Blumen sind das Lächeln der Erde.
Ralph Waldo Emerson 1803-1882
Unter der Schneelast unseres Alters
grüne das Immergrün eines guten Gewissens, sprosse das Schneeglöckchen,
die Botin des ewigen Frühlings.
Wolfgang Menzel 1798-1873
Heinrich Heine 1797-1856
Es hat die warme Frühlingsnacht
Die Blumen hervorgetrieben,
Und nimmt mein Herz sich nicht in acht,
So wird es sich wieder verlieben.
Doch welche von den Blumen all'n
Wird mir das Herz umgarnen?
Es wollen die singenden Nachtigall'n
Mich vor der Lilie warnen.
Theodor Storm 1817-1888
März
Und aus der Erde schauet nur
Alleine noch Schneeglöckchen;
So kalt, so kalt ist noch die Flur,
Es friert im weißen Röckchen.
Joseph von Eichendorff 1788-1857
Schneeglöckchen
S' war doch wie ein leises Singen
in dem Garten heute Nacht,
wie wenn laue Lüfte gingen:
"Süße Glöcklein, nun erwacht,
denn die warme Zeit wir bringen,
eh's noch jemand hat gedacht." -
s' war kein Singen, s' war ein Küssen,
rührt die stillen Glöcklein sacht,
dass sie alle tönen müssen
von der künft'gen bunten Pracht.
Ach, sie konnten's nicht erwarten,
aber weiß vom letzten Schnee
War noch immer Feld und Garten,
und sie sanken um vor Weh.
So schon manche Dichter streckten
Sangesmüde sich hinab,
und der Frühling, den sie weckten,
rauschet über ihrem Grab.
Georg Scheurlin 1802-1872
Der Lenz will kommen
Der Lenz will kommen, der Winter ist aus,
Schneeglöckchen läutet: »Heraus, heraus!
Heraus, ihr Schläfer in Flur und Heid',
Es ist nicht länger Schlafenszeit;
Ihr Sänger, hervor aus Feld und Wald,
Die Blüten erwachen, sie kommen bald;
Und wer noch schlummert im Winterhaus –
Zum Leben und Weben heraus, heraus!«
So läutet Schneeglöckchen durchs weite Land,
Da hören's die Schläfer allerhand;
Und es läutet fort zu Tag und Nacht,
Bis endlich allesamt aufgewacht;
Und läutet noch immer und schweigt nicht still,
Bis auch dein Herz erwachen will.
So öffne nun doch den engen Schrein,
Zeuch aus, in die junge Welt hinein!
In das große, weite Gotteshaus,
Erschwing' dich, o Seele, und fleuch hinaus,
Und halte Andacht und stimme erfreut
In das volle, süße Frühlingsgeläut!
Friedrich Rückert 1788-1866
Schneeglöckchen
Der Schnee, der gestern noch in Flöckchen
Vom Himmel fiel,
Hängt nun geronnen heut' als Glöckchen
Am zarten Stiel.
Schneeglöckchen läutet; was bedeutet's
Im stillen Hain?
O komm geschwind! Im Haine läutet's
Den Frühling ein.
O kommt, ihr Blätter, Blüt' und Blume,
Die ihr noch träumt,
All' zu des Frühlings Heiligtume!
Kommt ungesäumt!
Josef Weinheber 1892-1945
Narzissen
Längs dem Quell und hinan über den Wiesenhang,
wo der Birken Geweb gegen den fahlen Firn
geistert - Horch, eine Flöte
klagt der Stille ihr perlend Leid.
Bald ersterbender Ruf, Jugend und Liebeswahn:
War es hier? Oder litt ewig im Traum das Herz?
Und erkennt sich in diesem
Schweigen? Sieht seine Tränen, sieht
aufgegangen das Blut, sternenerstarrt den Schmerz
und die Schönheit nicht tot, da sie zu singen glückt?
Steige, namenlos stiller
Jüngling! Nimm dir die Seele, fühl
unerwiderte Glut, schmerzvoll versunkne Schau
in das eigene Bild, ewigen Opfers nie
endendürfende Trauer,
fremd und ferne dem plumpen Tag.
Wie dein Schicksal doch ganz meines in sich erfüllt!
Kühle Blumen - und ach! Da ich mein Herz zerriß,
war es Blut. Noch im Tode
folg ich, edle Gestalt, dir nach.
Rudolf Presber 1868-1935
Osterglocken
Nun trägt aus ferner Sphäre
Mit lindem Flügelwehn
Der Wind die Frühlingsmäre
Von frohem Auferstehn;
Und gibt auf Wolkenwegen
Den Glocken das Geleit,
Die nachts der Ostersegen
Im heil'gen Rom geweiht.
Und will zur Kirche locken
Mich Orgel nicht noch Chor,
Die kleinen Blütenglocken,
Die läuten's mir ins Ohr;
Wie sie im Winde wehen,
Ihr leises Stimmchen spricht:
Es gibt ein Auferstehen
Aus Nacht und Grab zum Licht!
Und säum' ich wohl ein Weilchen
In meines Gärtchens Ruh
Und nick' den ersten Veilchen
Und nick' dem Krokus zu;
Und grüß' nach liebem Brauche
Den dunklen Zaun entlang
Das erste Grün am Strauche,
Das aus den Hüllen sprang.
Und oben im Geäste,
Durch das der Himmel blaut,
Schau' ich, wie schon am Neste
Ein kleiner Vogel baut.
Er trägt auf lichten Schwingen
Sich Halm um Hälmchen her,
Wie bald wird er besingen
Des Maien Wiederkehr ...
Und ward längst für mich Blinden
Das letzte Bett behau'n -
Die Blumen stehn in Winden,
Die kleinen Vögel bau'n;
Und durch die neuen Zeiten
Wird, klüger als der Ahn,
Ein starker Enkel schreiten
Und tun, wie ich getan.
Und blüh'n die starken Bäume,
Die ich noch schwach gesehn,
Dann werden meine Träume
Die Stirne ihm umwehn;
Dann lebt, was lang schon ruhte,
In dem verjüngten Sinn,
Weil ich in seinem Blute
Und seinem Herzschlag bin!
Richard Dehmel 1863-1920
Narzissen
Weißt du noch, wie weiß, wie bleich
in den Maiendämmerungen,
wenn du meinen Hals umschlungen,
wenn ich dich ans Herz gerissen,
um uns schwankten die Narzissen?
Weißt du noch, wie heiß, wie weich
in den lauen Juninächten,
wenn wir müde von den Küssen
um uns flochten deine Flechten,
Düfte hauchten die Narzissen?
Wieder leuchten, wieder grüßen:
wenn die Dämmerungen sinken,
wenn die lauen Nächte winken:
hauchen Düfte die Narzissen, –
weißt du noch, wie heiß – – wie bleich?
William Wordsworth 1770-1850
Ich ging allein, den Wolken gleich,
Die über Tal und Hügel fliegen,
Da sah ich jäh vor mir ein Reich
Von goldenen Narzissen liegen.
Am See auf waldgesäumter Wiese
Wogten im Tanz sie in der Brise.
Wie nachts am Firmament der Schein
Sich flimmernd dehnt zu ferner Flucht,
Erstreckten endlos ihre Reih'n
Sich am Gestade einer Bucht.
Zehntausend warns auf einen Blick,
Keck warfen sie den Kopf zurück.
Die Wellen tanzten mit, doch sie
warn heitrer als der Wellen Glanz.
Ein solches Bild von Harmonie
Füllt eines Dichters Seele ganz.
Ich sah und sah, kaum daß ich dachte,
Wie reich mich dieser Anblick machte.
Oft, wenn auf meiner Couch ich ruh,
In heitrer oder trüber Zeit,
Blitzt mir ihr Bild von innen zu,
Beseligt meine Einsamkeit.
Dann jauchzt mein Herz, neu hingerissen,
Und tanzt vergnügt mit den Narzissen.
Gustav Falke 1853-1916
Weiße Narzissen
Weiße Narzissen leuchten
Über dein Bild her und sagen
Mit leisen Märchenstimmen
Von heimlichen Frühlingstagen.
Von heimlichen, warmen Tagen,
Wo sich die Blumen verfrühten,
Stille weiße Sterne
Aus meinem Herzen blühten.
Stille weiße Sterne
Der Liebe, um dich zu schmücken,
Aber du gingst vorüber,
Durftest sie nicht pflücken.
Irgendwo warten,
Gewiegt von zärtlichen Winden,
Rote Rosen deiner,
Du wirst den Weg wohl finden.
Indessen leuchten die stillen
Großen Narzissensterne
Über dein Bild, wie aus weiter,
Weißer Märchenferne.
Josef Weinheber 1892-1945
Primel
Woher, du süße Erstlingin im März,
nimmst du die unbeirrbare Gewalt
und nennst die Schuld, von der die Erde hallt,
und weckst das wirre Herz?
Und während es noch leise weiterweint,
wer lehrte dich den sanften Sturm, der stet
am Schmerze rührt und wie ein Reigen scheint,
der von den Sternen weht -
Wer führte dich, daß du zur rechten Zeit
uns kamst (wir hatten kaum mehr, kaum gelebt)
und blühst die Erde wieder gut und weit,
indes das Herz noch leise weiterbebt?
Ferdinand von Saar 1833–1906
Die Primeln
So seh' ich auch euch jetzt,
Ihr sonnigen Blumenaugen des Lenzes,
In zierliche Töpfe verpflanzt
Und in japanischen Vasen;
Seh' euch mit leisem Schmerz
Kunstvoll zum Strauße gereiht,
Und als schimmernden Brust- und Lockenschmuck
Erhöhen buhlender Schönheit Reiz.
Mehr stets liebt' ich euch
Als die ersten Veilchen
Und die thaufrischen Hagerosen.
Denn jene, ob auch verborgen dem Aug',
Locken dringenden Duft's Pflücker heran –
Und diese, fesselnd mit scharfem Dorn,
Drängen berückend am Strauch sich entgegen.
Ihr aber,
Keusch und unentweiht,
Selig des eig'nen Lichts,
Blühtet
Und verblühtet ihr,
An der Erde heilige Mutterbrust
Dicht geschmiegt.
Höchstens, daß fröhlich euch
Ein ländliches Kind dem braunen Haar gesellt,
Oder der sinnende Dichter
Andächtig euch losgelös't
Von der wurzelumhüllenden Scholle,
Damit ihr, im schlichten Glase getränkt,
Erhelltet seiner düsteren Stube Einsamkeit.
Und doch! Wo immer
Euer sanfter Glanz auch leuchtet –
Selbst in menschenvoller Gassen Kehricht noch:
Wehen um euch,
Unschuldvoll,
Die ersten,
Die reinsten Hauche der Schöpfung!
Robert Reinick 1805-1852
Nun brechen aller Enden
Die Blumen aus grünem Plan;
Wo ich mich hin mag wenden,
Da hebt ein Klingen an!
Möcht' dir ein Sträußlein binden,
Möcht' dir ein Lied erfinden.
Wo aber fang' ich an?
Hier blüh'n Mariensterne,
Dort Primeln licht und bunt;
Bald ruft ein Horn zur Ferne,
Bald rauscht's im kühlen Grund.
Ganz wirr ist mir zu Sinne,
Weiß nicht, was ich beginne;
Mein Herz ist mir verwund't.
Ja, möchtest selbst du kommen,
Da wär's wohl gute Zeit,
All' Leid wär' mir benommen,
Und lauter Seligkeit;
Die Blumen könnten blühen,
Die Klänge weiter ziehen,
Ist doch die Welt so weit.
Wenn sich zwei Augen gefunden,
Wer schaut die Blumen an?
Wenn sich zwei Mündlein runden,
Was braucht's der Lieder dann?
Wenn einig Herz und Hände:
Welch Frühling ohne Ende
Hebt da zu blühen an!
Felicia Hemans 1793-1835
O warte fein!
Durch des Waldes Hauch, der dein Haupt gekühlt,
Auf der Moosbank, wo du als Kind gespielt;
Durch der Linde Flüstern, die leise weht,
Wo dein Elternhaus unter Blumen steht;
Durch den Duft der Primel sogar im Gras;
Durch der Laube dämmern: – durch alles das
Kehrt ein Zauber in deinem Herzen ein,
Heilig und köstlich – o, warte fein!
Ferdinand von Saar 1833–1906
Die Primeln
So seh' ich auch euch jetzt,
Ihr sonnigen Blumenaugen des Lenzes,
In zierliche Töpfe verpflanzt
Und in japanischen Vasen;
Seh' euch mit leisem Schmerz
Kunstvoll zum Strauße gereiht,
Und als schimmernden Brust- und Lockenschmuck
Erhöhen buhlender Schönheit Reiz.
Mehr stets liebt' ich euch
Als die ersten Veilchen
Und die thaufrischen Hagerosen.
Denn jene, ob auch verborgen dem Aug',
Locken dringenden Duft's Pflücker heran –
Und diese, fesselnd mit scharfem Dorn,
Drängen berückend am Strauch sich entgegen.
Ihr aber,
Keusch und unentweiht,
Selig des eig'nen Lichts,
Blühtet
Und verblühtet ihr,
An der Erde heilige Mutterbrust
Dicht geschmiegt.
Höchstens, daß fröhlich euch
Ein ländliches Kind dem braunen Haar gesellt,
Oder der sinnende Dichter
Andächtig euch losgelös't
Von der wurzelumhüllenden Scholle,
Damit ihr, im schlichten Glase getränkt,
Erhelltet seiner düsteren Stube Einsamkeit.
Und doch! Wo immer
Euer sanfter Glanz auch leuchtet –
Selbst in menschenvoller Gassen Kehricht noch:
Wehen um euch,
Unschuldvoll,
Die ersten,
Die reinsten Hauche der Schöpfung!
Max Dauthendey 1867-1918
Zwei lila Primeln
Zwei lila Primeln stehn auf der Fensterbank
Und blühen, als haben zwei Menschen verliebt denselben Gedank'.
Vor den Wolken draußen, die hochgeschwungen,
Stehen die Blumenbündel dunkel gedrungen,
Als wachsen zwei Schatten wild aus zwei Töpfen,
Als platzt hier die Sehnsucht aus Blumen wie aus zwei Köpfen.
Es stehen finster trutzig im Fensterrahmen
Die Zwei, die zu einem Gedanken kamen.
Robert Hamerling 1830-1889
Die Primeln
Sieh, Liebchen, hier im Waldestal
das Plätzchen unvergessen,
wo kosend wir zum letzten Mal
im letzen Herbst gesessen!
Und sieh, nun sind in goldner Tracht
hier an derselben Stelle
die ersten Primeln aufgewacht,
als wär's des Lenzes Schwelle!
Siehst du, wie Liebe Wunder tut,
daß wenn der Schnee zerflossen,
dort, wo ein Liebespaar geruht,
die ersten Primeln sprossen?
Nun wollen doppelt eifrig wir,
wenn Moos und Gräsen schwellen,
fürs nächste Jahr im Waldrevier
die Primelsaat bestellen.
Dann lächeln wir ob unserm Streich,
wenn Berg und Täler wimmeln
und keiner weiß, warum so reich
geraten sind die Primeln.
Nikolaus Lenau 1802-1850
Primula veris
1
Liebliche Blume,
Bist du so früh schon
Wiedergekommen?
Sei mir gegrüßet,
Primula veris!
Leiser denn alle
Blumen der Wiese
Hast du geschlummert,
Liebliche Blume,
Primula veris!
Dir nur vernehmbar
Lockte das erste
Sanfte Geflüster
Weckenden Frühlings,
Primula veris!
Mir auch im Herzen
Blühte vor Zeiten,
Schöner denn alle
Blumen der Liebe,
Primula veris!
2
Liebliche Blume,
Primula veris!
Holde, dich nenn ich
Blume des Glaubens.
Gläubig dem ersten
Winke des Himmels
Eilst du entgegen,
Öffnest die Brust ihm.
Frühling ist kommen.
Mögen ihn Fröste,
Trübende Nebel
Wieder verhüllen;
Blume, du glaubst es,
Daß der ersehnte
Göttliche Frühling
Endlich gekommen,
Öffnest die Brust ihm;
Aber es dringen
Lauernde Fröste
Tödlich ins Herz dir.
Mag es verwelken!
Ging doch der Blume
Gläubige Seele
Nimmer verloren.
Friedrich Theodor von Vischer 1807-1887
Die Hyazinthe
Ich grüße dich, du wunderbarer Duft,
Der sich in diesen zarten Kelchen wieget,
Du Schiff, worin durch dunkelblaue Luft
Die Seel' entzückt nach fernen Ufern flieget.
Das Steuer ist ein alter, alter Traum
Von andern Zeiten, himmelschönen Auen,
Gold ist der königlichen Ströme Schaum
Und hohe, schlanke Palmen sind zu schauen.
Die Lotosblume schwimmt auf blauer Flut,
Die Welle scheint mit holder Scham zu fragen,
Welch Wunder ihr im keuschen Schoße ruht?
Doch nur die Kinder wissen es zu sagen.
Dr. Owlglass 1873-1945
Vorfrühling
Schon entkeimt die Hyazinthe.
Aber unsereiner steckt
Bis zum Nabel in der Tinte,
Die nicht halb so lieblich schmeckt.
Alle Zwiebeln, alle Knollen
Sind vom Bildungstrieb gereizt,
Und sie wissen, was sie wollen,
Wenn man nicht mit Wasser geizt.
Ohne weitre Redensarten,
Ohne Zutat oder Mist
Rührt sich das in seinem Garten,
Bis das Rüchlein fertig ist.
Unsereinem ist inweilen
Auch ein Resultat entflohn:
Ein Papier voll kurzer Zeilen
Oder gar ein Feuilleton.
Emil Claar 1842-1930
Hyazinthe
Hyazinthe war die teure
Lieblingsblume meiner Mutter,
Die ein Lenzeskind gewesen,
Eine echte Märzgeborne.
Jährlich um des Monats Mitte,
Trat ich morgens in ihr Zimmer
Und bescherte zum Geburtstag
Ihr die ersten Hyazinten.
Lenz durchglomm ihr blaues Auge,
Wob in ihrem feinen Antlitz
Und umstrahlte noch im Alter
den kastanienbraunen Scheitel.
Märzenstark war ihre Seele,
Die sich hob aus allem Niedern
Zum Erhab'nen und zum Zarten
Wie auf sichtbar hellen Schwingen.
Und auch diese Edle wurde
Hingebeugt von Erdenschwere,
Ihre lichte Liebe wankte
Kummervoll zu eis'ger Grabnacht.
Dorthin um des Monats Mitte
Trag' ich jetzt die Märzengabe
Süßester Erinnerungen,
Meinen ganzen toten Frühling!
Barthold Heinrich Brockes 1680-1747
Die Traubenhyazinthe
Angenehmes Frühlingskindchen,
Kleines Traubenhyazinthchen,
Deiner Farb und Bildung Zier
Zeiget mit Verwunderung mir
Von der bildenden Natur
eine neue Schönheitsspur.
An des Stengels blauer Spitzen
Sieht man, wenn man billig sieht,
Deiner sonderbaren Blüt
Kleine blaue Kugeln sitzen,
Dran, so lange sich ihr Blatt
Noch nicht aufgeschlossen hat,
Wie ein Purpurstern sie schmücket,
Man nicht sonder Lust erblicket.
Aber wie von ungefähr
Meine Blicke hin und her
Auf die offnen Blumen liefen,
Konnt ich in den blauen Tiefen
Wie aus himmelblauen Höhen
Silberweiße Sternchen sehen,
Die in einer blauen Nacht,
So sie rings bedeckt, im Dunkeln
Mit dadurch erhöhter Pracht
Noch um desto heller funkeln.
Ihr so zierliches Gepränge,
Ihre Nettigkeit und Menge,
Die die blauen Tiefen füllt,
Schiene mir des Himmels Bild,
Welches meine Seele rührte
Und durch dieser Sternen Schein,
Die so zierlich, rein und klein,
Mich zum Herrn der Sterne führte,
Dessen unumschränkte Macht
aller Himmel tiefe Meere,
Aller Welt- und Sonnen Heere
Durch ein Wort hervorgebracht;
Dem es ja so leicht, die Pracht
In den himmlischen Gefilden
Als die Sternchen hier zu bilden.
Durch dein sternenförmig Wesen
Gibst du mir, beliebte Blume,
ein' Erinnerung zu lesen,
Dass wir seiner nicht vergessen,
Sondern in den schönen Werken
Seine Gegenwart bemerken,
Seine weise Macht ermessen
Und sie wie in jenen Höhen
So auf Erden auch zu sehen.
Heinrich Steinhausen (1836 - 1917)
Die Amsel lockt, die Hasel stäubt
Die Amsel lockt, die Hasel stäubt,
Im Erdengrund es heimlich treibt,
Nicht lang, der gelbe Krokus blüht,
Nicht lang, und bald die Rose glüht;
Bald wogt in heißer Luft das Korn,
Im Neste zirpt's, im Heckendorn;
Es rauscht und braust das Waldesgrün,
Von Berg und Tal die Schatten fliehn;
Und hingestreckt auf blumiger Au
Senk ich den Blick ins Himmelsblau,
Und frei von Schwere wird die Brust,
Wie ist die Welt voll Lieb und Lust!
Wird's balde sein? – Noch ist so grau
Der Himmel und die Luft so rauh –
Doch Amsel lockt und Hasel stäubt,
Herz, auch in dir es heimlich treibt.
Theodor Storm 1817-1888
Hinter den Tannen
Sonnenschein auf grünem Rasen,
Krokus drinnen blau und blaß;
Und zwei Mädchenhände tauchen
Blumen pflückend in das Gras.
Und ein Junge kniet daneben,
Gar ein übermütig Blut,
Und sie schaun sich an und lachen –
O wie kenn ich sie so gut!
Hinter jenen Tannen war es,
Jene Wiese schließt es ein –
Schöne Zeit der Blumensträuße,
Stiller Sommersonnenschein!
Karl Gutzkow 1811-1878
Wohl sind die Königinnen der Blumenwelt die, die auf der Höhe des Frühlings blühen, Maiblumen, Jasmin und Rose. Aber auch noch am gefrornen Fenster dem schlanken Wuchs der über dem Wasserglase schwebenden Hyacin-the, dem Krokus, der noch aus dem Schneegefild heraus sein buntes Glockenköpfchen heben muß, zu lauschen, es kann über die Wonnen der Rosenzeit gehen. Erinnerung, Sehnsucht, Hoffnung sind die Begleiter der ersten Früh-lingsboten und Sehnsucht beglückt oft mehr als Besitz.
Franz Josef Stritt 1831-1908
Dichter und Gedichte
Prosaisch ist das Leben,
Die Poesie verschwunden;
Es werden keine Kränze
Dem Dichter mehr gewunden.
Es blühen jetzt die Blumen
Nur noch für Küh und Kälber,
Und wer noch liest Gedichte –
Der macht sie meistens selber!