BuchKult
BuchKult

Blumen sind das Lächeln der Erde.

Ralph Waldo Emerson 1803-1882

 

Unter der Schneelast unseres Alters

grüne das Immergrün eines guten Gewissens, sprosse das Schneeglöckchen,

die Botin des ewigen Frühlings.

Wolfgang Menzel 1798-1873

 

 

 

Auguste Renoir, Spring Bouquet, 1866
Pierre-Auguste Renoir (1841-1919), oft nur Auguste Renoir genannt, war einer der bedeutendsten französischen Maler des Impressionismus.
 

Heinrich Heine 1797-1856

 

Es hat die warme Frühlingsnacht

Die Blumen hervorgetrieben,

Und nimmt mein Herz sich nicht in acht,

So wird es sich wieder verlieben.

 

Doch welche von den Blumen all'n

Wird mir das Herz umgarnen?

Es wollen die singenden Nachtigall'n

Mich vor der Lilie warnen.

 

 

Schneeglöckchen

Galanthus

Snowdrops (engl.)
Perce-neige (frz.)
 

Annie L. Pressland, Snowdrops and violets still life
Annie L. Pressland (1862-1933) war eine britische Malerin.

Theodor Storm 1817-1888

März

 

Und aus der Erde schauet nur

Alleine noch Schneeglöckchen;

So kalt, so kalt ist noch die Flur,

Es friert im weißen Röckchen.

 

 

 

Maurice Pillard Verneuil,

Perce-neige, Etude de la plante
Maurice Pillard Verneuil (1869-1942) war ein französischer Künstler und Dekorateur der Jugendstilbewegung.

 

Joseph von Eichendorff 1788-1857

Schneeglöckchen

 

S' war doch wie ein leises Singen

in dem Garten heute Nacht,

wie wenn laue Lüfte gingen:

"Süße Glöcklein, nun erwacht,

denn die warme Zeit wir bringen,

eh's noch jemand hat gedacht." -

s' war kein Singen, s' war ein Küssen,

rührt die stillen Glöcklein sacht,

dass sie alle tönen müssen

von der künft'gen bunten Pracht.

Ach, sie konnten's nicht erwarten,

aber weiß vom letzten Schnee

War noch immer Feld und Garten,

und sie sanken um vor Weh.

So schon manche Dichter streckten

Sangesmüde sich hinab,

und der Frühling, den sie weckten,

rauschet über ihrem Grab.

 

 

Robert John Thornton,

The Snowdrop - accompanied by purple and yellow crocuses, 1804
Robert John Thornton (1768–1837) war ein englischer Arzt und Botaniker.

 

Edward Atkinson Hornel, Gathering Snowdrops, 1914
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spät-impressionismus.

Georg Scheurlin 1802-1872

Der Lenz will kommen

 

Der Lenz will kommen, der Winter ist aus,

Schneeglöckchen läutet: »Heraus, heraus!

Heraus, ihr Schläfer in Flur und Heid',

Es ist nicht länger Schlafenszeit;

Ihr Sänger, hervor aus Feld und Wald,

Die Blüten erwachen, sie kommen bald;

Und wer noch schlummert im Winterhaus –

Zum Leben und Weben heraus, heraus!«

 

So läutet Schneeglöckchen durchs weite Land,

Da hören's die Schläfer allerhand;

Und es läutet fort zu Tag und Nacht,

Bis endlich allesamt aufgewacht;

Und läutet noch immer und schweigt nicht still,

Bis auch dein Herz erwachen will.

 

So öffne nun doch den engen Schrein,

Zeuch aus, in die junge Welt hinein!

In das große, weite Gotteshaus,

Erschwing' dich, o Seele, und fleuch hinaus,

Und halte Andacht und stimme erfreut

In das volle, süße Frühlingsgeläut!

 

 

Edward Atkinson Hornel, Gathering Snowdrops, 1914
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spätimpressionismus.

 

Josef Lauer, Waldbodenstück mit Schneeglöckchen
Josef Lauer (1818-1881) war ein österreichischer Stilllebenmaler. 
 

Friedrich Rückert 1788-1866

Schneeglöckchen

 

Der Schnee, der gestern noch in Flöckchen

Vom Himmel fiel,

Hängt nun geronnen heut' als Glöckchen

Am zarten Stiel.

 

Schneeglöckchen läutet; was bedeutet's

Im stillen Hain?

O komm geschwind! Im Haine läutet's

Den Frühling ein.

 

O kommt, ihr Blätter, Blüt' und Blume,

Die ihr noch träumt,

All' zu des Frühlings Heiligtume!

Kommt ungesäumt!

 

 

Dante Gabriel Rossetti, Blanzifiore
Dante Gabriel Rossetti (1828-1882) war ein britischer Dichter und Maler, der in beiden Künsten gleichermaßen begabt war.
 

 

Osterglocken - Narzissen

Josef Weinheber 1892-1945

Narzissen

 

Längs dem Quell und hinan über den Wiesenhang,

wo der Birken Geweb gegen den fahlen Firn

geistert - Horch, eine Flöte

klagt der Stille ihr perlend Leid.

 

Bald ersterbender Ruf, Jugend und Liebeswahn:

War es hier? Oder litt ewig im Traum das Herz?

Und erkennt sich in diesem

Schweigen? Sieht seine Tränen, sieht

 

aufgegangen das Blut, sternenerstarrt den Schmerz

und die Schönheit nicht tot, da sie zu singen glückt?

Steige, namenlos stiller

Jüngling! Nimm dir die Seele, fühl

 

unerwiderte Glut, schmerzvoll versunkne Schau

in das eigene Bild, ewigen Opfers nie

endendürfende Trauer,

fremd und ferne dem plumpen Tag.

 

Wie dein Schicksal doch ganz meines in sich erfüllt!

Kühle Blumen - und ach! Da ich mein Herz zerriß,

war es Blut. Noch im Tode

folg ich, edle Gestalt, dir nach.

 

 

 

Maria Sibylla Merian, Narzissen, Vergißmeinnicht und Schmetterling
Maria Sibylla Merian (1647-1717) war eine Naturforscherin und Künstlerin.

Rudolf Presber 1868-1935

Osterglocken

 

Nun trägt aus ferner Sphäre

Mit lindem Flügelwehn

Der Wind die Frühlingsmäre

Von frohem Auferstehn;

Und gibt auf Wolkenwegen

Den Glocken das Geleit,

Die nachts der Ostersegen

Im heil'gen Rom geweiht.

 

Und will zur Kirche locken

Mich Orgel nicht noch Chor,

Die kleinen Blütenglocken,

Die läuten's mir ins Ohr;

Wie sie im Winde wehen,

Ihr leises Stimmchen spricht:

Es gibt ein Auferstehen

Aus Nacht und Grab zum Licht!

 

Und säum' ich wohl ein Weilchen

In meines Gärtchens Ruh

Und nick' den ersten Veilchen

Und nick' dem Krokus zu;

Und grüß' nach liebem Brauche

Den dunklen Zaun entlang

Das erste Grün am Strauche,

Das aus den Hüllen sprang.

 

Und oben im Geäste,

Durch das der Himmel blaut,

Schau' ich, wie schon am Neste

Ein kleiner Vogel baut.

Er trägt auf lichten Schwingen

Sich Halm um Hälmchen her,

Wie bald wird er besingen

Des Maien Wiederkehr ...

 

Und ward längst für mich Blinden

Das letzte Bett behau'n -

Die Blumen stehn in Winden,

Die kleinen Vögel bau'n;

Und durch die neuen Zeiten

Wird, klüger als der Ahn,

Ein starker Enkel schreiten

Und tun, wie ich getan.

 

Und blüh'n die starken Bäume,

Die ich noch schwach gesehn,

Dann werden meine Träume

Die Stirne ihm umwehn;

Dann lebt, was lang schon ruhte,

In dem verjüngten Sinn,

Weil ich in seinem Blute

Und seinem Herzschlag bin!

 

 

George Clausen, Daffodils
George Clausen (1852-1944) war ein britischer Künstler, der mit Öl und Aquarell, Radierung, Mezzotinta, Trockenpunkt und gelegentlich Lithografien arbeitete.

 

Richard Dehmel 1863-1920

Narzissen

 

Weißt du noch, wie weiß, wie bleich

in den Maiendämmerungen,

wenn du meinen Hals umschlungen,

wenn ich dich ans Herz gerissen,

um uns schwankten die Narzissen?

 

Weißt du noch, wie heiß, wie weich

in den lauen Juninächten,

wenn wir müde von den Küssen

um uns flochten deine Flechten,

Düfte hauchten die Narzissen?

 

Wieder leuchten, wieder grüßen:

wenn die Dämmerungen sinken,

wenn die lauen Nächte winken:

hauchen Düfte die Narzissen, –

weißt du noch, wie heiß – – wie bleich?

 

 

Firmin Baes, Still Life, Daffodils and a Blanc de Chine Dancer
Firmin Baes (1874-1943) war ein belgischer Maler, Pastellkünstler, Zeichner und Druckdesigner.
 

 

Frank Bramley, Daffodils and Narcissi
Frank Bramley (1857-1915) war ein britischer Maler des Spätimpressionismus.

 

William Wordsworth 1770-1850

 

Ich ging allein, den Wolken gleich,

Die über Tal und Hügel fliegen,

Da sah ich jäh vor mir ein Reich

Von goldenen Narzissen liegen.

Am See auf waldgesäumter Wiese

Wogten im Tanz sie in der Brise.

 

Wie nachts am Firmament der Schein

Sich flimmernd dehnt zu ferner Flucht,

Erstreckten endlos ihre Reih'n

Sich am Gestade einer Bucht.

Zehntausend warns auf einen Blick,

Keck warfen sie den Kopf zurück.

 

Die Wellen tanzten mit, doch sie

warn heitrer als der Wellen Glanz.

Ein solches Bild von Harmonie

Füllt eines Dichters Seele ganz.

Ich sah und sah, kaum daß ich dachte,

Wie reich mich dieser Anblick machte.

 

Oft, wenn auf meiner Couch ich ruh,

In heitrer oder trüber Zeit,

Blitzt mir ihr Bild von innen zu,

Beseligt meine Einsamkeit.

Dann jauchzt mein Herz, neu hingerissen,

Und tanzt vergnügt mit den Narzissen.

 

Henri Bergé, Étude de narcisses,

Musée de l'Ecole de Nancy
Henri Bergé (1870-1937) war ein französischer Dekorateur und Illustrator des Jugendstils.
 

Gustav Falke 1853-1916

Weiße Narzissen

 

Weiße Narzissen leuchten

Über dein Bild her und sagen

Mit leisen Märchenstimmen

Von heimlichen Frühlingstagen.

 

Von heimlichen, warmen Tagen,

Wo sich die Blumen verfrühten,

Stille weiße Sterne

Aus meinem Herzen blühten.

 

Stille weiße Sterne

Der Liebe, um dich zu schmücken,

Aber du gingst vorüber,

Durftest sie nicht pflücken.

 

Irgendwo warten,

Gewiegt von zärtlichen Winden,

Rote Rosen deiner,

Du wirst den Weg wohl finden.

 

Indessen leuchten die stillen

Großen Narzissensterne

Über dein Bild, wie aus weiter,

Weißer Märchenferne.

 

 

Lawrence

Alma-Tadema, Spring Flowers
Lawrence Alma-Tadema (Geburtsname: Lourens Alma Tadema, 1836-1912) war ein niederländischer Maler und Zeichner des akademischen Realismus.
 

Paul Gustav Fischer, The Birthday, the Painter's Daughter Harriet Arranging Daffodils in a Vase on the Table
Paul Gustav Fischer (1860-1934) war ein dänischer Maler.

Michael Peter Ancher, Helga Ancher Painting Daffodils
Michael Peter Ancher (1849-1927) war ein dänischer Maler.

 

Schlüsselblumen - Primeln

 

Josef Weinheber 1892-1945

Primel

 

Woher, du süße Erstlingin im März,

nimmst du die unbeirrbare Gewalt

und nennst die Schuld, von der die Erde hallt,

und weckst das wirre Herz?

 

Und während es noch leise weiterweint,

wer lehrte dich den sanften Sturm, der stet

am Schmerze rührt und wie ein Reigen scheint,

der von den Sternen weht -

 

Wer führte dich, daß du zur rechten Zeit

uns kamst (wir hatten kaum mehr, kaum gelebt)

und blühst die Erde wieder gut und weit,

indes das Herz noch leise weiterbebt?

 

 

Albrecht Dürer, Tuft of Cowslips, 1526, National Gallery of Art, Washington
Albrecht Dürer (1471-1528) der Jüngere (auch Duerer) war ein deutscher Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker.

Hans Andersen Brendekilde, Two Girls Picking Flowers in a Forest in Springtime
Hans Andersen Brendekilde (1857-1942) war ein dänischer Maler.

Ferdinand von Saar 1833–1906

Die Primeln

 

So seh' ich auch euch jetzt,

Ihr sonnigen Blumenaugen des Lenzes,

In zierliche Töpfe verpflanzt

Und in japanischen Vasen;

Seh' euch mit leisem Schmerz

Kunstvoll zum Strauße gereiht,

Und als schimmernden Brust- und Lockenschmuck

Erhöhen buhlender Schönheit Reiz.

 

Mehr stets liebt' ich euch

Als die ersten Veilchen

Und die thaufrischen Hagerosen.

Denn jene, ob auch verborgen dem Aug',

Locken dringenden Duft's Pflücker heran –

Und diese, fesselnd mit scharfem Dorn,

Drängen berückend am Strauch sich entgegen.

Ihr aber,

Keusch und unentweiht,

Selig des eig'nen Lichts,

Blühtet

Und verblühtet ihr,

An der Erde heilige Mutterbrust

Dicht geschmiegt.

 

Höchstens, daß fröhlich euch

Ein ländliches Kind dem braunen Haar gesellt,

Oder der sinnende Dichter

Andächtig euch losgelös't

Von der wurzelumhüllenden Scholle,

Damit ihr, im schlichten Glase getränkt,

Erhelltet seiner düsteren Stube Einsamkeit.

 

Und doch! Wo immer

Euer sanfter Glanz auch leuchtet –

Selbst in menschenvoller Gassen Kehricht noch:

Wehen um euch,

Unschuldvoll,

Die ersten,

Die reinsten Hauche der Schöpfung!

 

 

 

Edward Atkinson Hornel,

Young Girl with Primroses
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spätimpressionismus und wichtiger Vertreter der Glasgow Boys, einer Künstlergruppe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.

 

Robert Reinick 1805-1852

 

Nun brechen aller Enden

Die Blumen aus grünem Plan;

Wo ich mich hin mag wenden,

Da hebt ein Klingen an!

Möcht' dir ein Sträußlein binden,

Möcht' dir ein Lied erfinden.

Wo aber fang' ich an?

 

Hier blüh'n Mariensterne,

Dort Primeln licht und bunt;

Bald ruft ein Horn zur Ferne,

Bald rauscht's im  kühlen Grund.

Ganz wirr ist mir zu Sinne,

Weiß nicht, was ich beginne;

Mein Herz ist mir verwund't.

 

Ja, möchtest selbst du kommen,

Da wär's wohl gute Zeit,

All' Leid wär' mir benommen,

Und lauter Seligkeit;

Die Blumen könnten blühen,

Die Klänge weiter ziehen,

Ist doch die Welt so weit.

 

Wenn sich zwei Augen gefunden,

Wer schaut die Blumen an?

Wenn sich zwei Mündlein runden,

Was braucht's der Lieder dann?

Wenn einig Herz und Hände:

Welch Frühling ohne Ende

Hebt da zu blühen an!

 

 

Karl Hayd, Schlüsselblumen in einer Vase
Karl Hayd (1882-1945) war ein österreichischer Maler und Grafiker. 

 

Felicia Hemans 1793-1835

O warte fein!

 

Durch des Waldes Hauch, der dein Haupt gekühlt,

Auf der Moosbank, wo du als Kind gespielt;

Durch der Linde Flüstern, die leise weht,

Wo dein Elternhaus unter Blumen steht;

Durch den Duft der Primel sogar im Gras;

Durch der Laube dämmern: – durch alles das

Kehrt ein Zauber in deinem Herzen ein,

Heilig und köstlich – o, warte fein!

 

Annie L. Pressland, Primulas Violets and Scillas still life
Annie L. Pressland (1862-1933) war eine britische Malerin.

Ferdinand von Saar 1833–1906

Die Primeln

 

So seh' ich auch euch jetzt,

Ihr sonnigen Blumenaugen des Lenzes,

In zierliche Töpfe verpflanzt

Und in japanischen Vasen;

Seh' euch mit leisem Schmerz

Kunstvoll zum Strauße gereiht,

Und als schimmernden Brust- und Lockenschmuck

Erhöhen buhlender Schönheit Reiz.

 

Mehr stets liebt' ich euch

Als die ersten Veilchen

Und die thaufrischen Hagerosen.

Denn jene, ob auch verborgen dem Aug',

Locken dringenden Duft's Pflücker heran –

Und diese, fesselnd mit scharfem Dorn,

Drängen berückend am Strauch sich entgegen.

Ihr aber,

Keusch und unentweiht,

Selig des eig'nen Lichts,

Blühtet

Und verblühtet ihr,

An der Erde heilige Mutterbrust

Dicht geschmiegt.

 

Höchstens, daß fröhlich euch

Ein ländliches Kind dem braunen Haar gesellt,

Oder der sinnende Dichter

Andächtig euch losgelös't

Von der wurzelumhüllenden Scholle,

Damit ihr, im schlichten Glase getränkt,

Erhelltet seiner düsteren Stube Einsamkeit.

 

Und doch! Wo immer

Euer sanfter Glanz auch leuchtet –

Selbst in menschenvoller Gassen Kehricht noch:

Wehen um euch,

Unschuldvoll,

Die ersten,

Die reinsten Hauche der Schöpfung!

 

 

 

Edgar Bundy,

The Primrose Girl
Edgar Bundy (1862-1922) war ein englischer Maler.
 

Max Dauthendey 1867-1918

Zwei lila Primeln

 

Zwei lila Primeln stehn auf der Fensterbank

Und blühen, als haben zwei Menschen verliebt denselben Gedank'.

Vor den Wolken draußen, die hochgeschwungen,

Stehen die Blumenbündel dunkel gedrungen,

Als wachsen zwei Schatten wild aus zwei Töpfen,

Als platzt hier die Sehnsucht aus Blumen wie aus zwei Köpfen.

Es stehen finster trutzig im Fensterrahmen

Die Zwei, die zu einem Gedanken kamen.

 

 

William Dyce attr., Picking Primulas
William Dyce (1806-1864) war ein schottischer Maler.

 

Robert Hamerling 1830-1889

Die Primeln

 

Sieh, Liebchen, hier im Waldestal

das Plätzchen unvergessen,

wo kosend wir zum letzten Mal

im letzen Herbst gesessen!

 

Und sieh, nun sind in goldner Tracht

hier an derselben Stelle

die ersten Primeln aufgewacht,

als wär's des Lenzes Schwelle!

 

Siehst du, wie Liebe Wunder tut,

daß wenn der Schnee zerflossen,

dort, wo ein Liebespaar geruht,

die ersten Primeln sprossen?

 

Nun wollen doppelt eifrig wir,

wenn Moos und Gräsen schwellen,

fürs nächste Jahr im Waldrevier

die Primelsaat bestellen.

 

Dann lächeln wir ob unserm Streich,

wenn Berg und Täler wimmeln

und keiner weiß, warum so reich

geraten sind die Primeln.

 

Marga Toppelius-Kiseleff, Still life with a book and primroses
Marga Toppelius-Kiseleff (1862–1924) war eine finnische Malerin.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Primula veris

 

1

 

Liebliche Blume,

Bist du so früh schon

Wiedergekommen?

Sei mir gegrüßet,

Primula veris!

 

Leiser denn alle

Blumen der Wiese

Hast du geschlummert,

Liebliche Blume,

Primula veris!

 

Dir nur vernehmbar

Lockte das erste

Sanfte Geflüster

Weckenden Frühlings,

Primula veris!

 

Mir auch im Herzen

Blühte vor Zeiten,

Schöner denn alle

Blumen der Liebe,

Primula veris!

 

2

 

Liebliche Blume,

Primula veris!

Holde, dich nenn ich

Blume des Glaubens.

 

Gläubig dem ersten

Winke des Himmels

Eilst du entgegen,

Öffnest die Brust ihm.

 

Frühling ist kommen.

Mögen ihn Fröste,

Trübende Nebel

Wieder verhüllen;

 

Blume, du glaubst es,

Daß der ersehnte

Göttliche Frühling

Endlich gekommen,

 

Öffnest die Brust ihm;

Aber es dringen

Lauernde Fröste

Tödlich ins Herz dir.

 

Mag es verwelken!

Ging doch der Blume

Gläubige Seele

Nimmer verloren.

 

Józef Chełmoński, Cowslips, National Museum in Warsaw
Józef Marian Chelmonski (1849-1914) war ein polnischer Maler.

 

Hyazinthen

 

Ellen Robbins, Hyacinths
Ellen Robbins (1828-1905) war eine US-amerikanische Stilllebenmalerin und botanische Illustratorin.

 

Friedrich Theodor von Vischer 1807-1887

Die Hyazinthe

 

Ich grüße dich, du wunderbarer Duft,

Der sich in diesen zarten Kelchen wieget,

Du Schiff, worin durch dunkelblaue Luft

Die Seel' entzückt nach fernen Ufern flieget.

Das Steuer ist ein alter, alter Traum

Von andern Zeiten, himmelschönen Auen,

Gold ist der königlichen Ströme Schaum

Und hohe, schlanke Palmen sind zu schauen.

Die Lotosblume schwimmt auf blauer Flut,

Die Welle scheint mit holder Scham zu fragen,

Welch Wunder ihr im keuschen Schoße ruht?

Doch nur die Kinder wissen es zu sagen.

 

 

Alfrida Baadsgaard,

Still life with Hyacinths and butterfly
Alfrida Vilhelmine Ludovica Baadsgaard (1839–1912) wat eine dänische Malerin.

 

Sydenham Edwards, Hyacinths, 1801
Sydenham Teast Edwards (1768-1819) war ein naturkundlicher Illustrator.
 

Dr. Owlglass 1873-1945

Vorfrühling

 

Schon entkeimt die Hyazinthe.

Aber unsereiner steckt

Bis zum Nabel in der Tinte,

Die nicht halb so lieblich schmeckt.

 

Alle Zwiebeln, alle Knollen

Sind vom Bildungstrieb gereizt,

Und sie wissen, was sie wollen,

Wenn man nicht mit Wasser geizt.

 

Ohne weitre Redensarten,

Ohne Zutat oder Mist

Rührt sich das in seinem Garten,

Bis das Rüchlein fertig ist.

 

Unsereinem ist inweilen

Auch ein Resultat entflohn:

Ein Papier voll kurzer Zeilen

Oder gar ein Feuilleton.

 

 

George Hitchcock, Woman in a Field of Hyacinths
George Hitchcock (1850-1913) war ein US-amerikanischer Maler.
 

 

George Hitchcock, A Field of Hyacinths, Holland
George Hitchcock (1850-1913) war ein US-amerikanischer Maler.
 

Franz Courtens, Spring landscape with a field of hyacinths
Franz Courtens (1854-1943) war ein belgischer Landschaftsmaler und Kunstpädagoge.

Emil Claar 1842-1930

Hyazinthe

 

Hyazinthe war die teure

Lieblingsblume meiner Mutter,

Die ein Lenzeskind gewesen,

Eine echte Märzgeborne.

 

Jährlich um des Monats Mitte,

Trat ich morgens in ihr Zimmer

Und bescherte zum Geburtstag

Ihr die ersten Hyazinten.

 

Lenz durchglomm ihr blaues Auge,

Wob in ihrem feinen Antlitz

Und umstrahlte noch im Alter

den kastanienbraunen Scheitel.

 

Märzenstark war ihre Seele,

Die sich hob aus allem Niedern

Zum Erhab'nen und zum Zarten

Wie auf sichtbar hellen Schwingen.

 

Und auch diese Edle wurde

Hingebeugt von Erdenschwere,

Ihre lichte Liebe wankte

Kummervoll zu eis'ger Grabnacht.

 

Dorthin um des Monats Mitte

Trag' ich jetzt die Märzengabe

Süßester Erinnerungen,

Meinen ganzen toten Frühling!

 

 

Jessie Algie, Hyacinths,

The New Art Gallery Walsall
Jessie Algie (1859–1927) war eine schottische Malerin.
 

 

August Macke, Hyazinthen, 1911
August Robert Ludwig Macke (1887-1914) war einer der bekanntesten deutschen Maler des Expressionismus.
 

Barthold Heinrich Brockes 1680-1747

Die Traubenhyazinthe

 

Angenehmes Frühlingskindchen,

Kleines Traubenhyazinthchen,

Deiner Farb und Bildung Zier

Zeiget mit Verwunderung mir

Von der bildenden Natur

eine neue Schönheitsspur.

An des Stengels blauer Spitzen

Sieht man, wenn man billig sieht,

Deiner sonderbaren Blüt

Kleine blaue Kugeln sitzen,

Dran, so lange sich ihr Blatt

Noch nicht aufgeschlossen hat,

Wie ein Purpurstern sie schmücket,

Man nicht sonder Lust erblicket.

Aber wie von ungefähr

Meine Blicke hin und her

Auf die offnen Blumen liefen,

Konnt ich in den blauen Tiefen

Wie aus himmelblauen Höhen

Silberweiße Sternchen sehen,

Die in einer blauen Nacht,

So sie rings bedeckt, im Dunkeln

Mit dadurch erhöhter Pracht

Noch um desto heller funkeln.

Ihr so zierliches Gepränge,

Ihre Nettigkeit und Menge,

Die die blauen Tiefen füllt,

Schiene mir des Himmels Bild,

Welches meine Seele rührte

Und durch dieser Sternen Schein,

Die so zierlich, rein und klein,

Mich zum Herrn der Sterne führte,

Dessen unumschränkte Macht

aller Himmel tiefe Meere,

Aller Welt- und Sonnen Heere

Durch ein Wort hervorgebracht;

Dem es ja so leicht, die Pracht

In den himmlischen Gefilden

Als die Sternchen hier zu bilden.

Durch dein sternenförmig Wesen

Gibst du mir, beliebte Blume,

ein' Erinnerung zu lesen,

Dass wir seiner nicht vergessen,

Sondern in den schönen Werken

Seine Gegenwart bemerken,

Seine weise Macht ermessen

Und sie wie in jenen Höhen

So auf Erden auch zu sehen.

 

 

 

Jacek Malczewski, Autoportret z hiacyntem
Jacek Malczewski (1854-1929) war ein polnischer Maler des Modernismus und Symbolismus.
 

 

Gerda

Roosval-Kallstenius, En blå hyacint i Paris
Gerda Roosval-Kallstenius (1864-1939) war eine schwedische Malerin.

 

Krokusse

 

 

Crocus sativus
 

Heinrich Steinhausen (1836 - 1917)

Die Amsel lockt, die Hasel stäubt

 

Die Amsel lockt, die Hasel stäubt,

Im Erdengrund es heimlich treibt,

Nicht lang, der gelbe Krokus blüht,

Nicht lang, und bald die Rose glüht;

 

Bald wogt in heißer Luft das Korn,

Im Neste zirpt's, im Heckendorn;

Es rauscht und braust das Waldesgrün,

Von Berg und Tal die Schatten fliehn;

 

Und hingestreckt auf blumiger Au

Senk ich den Blick ins Himmelsblau,

Und frei von Schwere wird die Brust,

Wie ist die Welt voll Lieb und Lust!

 

Wird's balde sein? – Noch ist so grau

Der Himmel und die Luft so rauh –

Doch Amsel lockt und Hasel stäubt,

Herz, auch in dir es heimlich treibt.

 

Reinhold Max Eichler, Krokusse, 1908
Reinhold Max Eichler (1872-1947) war ein deutscher Maler, Zeichner und Illustrator. 

Theodor Storm 1817-1888

Hinter den Tannen

 

Sonnenschein auf grünem Rasen,

Krokus drinnen blau und blaß;

Und zwei Mädchenhände tauchen

Blumen pflückend in das Gras.

 

Und ein Junge kniet daneben,

Gar ein übermütig Blut,

Und sie schaun sich an und lachen –

O wie kenn ich sie so gut!

 

Hinter jenen Tannen war es,

Jene Wiese schließt es ein –

Schöne Zeit der Blumensträuße,

Stiller Sommersonnenschein!

 

 

Charles John Robertson, Crocus
Charles John Robertson (1798–1830) war ein englischer botanischer Illustrator.
 

 

Märta Rudbeck, Crocus
Märta Eleonora Johanna Rudbeck (1882-1933) war eine schwedische Malerin und Grafikerin.
 

Karl Gutzkow 1811-1878

 

Wohl sind die Königinnen der Blumenwelt die, die auf der Höhe des Frühlings blühen, Maiblumen, Jasmin und Rose. Aber auch noch am gefrornen Fenster dem schlanken Wuchs der über dem Wasserglase schwebenden Hyacin-the, dem Krokus, der noch aus dem Schneegefild heraus sein buntes Glockenköpfchen heben muß, zu lauschen, es kann über die Wonnen der Rosenzeit gehen. Erinnerung, Sehnsucht, Hoffnung sind die Begleiter der ersten Früh-lingsboten und Sehnsucht beglückt oft mehr als Besitz.

 

 

 

Stanislaw Witkiewicz, Krokusy i kaczeńce, 1907
Stanislaw Witkiewicz (1851-1915) war ein polnischer Maler, Architekt, Schriftsteller und Kunsttheoretiker.
 

Stanislaw Witkiewicz, Crocuses with snowy mountains in the background.
Stanislaw Witkiewicz (1851-1915) war ein polnischer Maler, Architekt, Schriftsteller und Kunsttheoretiker.

 


 

Franz Josef Stritt 1831-1908

Dichter und Gedichte

 

Prosaisch ist das Leben,

Die Poesie verschwunden;

Es werden keine Kränze

Dem Dichter mehr gewunden.

 

Es blühen jetzt die Blumen

Nur noch für Küh und Kälber,

Und wer noch liest Gedichte –

Der macht sie meistens selber!

 

 

 

Das gefährlichste

Möbelstück ist die

›Lange Bank‹,
das gefährlichste

Instrument die

›Alte Leier‹.
Abraham a Sancta Clara

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes
ist die Rücksicht;
doch zuzeiten
sind erfrischend

wie Gewitter
goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

BuchKult

Franz Dewes

fjdewes@buchkult-dewes.de

 

Druckversion | Sitemap
© BuchKult