Das Jahr geht weiter,
und ehe man sichs versieht,
ist für die Tulpen,
die man im Herbst nicht gesetzt hat,
die Zeit gekommen nicht zu blühen.
Deutsches Sprichwort
Wer wollte sich anmaßen,
die Farben der Tulpe nachzuahmen
oder die Gestalt der Lilie zu verbessern?
Edgar Allan Poe 1809-1849
Alkaios von Lesbos (um 630 - um 580 v. Chr.)
Frühlingstrunk
Seht, o seht, geliebte Brüder,
Lenz und Blumen kehren wieder,
Jauchzet ihrer Wiederkehr!
Gebt mir gleich aus diesem Fasse
Von dem honigsüßen Nasse.
Hurtig! einen Becher her!
Hoffmann von Fallersleben 1798-1874
Die Bäume grünen überall,
Die Blumen blühen wieder,
Und wieder singt die Nachtigall
Nun ihre alten Lieder.
O glücklich, wer noch singt und lacht,
Daß auch der Frühling sein gedacht!
Hoffmann von Fallersleben 1798-1874
Maler Frühling
Der Frühling ist ein Maler,
er malet alles an,
die Berge mit den Wäldern,
die Täler mit den Feldern:
Was der doch malen kann!
Auch meine lieben Blumen
schmückt er mit Farbenpracht:
Wie sie so herrlich strahlen!
So schön kann keiner malen,
so schön, wie er es macht.
O könnt ich doch so malen,
ich malt ihm einen Strauß
und spräch in frohem Mute
für alles Lieb und Gute
so meinen Dank ihm aus!
Otto Julius Bierbaum 1865-1910
Tulpen-Predigt
Fenster auf! Es hat der Frühling
Endlich wieder seine Zeit.
Alle Blumen müssen blühen,
Alle Vögel müssen singen,
Alle Mädchen müssen lieben,
Alle Herzen werden weit.
Mädchen mit den süßen Augen,
Komm, setz dich auf meinen Schoß!
Deine Hände muß ich küssen,
Deine Augen muß ich küssen,
Deine Lippen muß ich küssen,
Denn die Freude ist zu groß.
Sieh doch, Kind, die Tulpen haben
Ihre Kelche aufgemacht:
Rote, gelbe und gescheckte,
Tiefe Kelche voller Gluten,
Nichts als Schönheit, nichts als Liebe,
Eine ungeheure Pracht.
Kann denn irgend einer traurig
Unter diesen Flammen sein?
Sieh: das kam aus schwarzer Erde!
Denke: solche Flammen schlafen
Winters unter unsern Füßen!
Nur die Liebe schläft nie ein.
Glaube, Mädchen, an die Erde,
Weil sie voller Liebe ist.
Sind wir doch aus ihr geboren,
Wie die Blumen aus dem Beete.
Schlechtes Kind, das seiner Mutter
Wunderreichen Schoß vergißt.
Laß die Blinden ihre Augen
In das Himmlische verdrehn.
Du, bewußtes Kind der Erde,
Reich wie sie an Saft und Kräften,
Wohlgetane, Starke, Schöne,
Du sollst in die Blumen sehn.
Alles, was das reiche Leben
Dir bestimmt hat, Mädchen, ruht
Auch in diesen Glutenkelchen,
Und es meint's die Mutter Erde
Mit den liebetreuen Kindern
Immer, Mädchen, immer gut.
Liebe ist das Wort der Worte,
Liebe ist des Lebens Wort;
Weißt du das in deinem Herzen,
Weißt du das in deinen Sinnen,
Dann kann nichts dich überwinden,
Deine Mutter hilft dir fort.
Lacht mein Mädchen? Lache, lache,
Liebes Mädchen, lach mich aus!
Weiser ist dein klares Lachen
Als mein Predigen und Dichten,
Schöner ist dein liebes Lachen
Als ein ganzer Tulpenstrauß.
Einen Kuß! Dann in den Garten,
In die Flammen gelb und rot!
Dankbar treue Erdenkinder
Wollen wir den Tag genießen:
Liebe unser einzger Glaube,
Schönheit unser täglich Brot.
Otto Julius Bierbaum 1865-1910
Pfingsten
Zwischen Tulpenflammen und Narzissen
Springen unter schweren Fliederbüschen
Kleine Mädchen losen Haars im Garten.
Lerne, Herz! Die kleinen Mädchen wissen
Mehr vom Glück, als du; mit ihrem Springen
Loben sie den heiligen Geist der Pfingsten
Zwischen Tulpenflammen und Narzissen.
Denn der heilige Geist ist ausgegossen
In den glutenbunten Tulpenflammen,
Und er heißt: Seid fröhlich, Menschenkinder!
Jede Blume, glorienumflossen,
Ist, dem Haupt Mariens gleich, ein Abbild
Milder, tiefer, süßer Gottesliebe ...
Denn der heilige Geist ist ausgegossen.
Josef Weinheber 1892-1945
Blumen
Ihr, die ihr tiefer steht als wir, der Erde näher,
und ferner ihrer Qual, ihr habt das reine Leben.
Ihr kehret wieder: Uns ist Tod ein weher
Abschied für immer.
Nur eine Rast ist Sterben euch. Und schöner heben
sich eure Blütenflügel in die zärtlichen Winde,
und ihr unsterblicher Schmelz macht tief erbeben
uns böse Schatten.
Euch macht die Nacht nicht bang, die unsrer vielen Sünde
anklagend stummer Sprecher ist. Ihr stillen Sterne
schwebt, groß euch spiegelnd, durch die Morgengründe
kindlichen Schauens.
Dort ist Geschwisterschaft. Dort mögt ihr Scheuen gerne
aufschließen euch dem Tau, dem Sturm der Liebesbitten.
Wir stehen ausgestoßen in der Ferne;
hoffärtig, weinend -
Und wandeln, während eure Wurzeln, unverschnitten
bewahrt in Gottes Schoß, sich brüderlicher bergen
und eure Andacht Gottes Stirn küßt, mitten
in unserm Abgrund.
Arno Holz 1863-1929
Er klagt, dass der Frühling so kurz blüht
Kleine Blumen wie aus Glas
seh ich gar zu gerne,
durch das dunkel-grüne Gras
kucken sie wie Sterne.
Gelb und rosa, rot und blau
schön sind auch die weißen;
Trittmadam und Himmelstau
wie sie alle heißen.
Komm und gib mir mittendrin
Küssgens ohnbemessen.
Morgen sind sie längst dahin
und wir selbst – vergessen!
Friedrich von Schiller 1759-1805
Komm herab, du schöne Holde,
Und verlaß dein stolzes Schloß!
Blumen, die der Lenz geboren,
Streu ich dir in deinen Schoß.
Horch, der Hain erschallt von Liedern,
Und die Quelle rieselt klar!
Raum ist in der kleinsten Hütte
Für ein glücklich liebend Paar.
Christian Morgenstern 1871-1914
Für Viele
Wieviel Schönheit ist auf Erden
unscheinbar verstreut;
möcht' ich immer mehr des inne werden;
wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
in bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
macht es holder doch der Erde Flur,
wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.
Heinrich Leuthold 1827-1879
Im Schmuck des Lenzes stehn die Aun,
Es trieft die Welt von Maienlust
Und Sträuße winden holde Fraun
Und Mädchen sich aus Blatt und Blust.
Und auch in meiner Brust erstehn
Viel tausend Blumen mannigfach;
Sie blühen, duften und vergehn …
Und keine Seele fragt darnach.