Frieda Jung 1865-1929
Nach dem Regen
Jedes Blättchen blank vom Regen!
Edelsteingeschmückt der Strauch!
Jede Wurzel trank sich Segen,
Jede Blüte Lebenshauch.
Voll gestillt das heiße Sehnen
Der ermatteten Natur!
Wie der Glanz von Freudentränen
Liegt es rings auf Feld und Flur!
Ada Christen 1839-1901
Nach dem Regen
Die Vögel zwitschern, die Mücken
Sie tanzen im Sonnenschein,
Tiefgrüne feuchte Reben
Gucken ins Fenster herein.
Die Tauben girren und kosen
Dort auf dem niedern Dach,
Im Garten jagen spielend
Die Buben den Mädeln nach.
Es knistert in den Büschen,
Es zieht durch die helle Luft
Das Klingen fallender Tropfen,
Der Sommerregenduft.
Joseph Freiherr von Eichendorff
Wetterleuchten
Wetterleuchten fern im Dunkeln;
Wunderbar die Berge stehn,
Nur die Bäche manchmal funkeln,
Die im Grund verworren gehn.
Und ich schaue froh erschrocken,
Wie in eines Traumes Pracht,
Schüttle nur die dunklen Locken, –
Deine Augen sind die Nacht.
Guido Zernatto 1903-1943
Hochwasser
Um sieben ging ich noch ums Haus
Und sah den Wolken zu.
Im Westen stand’s wohl dunkelgrau
Und türmte sich zu steilem Bau.
Um neun ging ich zur Ruh.
Es mag um zwölf gewesen sein.
Da kracht’ ein Donnerschlag.
Ein scheußlich schwefelgelbes Licht
Schien mir durchs Fenster ins Gesicht
Fast wie am hellen Tag.
Ich stand schnell auf und trat vors Haus,
der Regen peitschte her.
Da schrie schon einer durch die Nacht:
„Das Wasser kommt! Die Wehre kracht!“
Und dann: – ein schwarzes Meer.
Die Wasser reißen Mauern ein,
Sie gurgeln durch den Stall.
Beim Stadel staut’s! Das hält er nicht!
Ein langes Warten, bis er bricht
Im erdig braunen Schwall.
Und jetzt blökt obdachlos mein Vieh!
Ich bin ins Nichts gesetzt!
Die Kinder schmiegen sich an mich.
Am Himmel zieht ein Krähenstrich.
Was jetzt?
Fred Endrikat 1890-1942
Regenwetter
Da sitzt man nun und wartet auf die Sonne.
Der Himmel baumelt wie ein nasser Sack hernieder.
Aus Wolkenfetzen blickt ein Schimmer hin und wieder
in meine Kammer wie in eine Regentonne.
Man wartet schon am Abend auf den nächsten Morgen.
Der kommt mit Wasserstiefeln und mit einer Nebelmütze,
klopft an das Fenster und schiebt durch die Ritze
schon wieder ein Paket mit neuen Sorgen.
Man wartet still von einem Jahr zum andern,
es schmerzt die Brust, die Seele wird zermürbt.
Die Jahre und die Ideale wandern,
bis daß der letzte Hoffnungsschimmer stirbt.
Da hockt man nun in seiner Regentonne
und findet niemals die ersehnte Ruh.
Man sitzt und wartet, wartet auf die Sonne –
und wenn sie da ist, zieht man die Gardinen zu.
Hans Leifhelm 1891-1947
Im Regen
Unterm Holzdach hocken,
Wenn die Wasser rauschen, wenn die Regenfrauen
Murmelnd wandeln durch die nassen Auen,
Triefend wehen ihre Wasserlocken –
Unterm Holzdach ist es gut zu warten,
Einmal wieder wohl
Pfeift der Goldpirol,
Und die Rosen leuchten heiß im Garten.
Hör die Tropfen fallen, hör die Tropfen hallen,
Rings im Kreise singt das Regenlied,
Abwärts geht die Wasserflut mit Schallen,
Die die Erde saugend niederzieht,
Hier im Regenwebstuhl sitzen wir gefangen,
Nässe steht in Fäden steil und schwer,
Nässe flackert wie der Einschuß quer,
Den die Regenweberschifflein schwangen,
Aber müder wehen schon die Strähnen,
Aber ferner wird schon der Gesang,
Wie ein leises Echo nur zu wähnen
Von des talwärts ziehnden Wassers Gang.
Warten noch und lauschen,
Letzte Tropfen fallen, leise durch die Ruhe
Geht schon wieder Takt der Wanderschuhe,
Und die regenschweren Wipfel rauschen,
Unterm Holzdach warten wir noch gerne,
Dampfend liegt das Tal –
Da, mit einemmal
Leuchtet hoch am Passe blau die Ferne.
Rainer Maria Rilke 1875-1926
Der Sommerregen
Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark
ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guss
erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als dürften sie nich hören was wir sagen.
Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtet als Kind.
Elisabeth Kulmann 1808-1825
Die Wolken
Seid mir gegrüßt, ihr Wolken!
Allwissende, denn Töchter
Seid ihr des Meers, und wisset
Was alles seine Tiefen
Geheimnißvoll verhüllen;
Und kaum geboren, steiget
Ihr in das Reich der Lüfte,
Und schauet auf den Menschen,
Den die Natur an's Erdreich
Gefesselt hält, hernieder
Aus schwindelhafter Höhe.
Wie euch beliebet, wallet
Nach Osten und nach Westen,
Nach Süden oder Norden
Ihr auf windschnellen Flügeln,
Und sehet Berg' und Thäler
Und Wälder und Gefilde,
Unabsehbare See,
Der Ströme Quell' und Mündung
Mit einem einz'gen Blicke,
Und seht auf Städt' und ihre
Unruhigen Bewohner,
Ameisenhaufen ähnlich,
Mitleidig lächelnd nieder.
Selbst tragt in euerm Schooße
Ihr Sturm, Gewitter, Regen.
Hier schnellt ihr Schlangenblitze,
Gefolgt von lauten Donnern;
Da schüttelt ihr die Wipfel
Erhabner Eichenwälder;
Dort strömt wohlthät'gen Regen
Ihr auf die dürren Felder.
Ihr spielet mit der Sonne,
Dem Monde und den Sternen,
Bald sie in voller Klarheit
Uns Sterblichen hienieden
Darstellend, bald in zarte,
Oft auch in dichte Schleier,
Wie's euch gefällt, sie hüllend.
Maximilian Bern 1849-1923
Wetterleuchten
Zerrissene Wolken schimmern hell;
Matt funkeln vereinzelte Sterne.
Ein Wetterleuchten, feuergrell,
Zuckt auf in dämmernder Ferne.
Die flammende Unrast, abends spät
Von der Tagesschwüle geboren,
Dies Lenzgewitter, das rasch vergeht,
Im Grenzenlosen verloren:
Gemahnt an deine Liebe mich,
Die einst in heißen Stunden
So blendend kam, so jäh verblich
Und längst in Nacht entschwunden.
Stefan Zweig 1881-1942
Nacht am Gebirgssee
Leise zieht mein Boot in blassen Wellen,
Die den Sternenreigen funkelnd spiegeln,
Breite, duftumhüllte Silberquellen
Rinnen von den mondbeglänzten Hügeln.
Und der Nebel sinkt in faltenschweren
Lichtgewanden müde um die Bäume,
Dunkeltrotzig starren rings die Föhren
Wie versteinte, sorgendüstre Träume.
Und von wildzerzackten Felsenwänden
Schwebt die Nacht behutsam durch die Stille
Und sät Frieden aus mit leisen Händen …
Lautlos zieht die blanke, schwanke Zille.
Lautlos schmiegen sich die weichen, feuchten
Bergseefluten an die helle Planke…
Tiefe Ruh … Nur fern ein Wetterleuchten
Wie ein wachgewordener Gedanke …
Wolfgang Borchert 1921-1947
Versuch es
Stell Dich mitten in den Regen,
glaube an den Tropfensegen,
spinn Dich in dies Rauschen ein
und versuche, gut zu sein!
Stell Dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind –
laß den Sturm in Dich hinein
und versuche, gut zu sein!
Stell Dich mitten in das Feuer –
liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein
und versuche, gut zu sein!