Joachim Ringelnatz 1883-1934
Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Daß die kleinste Welt die größte ist.
Theodor Storm 1817-1888
Weihnachtslied
Vom Himmel bis in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.
Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken,
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstiller Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hält mich nieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn,
Es sinkt auf meine Augenlider,
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.
Christoph von Schmid 1768-1854
Das Weihnachtslied
Vor Dir, Du holdes Himmelskind,
Dem Gottes Engel dienstbar sind,
Fall ich anbetend nieder;
Und freue mit Maria mich
Und preise mit den Engeln Dich
Und singe Jubellieder!
O sei getrost in jeder Not,
Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott
Zum Heiland dir gegeben!
Auf ihn vertrau’ und fasse Mut,
Was schlimm ist, macht er wieder gut;
Er liebt dich wie sein Leben.
Und kommt ein armes Kind in Not
Vor deine Tür, sag nicht: „Helf Gott!“
Wollst seiner dich erbarmen!
Fühlst du für Gottes Liebe Dank,
Lass liebreich es bei Speis und Trank
An deinem Herd erwarmen.
Christian Morgenstern 1871-1914
Ein Weihnachtslied
Wintersonnenwende!
Nacht ist nun zu Ende!
Schenkest, göttliches Gestirn,
neu dein Herz an Tal und Firn!
O der teuren Brände!
Hebet hoch die Hände!
Lasset uns die Gute loben!
Liebe, Liebe, Dir da droben!
Wintersonnenwende!
Nacht hat nun ein Ende!
Tag hebt an, goldgoldner Tag,
Blühn und Glühn und Lerchenschlag!
O du Schlummers Wende!
O du Kummers Ende!
Theobald Nöthig 1841-1900
Weihnachtslied
Wieder strahlt der Tannenbaum
Im Geleucht der hellsten Kerzen.
Komme, lichter Weihnachtstraum,
Huldreich auch in unsre Herzen.
Lasse hell ob dunkler Welt
Deinen Stern von neuem kreisen,
Der geleitet auf dem Feld
Einst die Hirten und die Weisen.
Nur ein kindliches Gemüt,
Nur die Weisen und die Frommen
Solch ein Wundertraum durchglüht,
Ihnen kann der Gott nur kommen.
Jener Gott, der Mensch zugleich
Unser los vermag zu teilen,
Der an Trost und Liebe reich
Uns erlösen kann und heilen.
Friedensstern wirf deinen Schein
Rings auf alle Weihnachtskerzen,
Lass uns wieder Kinder sein,
schauen Gott im Menschenherzen.
Johannes Trojan 1837-1915
Weihnachtslied
Lieblich wieder durch die Welt
geht die holde Kunde,
die den Hirten auf dem Feld
klang aus Engelsmunde.
Was den Hirten wurde kund,
blieb uns unverloren:
wieder kündet Engelsmund,
daß uns Christ geboren.
Welch ein Glanz durchbricht die Nacht
in des Winters Mitte!
Welche Freude wird gebracht
in die ärmste Hütte!
Winters Nacht und Sorge weicht
hellen Jubel wieder,
und der Himmel wieder steigt
auf die Erde nieder.
Wenn die goldnen Sterne glüh’n
in des Himmels Ferne,
leuchten aus dem Tannengrün
auch viele goldne Sterne.
Haus an Haus mit hellem Schein
flammen auf die Kerzen,
durch die Augen fällt hinein
Licht auch in die Herzen.
Sei willkommen, Weihnachtslust,
kling empor im Liede!
Freude wohn in Menschenbrust,
auf der Erde Friede!
Ferdinand Freiligrath 1810-1876
Weihnachtslied
Wenn traulich mit schimmernden Flocken
Der Winter die Erde bestreut,
Und rings die metallenen Glocken
Sich regen zum Weihnachtsgeläut'
Dann senkt sich auf goldigem Wagen
Das Christkind zur Erde herab.
Von rosigen Wolken getragen.
Im Händchen den silbernen Stab.
Von purpurnem Samt ist sein Röckchen,
Das Krönlein von edlem Gestein,
Und über den wallenden Löckchen
Glänzt blendend ein Heiligenschein.
Und Engel mit farbigen Schwingen
Umringen das liebliche Kind,
Und zitternde Glöckchen erklingen,
Und huldigend flüstert der Wind.
So naht es der Erde Revieren
Mit strahlendem, bunten Gespann
Es öffnen von selbst sich die Türen,
Pocht leise sein Fingerchen an.
Und springen die Pforten, die Riegel,
Bewältigt vom himmlischen Schein,
Dann schwebt es mit leuchtendem Flügel
In Häuser und Hütten hinein.
Es sieht nach den schlafenden Kindern,
Und küßt sie voll Inbrunst und spricht
Schlaft ruhig, ihr möchtet mich hindern.
Schlaft ruhig und störet mich nicht.
Drauf trägt es in jegliches Zimmer
Den prangenden, duftenden Baum.
Wie schmücken mit leuchtendem Schimmer
Die Kerzen der Zweigelein Saum.
Wie funkeln die herrlichen Gaben.
Wer hat sich wohl Schön'res gedacht.
Es weiß, was die Kinder gern haben,
Das hat es denn alles gebracht.
O freut euch. Zu uns auch die Räder
Des Wägeleins hat es gelenkt.
O juble und freue sich jeder.
Wie reich find auch wir heut' beschenkt.
Ertöne melodisch, in leisen
Akkorden, o Weihnachtsgesang.
Christkindchen, empfange der Waisen,
Der Glücklichen, innigen Dank.
Franz Graf von Pocci 1807-1876
Weihnachtslied
Es weht der Wind und es ist so kalt,
Es knarrt der Schnee im dürren Wald;
Die Sterne glänzen hell darein,
Da nahet sich ein Kindelein:
Ein Knabe, lieb und wunderhold,
Mit seinem Himmelsschein von Gold
Erhellt er die Dunkelheit
Und streuet Segen weit und breit.
Er bricht so manches Bäumelein
Im dunkelgrünen Tannenhain
Und bringt’s den Kindern die beglückt
Das Bäumchen schauen, viel geschmückt.
Ihr kennt das Knäblein allzu gut,
Das opferte sein eigen Blut
Und gab sein Leben hin für euch,
Ein Leitstern in das Himmelreich.
So betet denn zum Kinde fromm:
Du lieber Jesu, komm, o komm
Und zieh in unsre Herzen ein,
Zu schenken uns den Frieden dein;
Den Frieden den die Engel dort
Verkündigten am stillen Ort,
Den Frieden, den du uns gebracht
In jener heil’gen, ernsten Nacht.
Otto Julius Bierbaum 1865-1910
Weihnachtslied
Maria lag in großer Not,
Mit Lumpen angetan,
In einem Stall zu Bethlehem
Und sah die Stunde nahn,
Da sie ein Kindlein haben sollt.
Der Himmel stand in lauter Gold;
Da hub ein Singen an:
"Süße Maria, sei getrost;
Das um dich ist kein Stall.
Blick um dich, allerholdste Frau,
Und sieh die Gäste all,
Die von weither gekommen sind,
Dich zu begrüßen und dein Kind
Mit Flöt- und Geigenschall."
Und wie Marie ihr Haupt erhob,
Oh Wunder, was sie sah:
Es knieten auf der schlechten Streu
Drei goldne Könige da,
Und, wie wenns ihr Gefolge wär,
Ein Heer von Engeln stand umher
Und sang Hallelujah.
Es war ein Licht und war ein Glanz,
Wie sie es nie gesehn,
Und vor den Türn und Fenstern war
Ein Auf- und Niedergehn,
Als ging die ganze Welt vorbei;
Da hört sie einen leisen Schrei:
Da war das Glück geschehn.
Maria strahlte wie ein Stern
Und hob das Kind empor;
Das war so hold und engelschön,
Wie nie ein Kind zuvor.
Die Wände sanken, und die Welt,
Die weite Welt war rings erhellt,
Und alles sang im Chor:
"O seht die Blume, die da blüht,
Die Blume weiß und rot!
Der Kelch ist von der Lilie,
Ein Herz darinnen loht.
Nun ist die ganze Erde licht,
Wir fürchten Schmerz und Trauern nicht
Und fürchten nicht den Tod.
Die Blüte leuchtet uns den Tag,
Und es versank die Nacht,
Und aus der Blüte wird die Frucht,
Die Alle fröhlich macht;
Die Frucht, die Allen Nahrung gibt,
Der Mensch, der alle Menschen liebt:
Die Liebe ist erwacht."
Der Chor verklang. Es sank der Stall
In braune Dunkelheit.
Maria gab dem Kind die Brust.
Still ward es weit und breit.
Da ward Marien im Herzen bang,
Sie küsst ihr liebes Kindlein lang,
Ihr tat ihr Kindlein leid.
Ernst Moritz Arndt 1769-1860
Weihnachtslied
Erklinge, Lied, und werde Schall,
Kling gleich der hellsten Nachtigall,
Kling gleich dem hellsten Lerchenklang
Die ganze, weite Welt entlang.
Kling, Lied, und kling im höchsten Ton:
Es kommt der süße Gottessohn,
Es kommt das helle Himmelskind
Hernieder, wo die Sünder sind.
Er kehrt bei einer Jungfrau ein,
Will eines Weibes Säugling sein,
Der große Herr der ganzen Welt,
Ein Würmlein auf die Erde fällt.
Ein armes Knäblein nackt und bloß,
So liegt er in Marias Schoß;
Der alle Sterne lenken kann,
Fleht eines Weibes Gnade an.
Der eh'r als Erd' und Himmel war,
Das Wort des Vaters rein und klar,
Spricht lieb und freundlich bei uns ein
Und will der Sünder Bruder sein.
So kommt die unermessne Huld,
Zu tragen unsre schwere Schuld,
Die ewige Liebe steigt von Gott
Zu uns herab für Schmach und Spott.
Des solln wir alle fröhlich sein
Und singen mit den Engelein
Und singen mit der Hirten Schar:
Das ew'ge Heil wird offenbar.
Des solln wir alle fröhlich sein,
Dass Gott will unser Vater sein,
Und dass der süße Jesus Christ
Heut unser Bruder worden ist.
Otto Julius Bierbaum 1865-1910
Schneelied zu Weihnachten
Du trittst mich, singt der Schnee,
Mir aber tuts nicht weh:
Ich knirsche nicht, ich singe;
Dein Fuß ist wie der Bogenstrich,
Dass meine Seele klinge.
Hör und verstehe mich -:
Getreten singe ich,
Und nichts als frohe Dinge.
Denn, die getreten sind,
Wissen, es kam ein Kind,
Gar sehr geringe,
In einem Stall zur Welt:
Das hat sein Herz wie ein leuchtendes Licht
In große Finsternis gestellt.
Es wurde zerschlagen. Verloschen ists nicht.
Stine Andresen 1849-1927
Weihnachtslied
O Weihnachtszeit, du
goldne Pforte!
Durch dich wallt froh der Kinder Schar,
Und ihnen folgt voll sel'gen Hoffens
Die Menschheit nach von Jahr zu Jahr.
Wem längst in weiter Ferne liegen
Die Kinderjahre wie ein Traum,
Wo noch zur Erde nieder stiegen
Die Engel aus des Himmels Raum,
Der denkt zurück mit stillem Lauschen
An jene Zeit voll Poesie
Und hört der Engel Schwingen rauschen,
Wie einst des Kindes Phantasie.
Wer könnte jemals dein vergessen,
Du Weihnachtsbaum der Kinderzeit!
Du bleibst ein heiliges Vermächtnis
Dem Herzen, lägst du noch so weit.
Voll Dank gedenken wir aufs neue
Der Opfer, die uns einst gebracht
Von jener Liebe, jener Treue,
Die unsrer Kindheit Glück bewacht;
Das Vaterhaus umgiebt uns wieder,
Wir hören teurer Stimmen Klang,
Und süß ertönen alte Lieder,
Die, ach, verklungen schon so lang.
Wir sehn im Geiste all' die Lieben
Im trauten Kreise um uns her,
Die wir vermißt, die wir beweinet
Bei mancher Weihnacht Wiederkehr.
Drum laßt uns stets, was uns das Leben
Noch ließ, mit treuer Lieb umfahn
Und freudigen Herzens Gaben geben
An die, die bittend sich uns nahn,
Und der Gedanke an die Toten
Wird dann, vom Weihnachtsstrahl erhellt,
Zu einem lichten Friedensboten
Aus jener hohem, bessern Welt.
O Weihnachtszeit, wo Gott vom Himmel,
Als seiner Gnade höchstes Pfand,
Den Sohn voll Lieb und Licht und Wahrheit
Uns Menschenkindern hergesandt,
Zünd an der Liebe Strahlenkerzen
Der Welt aufs neu, mach groß und weit
Und dankerfüllt der Menschen Herzen,
Zum Geben jede Hand bereit,
Laß sanft in unsere Seele fallen
Den Strahl des Lichtes wunderbar,
Daß wir getrost durch deine Hallen
Hinüber gehn ins neue Jahr.
Gustav Falke 1853-1916
Weihnacht
Zeit der Weihnacht, immer wieder
rührst du an mein altes Herz,
führst es fromm zurück
in sein früh’stes Glück,
kinderheimatwärts.
Sterne leuchten über Städte,
über Dörfer rings im Land.
Heilig still und weiß
liegt die Welt im Kreis
unter Gottes Hand.
Kinder singen vor den Türen:
"Stille Nacht, heilige Nacht!"
Durch die Scheiben bricht
hell ein Strom von Licht,
aller Glanz erwacht.
Und von Turm zu Turm ein Grüßen,
und von Herz zu Herz ein Sinn,
und die Liebe hält
aller Welt
ihre beiden Hände hin.
Hanns von Gumppenberg 1866-1928
Christbaumnüsse
Kehrt der Weihnachtsabend wieder,
Friedvoll und verheißungshold,
Schmückt man viele tauben Nüsse
Festlich mit dem Flittergold.
Und die goldnen Nüsse leuchten
Herrlich in dem Lichtermeer,
Wundersame Märchenfrüchte –
Innen aber sind sie leer.
Und wie reich die schönen schimmern
So von außen, so von fern,
Höher wären sie zu schätzen,
Bärgen sie den süßen Kern:
Dienten sie nicht blos den Träumen
Eine Stunde oder zwei,
Gäben sie auch brav zu zehren,
Wenn das Friedensfest vorbei.
Johann Peter Hebel 1760-1826
Die Mutter am Christabend
Er schläft, er schläft! Das ist einmal ein Schlaf!
So recht, du lieber Engel du!
Tu mir die Lieb und lieg in Ruh.
Gott gönnt es meinem Kind im Schlaf!
Erwach mir nicht, ich bitt, ich bitt!
Die Mutter geht mit stillem Tritt,
sie geht mit zartem Muttersinn,
und holt den Baum zur Kammer hin.
Was häng ich dir denn an?
'nen Pfefferkuchenmann,
ein Kätzelchen, ein Spätzelchen,
und Blumen bunt und süß und weich,
und alles ist von Zuckerteig.
Genug, du Mutterherz!
Viel Süßigkeit bringt Schmerz.
Gib sparsam wie der liebe Gott.
Tagtäglich nützt kein Zuckerbrot.
Jetzt rote Äpfel her,
die schönsten, die ich haben kann!
Es ist auch nicht ein Fleckchen dran,
wer hat sie schöner, wer?
's ist wahr, es ist 'ne Pracht,
was so ein Apfel lacht.
Jetzt – Gott behüte dich,
an ander Mal denn mehr!
Heut war es, wo der heilge Christ
ein Kind wie du geworden ist.
Werd auch so brav wie er!
Theodor Storm 1817-1888
Weihnachtsabend
Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus,
Weihnachten war's; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein an das Ohr:
»Kauft, lieber Herr!« Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.
Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.
Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
»Kauft, lieber Herr!« den Ruf ohn Unterlaß
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.
Und ich? - War's Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.
Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
Vom Honigkuchenmann
Keine Puppe will ich haben -
Puppen gehn mich gar nichts an.
Was erfreun mich kann und laben,
ist ein Honigkuchenmann,
so ein Mann mit Leib und Kleid
durch und durch von Süßigkeit.
Stattlicher als eine Puppe
sieht ein Honigkerl sich an,
eine ganze Puppengruppe
mich nicht so erfreuen kann.
Aber seh´ich recht dich an,
dauerst du mich, lieber Mann.
Denn du bist zum Tod erkoren -
bin ich dir auch noch so gut,
ob du hast ein Bein verloren,
ob das andre weh dir tut:
Armer Honigkuchenmann,
hilft dir nichts, du musst doch dran!
Joachim Ringelnatz 1883-1934
Vom Schenken
Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
Du selber bist.
Eduard Mörike 1804-1875
Christbescherung
Der Nussbaum spricht:
Jetzt sieht man Büblein, Mägdlein warten,
Auf einen schönen Christkindgarten;
Da stellt man in die Mitt’ hinein
Ein Tannenreis in Lichterschein:
Da hängt viel Naschwerk, Marzipan
Und sogar güldne Nüss’ daran.
Doch sind die Nüsse dürr und alt,
Die grünen Zweige welken bald:
Das Bäumlein kann halt nicht verhehlen
Dass Leben ihm und Wurzeln fehlen.
Ein kluges Kind hat das bald weg,
Und ist `gessen erst der Schleck,
Dann ist ein solcher Baum veracht’t,
Sein Glanz und Lust war über Nacht.
Schaut her! Da bin ich meiner Sechs!
Doch ganz ein anderes Gewächs.
Mich lud der Freund in seinem Garten,
Dem blonden Kinde aufzuwarten.
Und grüßte sie im warmen Stübchen,
Allein das schickt sich doch nicht ganz:
Ich bin ein gar zu langer Hans;
Drum bat ich sie zu mir heraus.
Zwar steh ich kahl und ohne Strauß,
Doch wart! Es kommt die Sommerzeit,
Da ist’s, wo unsereins sich freut,
Da wick’l ich los mein würzig Blatt,
Es sieht kein Menschenaug’ sich satt,
Die Vögel singen in meinen Zweigen,
Und alles, Schätzchen, ist dein eigen.
Und hast du mir es heut verziehn,
Dass ich nun bloß von Früchten bin,
So bring’ ich dir gewiss und wahr
Ein Schürzlein Nüsse Jahr für Jahr.
Adelbert von Chamisso 1781-1838
Christgeschenke
Was klingelt im Hause so laut? Ei, ei!
Ich glaube, dass es das Christkind sei!
Das Christkind war's! Seid, Kinder, nur still
Und hört, was ich euch jetzt erzählen will:
Es hat euch gebracht einen Tannenbaum
Voll goldener Äpfel und Püppchen von Schaum,
Voll Zuckerwerk; doch, Kinderchen, denkt,
Hoch oben eine Rute hängt!
Das Christkind hat an alles gedacht
Und Nützliches und Schönes gebracht.
Da seht ihr Trommeln, Soldaten von Blei,
Und eine Fahne hängt nebenbei.
Seht Häuser von Pappe mit rotem Dach
Und drin ein zierliches, kleines Gemach.
Seht Schuhe und Kleider und Tücher und Hut,
Gewiss, das steht zu dem Feste gut.
Auch Teller und Töpfe von blankem Zinn
Und Pfefferkuchen und Mandeln drin!
Hier Peitschen und Wagen, ein Pferdchen gar wild,
Dort zum Zusammensetzen ein Bild.
Hier Schreibebücher; ein Püppchen ganz klein
Wird dort gewiss in der Wiege sein.
Auch herrliche Bücher sind aufgestellt,
Von tausend Lichtern ist alles erhellt.
Doch nur von den schönen Sachen bekommt,
Wer artig war, verträglich und fromm,
Wer folgsam den guten Eltern war
Und fleißig gelernt hat in diesem Jahr.
Wer oft an den lieben Gott gedacht,
Dem hat das Christkind viel Schönes gebracht.
Unartige Kinder dürfen nicht 'rein,
Für sie wird wohl nur die Rute sein!
Drum, wollt ihr am heiligen Abend euch freu'n,
So rat' ich euch, Kinder, stets artig zu sein!
Richard Zoozmann 1863-1934
Mütterchen schilt
Wer hat hier genascht vom Weihnachtsbaum?
Das ist doch zu toll mit den Kindern!
Man wendet einmal den Rücken kaum,
Gleich fangen sie an zu plündern.
Wer ist's gewesen? Fritz oder Gret'?
Wer hat hier was abgegriffen
Und hier vom Pfefferkuchen – da fehlt!
Ein groß' Stück abgebissen?
Ihr schweigt? Sagt keiner, wer's getan?
Ich will's schon noch entdecken.
Zur Strafe kriegt ihr vom Marzipan
Kein einzig Stück zu schmecken.
Doch dass der Dieb mir erst wird kund,
Will ich den Fall untersuchen –
Komm, Fritz, mal her! Mach auf den Mund,
Beiß hier in den Pfefferkuchen!
Siehst du! Der Mund passt Zahn für Zahn
Ins abgebissne Eckchen –
Nun kriegst du nichts vom Marzipan,
Doch etwas mit dem Stöckchen!
Karl Ernst Knodt 1856-1917
Die Weihnachtsglocken
Wie tönen heut' die Weihnachtsglocken
Viel voller übers weiße Land,
So voll und weit, als gäb's kein Stocken
An irgend einer Felsenwand.
Als wär' die ganze weite Erde
Ein unbegrenztes, großes Meer –
Und drüber brauste neu ein „Werde“
Mit welterlösenden Lauten her.
Ein Liebeston lebt in den Klängen,
Den nur das Kinderohr versteht,
Ein Ton aus himmlischen Gesängen,
Wie Er die Welt einmal umweht
Im ganzen Jahr, – ein Engelreigen,
Wie er um Gottes Thron erklingt.
Erwach', o Welt, dich neu zu neigen
Dem Heiland, der den Frieden bringt
Rainer Maria Rilke 1875-1926
Es gibt so wunderweiße Nächte
Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.
Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
Weihnachten
Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt- und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.
Aber, Fürst, wenn dirs begegnet,
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.
Robert Reinick 1805-1852
Weihnacht!
Wie haben wir den Winter doch gefürchtet,
als ob er selber ein Knecht Ruprecht wär'!
's ist wahr, mitunter zieht er auch Gesichter
und brummt und macht Spektakel, heult ums Haus,
verschüttet Weg und Steg mit Schnee, dass
man nicht weiß wohin und fast im Wald verirrt.
Und was den Frost betrifft, da ist er Meister;
wen er nicht leiden kann, dem macht aus Bosheit
er rote Nasen und verfrorne Füße.
Es ist schon arg; doch ist es einmal so.
Wie aber der Knecht Ruprecht braven Kindern,
die sich nicht fürchten und die Spaß verstehen,
auch Freude bringt, so tut's der Winter auch.
An klaren Tagen, wenn der Teich voll Eis
und alle Felder weiß bedeckt von Schnee,
was ist das eine Lust dann Schlittschuhlaufen
und Schlittenfahren und den Schneemann bau'n!
Und an den schönen langen Abenden,
wie liest man da so still beim Lampenschimmer
und klebt in Pappe, schnitzt sich allerlei!
Und kommt zuletzt der Weihnachtsabend her
mit seinem Markt, mit Buden und Laternen,
da möcht' man, dass es immer Winter bliebe.
Das ist ein Fest, wenn die Bescherung fertig!
Der Vater klingelt und wir Kinder alle,
eins nach dem andern, treten in die Stube,
und vor uns glänzt der Baum mit seinen Lichtern.
Das ist ein Fest! Ach, wär' es nur erst da!
Josef Weinheber 1892-1945
Der Verehrten zu Weihnachten
Ein Geschenk? Ich wagte nicht,
kalt mich zu entschließen.
Nicht zum Schatten einer Pflicht
will ich dich bemüssen.
Denn den Nehmer allzuviel
bindet kleinste Gabe.
Und ich will, daß dein Gefühl
freie Wegfahrt habe.
Dieses anspruchslose Blatt
macht dir wenig Sorgen.
Unbeschwerter Wille hat
es vergessen morgen.
Was ich wollte, es ward doch
in die Form gegossen:
Herz, vom Strome einst wie noch
wogend überflossen.
Nimm denn, statt des Großen, dies
nur im Ansehn Kleine.
Und du fühlst im Wort gewiß
Wie das Herz es meine.
Katalanisches Weihnachtslied
Der Gesang der Vögel
Während sie aufgehen sehen
das kräftigste Licht
in der glückseligsten Nacht
beginnen die Vöglein singend
zu feiern
mit ihren zierlichen Stimmen.
Und der Kaiseradler
fliegt in den Himmel hinauf
singt eine Melodie
und spricht: – Jesus ist geboren,
um von uns die Sünde wegzunehmen
und uns große Freude zu geben.
Ihm antwortete der Sperling:
Die Weihnachtsnacht heute
ist eine Nacht großer Freude!
Der Grünfink und der Zeisig
sprechen auch singend:
Oh, welche Freude fühle ich!
Und der Hänfling, singt:
Oh, wie schön und wie hübsch
ist das Kind der Maria!
Diesem antwortet nun die Singdrossel
Besiegt ist der Tod
und mein Leben wird geboren!
Die Nachtigall murmelt:
Er ist schöner als die Sonne,
funkelnder
als ein Stern
Der Rotschwanz und das Schwarzkehlchen
feiern den Sanften
und (ebenso) seine Mutter, die Jungfrau.
Das Goldhähnchen zwitschert
zum Ruhme des Herren,
es trillert in Bizarrheit.
Der Kanarienvogel folgt (diesem Beispiel)
Ihre Musik ertönt (erscheint)
als eine himmlische Melodie.
Es tritt die Heidelerche herein
und sagt: Ihr Vögel, kommt,
die Morgenröte zu feiern.
Die Amsel, pfeifend,
feierte immerzu
ihre allerhöchste Herrin.
Die Kohlmeise sagt:
Es ist nicht mehr Winter und auch nicht Sommer.
Es ist nur noch Frühling.
Eine Blume ist geboren,
die einen solchen Duft verströmt,
dass dieser die ganze Erde erfüllt.
Das Frankolinhuhn sang:
Ihr Vögel, wer will kommen,
heute, bei Tagesanbruch
unseren großen Herrn zu sehen
mit seinem großen Glanz
in einem Stall?
Spechte und Gimpel
fliegen zwischen den Obstbäumen hin und her,
und singen ihre Freuden heraus.
Die Wachtel und der Kuckuck
sind von weit her gekommen,
um den Messias zu betrachten.
Der Wiedehopf kommt und pfeift:
Diese Nacht ist gekommen
der König der allergrößten Würde.
Die Turteltaube und die Taube
reizten alle zur Verwunderung
durch ihr Singen ohne jede Traurigkeit.
Und das Rebhuhn singt:
Ich beginne, mein Nest zu bauen,
in diesen Stall,
um das Kind gut sehen zu können,
wie es zittert
in den Armen Marias.
Die Elster, die Misteldrossel und der Eichelhäher
rufen: Jetzt kommt der Mai!
Der Stieglitz antwortet:
Alle Bäume ergrünen wieder,
alle Pflanzen blühen,
als ob es Frühling wäre.
Der Buchfink trillert:
Gloria heute und morgen;
ich fühle außerordentliche Freude
diesen Diamanten sehen zu dürfen,
so schön und brillant
in den Armen Marias.
Die Zwergohreule und auch der Steinkauz,
als sie die Sonne aufgehen sehen,
ziehen sich verwirrt zurück;
der Waldkauz und der Uhu
sprechen: Wir können nicht schauen;
solcher Glanz versetzt uns in Verwunderung.
El cant dels ocells (katalanisch für ‚Der Gesang der Vögel‘) ist ein altes Volks- und Weihnachtslied aus Katalonien. In diesem Lied feiern mehr als dreißig kleine und große Vogelarten die Geburt Christi. Das Lied ist in der Melodie feierlich getragen, in einem Moll-Ton gesetzt und umfasst einen sehr großen Notenumfang.
Der berühmte spanische Cellist Pau Casals (1876-1973, auch als Pablo Casals bekannt) beendete alle seine Exilkonzerte seit 1939 mit diesem Lied. Auf diese Weise wurde dieses Lied neben der offiziellen katalanischen Hymne Els Segadors zu einem katalanischen Nationalsymbol, einer Art heimlichen Nationalhymne.
Richard Dehmel 1863-1920
Weihnachtsglocken
Weihnachtsglocken, wieder, wieder
sänftigt und bestürmt ihr mich.
Kommt, o kommt, ihr hohen Lieder,
nehmt mich, überwältigt mich!
Daß ich in die Knie fallen,
daß ich wieder Kind sein kann,
wie als Kind Herr-Jesus lallen
und die Hände fallen kann.
Denn ich fühl's, die Liebe lebt, lebt,
die mit ihm geboren wurde,
ob sie gleich von Tod zu Tod schwebt,
obgleich er gekreuzigt wurde.
Fühl's, wie alle Brüder werden,
wenn wir hilflos, Mensch zu Menschen,
stammeln: "Friede sei auf Erden
und ein Wohlgefall'n am Menschen!"
Rainer Maria Rilke 1875-1926
Vier Kerzen
Eine Kerze für den Frieden,
weil der Streit nicht wirklich ruht.
Für den Tag voll Traurigkeiten
eine Kerze für den Mut
Eine Kerze für die Hoffnung
gegen Angst und Herzensnot,
wenn Verzagtsein unsren Glauben
heimlich zu erschüttern droht.
Eine Kerze, die noch bliebe,
als die wichtigste der Welt;
eine Kerze für die Liebe,
weil nur diese wirklich zählt.
The New Yorker Titelseite 2022