allerwegen
Ihr weiches, grünes Haar,
Aus jeder Blume lächelt
Ihr Schelmenaugenpaar.
Doch soll ich gut dir raten,
So bleib ihr lieber fern,
Denn Necken und Betrügen,
Das hat sie gar zu gern.
Sie kost mit dir ein Weilchen
Und lässt dich dann allein,
Sie giebt für kurze Wonne
Dir lange, bange Pein.
Hugo von Hofmannsthal 1874-1929
Der Nachtigall Antwort
Nachtigall, wie sangst du so schön
Vor allen Vögelein!
Nachtigall, wie drang doch dein Lied
In jedes Herz hinein!
Wenn du sangest, rief die ganze Welt:
Jetzt muß es Frühling sein.
Nachtigall, wie drang doch dein Lied
In jedes Herz hinein!
Nachtigall, was schweigest du nun?
Du sangst so kurze Zeit.
Warum willst du singen nicht mehr?
Das thut mir gar zu leid.
Wenn du sangest, war mein Herz so voll
Von Lust und Fröhlichkeit.
Warum willst du singen nicht mehr?
Das thut mir gar zu leid.
»Wenn der Mai, wenn der liebliche Mai
Mit seinen Blumen flieht,
Ist es mir so eigen ums Herz,
Weiß nicht, wie mir geschieht.
Wollt' ich singen auch, ich könnt' es nicht,
Mir gelingt kein einzig Lied.
Ja es ist mir so eigen ums Herz,
Weiß nicht, wie mir geschieht.«
Maikönigin &
Whitsun Pride (Pfingstbraut)
Seit dem Mittelalter zählen Maikönigin bzw. Pfingstbrau zum europäischen Maibrauchtum. Im deutschen Kulturraum war es verbreitet, das schönste Mädchen einer Gegend zur Maikönigin bzw Pfinngstbraut zu küren ... hier weiterlesen (Wikipedia)
Ludwig Heinrich Christoph Hölty 1748-1776
Mailied
Der Schnee zerrinnt,
Der Mai beginnt,
Die Blüten keimen
Auf Gartenbäumen,
Und Vogelschall
Tönt überall.
Pflückt einen Kranz,
Und haltet Tanz
Auf grünen Auen,
Ihr schönen Frauen,
Wo junge Main
Uns Kühlung streun.
Wer weiß, wie bald
Die Glocke schallt,
Da wir des Maien
Uns nicht mehr freuen:
Wer weiß, wie bald
Sie, leider, schallt.
Drum werdet froh,
Gott will es so,
Der uns dies Leben
Zur Lust gegeben!
Genießt der Zeit,
Die Gott verleiht!
Robert Reinick 1805-1852
Mai
Frühling, Frühling überall,
Blüten allenthalben;
Horch, wie rauscht der Bach im Tal
Sieh', schon Störch' und Schwalben!
Lämmer springen auf den Weiden,
Kinder singen voller Freuden,
Kuckuck ruft und Nachtigall:
»Frühling, Frühling überall!«
Heinrich Heine 1797-1856
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.
Demetrius Schrutz (1856-1938)
Der blühende Mai
Es blühen die Auen, es blühen die Bäume,
Ich träume so süße, so wonnige Träume,
Es schwellt mir die Brust und es schwellt mein Gemüts
Da sproßt auch im Herzen manch duftige Blüte;
Und wißt ihr, wer schuld wohl an alledem sei?
Kein anderer sonst als der blühende Mai!
Es blühen die Auen, die Blumen, sie blühen,
Mild leuchten die einen, die anderen glühen,
Wie viele der Kelche sich auch schon erschlossen,
Es kommen stets neue und neue zum Sprossen;
Und wißt ihr, wer schuld wohl an alledem sei?
Kein anderer sonst als der blühende Mai!
Es blühen die Blumen, die Bäume, die Auen,
Es blühen als schönste der Blumen die Frauen,
Doch schöner als alles mein Mädchen erblühet,
Von Liebe und Luft wie die Rose sie glühet;
Und küß ich die Schlanke, gesteh’ ich es frei:
Sie wäre noch schöner als blühender Mai!
Ludwig Thoma 1867-1921
Im Maien
Ach! Im Maien
Im Frühlingsüberschwange
Fühlt ein jedes Hundeherz
Sich getrieben von dem Drange,
Ohne Ruh
A-hu! A-hu!
Von der Liebe süßem Schmerz.
Milder werden ihre Sitten;
Es ergreift Melancholie
Alle, die vergeblich bitten.
Darum du
A-hu! A-hu!
Hundedame, höre sie!
Fühlst du keine jener Schwächen,
Die das Herrenvolk verehrt?
O! das muß sich einmal rächen!
Nur so zu!
A-hu! A-hu!
Auch der Mops hat seinen Wert.
Eh du's meinst, vergeht die Jugend;
Und mit der du so gegeizt,
Gerne gäbst du deine Tugend,
Alte Kuh!
A-hu! A-hu!
Die dann keinen Pinscher reizt.
Mädchen! sieh an diesen Hunden,
Was auch unsere Wünsche sind!
Hast du wen im Mai gefunden,
O so tu!
A-h ! A-hu!
Alles, was er will, mein Kind!
Otto Julius Bierbaum 1865-1910
Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!
Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.
Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!
Achim von Arnim 1781-1831 &
Clemens Brentano 1778-1842
Mailied
Im Maien im Maien ists lieblich und schön,
Da finden sich viel Kurzweil und Wonn';
Frau Nachtigall singet,
Die Lerche sich schwinget
Über Berg und über Thal.
Die Pforten der Erde, die schließen sich auf,
Und lassen so manches Blümlein herauf,
Als Lilien und Rosen,
Violen, Zeitlosen,
Cypressen und auch Nägelein.
In solchen wohlriechenden Blümlein zart,
Spazieret eine Jungfrau von edeler Art;
Sie windet und bindet,
Gar zierlich und fein,
Ihrem Herzallerliebsten ein Kränzelein.
Da herzt man, da scherzt man, da freuet man sich,
Da singt man, da springt man, da ist man fröhlich;
Da klaget ein Liebchen
Dem andern sein' Noth,
Da küßt man so manches Mündlein roth.
Ach Scheiden, ach Scheiden, du schneidendes Schwerdt,
Du hast mir mein junges frisch Herzlein verkehrt.
Wiederkommen macht,
Daß man Scheiden nicht acht't;
Ade, zu tausend guter Nacht.
Im Maien, im Maien, da freuet man sich,
Da singt man, da springt man, da ist man fröhlich,
Da kommet so manches
Liebchen zusammen;
Ade, in tausend Gottes Namen.
(aus: Des Knaben Wunderhorn)
Theodor Storm 1817-1888
Mai
Die Kinder schreien »Vivat hoch!«
In die blaue Luft hinein;
Den Frühling setzen sie auf den Thron,
Der soll ihr König sein.
Die Kinder haben die Veilchen gepflückt,
All, all, die da blühten am Mühlengraben.
Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest
In ihren kleinen Fäusten haben.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798–1874
Zum Reigen herbei
Zum Reigen herbei
Im fröhlichen Mai!
Mit Blüten und Zweigen
Bekränzt euch zum Reigen!
Im fröhlichen Mai
Zum Reigen herbei!
Zum Reigen herbei!
Mit Jubelgeschrei
Die Vögel sich schwingen,
Sie rufen und singen
Mit Jubelgeschrei:
Zum Reigen herbei!
Max Dauthendey 1867-1918
Erster Mai
Erster Mai.
Alle Wiesen keimen,
Alle Vögel reimen,
Kleine Blumen scheinen,
Mädchen in lachendem Schwarm,
Tausend Sonnen warm.
Mai, du machst mich arm,
Ich muß niederknien,
In meine Hände weinen.
Maikäfer, frz. hannetons
Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Maikäfer nicht nur als Hühnerfutter genutzt, sondern fanden auch in der Küche Verwendung. In Frankreich und Teilen Deutschlands wurden sie geröstet und zu Maikäfersuppe verarbeitet. In Konditoreien waren sie verzuckert oder kandiert als Nachtisch zu haben. Wikipedia
Clemens Brentano 1778-1842
Wie sich auch die Zeit will wenden, enden
Will sich nimmer doch die Ferne,
Freude mag der Mai mir spenden, senden
Möcht' Dir alles gerne, weil ich Freude mir erlerne,
Wenn Du mit gefaltnen Händen
Freudig hebst der Augen Sterne.
Alle Blumen mich nicht grüßen, süßen
Gruß nehm' ich von Deinem Munde.
Was nicht blühet Dir zu Füßen, büßen
Muß es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde,
Bis Du mir mit frohen Küssen
Bringest meines Frühlings Kunde.
Wenn die Abendlüfte wehen, sehen
Mich die lieben Vöglein kleine
Traurig an der Linde stehen, spähen
Wen ich wohl so ernstlich meine, daß ich helle Tränen weine,
Wollen auch nicht schlafen gehen,
Denn sonst wär' ich ganz alleine.
Vöglein euch mag's nicht gelingen, klingen
Darf es nur von ihrem Sange,
Wie des Maies Wonneschlingen, singen
Alles ein in neuem Zwange; aber daß ich Dein verlange
Und Du mein, mußt Du auch singen,
Ach das ist schon ewig lange.
Heinrich Leuthold 1827-1879
Lebewohl
Noch einmal laß, du holde Fei,
In meinem Arm dich wiegen!
Das war ein wundersamer Mai,
So süß und so verschwiegen.
Ich kann es nicht; doch könnt' ich's auch,
Ich möchte dich nicht halten,
Da sich im ersten Frühlingshauch
Die Schwingen dir entfalten.
Du weißt es wohl, die tiefste Kluft
Liegt zwischen unsern Pfaden;
Es ist dein Loos, in Glanz und Duft
Des Glückes dich zu baden.
Leb' wohl, leb' wohl! Das Band zerriß,
Gewoben aus eitel Wonne...
Mein Leben liegt in Finsterniß,
Du bist ein Kind der Sonne.
Emil Claar 1842-1930
Der letzte Mai
Heut ist der allerletzte Mai
Und der schöne Frühling vorbei.
Wie gut, daß der Mensch nicht weiß, nicht sieht,
An welchem Tag sein Frühling entflieht!