BuchKult
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Friedrich Rückert 1788-1866

Meiner lieben Schwiegertochter Alma

Weihnachten 1865

 

Zeitungsbringerin,

Fliegenwedelschwingerin,

Fehllose Jägerin,

Treffliche Totschlägerin,

Liebe Beleberin,

Kleinmutes Heberin,

Sorgenabwenderin,

Trostredespenderin,

Leidens Abfragerin,

Besserungswahrsagerin,

Leisanschweberin,

Arzeneigeberin,

Stundenmahnerin,

Zeitvertreibsanbahnerin,

Temperaturspürerin,

Feuernachschürerin,

Witterungskünderin,

Lampendochtanzünderin,

Morgenbegrüßerin,

Abendrastversüßerin,

Nachtvorleserin,

Bücheramtsverweserin,

Allzeitunterhalterin,

Gesprächsstoffsentfalterin,

Wunschablauscherin,

Dienstrollentauscherin,

Allesbeschickerin,

Allesüberblickerin,

Allesbestreiterin,

Krankenkostbereiterin,

Festgabebedenkerin,

Weihnachtsentenschenkerin,

Engelverwenderin,

Enkelzuspruchsenderin,

Ordnerin, Schmückerin,

Kopfkissenrückerin,

Pfeifenkopfstopferin,

Flaschenpfropfentpfropferin,

Schlummerbecherfüllerin,

Kalter Knie Umhüllerin,

Nachtruhanwünscherin,

Wenn ich wachensmatt bin,

Heimlich schwach schachmatt bin,

Treue Mitträgerin

Mitpflegerin

Neben deiner Schwägerin,

Schwiegerkind, Söhnerin,

Versöhnerin, Beschönerin,

Unbelohnt Taglöhnerin,

Allzeit frohe Frönerin,

Liebliche Verwöhnerin:

Nimm dies Liebeszeichen hin,

Wie ich dir dankbar bin.

 

Erik Henningsen, Christmas Time, Copenhagen
Erik Ludvig Henningsen (1855-1930) war ein dänischer Maler und Illustrator.

Theodor Fontane 1819-1898

Zum 24. Dezember 1890

 

Noch einmal ein Weihnachtsfest,

immer kleiner wird der Rest,

aber nehm ich so die Summe,

alles Grade, alles Krumme,

alles Falsche, alles Rechte,

alles Gute, alles Schlechte –

rechnet sich aus all dem Braus

doch ein richtig Leben raus.

Und dies können ist das Beste

wohl bei diesem Wiegenfeste.

 

 

Sophie Gengembre Anderson, Christmas Time Heres The Gobbler
Sophie Gengembre Anderson (1823-1903) war eine französisch-britische Malerin, deren Schwerpunkt auf der Darstellung von Kindern und Frauen, oft in ländlicher Umgebung, lag. Ihre Arbeiten werden den Präraffaeliten zugeordnet.

Paula Dehmel 1862-1918

Weihnachtsschnee

 

Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf,

es riecht nach Weihnachtstorten;

Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd

und backt die feinsten Sorten.

 

Ihr Kinder, sperrt die Augen auf,

sonst nehmt den Operngucker:

die große Himmelsbüchse, seht,

tut Ruprecht ganz voll Zucker.

 

Er streut – die Kuchen sind schon voll –

er streut – na, das wird munter:

er schüttelt die Büchse und streut und streut

den ganzen Zucker runter.

 

Ihr Kinder, sperrt die Mäulchen auf,

schnell! Zucker schneit es heute!

Fangt auf, holt Schüsseln! – Ihr glaubt es nicht?

Ihr seid ungläubige Leute!

 

Albert Conrad, Berliner Gänsemarkt, Die Gartenlaube, 1879
Julius Gustav Eduard Albert Conrad (1837-1887) war ein deutscher Kunstmaler und Bildhauer.

Kurt Tucholsky 1890-1935

Weihnachten

 

Nikolaus der Gute

kommt mit einer Rute,

greift in seinen vollen Sack –

dir ein Päckchen – mir ein Pack.

Ruth Maria kriegt ein Buch

und ein Baumwolltaschentuch,

Noske einen Ehrensäbel

und ein Buch vom alten Bebel,

sozusagen zur Erheiterung,

zur Gelehrsamkeitserweiterung ...

Marloh kriegt ein Kaiserbild

und nen blanken Ehrenschild.

Oberst Reinhard kriegt zum Hohn

die gesetzliche Pension ...

Tante Lo, die, wie ihr wisst,

immer, immer müde ist,

kriegt von mir ein dickes Kissen. –

Und auch hinter die Kulissen

kommt der gute Weihnachtsmann:

Nimmt sich mancher Leute an,

schenkt da einen ganzen Sack

guten alten Kunstgeschmack.

Schenkt der Orska alle Rollen

Wedekinder, kesse Bollen –

(Hosenrollen mag sie nicht:

dabei sieht man nur Gesicht ...).

Der kriegt eine Bauerntruhe,

Fräulein Hippel neue Schuhe,

jener hält die liebste Hand –

Und das Land? Und das Land?

Bitt ich dich, so sehr ich kann:

Schenk ihm Ruhe – lieber Weihnachtsmann!

 

Anna Ancher, Plucking the Christmas Goose, Currently in Statens Museum for Kunst, Copenhagen
Anna Kirstine Brøndum Ancher, geb. Brøndum (1859-1935) war eine dänische Malerin des Impressionismus. Sie war eine Skagen-Malerin und ist als einzige der bekannten Künstlergemeinschaft tatsächlich in Skagen geboren.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Der armen Kinder Weihnachtslied

 

Hört, schöne Herrn und Frauen,

Die ihr im Lichte seid:

Wir kommen aus dem Grauen,

Dem Lande Not und Leid;

Weh tun uns unsre Füße

Und unsre Herzen weh,

Doch kam uns eine süße

Botschaft aus Eis und Schnee.

Es ist ein Licht erglommen,

Und uns auch gilt sein Schein.

Wir habens wohl vernommen:

Das Christkind ist gekommen

Und soll auch uns gekommen sein.

 

Drum gehn wir zu den Orten,

Die hell erleuchtet sind,

Und klopfen an die Pforten:

Ist hier das Christuskind?

Es hat wohl nicht gefunden

Den Weg in unsre Nacht,

Drum haben wir mit wunden

Füßen uns aufgemacht,

Daß wir ihm unsre frommen

Herzen und Bitten weihn.

Wir habens wohl vernommen:

Das Christkind ist gekommen

Und soll auch uns gekommen sein.

 

So laßt es uns erschauen,

Die ihr im Lichte seid!

Wir kommen aus dem Grauen,

Dem Lande Not und Leid;

Wir kommen mit wunden Füßen,

Doch sind wir trostgemut:

Wenn wir das Christkind grüßen,

Wird alles, alles gut.

Der Stern, der heut erglommen,

Gibt allen seinen Schein:

Das Christkind ist gekommen! -

Die ihr es aufgenommen,

O, laßt auch uns zu Gaste sein!

 

John Everett Millais, Christmas Eve
Sir John Everett Millais, (1829-189]) war ein britischer Maler aus dem Kreis der Präraffaeliten.
 

Adelheid Humperdinck-Wette 1858-1916

Weihnachten

 

Leise weht's durch alle Lande

wie ein Gruß vom Sternenzelt,

schlinget neue Liebesbande

um die ganze weite Welt.

 

Jedes Herz mit starkem Triebe

ist zu Opfern froh bereit,

denn es naht das Fest der Liebe,

denn es naht die Weihnachtszeit.

 

Und schon hat mit tausend Sternen

sich des Himmels Glanz entfacht,

leise tönt aus Himmelsfernen

Weihgesang der heil'gen Nacht.

 

Hell aus jedem Fenster strahlet

wundersam des Christbaums Licht,

und der Freude Schimmer malet

sich auf jedem Angesicht.

 

Lichte Himmelsboten schweben

ungeseh'n von Haus zu Haus;

selig Nehmen, selig Geben

geht von ihrer Mitte aus.

 

O willkommen, Weihnachtsabend,

allen Menschen, groß und klein!

Friedebringend, froh und labend

mögst du allen Herzen sein!

 

Ernst Metz, Weihnachtsabend Rotenburg, 1845
Ernst Christopher Metz (1892-1973) war ein deutscher Maler und Grafiker, der vor allem durch seine Darstellung deutscher Stadtansichten in historischer Sicht bekannt geworden ist.

Ferdinand von Saar 1833-1906

Christnacht

 

Wieder mit Flügeln, aus Sternen gewoben,

Senkst du herab dich, o heilige Nacht;

Was durch Jahrhunderte alles zerstoben –

Du noch bewahrst deine leuchtende Pracht!

 

Ging auch der Welt schon der Heiland verloren,

Der sich dem Dunkel der Zeiten entrang,

Wird er doch immer auf's neue geboren,

Nahst du, Geweihte, dem irdischen Drang.

 

Selig durchschauernd kindliche Herzen,

Bist du des Glaubens süßester Rest;

Fröhlich begangen bei flammenden Kerzen,

Bist du das schönste, das menschlichste Fest.

 

Leerend das Füllhorn beglückender Liebe,

Schwebst von Geschlecht zu Geschlecht du vertraut –

Wo ist die Brust, die verschlossen dir bliebe,

Nicht dich begrüßte mit innigstem Laut?

 

Und so klingt heut' noch das Wort von der Lippe,

Das einst in Bethlehem preisend erklang,

Strahlet noch immer die liebliche Krippe –

Tönt aus der Ferne der Hirten Gesang...

 

Was auch im Sturme der Zeiten zerstoben –

Senke herab dich in ewiger Pracht,

Leuchtende du, aus Sternen gewoben,

Frohe, harzduftende, heilige Nacht!

 

Bauer W.C., Christmas eve

Theodor Storm 1817-1888

Weihnachtslied

 

Vom Himmel bis in die tiefsten Klüfte

Ein milder Stern herniederlacht;

Vom Tannenwalde steigen Düfte

Und hauchen durch die Winterlüfte,

Und kerzenhelle wird die Nacht.

 

Mir ist das Herz so froh erschrocken,

Das ist die liebe Weihnachtszeit!

Ich höre fernher Kirchenglocken,

Mich lieblich heimatlich verlocken

In märchenstiller Herrlichkeit.

 

Ein frommer Zauber hält mich nieder,

Anbetend, staunend muß ich stehn,

Es sinkt auf meine Augenlider,

Ein goldner Kindertraum hernieder,

Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

 

Franz Hecker, Weihnachtsabend
Franz Hecker (1870-1944) war ein deutscher Maler und Graphiker.

Karl Stieler 1842-1885

In der Christnacht

 

Oh Winterwaldnacht, stumm und hehr

mit deinen eisumglänzten Zweigen,

lautlos und pfadlos, schneelastschwer,

wie ist es groß, dein stolzes Schweigen.

 

Es blickt der Vollmond klar und kalt,

in tausend funkelharte Ketten

sind festgeschmiedet Berg und Wald,

nichts kann von diesem Bann erretten.

 

Der Vogel fällt, der Wind bricht ein,

der Quell versiegt, die Fichten beben,

so kämpft den großen Kampf ums Sein

ein tausendfaches, banges Leben.

 

Nur in den Dörfern traut und sacht

da läuten heut' zur Welt hienieden

die Weihnachtsglocken durch die Nacht

das Wunderlied vom ewigen Frieden.

 

Unbekannt, Christmas Eve

Wilhelm Lobsien 1872-1947

Am Abend vor Weihnachten

 

Dämmerstille Nebelfelder,

Schneedurchglänzte Einsamkeit,

Und ein wunderbarer weicher

Weihnachtsfriede weit und breit.

 

Nur mitunter, windverloren,

Zieht ein Rauschen durch die Welt.

Und ein leises Glockenklingen

Wandert übers stille Feld.

 

Und dich grüßen alle Wunder,

Die am lauten Tag geruht,

Und dein Herz singt Kinderlieder,

Und dein Sinn wird fromm und gut.

 

Und dein Blick ist voller Leuchten,

Längst Entschlaf'nes ist erwacht ...

Und so gehst du durch die stille

Wunderweiche Winternacht.

 

Fritz von Uhde, Winterlandschaft - Der Heilige Abend, 1890
Fritz von Uhde (1848-1911) war ein sächsischer Kavallerieoffizier und Maler. Sein Stil lag zwischen Realismus und Impressionismus.

Theodor Storm 1817-1888

Weihnachtsabend

 

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,

Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus,

Weihnachten war's; durch alle Gassen scholl

Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

 

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,

Drang mir ein heiser Stimmlein an das Ohr:

»Kauft, lieber Herr!« Ein magres Händchen hielt

Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

 

Ich schrak empor, und beim Laternenschein

Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;

Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,

Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

 

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,

Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:

»Kauft, lieber Herr!« den Ruf ohn Unterlaß

Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

 

Und ich? - War's Ungeschick, war es die Scham,

Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?

Eh meine Hand zu meiner Börse kam,

Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

 

Doch als ich endlich war mit mir allein,

Erfaßte mich die Angst im Herzen so,

Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein

Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

 

Henry John Yeend King, Twas the Night Before Christmas
Henry John Yeend King (1855-1924) war ein britischer Maler.

Annette von Droste-Hülshoff 1797-1848

Am Weihnachtstag

 

Still ist die Nacht; in seinem Zelt geborgen,

der Schriftgelehrte späht mit finstren Sorgen,

wann Judas mächtiger Tyrann erscheint;

den Vorhang lüftet er, nachstarrend lange

dem Stern, der gleitet über Äthers Wange,

wie Freudenzähre, die der Himmel weint.

 

Und fern vom Zelte über einem Stalle,

da ist's, als ob aufs nied're Dach er falle;

in tausend Radien sein Licht er gießt.

Ein Meteor, so dachte der Gelehrte,

als langsam er zu seinen Büchern kehrte.

O weißt du, wen das nied're Dach umschließt?

 

In einer Krippe ruht ein neugeboren

und schlummernd Kindlein; wie im Traum verloren

die Mutter knieet, schlichter Mann rückt tief erschüttert

das Lager ihnen; seine Rechte zittert

dem Schleier nahe um den Mantel noch.

 

Und an der Türe steh'n geringe Leute,

mühsel'ge Hirten, doch die ersten heute,

und in den Lüften klingt es süß und lind,

verlor'ne Töne von der Engel Liede:

"Dem Höchsten Ehr' und allen Menschen Friede,

die eines guten Willens sind."

 

 

G.Holstein (?), aus: Guckkasten 1909 Nr.2

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Weihnachten

 

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,

mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.

Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle

schöne Blumen der Vergangenheit.

 

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,

und das alte Lied von Gott und Christ

bebt durch Seelen und verkündet leise,

dass die kleinste Welt die größte ist.

 

Nikiforos Lytras, Les Chants de Noel, 1872, Collection privée
Nikiforos Lytras (1832-1904) war ein griechischer Maler.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Weihnachten

 

Zwar ist das Jahr an Festen reich,

Doch ist kein Fest dem Feste gleich,

Worauf wir Kinder Jahr aus Jahr ein

Stets harren in süßer Lust und Pein.

 

O schöne, herrliche Weihnachtszeit,

Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!

Wenn der heilige Christ in jedem Haus

Theilt seine lieben Gaben aus.

 

Und ist das Häuschen noch so klein,

So kommt der heilige Christ hinein,

Und Alle sind ihm lieb wie die Seinen,

Die Armen und Reichen, die Großen und Kleinen.

 

Der heilige Christ an Alle denkt,

Ein Jedes wird von ihm beschenkt.

Drum laßt uns freu'n und dankbar sein!

Er denkt auch unser, mein und dein.

 

 

Mykola Pymonenko, Sternsinger
Mykola Kornylijowytsch Pymonenko (1862-1912) war ein ukrainischer Maler der Russischen Avantgarde, Schöpfer zahlreicher Genrebilder und Teilnehmer der russischen künstlerischen Bewegung der Peredwischniki.

Friedrich Rückert 1788-1866

Des fremden Kindes heiliger Christ

 

Es lauft ein fremdes Kind

Am Abend vor Weihnachten

Durch eine Stadt geschwind,

Die Lichter zu betrachten,

Die angezündet sind.

 

Es steht vor jedem Haus

Und sieht die hellen Räume,

Die drinnen schaun heraus,

Die lampenvollen Bäume;

Weh wird's ihm überaus.

 

Das Kindlein weint und spricht:

"Ein jedes Kind hat heute

Ein Bäumchen und ein Licht

Und hat dran seine Freude,

Nur bloß ich armes nicht.

 

An der Geschwister Hand

Als ich daheim gesessen,

Hat es mir auch gebrannt;

Doch hier bin ich vergessen

In diesem fremden Land.

 

Lässt mich denn niemand ein

Und gönnt mir auch ein Fleckchen?

In all den Häuserreih'n

Ist denn für mich kein Eckchen,

Und wär' es noch so klein?

 

Lässt mich denn niemand ein?

Ich will ja selbst nichts haben,

Ich will ja nur am Schein

Der fremden Weihnachtsgaben

Mich laben ganz allein."

 

Es klopft an Tür und Tor,

An Fenster und an Laden;

Doch niemand tritt hervor,

Das Kindlein einzuladen,

Sie haben drin kein Ohr.

 

Ein jeder Vater lenkt

Den Sinn auf seine Kinder;

Die Mutter sie beschenkt,

Denkt sonst nichts mehr noch minder;

Ans Kindlein niemand denkt.

 

"O, lieber heil'ger Christ!

Nicht Mutter und nicht Vater

Hab' ich, wenn du's nicht bist;

O, sei du mein Berater,

Weil man mich hier vergisst!"

 

Das Kindlein reibt die Hand,

Sie ist von Frost erstarret;

Es kriecht in sein Gewand,

Und in dem Gässlein harret,

Den Blick hinaus gewandt.

 

Da kommt mit einem Licht

Durchs Gässlein hergewallet

Im weißen Kleide schlicht

Ein ander Kind; - wie schallet

Es lieblich, da es spricht:

 

"Ich bin der heil'ge Christ,

War auch ein Kind vordessen,

Wie du ein Kindlein bist;

Ich will dich nicht vergessen,

Wenn alles dich vergisst.

 

Ich bin mit meinem Wort

Bei allen gleichermaßen;

Ich biete meinen Hort

So gut hier auf den Straßen

Wie in den Zimmern dort.

 

Ich will dir deinen Baum,

Fremd Kind, hier lassen schimmern

Auf diesem offnen Raum,

So schön, dass die in Zimmern

So schön sein sollen kaum."

 

Da deutet mit der Hand

Christkindlein auf zum Himmel,

Und droben leuchtend stand

Ein Baum voll Sterngewimmel

Vielästig ausgespannt.

 

So fern und doch so nah',

Wie funkelten die Kerzen!

Wie ward dem Kindlein da,

Dem fremden, still zu Herzen,

Das seinen Christbaum sah!

 

Es ward ihm wie ein Traum;

Da langten hergebogen

Englein herab vom Baum

Zum Kindlein, das sie zogen

Hinauf zum lichten Raum.

 

Das fremde Kindlein ist,

Zur Heimat nun gekehret

Bei seinem heil'gen Christ;

Und was hier wird bescheret,

Es dorten leicht vergisst.

 

Fedot Syckov, Sternsinger
Fedot Vasilievich Sychkov (1870-1958) war ein russischer Maler.

Emanuel Geibel 1815-1884

Weihnacht

 

Wie bewegt mich wundersam

Euer Hall, ihr Weihnachtsglocken,

Die ihr kündet mit Frohlocken,

Dass zur Welt die Gnade kam.

 

Überm Hause schien der Stern,

Und in Lilien stand die Krippe,

Wo der Engel reine Lippe

Hosianna sang dem Herrn.

 

Herz, und was geschah vordem,

Dir zum Heil erneut sich's heute:

Dies gedämpfte Festgeläute

Ruft auch dich nach Bethlehem.

 

Mit den Hirten darfst du ziehn,

Mit den Königen aus Osten

Und in ihrer Schar getrosten

Muts vor deinem Heiland knien.

 

Hast du Gold nicht und Rubin,

Weihrauch nicht und Myrrhenblüte:

Schütt' aus innerstem Gemüte

Deine Sehnsucht vor ihm hin!

 

Sieh, die Händchen zart und lind

Streckt er aus, zum Born der Gnaden,

Die da Kinder sind, zu laden,

Komm! Und sei auch du ein Kind!

 

 

Gustave Brion, Christmas Singers
Gustave Adolphe Brion (1824-1877) war ein französischer Maler des Realismus.

Friedrich Hebbel 1813-1863

Die Weihe der Nacht

 

Nächtliche Stille!

Heilige Fülle,

Wie von göttlichem Segen schwer,

Säuselt aus ewiger Ferne daher.

 

Was da lebte,

Was auf engem Kreise

Auf in's Weit'ste strebte,

Sanft und leise

Sank es in sich selbst zurück

 

Und quillt auf in unbewusstem Glück.

 

Und von allen Sternen nieder

Strömt ein wunderbarer Segen,

Dass die müden Kräfte wieder

Sich in neuer Frische regen,

Und aus seinen Finsternissen

Tritt der Herr, so weit er kann,

Und die Fäden, die zerrissen,

Knüpft er alle wieder an.

 

Stepan Kolesnikov, Christmas Eve
Stepan Fedorovitch Kolesnikoff (1879-1955) war ein angesehener realistischer Maler.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929

Weihnacht

 

Weihnachtsgeläute

Im nächtigen Wind ...

Wer weiß, wo heute

Die Glocken sind,

Die Töne von damals sind?

 

Die lebenden Töne

Verflogener Jahr'

Mit kindischer Schöne

Und duftendem Haar,

Mit tannenduftigem Haar,

 

Mit Lippen und Locken

Von Träumen schwer? ...

Und wo kommen die Glocken

Von heute her,

Die wandernden heute her?

 

Die kommenden Tage,

Die wehn da vorbei.

Wer hörts, ob Klage,

Ob lachender Mai,

Ob blühender, glühender Mai? ...

 

 

Franz Skarbina, Böhmische Kirche an Heilig Abend - Bethlehemskirche Berlin
Franz Skarbina (1849-1910) war ein Maler des deutschen Impressionismus, Zeichner, Radierer und Illustrator.

Ludwig Thoma 1867-1921

Christmette

 

So wissen wir, dass Jesus Christ

In einem Stall geboren ist

Zu Bethlehem bei kalter Nacht.

Kein Reicher hat nicht aufgemacht.

 

Die lagen all im weichen Bett.

Dass auf der harten Liegerstätt'

Das Kindlein in der Krippe fror,

Kam ihnen nicht betrübsam vor.

 

Sie hielten es für gar gering,

Wie dass es kleinen Leuten ging.

Was geht sie heut' das Wunder an?

Nur Armen ward es kundgetan.

 

Frits Thaulow, Christmas Midnight Mass
Frits Thaulow, eigentlich Johan Frederik Thaulow (1847-1906), war ein norwegischer Maler des 19. Jahrhunderts.

Robert Eduard Prutz 1816-1872

Christnacht

               

Heil'ge Nacht, auf Engelsschwingen

nahst du leise dich der Welt,

und die Glocken hör' ich klingen,

und die Fenster sind erhellt.

Selbst die Hütte trieft von Segen,

und der Kindlein froher Dank

jauchzt dem Himmelskind entgegen,

und ihr Stammeln wird Gesang.

 

Mit der Fülle süßer Lieder,

mit dem Glanz um Tal und Höh'n,

Heil'ge Nacht, so kehrst du wieder,

wie die Welt dich einst gesehn,

da die Palmen lauter rauschten,

und, versenkt in Dämmerung,

Erd' und Himmel Worte tauschten,

Worte der Verkündigung.

 

Da, mit Purpur übergossen,

aufgetan von Gottes Hand,

alle Himmel sich erschlossen,

glänzend über Meer und Land;

da, den Frieden zu verkünden,

sich der Engel niederschwang,

auf den Höhen, in den Gründen

die Verheißung wiederklang;

 

Da, der Jungfrau Sohn zu dienen,

Fürsten aus dem Morgenland

in der Hirten Kreis erschienen,

Gold und Myrrhen in der Hand!

Da mit seligem Entzücken

sich die Mutter niederbog,

sinnend aus des Kindes Blicken

nie gefühlte Freude zog.

 

Heil'ge Nacht, mit tausend Kerzen

steigst du feierlich herauf,

o, so geh' in unsern Herzen,

Stern des Lebens, geh' uns auf!

Schau, im Himmel und auf Erden

glänzt der Liebe Rosenschein:

Friede soll's noch einmal werden

und die Liebe König sein!

 

C. Schultheiß (?), Auf dem Weg zur Christmette

Max Dauthendey 1867-1918

Weihnachten

 

Die eisige Straße mit Schienengeleisen,

Die Häusermasse in steinernen Reih'n,

Der Schnee in Haufen, geisterweißen,

Und der Tag, der blasse, mit kurzem Schein.

 

Der Kirchtüre Flügel sich stumm bewegen,

Die Menschen wie Schatten zur Türspalte gehn;

Bekreuzen die Brust, kaum dass sie sich regen,

Als grüßen sie jemand, den sie nur sehn.

 

Ein Kindlein aus Wachs, auf Moos und Watten,

Umgeben von Mutter und Hirten und Stall,

Umgeben vom Kommen und Gehen der Schatten,

Liegt da wie im Mittelpunkte des All.

 

Und Puppen als Könige, aus goldnen Papieren,

Und Mohren bei Palmen, aus Federn gedreht,

Sie kamen auf kleinen und hölzernen Tieren,

Knien tausend und tausend Jahr im Gebet.

 

Sie neigen sich vor den brennenden Kerzen;

Als ob im Arm jedem ein Kindlein schlief,

Siehst du sie atmen mit behutsamen Herzen

Und lauschen, ob das Kind sie beim Namen rief.

 

 

Edmund Koken, Weihnachtsabend
Johann Gottfried Edmund Koken (1814-1872) war ein deutscher Landschafts- und Porträtmaler.

Hugo Salus 1866-1929

Christabend

 

Christabend war's. Ich träumte durch die Gassen,

vom Weihnachtsglanz mein Herz durchglüh'n zu lassen.

Mein Herz war fromm, als ob durch jede Flocke

das Bluten einer wunden Seele stockt.

 

»Frieden auf Erden und den Menschen allen

Glückseligkeit und stilles Wohlgefallen!«

Da, wie ich ging, zerstörte meine Träume

ein Haufen unverkaufter Weihnachtsbäume.

 

Sie lagen auf dem Pflaster da, vergessen

und schneebedeckt, als wär ihr Grün vermessen,

als schämten sie sich ihrer hellen Farben,

die doch so gern, um heut zu leuchten, starben.

 

Gleich einer Gauklerschar, im Wald erfroren,

die tief im Schnee den Weg ins Dorf verloren,

so lagen sie und sah'n aus ihrem Dunkel

rings in den Fenstern strahlendes Gefunkel.

 

Sie lagen da wie unerfülltes Sehnen,

erträumter Schimmer, ausgelöscht durch Tränen,

wie Leid, das wirr um die Erlösung betet,

wie Kinderjauchzen, das der Hunger tötet.

 

Sie lagen da, verschüchtert und verbittert,

vom Frost des Elends bis in Mark durchzittert,

den Glanz verfluchend, gleich Millionen Seelen,

in denen heut die Friedenslichter fehlen.

 

 

Franz Cižek Weihnacht, 1922
Franz Cižek (1865-1946) war ein österreichischer Maler, Designer und Kunsterzieher.

Theodor Storm 1817-1888

Weihnachten

 

Mir ist das Herz so froh erschrocken,

das ist die liebe Weihnachtszeit!

Ich höre fern her Kirchenglocken

mich lieblich heimatlich verlocken

in märchenstille Herrlichkeit.

 

Ein frommer Zauber hält mich wieder,

anbetend, staunend muß ich stehn;

es sinkt auf meine Augenlider

ein goldner Kindertraum hernieder,

ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.

 

Armand Guéry, Midnight Mass, Christmas Night in Bertincourt, Champagne
Armand Guéry (1853-1912) war ein französischer Künstler.

Gustav Falke 1853-1916

Weihnacht

 

Zeit der Weihnacht, immer wieder

rührst du an mein altes Herz,

führst es fromm zurück

in sein früh’stes Glück,

kinderheimatwärts.

 

Sterne leuchten über Städte,

über Dörfer rings im Land.

Heilig still und weiß

liegt die Welt im Kreis

unter Gottes Hand.

 

Kinder singen vor den Türen:

"Stille Nacht, heilige Nacht!"

Durch die Scheiben bricht

hell ein Strom von Licht,

aller Glanz erwacht.

 

Und von Turm zu Turm ein Grüßen,

und von Herz zu Herz ein Sinn,

und die Liebe hält

aller Welt

ihre beiden Hände hin.

 

Firmin Baes, Weihnachtsszene
Firmin Baes (1874-1943) war ein belgischer Maler, Pastellkünstler, Zeichner und Druckdesigner.

Joseph Freiherr von Eichendorff 1788-1857

Weihnachten

 

Markt und Straßen stehn verlassen,

Still erleuchtet jedes Haus,

Sinnend geh' ich durch die Gassen,

Alles sieht so festlich aus.

 

An den Fenstern haben Frauen

Buntes Spielzeug fromm geschmückt,

Tausend Kindlein stehn und schauen,

Sind so wunderstill beglückt.

 

Und ich wandre aus den Mauern

Bis hinaus in's freie Feld,

Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!

Wie so weit und still die Welt!

 

Sterne hoch die Kreise schlingen,

Aus des Schneees Einsamkeit

Steigt's wie wunderbares Singen –

O du gnadenreiche Zeit!

 

Clarence Gagnon, Christmas Mass, 1933
Clarence Gagnon (1881–1942) war ein kanadischer Maler.

Ernst Moritz Arndt 1769-1860

Gebet eines kleinen Knaben an den heiligen Christ

 

Du lieber heil'ger frommer Christ,

Der für uns Kinder kommen ist,

Damit wir sollen weiß und rein

Und rechte Kinder Gottes sein,

 

Du Licht vom lieben Gott gesandt

In unser dunkles Erdenland,

Du Himmelskind und Himmelschein,

Damit wir sollen himmlisch sein:

 

Du lieber heil'ger frommer Christ,

Weil heute dein Geburtstag ist,

Drum ist auf Erden weit und breit,

Bei allen Kindern frohe Zeit.

 

O segne mich! ich bin noch klein,

O mache mir den Busen rein!

O bade mir die Seele hell

In deinem reichen Himmelsquell!

 

Daß ich wie Engel Gottes sei

In Demut und in Liebe treu,

Daß ich dein bleibe für und für,

Du heil'ger Christ, das schenke mir!

 

 

Eastman Johnson, Christmas Time
Jonathan Eastman Johnson (1824-1906) war ein amerikanischer Maler.

Theodor Storm 1817-1888

Weihnachtsabend

 

An die hellen Fenster kommt er gegangen

Und schaut in des Zimmers Raum;

Die Kinder alle tanzten und sangen

Um den brennenden Weihnachtsbaum.

 

Da pocht ihm das Herz, daß es will zerspringen;

»Oh«, ruft er, »laßt mich hinein!

Was Frommes, was Fröhliches will ich euch singen

Zu dem hellen Kerzenschein.«

 

Und die Kinder kommen, die Kinder ziehen

Zur Schwelle den nächtlichen Gast;

Still grüßen die Alten, die Jungen umknien

Ihn scheu in geschäftiger Hast.

 

Und er singt: »Weit glänzen da draußen die Lande

Und locken den Knaben hinaus;

Mit klopfender Brust, im Reisegewande

Verläßt er das Vaterhaus.

 

Da trägt ihn des Lebens breitere Welle –

Wie war so weit die Welt!

Und es findet sich mancher gute Geselle,

Der's treulich mit ihm hält.

 

Tief bräunt ihm die Sonne die Blüte der Wangen,

Und der Bart umsprosset das Kinn;

Den Knaben, der blond in die Welt gegangen,

Wohl nimmer erkennet ihr ihn.

 

Aus goldenen und aus blauen Reben

Es mundet ihm jeder Wein;

Und dreister greift er in das Leben

Und in die Saiten ein.

 

Und für manche Dirne mit schwarzen Locken

Im Herzen findet er Raum; –

Da klingen durch das Land die Glocken,

Ihm war's wie ein alter Traum.

 

Wohin er kam, die Kinder sangen,

Die Kinder weit und breit;

Die Kerzen brannten, die Stimmlein klangen,

Das war die Weihnachtszeit.

 

Da fühlte er, daß er ein Mann geworden;

Hier gehörte er nicht dazu.

Hinter den blauen Bergen im Norden

Ließ ihm die Heimat nicht Ruh.

 

An die hellen Fenster kam er gegangen

Und schaut' in des Zimmers Raum;

Die Schwestern und Brüder tanzten und sangen

Um den brennenden Weihnachtsbaum.« –

 

Da war es, als würden lebendig die Lieder

Und nahe, der eben noch fern;

Sie blicken ihn an und blicken wieder;

Schon haben ihn alle so gern.

 

Nicht länger kann er das Herz bezwingen,

Er breitet die Arme aus:

»Oh, schließet mich ein in das Preisen und Singen,

Ich bin ja der Sohn vom Haus!«

 

James Clark, Christmas
James Clark (1858-1943) war ein britischer Maler.

Paul Richter 1873-1945

Geschichte eines Pfefferkuchenmannes

 

Es war einmal ein Pfefferkuchenmann,

von Wuchse, groß und mächtig,

und was seinen innern Wert betraf,

so sagte der Bäcker: “Prächtig”.

 

Auf dieses glänzende Zeugnis hin

erstand ihn der Onkel Heller

und stellte ihn seinem Patenkind,

dem Fritz, auf den Weihnachtsteller.

 

Doch kaum war mit dem Pfefferkuchenmann

der Fritz ins Gespräch gekommen,

da hatte er schon – aus Höflichkeit –

die Mütze ihm abgenommen.

 

Als schlafen ging der Pfefferkuchenmann,

da bog er sich krumm vor Schmerze:

an der linken Seite fehlte fast ganz

sein stolzes Rosinenherze!

 

Als Fritz tags drauf den Pfefferkuchenmann,

besuchte, ganz früh und alleine,

da fehlten, o Schreck, dem armen Kerl

ein Arm schon und beide Beine!

 

Und wo einst saß am Pfefferkuchenmann

die mächtige Habichtsnase,

da war ein Loch! Und er weinte still

eine bräunliche Sirupblase.

 

Von nun an nahm der Pfefferkuchenmann

ein reißendes, schreckliches Ende:

Das letzte Stückchen kam schließlich durch Tausch

in Schwester Margeretchens Hände.

 

Die kochte als sorgfältige Hausfrau draus

für ihre hungrige Puppe

auf ihrem neuen Spiritusherd

eine kräftige, leckere Suppe.

 

Und das geschah dem Pfefferkuchenmann,

den einst so viele bewundert

in seiner Schönheit bei Bäcker Schmidt,

im Jahre neunzehnhundert.

 

Carl Larsson, Julaftonen, 1904
Carl Olof Larsson (1853-1919) war ein schwedischer Künstler.

Gustav Falke 1853-1916

Nun leuchten wieder die Weihnachtskerzen

 

Nun leuchten wieder die Weihnachtskerzen

und wecken Freude in allen Herzen.

Ihr lieben Eltern, in diesen Tagen,

was sollen wir singen, was sollen wir sagen?

Wir wollen euch wünschen zum heiligen Feste

vom Schönen das Schönste, vom Guten das Beste!

Wir wollen euch danken für alle Gaben

und wollen euch immer noch lieber haben.

 

 

William Glackens, Merry Christmas
William James Glackens (1870-1938) war ein amerikanischer Maler und Illustrator.

Anna Ritter 1865-1921

Vom Christkind

 

Denkt Euch, ich habe das Christkind gesehn!

Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,

mit rot gefrorenem Näschen.

Die kleinen Hände taten ihm weh;

denn es trug einen Sack,

der war gar schwer,

schleppte und polterte hinter ihm her.

Was drin war, möchtet ihr wissen?

Ihr Naseweise, Ihr Schelmenpack -

denkt ihr, er wäre offen, der Sack?

Zugebunden bis oben hin!

Doch war gewiss was Schönes drin;

es roch so nach Äpfeln und Nüssen.

 

Christkindel in Schlesien, 1891

Emil Weber 1877-1944

Christkinds getreuer Knecht

 

Von grünen Tannen dicht umstellt

liegt still ein Haus am End der Welt.

Darinnen haust auf seine Art

ein alter Mann mit langem Bart.

 

Wenns Winter wird, da gibts zu tun

nicht mal am Abend kann er ruhn

und wenns die ersten Flocken schneit

dann schmunzelt er: "Bald ists so weit".

 

Und eines Abends schwebt ganz sacht

ein Engel nieder durch die Nacht,

er schwebt umglänzt vom goldnen Schein

aufs Häuschen zu und geht hinein.

 

"He, Alter", ruft er "sei bereit

Dezember ists und Weihnachtszeit".

Der Alte streicht den langen Bart

und spricht: "Ich bin bereit zur Fahrt."

 

"Längst fertig sind die Sachen all

der Esel wartet schon im Stall."

Der große, graue, dick vom ruhn

bekommt nun tüchtig was zu tun.

 

Drei große Säcke bis zum Rand

gefüllt, so gehts ins Menschenland.

Drei Tage drauf klopfts bei Euch an,

Du kriegst nen Schreck - der Weihnachtsmann.

 

 

Frederick Daniel Hardy,

Christmas Visitors
Frederick Daniel Hardy (1827-1911) war ein englischer Genremaler.
 

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Bäume leuchtend

 

Bäume leuchtend, Bäume blendend,

Überall das Süße spendend.

In dem Glanze sich bewegend,

Alt und junges Herz erregend –

Solch ein Fest ist uns bescheret.

Mancher Gaben Schmuck verehret;

Staunend schaun wir auf und nieder,

Hin und Her und immer wieder.

 

Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet

Und ein Abend so dich segnet,

Dass als Lichter, dass als Flammen

Von dir glänzten all zusammen

Alles, was du ausgerichtet,

Alle, die sich dir verpflichtet:

Mit erhöhten Geistesblicken

Fühltest herrliches Entzücken.

 

Othar Holmboe, Julemotiv
Othar Holmboe (1868-1928) war ein norwegischer Illustrator.

Jakob Loewenberg 1856-1929

Weihnachten bei den Großeltern

 

Heut abend, als wir zu euch gingen,

da war in der Luft ein leises Klingen,

da war ein Rauschen, man wußt’ nicht woher,

als ob man in einem Tannenwald wär,

da huschte vorüber und ging nicht aus

ein heimliches Leuchten von Haus zu Haus.

 

Der Mond kam über die Dächer gesprungen:

„Wohin noch so spät, ihr kleinen Jungen?

Ihr müßt ja zu Bett, was fällt euch ein?“

und lachte uns an mit vollem Schein.

 

Da lachten wir wieder: „Du alter Klöner,

heut abend ist alles anders und schöner.

Und glaubst du’s nicht, kannst mit uns gehen,

da wirst du ein blaues Wunder sehn.“

 

Da sprang er leuchtend uns voran,

bei diesem Hause hielt er an.

Wir gingen hinein mit froher Begier,

und Klingen und Rauschen und Leuchten ist hier.

 

Spyridon Vikatos, Sapin de Noël, 1932, Gallérie Nationale d’art
Spyridon Vikatos, selten: Bikatos (1878-1960) war ein griechischer Maler. Vikatos war einer der letzten griechischen Vertreter der Münchener Schule.

Arno Holz 1863-1929

 

Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln

Die Weihnacht ihre Sterne funkeln!

Die Engel im Himmel hört man sich küssen

Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen ...

 

So heimlich war es die letzten Wochen,

Die Häuser nach Mehl und Honig rochen,

Die Dächer lagen dick verschneit

Und fern, noch fern schien die schöne Zeit.

Man dachte an sie kaum dann und wann.

Mutter teigte die Kuchen an

Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,

Sass daneben und las und rauchte.

Da plötzlich, eh man sich's versah,

Mit einem Mal war sie wieder da.

 

Mitten im Zimmer steht nun der Baum!

 

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ...

Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,

Herrgott, was giebt's da nicht alles zu sehn!

Die kleinen Kügelchen und hier

Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!

Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen

All die unzähligen, kleinen Figürchen:

Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,

Elephanten und kleine Kälbchen,

Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,

Dicke Kerle mit rothen Nasen,

Reiche Hunde und arme Schlucker

Und Alles, Alles aus purem Zucker!

 

Fortsetzung unten

Arthur Hughes, A Christmas Carol at Bracken Dene, Birmingham Museum and Art Gallery
Arthur Hughes (1832-1915) war ein britischer Illustrator und Maler aus der Gruppe der Präraffaeliten.

Fortsetzung, Arno Holz

 

Ein alter Herr mit weissen Bäffchen

Hängt grade unter einem Aeffchen.

Und hier gar schält sich aus seinem Ei

Ein kleiner, geflügelter Nackedei.

Und oben, oben erst in der Krone!!

Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone

Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen –

Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!

 

In den offenen Mäulerchen ihre Finger,

Stehn um den Tisch die kleinen Dinger,

Und um die Wette mit den Kerzen

Puppern vor Freuden ihre Herzen.

Ihre grossen, blauen Augen leuchten,

Indess die unsern sich leise feuchten.

Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«,

Uns dreht sich die Welt um andre Achsen

 

Und zwar zumeist um unser Büreau.

Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh

Aus Zinkblech eine Eisenbahn,

Ein kleines Schweinchen aus Marzipan.

Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,

Der Reichstag interessirt uns heut mehr;

Auch sind wir verliebt in die Regeldetri

Und spielen natürlich auch Lotterie.

Uns quälen tausend Siebensachen.

Mit einem Wort, um es kurz zu machen,

Wir sind grosse, verständige, vernünftige Leute!

 

Nur eben heute nicht, heute, heute!

 

Ueber uns kommt es wie ein Traum,

 

Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,

An dem Millionen Kerzen schaukeln?

Alte Erinnerungen gaukeln

Aus fernen Zeiten an uns vorüber

Und jede klagt: Hinüber, hinüber!

Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:

O selig, o selig, ein Kind noch zu sein.

 

Christian Krohg, Seamstress Christmas Eve
Christian Krohg (1852-1925) war ein norwegischer Genremaler, Autor und Journalist.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Vom Schenken

 

Schenke groß oder klein,

aber immer gediegen.

Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,

sei dein Gewissen rein.

 

Schenke herzlich und frei.

Schenke dabei,

was in dir wohnt

an Meinung, Geschmack und Humor,

so dass die eigene Freude zuvor

dich reichlich belohnt.

 

Schenke mit Geist ohne List.

Sei eingedenk,

dass dein Geschenk –

Du selber bist.

 

 

Adolph Tidemand, Traditions of Christmas, Juleskikk
Adolph Tidemand (1814-1876) war ein norwegischer Maler der Düsseldorfer Schule und der führende Genremaler der norwegischen Nationalromantik.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Die hohen Tannen

 

Die hohen Tannen atmen heiser

im Winterschnee, und bauschiger

schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.

Die weißen Wege werden leiser,

die trauten Stuben lauschiger.

 

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:

Im grünen Ofen kracht ein Scheit

und stürzt in lichten Lohgewittern, –

und draußen wächst im Flockenflittern

der weiße Tag zur Ewigkeit.

 

Richard Püttner, Weihnachtsmorgen, Die Gartenlaube, 1880
Richard Püttner (1842-1913) war ein deutscher Zeichner und Illustrator.

 

John Ritchie, Christmas Day
John Ritchie (1846?-1875) war ein britischer Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Ein Weihnachtslied

 

Wintersonnenwende!

Nacht ist nun zu Ende!

Schenkest, göttliches Gestirn,

neu dein Herz an Tal und Firn!

 

O der teuren Brände!

Hebet hoch die Hände!

Lasset uns die Gute loben!

Liebe, Liebe, Dir da droben!

 

Wintersonnenwende!

Nacht hat nun ein Ende!

Tag hebt an, goldgoldner Tag,

Blühn und Glühn und Lerchenschlag!

 

O du Schlummers Wende!

O du Kummers Ende!

 

 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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