… gekreuzigt, gestorben und
begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes ...
Apostolisches Glaubensbekenntnis
Der Abstieg Christi in die Unterwelt (lat. Descensus Christi ad inferos), volkstümlich auch Höllenfahrt Christi, bezeichnet die überlieferte christliche Vorstellung, dass Jesus Christus in der Nacht nach seiner Kreuzigung in die Unterwelt hinabgestiegen sei und dort die Seelen der Gerechten seit Adam befreit habe. Hintergrund dieser Vorstellung ist unter anderem die Frage, wo Jesu Christi Seele zwischen Kreuzigung und Auferstehung gewesen sei. Man beruft sich dabei auf die biblischen Aussagen in Epheser 4,9 und 1. Petrus 3,19.
Die Unterwelt wird im griechischen Urtext des 1. Brief des Petrus „das Unterste“, in der lateinischen Übersetzung inferos. An anderen Stellen in der übersetzten Bibel wird die Unterwelt Hades oder Hölle genannt. Einige Theologen verwenden die Begriffe Scheol oder Limbus, um den von Christus betretenen Teil der Unterwelt von der Hölle der Verdammten abzugrenzen. Im apostolischen und athanasischen Glaubensbekenntnis wird es in den lateinischen Worten descendit ad inferos ausgedrückt, was mit „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ oder „herabgestiegen zur Unterwelt“ übersetzt wird.
In apokryphem Schrifttum, insbesondere in den Pilatusakten (Evangelium Nicodemi), wird der Hinabstieg Jesu in die Unterwelt als Sieg über die Mächte der Unterwelt mit einer Vielzahl von Handlungselementen dramatisch und anschaulich erzählend ausgeschmückt.
Vier Beispiele mittelalterlicher Buchmalerei
Das Nikodemusevangelium (EvNik)
Das Nikodemusevangelium (EvNik) ist ein apokryphes Passionsevange-lium mit einer reichen Wirkungsgeschichte bis in die frühe Neuzeit. Darüber hinaus übte das EvNik erheblichen Einfluss auf die mittelalter-liche Kunst und Literatur aus. Es wird um 310–320 oder in die Mitte des 4. Jahrhunderts datiert. Der erste Teil ist auch als „Pilatusakten“ (lateinisch Acta Pilati) bekannt.
EvNik V 1 Während Satan und Hades so miteinander sprachen, ertönte eine gewaltige Stimme, wie Donner sprechend: Öffnet, ihr Herrscher, eure Tore, gehet auf ewige Pforten! Einziehen wird der König der Herrlichkeit (Ps 23,7 LXX). Als Hades das hörte, sprach er zu Satan: Geh hinaus, wenn du kannst, und tritt ihm entgegen! Satan ging nun hinaus. Dann befahl Hades seinen Dienern: Befestigt gut und sicher die ehernen Tore und die eisernen Querbalken, und behaltet meine Verschlüsse in der Gewalt, und habt alles im Blick, gerade dastehend! Denn wenn er hereinkommt, wird Wehe über uns kommen.
EvNik V 2. Als die Vorväter das hörten, begannen sie alle Ihn zu verspotten, sagend: Du Allesverschlinger, du Unersättlicher, öffne, damit einziehe der König der Herrlichkeit! Der Prophet David sprach: Weißt du nicht, du Blinder, daß ich, als ich noch in der Welt lebte, einen solchen Ruf: 'Öffnet eure Tore, ihr Herrscher!' vorausgesagt habe? (Ps 23,7). Jesaja sprach: Ich habe, erleuchtet vom heiligen Geist, vorausgesehen und geschrieben: Die Toten werden auferstehen, und die in den Gräbern werden auferweckt werden, freuen werden sich die unter der Erde (26,19). Wo ist dein Stachel, Tod? Wo ist, Hades, dein Sieg? (1 Kor 15,55 aufgrund Jes 25,8).
EvNik V 3. Da kam wieder die Stimme: Öffnet die Tore! Als Hades die Stimme zum zweiten Mal hörte, antwortete er, als wisse er nichts, und spricht: Wer ist dieser, der König der Herrlichkeit? Die Engel des Herrn erwiderten: Der Herr, gewaltig und mächtig, der Herr, mächtig im Krieg! Und zugleich mit diesem Bescheid wurden die ehernen Tore zerschlagen und die eisernen Querbalken zerbrochen und die gefesselten Toten alle von ihren Banden gelöst und wir mit ihnen. Und es kam herein der König der Herrlichkeit wie ein Mensch, und alle dunklen Winkel des Hades wurden licht.
EvNik VIII 1 Während Hades so mit Satan sprach, streckte der König der Herrlichkeit seine rechte Hand aus und ergriff Ihn und erweckte den Urvater Adam. Dann wandte er sich auch zu den übrigen und sprach: Her zu mir alle, die ihr durch das Holz, nach dem dieser griff, sterben mußtet! Denn siehe: wieder will durch das Holz des Kreuzes euch alle ich aufrichten. Darauf ließ er sie alle hinaus. Und der Urvater Adam, dem man ansah, daß er voller Freude war, sprach: Ich danke deiner Großherzigkeit, Herr, daß du mich aus der tiefsten Unterwelt hinaufgeführt hast. Ebenso sprachen auch alle Propheten und Heiligen. Wir danken dir, Christus, Erretter der Welt, daß du hinaufgeführt hast aus dem Verderben unser Leben.
Vier Bilder aus dem Umfeld von Hieronymos Bosch
EvNik VIII 2 Als sie so gesprochen hatten, segnete der Heiland den Adam auf seiner Stirn in dem Zeichen des Kreuzes. Und so tat er es auch bei den Vorvätern, Propheten, Märtyrern und Urahnen. Dann stieg er mit ihnen aus der Unterwelt empor. Während er ging, stimmten die heiligen Väter, ihm folgend, den Lobespsalm an, singend: Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn! Halleluja! (Ps 118,26). Ihm gebührt die Herrlichkeit von allen Heiligen.
EvNik IX Der Herr ging also zum Paradiese. Er ergriff den Urvater Adam bei der Hand und übergab Ihn dem Erzengel Michael mit allen Gerechten. Als sie nun durch das Tor des Paradieses einzogen, kamen ihnen zwei Greise entgegen. Die heiligen Väter fragten sie: Wer seid ihr, daß ihr den Tod nicht gesehen habt und in den Hades nicht hinabgestiegen seid, sondern mit Leib und Seele im Paradiese wohnet? Einer von ihnen antwortete: Ich bin Enoch, der Gottes Wohlgefallen erwarb und von ihm hierhin entrückt wurde. Und dieser ist der Thesbiter Elias. Wir sollen leben bis zur Vollendung der Welt. Dann aber sollen wir von Gott entsandt werden, damit wir dem Antichrist entgegentreten und von ihm getötet werden. Und nach drei Tagen sollen wir wieder auferstehen und auf Wolken dem Herrn entgegen entrafft werden.
EvNik X Während sie so miteinander sprachen, kam ein anderer, ein unscheinbarer Mensch, der auf seiner Schulter auch ein Kreuz trug. Ihn fragten die heiligen Väter: Wer bist du, der du das Aussehen eines Räubers hast, und was ist das für ein Kreuz, das du auf der Schulter trägst? Er antwortete: Ich war, wie ihr sagt, ein Räuber und Dieb in der Welt, und deshalb ergriffen mich die Juden und überlieferten mich dem Kreuzestode zugleich mit unserem Herrn Jesus Christus. Als er nun am Kreuz hing, schaute ich die Zeichen, die geschahen, und glaubte so an ihn. Und ich rief ihn an und sprach: Herr, wenn du herrschen wirst, dann vergiß mich nicht! Und sogleich sprach er zu mir: Wahrlich, wahrlich, heute, sage ich dir, wirst du mit mir im Paradiese sein,
Lukas
(Lk 23,43). Mein Kreuz tragend, kam ich also zum Paradiese, fand den Erzengel Michael und sagte zu ihm: Unser Herr Jesus, der Gekreuzigte, hat mich hergeschickt. führe mich also zum Tor des Gartens Eden! Und da die blitzende Schwertschärfe das Zeichen des Kreuzes sah, öffnete sie mir, und ich ging hinein. Dann sprach der Erzengel zu mir: Warte ein Weilchen! Denn da kommt auch der Urvater des Menschengeschlechts Adam mit den Gerechten, damit auch sie hier eintreten. Und da ich euch jetzt sah, ging ich euch entgegen. Als die Heiligen das hörten, riefen sie alle mit lauter Stimme: Groß ist unser Herr, und groß ist seine Kraft!
Jan Brueghel der Ältere & Hans Rottenhammer - Christ's Descent into Limbo, Mauritshuis
Jan Brueghel der Ältere (auch: Bruegel oder Breughel; 1568-1625), auch genannt Samtbrueghel (französisch: Brueghel de Velours), Blumenbrueghel oder Paradies-Brueghel, war ein bedeutender flämischer
Maler zwischen Spätmanierismus und Barock aus der Maler-Dynastie Brueghel.
Johannes Rottenhammer der Ältere (1564-1625) war ein deutscher Zeichner und Maler des Manierismus und des Frühbarock.