Hermann Hölty 1828-1897
Unter und nach dem Gewitter
I.
Die See ist still. Ein regungsloses Schweigen!
Zuweilen nur ein Zittern und ein leises
Beklomm’nes Atmen, und ihr dunkles Auge
Schaut bang nach oben, wie um Gnade flehend.
Denn eine dunkle schwere Wetterwolke
Droht auf die See herab in finstrem Zorne.
Ihr Auge scheint zu sprechen: Rühr’ dich nicht!
Und keinen Laut! sonst blitz’ ich auf dich nieder.
II.
Es hat die Sonne und der Wind geschlagen
Nach langem schweren Kampf das Wolkenheer;
Und seine letzten Schatten fliehen, jagen
Wie irrende Gespenster über’s Meer.
Das Licht verfolget sie mit güld’nen Pfeilen
Und grüßt hernieder: See, du bange Maid,
Sieh, wie die Finstern in die Weite eilen!
Wir haben sie besiegt! du bist befreit!
Und tief aufatmet sie, und doch noch bebt sie.
Denn dass sie nun erlöst, sie fasst’s noch nicht,
Das blaue Auge aber dankbar hebt sie
Nach oben zu der Sonne Angesicht.
Arno Holz 1863-1929
Abziehendes Gewitter
Gegen
eine dunkele,
dumpf verrollende, schrägschwarz abziehende
Wetterwand,
aus
der mich noch
die
letzten schweren,
stürzenden Schlossen treffen,
plötzlich,
die Luft wird licht, die Lachen
flimmern,
der gärende, wählende, weißgrau brodelnde Himmel über mir
jählings, zerreißt,
sprühblitzt ... die Sonne!
Jagende Wolken! Blendendes Blau!
Ins grüne Gras greift der Wind, Silberweiden sträuben sich.
Den
Kopf vorgeduckt,
die Augen fast zu, den Hut in die Stirn,
kämpfe ich mich
durch den fegend sausenden,
stürmisch brausenden, entfesselt tobenden Frühlingsaufruhr!
Mit
einem Mal,
die Brust atmet auf, mein Mantel flattert nichtg mehr,
ich blicke erstaunt um mich
alles ... still.
Der ganze Spektakel, Lärm und Tumult,
kein Blättchen rührt sich, kein Hälmchen schwankt,
auch
nicht das leiseste,
sanfteste, zarteste Lüftchen mehr,
wie
weggeblasen!
Erquickende, friedliche, glasklare
Frische!
Der Himmel glänzt, eine kleine Meise singt wieder,
ich spüre wohligste
Wärme.
Auf einem jungen Erlenbaum,
regenbogenschillernd, edelsteinfunkelnd,
märchenbunt,
leuchtwiegen, blinkdrehen,
spiegelschaukeln
sich
spielschwebend, tanzhangende,
seligkeitszitternde
Tropfen!
Heinrich Steinheuer 1819-1889
Die dicke Tanne
Sie hob so stolz und prächtig
Ihr Haupt zur Höh empor,
Sie wehte riesenmächtig
Weit über der Bäume Chor.
Wie trotzte sie den Zeiten
Wohl ein Jahrhundert fast,
Sah sie vorüber schreiten,
Trug stark der Jahre Last.
Jetzt steht zerfetzt in Splitter
Die Tanne morsch verheert,
Ein einziges Gewitter
hat alle Pracht zerstört.
Oh Menschenherz, Dein Streben,
Und wär es noch so hoch,
Wie gleicht Dein inn'res Leben
Der morschen Tanne doch.
Heinrich Seidel 1842-1906
Nach dem Gewitter
Friede, Friede!
Golden versank die Sonne
Im rosigen Wolkenmeer. -
Hinter den Bergen,
Fern und ferner
Verhallet der Donner,
Röthlich glimmen die Häupter der Berge,
Doch im Thale schon
Sinken die Schatten.
So nach des Lebens
Streben und Ringen -
Wenn meine Stunde naht -
Möchte ich scheiden,
Wie dieser Tag -
Friedfertig.
Nach dem Zucken der Blitze
Und dem Rollen des Donners,
In den süßen Frieden der Nacht,
Tiefer und tiefer
Schwindet das Roth.
Es dunkeln die Berge -
Aus den schwarzen Tannenzacken
Steigt der Mond hervor
Ueber die träumende Welt.
Friede, Friede!
Joachim Ringelnatz 1883-1934
Nach dem Gewitter
Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
Summt es, als wäre ich besoffen.
Der Doktor Berninger äußerte sich
Darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär' typisch für mich,
Das mit dem Blitz wär' erlogen.
Adolf Friedrich von Schack 1815-1894
Nach dem Gewitter
Nun zerreißt des Wetters Dach;
Matt verhallt das Sturmgetose;
Durch die Risse nach und nach
Blickt das Blau, das schleierlose;
Und wie sich der Sternenraum
Aufthut bis ans Weltenende,
Falten an der Wolken Saum
Engel zum Gebet die Hände.
Und hernieder wallt ein Ton
Von der Sonnen Feierreigen,
Die seit Ewigkeiten schon
Droben sinken oder steigen,
Reißt nach Sturm und Wettergroll
Aufwärts, aufwärts meine Seele,
Daß sie einstimmt andachtsvoll
In die himmlischen Choräle.
Wilhelm Raabe 1831-1910
Vorüber
Nun ist es vorüber,
Nun ist es geschehn,
Die Donner verrollen,
Die Wolken verwehn.
Es leuchtet, es blitzet
Die Wiese, der Wald.
Was eben noch dunkel,
Wie hellt's sich so bald!
Nun ist es geschehen,
Nun ist es getan!
Es war ja ein Traum nur,
Es war nur ein Wahn!
Vom Zweige es träufet,
Die Wimper ab auch;
wie funkeln die Tropfen
An Blättlein und Aug'!
Wie leuchtet die Sonne
Mit glänzendem Schein,
Über Berg, über Tal,
Ins Herz mir hinein!
Detlev von Liliencron 1844-1909
Wenn letzter Donner fern verrollt
Nach dunkler Sonnenstunde:
Schon winkt ein erstes Wolkengold
Dem regensatten Grunde:
Die Sonne küßt die Gräser wach,
Die lieben Lerchen singen,
Es trägt der Wind den blauen Tag
Empor auf kühlen Schwingen.
In solcher Stunde senkt mich ein,
Viel Müh ist nicht vonnöten,
Es wird die Erde hinterdrein
Mir rasch den Sarg verlöten.
Streut Rosen, Rosen in das Grab,
Und spielt Trompetenstücke;
Dann brecht mir meinen Wanderstab
Mit fester Hand in Stücke!
Es fiel ein Blatt vom Baum, es fiel
Durch fruchtbeschwerte Äste.
Nun geht zu euerm eignen Ziel,
Ihr meine letzten Gäste.
Zum eignen Ziel geht spielbereit,
Schwenkt hoch die Trauerfahnen,
Froh, daß ihr noch auf Erden seid
Und nicht bei euern Ahnen!
Moritz Hartmann 1821-1872
Nach dem Gewitter
Helldunkle Nacht. - Die Tropfen fallen
Melodisch aus den Blättern;
Die Erde ruht von Wettern,
Die hinter fernem Waldessaum verhallen.
Zahllose Rosenblätter, von Gewittern
Hoch in die Luft getragen, zittern
Zur Erde und zum Strauch zurück,
Wie Träume zu verlassnem Glück.
Ein wallender Schleier ist die Luft, gewebt
Aus Schwarz und Blau und Perl und Gold;
Was er bedeckt - ich weiß nicht, ob es bebt
Vor Freuden oder Schmerz -
Und was erbeben macht mein Herz,
Ist es ein Weinen, ist’s ein Kichern hold?
Gottlob Kemmler 1823-1907
Nach einem Gewitter
Horch, wie nach dem Gewitterregen
Die Lerche doppelt fröhlich singt!
Wie sie mit leichten Flügelschlägen
Durch die zerriss’nen Wolken dringt!
Wie glänzt mit neu erfrischtem Laube
Der Wald und atmet Lebensluft!
Wie richten sich, befreit vom Staube,
Die Blumen auf in Schmelz und Duft!
So möcht’ ich alles von mir legen,
Was meine Seele drängt und drückt,
Aufschwingen mich dem Licht entgegen,
Das tröstend durch die Wolken blickt,
Mein Herz im Frieden Gottes stillen
Und ganz, vom Staub der Erde rein,
Ein Mensch nach Gottes Schöpferwillen,
Nach Gottes Lichtgedanken sein.
Martin Greif 1839-1911
Nach dem Gewitter
Das Wetter ist niedergegangen,
Die Wolken, die grollend und grau
Ins schwüle Gebirge gehangen,
Sie stillten der Wälder Verlangen,
Gelöst in unendlichen Thau;
Der Himmel ward heiter und blau.
Wohl zittern wie flammend die Lüfte,
Doch kühlet ein Wehen sie lind
Und trägt durch die dampfenden Klüfte
Der Kräuter gewürzige Düfte;
Wo rege die Wipfel noch sind,
Erschauern die Sträucher im Wind.
Breit fluthet der Bach von den Fällen,
Der wirbelnd im Thale noch schwillt;
Rings tausend lebendige Quellen
Enteilen mit murmelnden Wellen:
Der Balsam, der köstliche, quillt,
Der Durst ist in Strömen gestillt.
Heinrich Bone 1813-1893
Nach einem Gewitter
O so fühlt doch diese Wonne,
Dieses Leben, diese Lust!
Zieht herab die frische Sonne,
Preßt sie mir an meine Brust.
Will mit ihr ins Gras mich legen
Auf das kühlerquickte Land,
Mit ihr schlürfen von dem Segen,
Den uns Gott herabgesandt.
Friedrich Martin Bodenstedt 1819-1892
Nach dem Gewitter
Erst eben Donnergerolle
In flammender Wolkenschlacht,
Und nun die zaubervolle
Selige Stille der Nacht!
Es flohen die Ruhestörer
Des Tages vor ihr hin,
Wie die besiegten Empörer
Vor ihrer Königin.
Hell schwimmt im Wasserspiegel
Der ganze Himmelsdom —
Es drückt sein Sternensiegel
Der Himmel ans den Strom.
Nur matt am Himmelssaume
Leuchtet's noch ab und zu,
Wie sich der Geist im Traume
Noch regt in Schlafesruh'.
Ida John 1842-1907
Weinblüte
1891
O wilde Nacht! Wie flogen die Blitze hin und her! –
Nun ist der Sturm verzogen, kein Lüftchen regt sich mehr,
Erquickung deckt und Schweigen die mondbeglänzte Flur;
Schwer tropft es von den Zweigen, verweint noch liegt Natur.
Der Vaterhuld im Schoße ruht das verwöhnte Kind,
Vom Falter träumt die Rose, im Grase schläft der Wind.
Das Lied nur wacht, und leise erklingt am Wasserfall
Fern - fern die Sehnsuchtsweise einsamer Nachtigall.
Vom Osten, überm Weiher, am Berge schreitet hin
Mit Krone, Stab und Schleier die schönste Königin;
Ein Schimmer, nicht zu sagen, strahlt auf wohin sie spät,
Und Balsamwölkchen tragen die Feen-Majestät.
Sie neigt das Haupt, das holde, sie lächelt wie im Traum
Und senkt den Stab von Golde in jeder Blüthe Flaum,
Schöpft Honig, Thau und Düfte und braut im Waldesdom
Harzgeist und Sommerlüfte zu würzigem Arom.
Mischt drein die Wundersäfte aus diamantnem Krug,
Geheimnisvolle Kräfte, Lorbeer und Freiheitsflug,
Ein Tröpflein Gift und Lieder, Schlafkraut und Poesie,
Dazu von Lenz und Flieder die alte Melodie;
Vom Vaterland die Träume, der Liebe Rosengluth,
Herzheil und süße Schäume, Siegwurz und Drachenblut.
Ein Strahl nun, wie auf Erden kein Auge je gesehn,
Durchleuchtet all das Werden: Der Zauber ist geschehn!
Sie trägt in Schleierfalten die Spende, gnadenreich,
Sie schwebt in heil'gem Walten, unhörbar, elfengleich;
Und wo an Pfahl und Gitter ein Weinstock grünt im Rund,
Da faßt’s ihn wie Gewitter bis auf der Wurzel Grund;
Um seine goldnen Schosse wandelt die Königin
Und sprüht die Tracht, die lose, wie Perlen drüber hin.
Das kleinste Blatt erschauert, berührt vom süßen Gruß,
Weinblüte, grün vermauert, wacht auf beim Weihekuß.
Die zarten Triebe regt sie und sprengt das enge Haus,
Ihr winzig Sein bewegt sie verschämt ins All hinaus.
Und jetzt - in tausend Strahlen flammen auf der junge Tag,
Im Purpurlichte malen sich Berg und Waldeshag.
Im Lichte, Blüthe, lebe! Gesegnet sei dein Lauf
Vom Mutterarm der Rebe bis in das Glas hinauf!
Die Welt kann nicht zerfallen, so lang dein Feuerblut,
Auffunkelnd in Pokalen, manch heilig Wunder thut.
Doch dir, bewährter Zecher, sei immerdar erblüht
Ein Rosenkranz am Becher, Weinblüthe im Gemüth!
Julius Rodenberg 1831-1914
Regenbogen
Noch schweben die Wolken zerrissen,
Noch hangen sie tief und schwer,
Mit den brütenden Finsternissen
Kämpft des Lichtes goldener Speer.
Und wo er sie trifft mit Funkeln,
Wie stäubt da die wilde Jagd!
Da strahlen die Wellen, die dunkeln,
Da blitzt es wie Gold und Smaragd.
Mit Staunen folgt und mit Freude
Der Blick dem verworrenen Hauf',
Phantastische Wolkengebäude
Steigen am Himmel herauf.
Schimmernde Seepaläste,
Wiesen von grünem Schein;
Die Sonne, der Wind als Gäste,
Die wandeln dort aus und ein.
Nun aber stürzt Turm und Mauer,
Und alles wird öd und fahl;
Ein eisiger Regenschauer
Löscht aus den letzten Strahl.
Es ballt sich zu finstrer Masse
Das Grau, das den Himmel verhüllt,
Bis plötzlich sich jene blasse
Wolke mit Glut erfüllt.
Karl Stelter 1823-1912
Regenbogen
Regenbogen, Himmelsbogen,
Deiner Farben Pracht
Hast den Blumen du enflogen,
Heimlich über Nacht.
Blumen wie sie auf den Fluren,
In den Beeten sind —
Aller Blumen Farbenspuren
Trägst du Himmelskind.
Hast sie sorglich schön gestaltet,
Künstlerisch gewählt,
Allen Schmuck und Glanz entfaltet,
Der dein Bild beseelt.
Wenn der Sonne Feuerstrahlen
Sich im Tropfen Thau
Brechend, deinen Bogen malen,
Wird der Aether blau.
Blau der Himmel, blau die Fluthen
Die dein Spiegel sind —
Deines Glanzes Strahlengluthen
Löscht kein rauher Wind.
Regenbogen, Himmelsbogen
Deiner Farben Macht
Hat um mich ein Band gezogen,
Mährchenhafter Pracht.
Und das Band es zieht mich nieder
Zu der Blumen Reich,
Und da find' ich immer wieder
Daß die Farben gleich.
Franz Werfel 1890-1945
Regenbogen und Hoffnung
Die Stadt in Wetter und Gewölk geschlagen,
Von niedrer Schwalben Schmerzensflug durchtobt.
Doch jenseits leichter Berg, emporgetragen,
Aus Graus und Pfuhl dem Himmel anverlobt.
Den einen Fuß in Heiterkeit verloren,
Der andre stampft in Donner, Zorn und Krampf,
Bäumt sich der Bogen, seelenvoll geboren
Aus Schwanenlicht und fürchterlichem Dampf.
Die ungeheure Zwieheit ist begonnen.
Gott stößt sich ab, und spricht mit neuem Mund.
Und ist das Bunte tränenhaft zerronnen,
Gestiftet steht der alte erste Bund.
Das Hüben noch von Pest und Strahl vergiftet,
Das Drüben schon in maßlos weißem Bad.
Wer weint mit mir? Gelichtet und gelüftet,
Steht in uns auf der alte Ararat.
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Theobald Nöthig 1841-1900
Regenbogen
Der schwüle Tag hat ausgewittert,
Der Schöpfung Geist ruht auf der Flur;
Von heißer Leidenschaft durchzittert
Bemeisterte sich die Natur.
Beruhigt ihre Pulse klopfen...
Der letzte Donner fern verhallt.
Im Grase zeugen nur noch Tropfen
Von ihres Heldenstreits Gewalt.
Der Friedensbund ward neu geschlossen,
Die Gärten hauchen würzigen Duft,
Der Eichwald glänzt von Gold umflossen
Und Tauben steigen in die Luft.
Hervor aus dunkler Wolkenbraue
Blitzt schon das Sonnenauge klar,
Dass man am bunten Bogen schaue,
Wer in dem Kampfe Sieger war.
Johannes Dose 1860-1933
Der Regenbogen
Wenn die Regenwolken sind verflogen,
Und die Sonne über Tränen lacht,
O dann spannt der Herr den Friedensbogen,
Der mein Herz so fest und freudig macht;
Denn er stehet überm Erdenvolke
Als Jehovas ewig treue Wacht,
Und so oft wir sehn ihn in der Wolke,
Hat der Herr an seinen Bund gedacht.
Er gedenkt der Ärmsten seiner Armen,
Deren Herzens Dichten nimmer recht,
Und er flieht mit herzlichem Erbarmen,
Was wir für ein elendes Gemächt.
Er gedenket, dass wir sind verführet,
Unter Feindeshand verkaufet auch,
Und er spähet, ob er irgend spüret
Eines Noahherzens Opferrauch.
Sei gegrüßet mir, o Bundeszeichen,
Das mit sagt: Ich bleibe, der ich bin!
Und die Erdenhügel fallen hin,
Doch der alte Gott, der ewig treue,
Der durch Gnaden führet es hinaus,
Und der nimmermehr in Zorn und Reue
Mit dem Menschen machet es gar aus.
Ich gedenke, wenn ich dich erblicke
Zwischen Erd‘ und Himmel ausgespannt:
Dieser Bogen war Jehovas Brücke,
Durch Jahrhunderte das letzte Band,
Darauf seine tausend Boten schritten,
Mit der Hoffnung Trost zu uns gesandt,
Bis auf diesem Weg in unsrer Mitten
Die Erfüllung überherrlich stand.
Wenn die Wetterwolken sind verflogen,
Und die Sonne über Tränen lacht –
Sei gegrüßet mir, o Regenbogen!
Denn es leuchtet mir in deiner Pracht,
Die in allen Farben glänzt und gleißet,
Gottes vielgestaltet‘ Wesensbild,
Der wohl heilig, stark und strenge heißet,
Aber Liebe auch und Langmut mild.
Karl Mayer 1786-1870
Der Regenbogen
Sonnengrün blinkt das Gebüsch
Und das Turmdach rot und frisch.
Strahlen dingen, neu erweckte,
Durch die blaue Regenschwärze,
Wie wenn selig Lust mit Schmerze
Oder Leid mit Lust sich neckte.
Himmel, Herz und Erde ganz
Baden sich im Irisglanz.
Johann Gottfried Herder 1744-1803
Der Regenbogen
Schönes Kind der Sonne,
Holder Regenbogen,
Ueber schwarzen Wolken
Mir ein Bild der Hoffnung.
Tausend muntre Farben
Bricht der Stral der Sonne
In verhüllten Thränen
Ueber grauer Dämmrung.
Und des weiten Bogens
Veste Säulen stehen
Auf des Horizontes
Sichrem Felsenboden.
Ach der Bogen schwindet!
Seine Farben blassen;
Von den vesten Säulen
Glänzet noch ein Wölkchen.
Aber seht, der Himmel
Bläuet sich; die Sonne
Herrschet allgewaltig
Und die Auen duften.
Schwindet, holde Kinder
Schöner Jugendträume,
Schwindet! Nur die Sonne
Steig’ hinauf und walte.
Hoffnungen sind Farben,
Sind gebrochner Stralen
Und der Thränen Kinder;
Wahrheit ist die Sonne.
Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
Regen und Regenbogen
Auf schweres Gewitter und Regenguß
Blickt’ ein Philister zum Beschluß
Ins weiterziehende Grause nach,
Und so zu seinesgleichen sprach:
Der Donner hat uns sehr erschreckt,
Der Blitz die Scheunen angesteckt,
Und das war unsrer Sünden Teil!
Dagegen hat, zu frischem Heil,
Der Regen fruchtbar uns erquickt
Und für den nächsten Herbst beglückt.
Was kommt nun aber der Regenbogen
An grauer Wand herangezogen?
Der mag wohl zu entbehren sein,
Der bunte Trug! der leere Schein!
Frau Iris aber dagegen sprach:
Erkühnst du dich zu meiner Schmach?
Doch bin ich hier ins All gestellt
Als Zeugnis einer bessern Welt,
Für Augen, die vom Erdenlauf
Getrost sich wenden zum Himmel auf
Und in der Dünste trübem Netz
Erkennen Gott und sein Gesetz.
Drum wühle du, ein andres Schwein,
Nur immer den Rüssel in den Boden hinein
Und gönne dem verklärten Blick
An meiner Herrlichkeit sein Glück.
Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
Regenbogen über den Hügeln
einer anmutigen Landschaft
Grau und trüb und immer trüber
Kommt das Wetter angezogen; –
Blitz und Donner sind vorüber,
Euch erquickt ein Regenbogen.
Wilde Stürme, Kriegeswogen
Rasten über Hain und Dach;
Ewig doch und allgemach
Stellt sich her der bunte Bogen.
Frohe Zeichen zu gewahren
Wird der Erdkreis nimmer müde;
Schon seit vielen tausend Jahren
Spricht der Himmelsbogen: Friede!
Aus des Regens düstrer Trübe
Glänzt das Bild, das immer neue;
In den Tränen zarter Liebe
Spiegelt sich der Engel Treue.
Karl Friedrich von Gerok 1815-1890
Regenbogen
Tob. 3, 23.
Denn nach dem Ungewitter lässest du
die Sonne wieder scheinen und nach
dem Heulen und Weinen überschüttest
du uns mit Freuden
Das Wetter zieht hernieder
An ferner Bergeswand,
Die Vögel singen wieder,
Frisch duftet Flur und Land,
Am Himmel, noch umzogen
Vom grauen Wolkenflor,
Tut schon der Regenbogen
Wildleuchtend sich hervor.
Er steht mit einem Fuße
Im nassen Wiesengras,
Das brennt im goldnen Gusse
Wie feuriger Topas,
Er schwingt gleich einer Brücken
Von lauter Edelstein
Am dunklen Waldesrücken
Sich in die Luft hinein.
Und in den Wolken schimmerts
Wie mit Juwelenschrift,
Und in den Gräsern flimmerts
Mich an von Flur und Trift:
„Herz, traue deinem Retter,
Der seines Bunds gedenkt,
Und Sonnenschein auf Wetter
Und Trost in Tränen schenkt!“
Die Arbeit läuft nicht davon,
während du deinem Kind einen Regenbogen zeigst,
aber der Regenbogen wartet nicht,
bis du mit der Arbeit fertig bist.
Chinesisches Sprichwort