BuchKult
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A B C, die Katze lief im Schnee.

Und als sie dann nach Hause kam,

da hatt’ sie weiße Stiefel an.

O je-mi-ne, o je-mi-ne,

die Katze lief im Schnee.

Thüringen, Mitte des 19. Jahrhunderts

winterfreud

Hendrick Avercamp, Jeux de glace près d'une ville, Amsterdam Rijksmuseum
Hendrick Avercamp (1585-1634) war ein niederländischer Maler.

Heinrich Zille, Freuden des Winters
Heinrich Rudolf Zille (1858-1929) war ein deutscher Grafiker, Maler und Fotograf. In seiner Kunst bevorzugte der Pinselheinrich genannte Zille Themen aus dem Berliner Volksleben, das er ebenso lokalpatriotisch wie sozialkritisch darstellte.

Fedot Sychkov, Tanzen, 1911
Fedot Vasilievich Sychkov (1870-1958) war ein russischer Maler.

Ludwig Eichrodt 1827-1892

Winterfreuden

 

Nicht nur der Sommer, sondern auch

Der Winter hat sein Schönes,

Wiewohl man friert bei seinem Hauch,

So ist doch dies und jenes

Im Winter wirklich angenehm,

Besonders daß man sich bequem

Kann vor dem Frost bewahren,

Und auch im Schlitten fahren.

 

Das weite Feld ist kreidenweiß,

Wem machte das nicht Freuden?

Die Knaben purzeln auf dem Eis,

Wenn sie zu hurtig gleiten,

Und ist nicht die Bemerkung schön,

Bei Leuten, die zu Fuße geh'n,

Daß sie schier alle springen

Und mit den Händen ringen?

 

Und wenn man sich versehen hat,

Mit Holz, um einzuheizen,

So muß die Wärme früh und spat

Uns zum Vergnügen reizen,

Man richtet mit zufried'nem Sinn

Den Rücken an den Ofen hin,

Und wärmet sich nach Kräften

Für Haus- und Hofgeschäften.

 

Ein altes Buch zur Abendzeit

Muß ich zumeist doch lieben,

Wenn man da liest die Albernheit

Der Vorzeit schön beschrieben,

Man sitzt und liest und freuet sich

Und danket Gott herzinniglich

Genügsam und bescheidten

Für uns're jetzgen Zeiten.

 

 

Leon Spilliaert,

Les plaisirs d'hiver 4, 1918
Leon Spilliaert (1881-1946) war ein belgischer Maler und Zeichner.

 

Leon Spilliaert,

Les plaisirs d'hiver 5, 1918
Leon Spilliaert (1881-1946) war ein belgischer Maler und Zeichner.

Hans Leifhelm 1891-1947

Winterwald

 

Ich geh' in einen Winterwald hinein,

der Winterwald muss voller Wunder sein.

 

Die Tannen stehen enge angeschmiegt,

soweit das Land in tiefer Schneelast liegt.

 

Und keine Spuren gehen durch den Wald

als vom Getier – und die verwehen bald.

 

Und manchmal ist ein Seufzen in den Bäumen,

wie Kinder seufzen unter tiefen Träumen.

 

Der Schnee liegt weiß, so weit ich wandern will;

Da werden alle Menschenwünsche still.

 

Robert Barnes, A Merry go round On The Ice, 1888
Robert Barnes (1840-1895) war ein britisher Illustrator.

Fedot Sychkov, Children Playing with a Sleigh
Fedot Vasilievich Sychkov (1870-1958) war ein russischer Maler.

Klabund 1890-1928

Schneeflocken

 

Wende ich den Kopf nach oben:

Wie die weissen Flocken fliegen,

Fühle ich mich selbst gehoben

Und im Wirbeltanze wiegen.

 

Dicht und dichter das Gewimmel;

Eine Flocke bin auch ich. -

Wieviel Flocken braucht der Himmel,

Eh die Erde langsam sich

Weiss umhüllt.

 

Lionel Percy Smythe, The snowball fight
Lionel Percy Smythe (1839-1918) war ein britischer Künstler und Radierer.

 

January -

Noble people snowballing
Sonst unbekannter Meister Wenzel von Böhmen, Trento (Italy), Castello del Buonconsiglio, um 1400

 

Antony Serres, Sneeuwballengevecht na school
Antony Serres (1828-1898) war ein französischer Maler

Friedrich Güll 1812-1879

Winterrätsel

 

Ich falle vom Himmel

in wirrem Gewimmel.

Ich schimmre

und flimmre

und decke das Land

zahllos wie Sand.

 

Doch unversehens

im Sonnenschein

schleich ich

und weich ich

und schlüpf ins Dunkel

der Erde hinein.

 

 

George Dunlop Leslie,

Frozen Out
George Dunlop Leslie (1835-1921) war ein englischer Maler und Illustrator.
 

Elisabeth Sinding, Wintergäste
Elisabeth Sinding (1846-1930) war eine norwegische Malerin.

Fred Endrikat 1890-1942

Winterliches Schlummerlied

 

Schlaf, mein Büblein, schlafe ein.

Schaut der Mond durchs Fensterlein.

Draußen im Garten, da flimmert der Schnee.

Drüben versank schon die Sonne im See.

Friedlich in Weiß schlummern Wiesen und Hain.

Schlafe, mein Büblein, schlaf ein.

 

Schlaf, mein Büblein, schlafe ein.

Öfchen brennt im Kämmerlein.

Müde vom Spielen sind Schäfchen und Kuh,

und auch dein Schaukelpferd ging schon zur Ruh'.

Mag es da draußen auch frieren und schnei'n.

Schlafe, mein Büblein, schlaf ein.

 

Schlaf, mein Büblein, schlafe ein.

Bald wird's wieder Frühling sein.

Singen die Vöglein im Wald hinterm Haus,

winden wir Blumen zum prächtigen Strauß,

laufen dann barfuß und spielen im Frei'n.

Schlafe, mein Büblein, schlaf ein.

 

Schlaf, mein Büblein, schlafe ein.

In der Ferne denk' ich dein.

Träume vom Frieden und schönerer Zeit,

weißt nichts vom Krieg in der Welt und von Streit,

weil dich ein gütiger Engel bewacht.

Schlafe, mein Büblein. Gut' Nacht.

 

Fritz Freund, Schneeballschlacht
Fritz Freund (1859-1936) war ein deutscher Maler.

 

Benjamin Vautier, Gleich geht’s los
Marc Louis Benjamin Vautier (1829-1898) war ein Schweizer Maler und Vertreter der anekdotisch erzählenden Genremalerei der Düsseldorfer Schule.

Hans Dahl, Throwing Snowballs
Hans Dahl (1849-1937) war ein norwegischer Landschafts- und Genremaler.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Der Schneemann

 

Seht, da steht er, unser Schneemann!

Das ist ein Geselle!

Stehet fest und unverzagt,

Weicht nicht von der Stelle.

 

Schaut ihm in die schwarzen Augen!

Wird euch denn nicht bange?

In der linken Hand da hat er

Eine lange Stange.

 

Einen großen Säbel hält er

Fest in seiner Rechten.

Kommt heran! Er wird sich wehren,

Wird mit Allen fechten.

 

Über ihn kann nur der Frühling

Einen Sieg gewinnen:

Blickt ihn der nur an von ferne,

Wird er gleich zerrinnen.

 

Aber halt dich tapfer, Schneemann!

Lass dir offenbaren:

Stehst du morgen noch,

so wollen Wir dich Schlitten fahren.

 

Cornelis Kimmel, Snowballing
Cornelis Kimmel (1804-1877) war ein niederländischer Maler.

Friedrich Güll 1812-1879

Der Mann von Schnee

 

Schneemann dort am Gartenzaune

Hat gar eine üble Laune.

Steht er da voll Trutz und Groll,

Weiß nicht, was er reden soll.

Und die Sonne blinkt und blitzt,

Daß er wie ein Kranker schwitzt.

Weil der Himmel ist so blau,

Ärgert er sich braun und grau;

Weil die Wiesen werden grün,

Ärgert er sich schmal und dünn.

 

Schneemann ist in großer Not,

Denn es winkt ihm schon der Tod.

Noch ein Schnapper, noch ein Schnauf

Und er steht nicht wieder auf.

Kommen dann die schwarzen Raben,

Seine Leiche zu begraben.

Und Schneeglöcklein will vor Freuden,

Ihm die Sterbeglocke läuten.

Und die Lerch' vor allen Dingen

Ihm ein Schlummerliedchen singen.

 

Aber wo ist er zu finden?

Vornen nicht, und auch nicht hinten.

Freilich, weil ihm ganz zerbrochen

An der Sonne seine Knochen,

Weil zu Wasser er zerronnen

An dem Glanz der goldnen Sonnen.

Kommt der Storch dazu geflogen,

Und die Schwalbe hergezogen,

Fragen nach dem toten Mann,

Niemand von ihm sagen kann.

 

Wälzt der Storch mit seinem Bein

An den Zaun hin einen Stein;

Und die Schwalbe mit dem Schnabel

Schreibt darauf die ganze Fabel:

Hier liegt Einer, der im Leben,

Weiter keinen Taug gegeben;

Der sich faul und sehr verstockt,

Lebenslang daher gehockt;

Und damit er doch nicht länger

Bleiben soll ein Müßiggänger,

Und ein Griesgram und ein Hasser,

Schmolz der Frühling ihn zu Wasser;

Und damit will er begießen

All' die Blumen auf den Wiesen,

Dass sie weiß und gelb und grün

Euch zur Lust und Freude blüh'n.

 

Wassily Kandinsky, Winter
Wassily Kandinsky (1866-1944) war ein russischer Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker, der auch in Deutschland und Frankreich lebte und wirkte.

Wouwerman, Paysage d'hiver avec patinoire, ca.1655-1660, Munich, Alte Pinakothek
Philips Wouwerman (1619-1668) war ein niederländischer Maler des Barocks.

Christian Morgenstern 1871-1914

Die Enten laufen Schlittschuh

 

Die Enten laufen Schlittschuh

auf ihrem kleinen Teich.

Wo haben sie denn die Schlittschuh her -

sie sind doch gar nicht reich?

 

Wo haben sie denn die Schlittschuh her?

Woher? Vom Schlittschuhschmied!

Der hat sie ihnen geschenkt, weißt du,

für ein Entenschnatterlied.

 

Wilhelm Alexander Meyerheim, Das Eisvergnügen, 1851
Wilhelm Alexander Meyerheim (1815–1882) war ein deutscher Maler von Genrebildern, Pferdestücken und Manöverszenen.

Percy Shakespeare, Afternoon at the Ice Rink
Percy Shakespeare (1906-1943) war ein englischer Maler.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Ruf zum Sport

 

Auf ihr steifen und verdorrten

Leute aus Büros,

Reißt euch mal zum Wintersporten

Von den Öfen los.

 

Bleiches Volk an Wirtshaustischen,

Stellt die Gläser fort.

Widme dich dem freien, frischen,

Frohen Wintersport.

 

Denn er führt ins lodenfreie

Gletscherfexlertum

Und bedeckt uns nach der Reihe

All mit Schnee und Ruhm.

 

Doch nicht nur der Sport im Winter,

Jeder Sport ist plus,

Und mit etwas Geist dahinter

Wird er zum Genuß.

 

Sport macht Schwache selbstbewußter,

Dicke dünn, und macht

Dünne hinterher robuster,

Gleichsam über Nacht.

 

Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine,

Kürzt die öde Zeit,

Und er schützt uns durch Vereine

Vor der Einsamkeit,

 

Nimmt den Lungen die verbrauchte

Luft, gibt Appetit;

Was uns wieder ins verrauchte

Treue Wirtshaus zieht.

 

Wo man dann die sporttrainierten

Muskeln trotzig hebt

Und fortan in illustrierten

Blättern weiterlebt.

 

 

Anders Zorn,

Girl from Mora Skiing
Anders Leonard Zorn (1860-1920) war ein schwedischer Maler, Grafiker und Bildhauer.

Gunnar August Hallström, The Ski Binder, 1911
Gunnar August Hallström (1875-1943) war ein schwedischer Künstler.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

 

Als neulich der Schnee lag und meine Nachbarskinder ihre kleinen Schlitten auf der Straße probieren wollten, sogleich war ein Polizeidiener nahe, und ich sah die armen Dingerchen fliehen, so schnell sie konnten. Jetzt, wo die Frühlingssonne sie aus den Häusern lockt und sie mit ihresgleichen vor ihren Türen gern ein Spielchen machten, sehe ich sie immer geniert, als wären sie nicht sicher und als fürchteten sie das Herannahen irgendeines polizeilichen Machthabers. Es darf kein Bube mit der Peitsche knallen, oder singen, oder rufen, sogleich ist die Polizei da, es ihm zu verbieten. Es geht bei uns alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Natur, alle Originalität und alle Wildheit auszutreiben, sodaß am Ende nichts übrig bleibt als der Philister. (zu Eckermann, 12. 3. 1828)

 

Mal kein Gedicht, aber bei der Recherche für diese Seite fand ich diesen kleinen Prosatext von Goethe, der nichts von seiner Aktualität verloren hat. FD

 

Knut Ekvall, Lekande barn i vinterbacke
Knut Ekvall (1843-1912) war ein schwedischer Maler.

Fritz Freund, Winter-Spaß
Fritz Freund (1859-1936) war ein deutscher Maler.

Walter Moras, Rodeln an einem sonnigen Wintertag
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Ich komme bald, ihr goldnen Kinder

 

Ich komme bald, ihr goldnen Kinder,

Vergebens sperret uns der Winter

In unsre warmen Stuben ein.

 

Wir wollen uns zum Feuer setzen

Und tausendfältig uns ergötzen,

Uns lieben wie die Engelein.

 

Wir wollen kleine Kränzchen winden,

Wir wollen kleine Sträußchen binden

Und wie die kleinen Kinder sein.

 

Matthias Robinson, Children on the Ice
Matthias Robinson (active 1856-1884) war ein britischer Maler.

Louis Albert Roessingh, Sneeuwlandschap met spelende kinderen
Louis Albert Roessingh (1873-1951) war ein niederländischer Maler.

Martin Greif 1839-1911

Frau Holle

 

Schneeflocken wirbeln um und um,

im Garten blüht die Weihnachtsblum',

Frau Holle fährt im Land herum –

Schnurre, Rädchen, schnurre!

 

Der Mond blickt aus dem Wolkengraus,

weist ihr den Weg zu jedem Haus,

daß sie die flinksten findet aus –

schnurre, Rädchen, schnurre!

 

Gewahrt sie wo noch einen Schein,

Frau Holle hält und schaut hinein;

Die munter drehn, belohnt sie fein –

Schnurre, Rädchen, schnurre!

 

Valery Ivanovich Jacobi, The Ice Palace
Valery Ivanovich Jacobi (1834-1902) war ein russischer Maler.

Arthur Rackham, Winter Frolic
Arthur Rackham (1867-1939) war ein britischer Illustrator, der durch seine zahlreichen Buchillustrationen, insbesondere für Volksmärchen und andere Kinderbücher, bekannt wurde.

Fred Endrikat 1890-1942

Der Wald schläft

 

Friedlich schläft der Winterwald.

Rauhreif glitzert auf den Fichten.

Märchen werden zur Gestalt,

und es leben Spukgeschichten.

 

Ruprecht steigt herab ins Tal.

Unter tiefverschneiten Tännchen

stapft der alte Rübezahl,

trippeln kleine Wichtelmännchen.

 

Brombeerstrauch und Seidelbast

schlummern an der Haselhecke.

Eichkatz träumt auf einem Ast

unter weißer Daunendecke.

 

Buchen ragen stark und alt

aus dem Schnee wie Patriarchen.

Friedlich schläft der Winterwald,

und man hört die Bäume schnarchen.

 

Axel Hjalmar Ender, Luge
Axel Hjalmar Ender (1853-1920) war ein norwegischer Maler und Bildhauer.

Lauritz Andersen Ring, Diset vinterdag i Vinderød, 1901, Fuglsang Kunstmuseum
Lauritz Andersen Ring, auch Lars Andersen Ring, eigentlich Lauritz Andersen (1854-1933) war ein dänischer Figuren-, Genre-, Landschafts-, Bildnismaler, Zeichner und Keramiker.

Franz von Pocci 1807-1876

Der Nussknacker

 

Hansl heiß' ich

Nüsse beiß' ich,

Hab' ich aber mich beflissen,

Euch ein Dutzend aufgebissen,

Gebt mir zum Lohn

Ein paar davon!

 

Hebet auf den langen Zopf,

Schiebt die Nuss in meinen Kropf,

Drücket nieder und so fort,

Schnell ist jede Nuss durchbohrt.

 

Heiß, heiß,

Beiß, beiß!

Will meinen Lohn

Nun auch davon!

 

Geh' gerne in den grünen Wald,

Wann die Nuss vom Strauche fallt;

Mach's dem lust'gen Eichhorn nach,

Knack' und nag' den ganzen Tag!

 

Heiß, heiß,

Beiß, beiß!

Hansl heiß' ich,

Nüsse beiß' ich.

 

 

Theodor Hosemann, Der Nussknacker, 1889
Friedrich Wilhelm Heinrich Theodor Hosemann (1807-1875) war ein deutscher Kunstmaler, Zeichner, Illustrator und Karikaturist.

Dr. Owlglass* 1873-1945

Weihnachtlicher Wald

 

In der alten, alten Heimat,

da dämmert ein Wald.

Ich hör noch die Axt, die von fernher schallt.

Schlief nicht ein Weiher inmitten ...

zu jener Zeit,

da wir als Räuber durchs Unterholz glitten?

O, wie liegt alles so weit!

 

Und die Tannen von damals,

dahin, dahin!

Sind neue gewachsen mit altem Sinn:

leben und fallen und leben ...

ein ewiges JA!

Christbäume muss es in Ewigkeit geben,

Ewig sind Kinder da!

 

*dt. Eulenspiegel, eigentlich Hans Erich Blaich

 

Henry Gillard Glindoni, Frost Fair, 1684
Henry Gillard Glindoni (1852-1913) war ein britischer Maler.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Marter in Bielefeld

 

Es war in Bielefeld so bitter kalt.

Ich sah ein Weib, das nichts als eine knappe

Hemdhose trug. Daß ich erschauerte

Und ihren kalten Zustand heiß bedauerte.

Denn sie war nur Attrappe – Fleisch aus Pappe.

 

Ich wäre gar zu gern zu zweit gewesen.

Nun stand ich vor der reizenden Gestalt,

Mußte herabgesetzte Preise lesen,

Und ach, die Ladenscheibe war so kalt.

 

Der Frost entlockte meiner Nase Tränen.

Die Dame schwieg. Die Sonne hat gelacht.

In mir war qualvoll irgendwas entfacht.

Es kann kein Mann vor Damenwäsche gähnen.

 

George Wesley Bellows, Love of Winter
George Wesley Bellows (1882-1925) war ein amerikanischer Maler, Zeichner und Lithograf.

Gertrud Pfander 1874-1898

Winterwanderung

 

Nun will ich gehn, nun will ich wandern

Hin durch den tiefen, weichen Schnee,

Dass mich von all den vielen andern

Nicht einer mehr, nicht einer seh.

Der Nebel wogt auf weißer Breite,

Als kam das Ende hier der Welt,

Mein Grauen nur gibt mir Geleite,

Stets unzertrennlich, treugesellt.

 

... Kein Laut ... Kein Hauch ... die Tannen stehen

Ganz regungslos in schwarz und weiß,

Nur einen Raben seh ich drehen

Sich ohne Flügelschlag im Kreis.

Die Flocke nur will leise girren

Aufseufzend unter meinem Schritt ...

... Ich möchte ewig, ewig irren,

Ich – und mein Graun – sonst keiner mit.

 

Der Schnee reicht mir bis an die Kniee,

Und dennoch fühl ich keine Not,

Als ob mich selbst das Grauen fliehe,

Das sonst beständig mich bedroht ...

Mir wird so still, wird so gelassen,

Halb schlafbesiegt, halb tränensatt ...

... Sieh! ... durch des Waldes kristallne Gassen

Rückt glashell eine selige Stadt ...

... Nun will ich gehn ... nun will ich wandern

... Kein Laut ... Kein Hauch ...

... Ganz regungslos ...

 

 

James Tissot,

A Winter Walk
James Tissot (1836-1902)

war ein französischer

Maler und Grafiker.

Ernst Preczang 1870-1949

Winterwanderung

 

Und drückt’s mich hier und drückt’s mich da,

Dann nehm’ ich meinen Hut,

Dann nehm’ ich meinen Stecken,

Dann sage ich der Stadt Adieu

Und hol mir frischen Mut.

 

Dann gehe ich zum Tor hinaus

Und frag mich nicht: wohin?

Dann wandre ich und wandre

Vorbei am allerletzten Haus,

Bis ich ganz einsam bin.

 

Wie breiten sich die Felder hier

Voll Flocken, schwer und dicht,

Weiß dehnt sich’s in die Weite.

Und ist ganz voller Sonnenschein

Und voller Glanz und Licht.

 

Die Wiesen schimmern blink und blank,

Aus Büschen blitzt das Eis,

Im Schilfe hängt es silbern.

Und wie der Blick auch schweifen mag:

Die Welt ist rein und weiß.

 

Die Welt ist rein und schön und klar

Und ist so hell und groß,

Wie flimmert’s in den Strahlen!

Ich geh und steh und schaue nur

Und reiß mich nimmer los.

 

Und trete ich zum Wald hinein,

Dann geh ich wie gebannt

Durch dunkelgrüne Hallen,

Darin die Säulen und das Dach

Kristall und Diamant.

 

O wundersame Einsamkeit,

So rein, so weit, so still!

Hier trink ich neues Leben,

Hier trink ich Licht und Trost und Heil,

Wenn ich verzagen will.

 

John Atkinson Grimshaw, A Winter Walk
John Atkinson Grimshaw (1836-1893) war ein englischer Maler.
 

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Draußen schneit's

 

Wir hatten ein Schaukelpferd vorher gekauft.

Aber nachher kam gar kein Kind.

Darum hatten wir damals das Pferd dann Bubi getauft. –

 

Weil nun die Holzpreise so unerschwinglich sind;

Und ich nun doch schon seit Donnerstag

Nicht mehr angestellt bin, weil ich nicht mehr mag;

Haben wir's eingeteilt. Und zwar:

Die Schaukel selbst für November,

Kopf und Beine Dezember,

Rumpf mit Sattel für Januar.

 

Ich gehe nie wieder in die Fabrik.

Ich habe das Regelmäßige dick.

Da geht das Künstlerische darüber abhanden.

Wenn die auch jede Woche bezahlen,

Aber nur immer Girlanden und wieder Girlanden

Auf Spucknäpfe malen,

Die sich die Leute doch nie begucken,

Im Gegenteil noch drauf spucken, – –

Das bringt ja ein Pferd auf den Hund.

 

Als freier Künstler kann ich bis mittags liegen

Bleiben. – Na und die Frau ist gesund.

Es wird sich schon was finden, um Geld beizukriegen.

Anna und ich haben vorläufig nun

Erst mal genug mit dem Bubi zu tun.

Rumpf zersägen, Beine rausdrehn,

Nägel rausreißen, Fell abschälen.

Darüber können Wochen vergehn.

Das will auch gelernt und verstanden sein,

Sonst kann man sich daran zu Tode quälen.

Solches Holz ist härter als Stein.

Dann spalten und Späne zum Anzünden schneiden

Und tausenderlei.

Aber das tut uns gut, uns beiden,

Sich mal so körperlich auszuschwitzen.

 

Außerdem kann man ja dabei

Ganz bequem auf dem Sofa sitzen;

Raucht seine Pfeife, trinkt seinen Tee,

Und vor allem: Man ist eben frei!

Man hat sein eigenes Atelier.

Man hat seinen eigenen Herd;

Da wird ein Feuerchen angemacht –

Mit Bubipferd –,

Daß die Esse kracht.

Und die Anna singt und die Anna lacht.

Da können wir nach Belieben

Die Arbeit auf später verschieben.

Denn wenn man das Gas uns sperren läßt

Oder kein Bier ohne Bargeld mehr gibt,

Dann kriechen wir gleich nach Mittag ins Nest

Und schlafen, solange es uns beliebt.

 

Freilich: Der feste Lohn fällt nun fort,

Aber die Freiheit ist auch was wert.

Und das mit dem Schaukelpferd

Ist jetzt unser Wintersport.

 

 

Nico Jungmann, The arresleede
Nicolaas Wilhelm (Nico) Jungmann (1872-1935) war ein anglo-niederländischer Maler von Landschaften und figürlichen Motiven, ein Buchillustrator und Dekorateur.

Hans Olde, Winterlandschaft mit Schlitten, Lenbachhaus
Hans Olde, eigentlich Johannes Wilhelm Olde, (1855-1917) war ein impressionistischer deutscher Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Neuschnee

 

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen

mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,

einen ersten schmalen Pfad zu schrägen

durch des Schneefelds jungfräuliche Flur –

 

kindisch ist und köstlich solch Beginnen,

wenn der Wald dir um die Stirne rauscht

oder mit bestrahlten Gletscherzinnen

deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

 

winterleid

Nikolai Jaroschenko, Funeral of Firstborn, 1893
Nikolai Alexandrowitsch Jaroschenko (1846-1898) war ein russischer Maler.

Knud Larsen Bergslien, A Funeral Procession
Knud Larsen Bergslien (1827-1908) war ein norwegischer Maler der Nationalromantik.

Carl Spitteler 1845-1924

Die Schneekönigin

 

Es kam einmal vom Himmel her ein Schlitten rot und weiß,

Vom Christkind unverhofft gebracht zum Lohn für Gerdas Fleiß.

 

Sie zählte schon das Einmaleins und schrieb das ABC,

Und jeden Morgen spähte sie nach dem ersehnten Schnee.

 

Heut stürmt sie nach dem Tannenrain, in Pelze eingehüllt,

Das Ohr mit weisem Mahnungswort, das Herz mit Glück gefüllt.

Schon sitzt sie, schaut sich trotzig um: "Achtung! Hurra! aus Weg!"

O weh, das steife Fuhrwerk bockt im Zickzack krumm und schräg

 

Mit offnem Mund keucht sie bergan, versuchts zum andern Mal.

Der Schlitten stolpert links und rechts, doch gleitet nie zu Tal.

 

Inzwischen dunkelts im Zenit. Ein flaumig Flockenheer

Flüstert vom Himmel leis herab, und einsam wird umher.

 

Ihr wird so bang, ihr wird so kalt; das Weinen steht ihr nah.

Und müder stets und matter tönt ihr klägliches Hurra.

 

Sieh da, was blinkt und schimmert dort im Tannendickicht? Schau,

Auf einem moosbewachsnen Strunk sitzt eine hehre Frau,

 

Im Königsmantel blank und rein, mit Hermelin bestickt.

"Soll ich dir helfen, gutes Kind?" versetzt sie. Gerda nickt.

 

Sie nimmt das Mädchen auf den Schoß, fein sanft und warm gewiegt.

Juch, wie mit lustgem Federschwung der Schlitten talwärts fliegt!

 

Verschwunden ist die Müdigkeit, das Auge jauchzt und strahlt.

Und unversehens glänzt die Welt mit Märchenschein bemahlt.

 

Es lebt der Wald, es singt die Luft, so hold, man glaubt es kaum.

Diamanten sprüht das Gletscherfeld und Sterne sprießt der Baum.

 

"Gerda!" erscholl der Mutter Ruf. Sie hört es mit Verdruß;

Die Frau erschrickt, erhebt sich, flieht nach einem kurzen Kuß.

 

Nach sieben Tagen blies der Fön vom Berge lau und lind.

Was weinen und was wimmern so die Glocken durch den Wind?

 

Schulmädchen folgen einem Sarg, den Wagen lenkt der Tod.

Verlassen steht im Kämmerlein der Schlitten weiß und rot.

 

Ein grünes Kränzlein liegt darauf mit einem Bibelspruch.

Und ewig klafft im Einmaleins ein ungelöster Bruch.

 

John Absolon, Mrs Bagnet from Bleak House
Absolon (1815-1895) war ein britischer Aquarellist.

Friedrich Güll 1812-1879

Das Büblein auf dem Eise

 

Gefroren hat es heuer

noch gar kein festes Eis.

Das Büblein steht am Weiher

und spricht zu sich ganz leis:

»Ich will es einmal wagen,

das Eis, es muß doch tragen.

Wer weiß!«

 

Das Büblein stapft und hacket

mit seinem Stiefelein.

Das Eis auf einmal knacket,

und krach! schon bricht's hinein.

Das Büblein platscht und krabbelt,

als wie ein Krebs und zappelt

mit Arm und Bein.

 

»O helft, ich muß versinken

in lauter Eis und Schnee!

O helft, ich muß ertrinken

im tiefen, tiefen See!«

Wär' nicht ein Mann gekommen –

der sich ein Herz genommen,

o weh!

 

Der packt es bei dem Schopfe

und zieht es dann heraus,

vom Fuße bis zum Kopfe

wie eine Wassermaus.

Das Büblein hat getropfet,

der Vater hat's geklopfet

zu Haus.

 

Jean-Pierre-Alexandre Antigna, La halte forcée, 1855
Jean-Pierre-Alexandre Antigna (1817-1878) war ein französischer Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Der Schnupfen

 

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,

auf dass er sich ein Opfer fasse

– und stürzt alsbald mit großem Grimm

auf einen Menschen namens Schrimm.

Paul Schrimm erwidert prompt: „Pitschü!“

und hat ihn drauf bis Montag früh.

 

 

Hans Baluschek, Kälte
Hans Baluschek (1870-1935) war ein deutscher Maler, Grafiker und Schriftsteller.

Carl Spitteler 1845-1924

Der Wanderer

 

Flaumflocken flüstern vom Himmel leis.

Ein Wandrer steigt über Firn und Eis.

Die Schneefrau folgt ihm mit tückischem Schritt:

»Halt stille, mein Lieber, und nimm mich mit,

Der Abend ist nah, und der Gipfel ist fern.

Ich spiel dir zur Kurzweil ein Liedchen gern.«

Sie setzt an die Lippe die grüne Schalmei,

die jauchzte von Blumen und Lenz und Mai.

Er lauschte, die Wangen von Tränen naß,

dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

 

Und finstrer wölkt sich der dämmernde Schnee.

Sie schlich ihm zur Seite auf listiger Zeh':

»Halt! daß ich dir leuchte, du wandelst irr

Ein freundliches Märchen erzähl' ich dir.«

Eine Ampel zog sie aus ihrem Gewand;

Da glänzt ihm vor Augen der Heimat Land,

der Hügel, der Garten, die Eltern sein

im seligen goldigen Jugendschein.

Er schwankte. Schon kürzt er der Schritte Maß,

dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

 

Und es stürmt und es stöbert mit Sturmesmacht,

vom heulenden Felsen gähnt weiße Nacht.

Sein Wille versagte, sein Knie versank.

Da saß sie auf einer steinernen Bank.

»Hier ist es behaglich; komm, setze dich,

Ich weiß zu kosen gar minniglich.

Und lockt dich der Schlummer und lacht dir ein Traum

An meinem warmen Busen ist Raum.«

Sie blickte so lieblich, sie nickte so hold,

als ob sich der Himmel ihm öffnen wollt.

Er wankt ihr entgegen in taumelndem Lauf

und fiel ihr zu Füßen - stand nie mehr auf.

 

 

Hans Baluschek, Kriegswinter
Hans Baluschek (1870-1935) war ein deutscher Maler, Grafiker und Schriftsteller.

Ferdinand von Saar 1833-1906

Gesang der Armen im Winter

 

Hör', wie uns're Klagen schallen,

Lind're Himmel, unser Weh:

Laß herab dein Manna fallen –

Laß ihn fallen den weißen Schnee!

 

Starrer Frost stellt uns seit Wochen

Schon beim Bau die Arbeit ein –

Uns're Kraft, sie ist gebrochen,

Denn wir müssen müßig sein.

 

Sieh', dort hinter Spiegelscheiben

Freu'n auch Reiche sich schon lang

Auf der Flocken lust'ges Treiben,

Auf der Schlittenschelle Klang.

 

Ihren Tritten, ihren Wagen

Schaufeln dann die Bahn wir frei –

Und empor zu dir getragen,

Tönt der Armen Jubelschrei!

 

Doch geschlossen bleibt der Speicher,

Der uns gibt des Winters Brot,

Und es färbt stets bleich und bleicher

Unsere Kinder schon die Not ...

 

Hör', wie uns're Klagen schallen,

Lind're Himmel, unser Weh:

Laß herab dein Manna fallen –

Laß ihn fallen den weißen Schnee!

 

Hans Baluschek, Winterwind, 1907
Hans Baluschek (1870-1935) war ein deutscher Maler, Grafiker und Schriftsteller.

 

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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