BuchKult
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Weihnachten – Das Fest 

 

Dante Gabriel Rossetti, A Christmas Carol, 1867
Dante Gabriel Rossetti (1828-1882) war ein britischer Dichter und Maler, der in beiden Künsten gleichermaßen begabt war. Er war wegen seiner dominierenden und charismatischen Persönlichkeit die treibende Kraft der Präraffaeliten.
 

Die Folge von Weihnachtsgedichten möchte ich mit dem für mich heitersten Gedicht zum Thema Weihnachten,

das mir bei der Recherche begegnet ist, beginnen:

ein Dank- und Lobeslied von Frierich Rückert auf seine Schwiedertochter Alma, ein Weihnachtsgeschenk an diese.

 

Beenden wird den Gedichtreigen ebefalls Friedrich Rückert, allerdings mit dem traurigsten Gedicht:

einem seiner Kindertotenlieder.

FD

Friedrich Rückert 1788-1866

Meiner lieben Schwiegertochter Alma

Weihnachten 1865

 

Zeitungsbringerin,

Fliegenwedelschwingerin,

Fehllose Jägerin,

Treffliche Totschlägerin,

Liebe Beleberin,

Kleinmutes Heberin,

Sorgenabwenderin,

Trostredespenderin,

Leidens Abfragerin,

Besserungswahrsagerin,

Leisanschweberin,

Arzeneigeberin,

Stundenmahnerin,

Zeitvertreibsanbahnerin,

Temperaturspürerin,

Feuernachschürerin,

Witterungskünderin,

Lampendochtanzünderin,

Morgenbegrüßerin,

Abendrastversüßerin,

Nachtvorleserin,

Bücheramtsverweserin,

Allzeitunterhalterin,

Gesprächsstoffsentfalterin,

Wunschablauscherin,

Dienstrollentauscherin,

Allesbeschickerin,

Allesüberblickerin,

Allesbestreiterin,

Krankenkostbereiterin,

Festgabebedenkerin,

Weihnachtsentenschenkerin,

Engelverwenderin,

Enkelzuspruchsenderin,

Ordnerin, Schmückerin,

Kopfkissenrückerin,

Pfeifenkopfstopferin,

Flaschenpfropfentpfropferin,

Schlummerbecherfüllerin,

Kalter Knie Umhüllerin,

Nachtruhanwünscherin,

Wenn ich wachensmatt bin,

Heimlich schwach schachmatt bin,

Treue Mitträgerin

Mitpflegerin

Neben deiner Schwägerin,

Schwiegerkind, Söhnerin,

Versöhnerin, Beschönerin,

Unbelohnt Taglöhnerin,

Allzeit frohe Frönerin,

Liebliche Verwöhnerin:

Nimm dies Liebeszeichen hin,

Wie ich dir dankbar bin.

 

Franz Skarbina, Weihnachtsmarkt Berlin
Franz Skarbina (1849-1910) war ein Maler des deutschen Impressionismus, Zeichner, Radierer und Illustrator.

Jakob Loewenberg 1856-1929

An der Straßenecke

 

An der Straßenecke, in der Häuser Gedränge,

in der Großstadt wogender Menschenmenge,

inmitten von Wagen, Karren, Karossen

ist heimlich ein Märchenwald entsprossen,

von leisem Glockenklingen durchhallt:

von Weihnachtsbäumen ein Tannenwald.

 

Da hält ein Wagen, ein Diener steigt aus

und nimmt den größten Baum mit nach Haus.

Ein Mütterchen kommt, und prüft und wägt,

bis endlich den rechten sie heimwärts trägt.

Verloren zur Seite ein Stämmchen stand,

das fasste des Werkmanns ruhige Hand.

So sah ich einen Baum nach den andern

in Schloss und Haus und Hütte wandern,

und schimmernd zog mit jedem Baum

ein duftiger, glänzender Märchentraum. –

 

Frohschaukelnd auf der Zweige Spitzen

schneeweißgeflügelte Englein sitzen.

Die einen spielen auf Zinken und Flöten,

die andern blasen die kleinen Trompeten,

die wiegen Puppen, die tragen Konfekt,

die haben Bleisoldaten versteckt,

die schieben Puppentheaterkulissen,

die werfen sich mit goldenen Nüssen,

und ganz zuhöchst, in der Hand einen Kringel,

steht triumphierend ein pausbackiger Schlingel.

 

Da tönt ein Singen, ein Weihnachtsreigen –

verschwunden sind alle zwischen den Zweigen.

Am Tannenbaum hängt, was in Händen sie trugen.

Ein Jubelschrei schallt und von unten lugen

mit Äuglein, hell wie Weihnachtslichter,

glückselig lachende Kindergesichter.

 

Heinrich Zille, Weihnachtsmarkt am Arkonaplatz
Heinrich Rudolf Zille (1858-1929) war ein deutscher Grafiker, Maler und Fotograf. In seiner Kunst bevorzugte der Pinselheinrich genannte Zille Themen aus dem Berliner Volksleben, das er ebenso lokalpatriotisch wie sozialkritisch darstellte.

Gottfried Keller 1819-1890

Weihnachtsmarkt

 

Welch lustiger Wald um das hohe Schloß

hat sich zusammengefunden,

Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,

Von keiner Wurzel gebunden!

 

Anstatt der warmen Sonne scheint

Das Rauschgold durch die Wipfel;

Hier backt man Kuchen, dort brät man Wurst,

Das Räuchlein zieht um die Gipfel.

 

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,

Das Volk erfüllet die Räume;

Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,

Die fällen am frohsten die Bäume.

 

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs

Zu überreichen Geschenken,

Der andre einen gewaltigen Strauch,

Drei Nüsse daran zu henken.

 

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein

Ein Weib mit scharfen Waffen;

Der dünne Silberling soll zugleich

Den Baum und die Früchte verschaffen.

Fortsetzung unten

 

David Jacobson, Hojbro Plads, Copenhagen
David Jacob Jacobson (1818-1891) war ein dänischer Maler.

Fortsetzung

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai

Die schwere Tanne von hinnen;

Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,

Zu ersteigen die grünen Zinnen.

 

Und kommt die Nacht, so singt der Wald

Und wiegt sich im Gaslichtscheine;

Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind

Vorüber am Zauberhaine.

 

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:

Im düsteren Bergesbanne

Stand reifbezuckert auf dem Grat

die alte Wettertanne.

 

Und zwischen den Ästen waren schön

Die Sterne aufgegangen;

Am untersten Ast sah man entsetzt

Die alte Wendel hangen.

 

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,

Das festlich still verkläret;

Weil auf der Welt sie nichts besaß,

Hatt' sie sich selbst bescheret.

 

 

Franz Skarbina, Weihnachtsmarkt
Franz Skarbina (1849-1910) war ein Maler des deutschen Impressionismus, Zeichner, Radierer und Illustrator.

Augusta Burchardt-Nienstein 1855-?

Weihnachtshandel

 

Durch die Straßen, laut und hell,

Eilt die Menge froh und schnell,

Einzuhandeln Weihnachtssachen,

Sich und andern Scherz zu machen.

... Wir stehn an der kalten Ecke

Halberfroren auf dem Flecke,

Augen trüb und Wangen blass...

„Liebe Leute, kauft doch was!..."

 

Ach! zu Haus die bittre Not!

Mutter krank und Vater tot!

Niemand hilft und borgt uns mehr,

Und der Hunger schmerzt so sehr!

Glücklich reiche Kinder ziehn

Scharenweis vor uns dahin,

Holen dies und tragen das...

„Liebe Kinder, kauft doch was!..."

 

Für den Baum die schönste Zier

Haben in dem Kästchen wir.

Lichtchen, Kugeln, Goldschaum klar,

Und Christkindleins Silberhaar.

Das blieb in den Tannen hangen,

Als es durch den Wald gegangen,

Glitzernd lags in Busch und Gras...

„Liebe Kinder, kauft doch was!..."

 

Ach, uns brennt kein Weihnachtsbaum,

Dunkel bleibt der Hütte Raum,

Während ihr die Fülle habt,

Kaum ein Stücklein Brot uns labt.

Schuldlos sind wir ausgeschlossen

Wo rings Gaben Überflossen,

Rührt euch nicht die Seele das ?...

„Bitte, bitte, kauft doch was!..."

 

Ernst Bosch, Vor-Weihnachten
Ernst Bosch (1834-1917) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker und Vertreter der erzählenden Malerei der Düsseldorfer Malerschule.

Victor Blüthgen 1844-1920

Zu Weihnachten

 

Das ist der liebe Weihnachtsbaum.

Ja solch ein Baum!

Der grünt bei Schnee, der glänzt bei Nacht

wie die himmlische Pracht,

trägt alle Jahre seine Last,

Äpfel und Nüsse am selben Ast,

Zuckerwerk obendrein –

so müßten alle Bäume sein!

Nun hat ihn gebracht der Weihnachtsmann,

drei Kinder steh'n und seh'n ihn an.

 

Das erste spricht:

»Der ist doch Weihnacht das Schönste, nicht?«

Das andre: »Woher an Äpfeln und Nüssen

Gold und Silber wohl kommen müssen?

Ich denk mir, das Christkind faßte sie an,

gleich war Gold oder Silber dran.«

Das dritte: »Christkind müßte einmal

den ganzen Wald so putzen im Tal;

dann würde gleich aller Schnee zergeh'n,

und dann – das gäb ein Spazierengeh'n!«

 

 

Hans Baluschek, Beim Weihnachtsbaumverkauf, 1930
Hans Baluschek (1870-1935) war ein deutscher Maler, Grafiker und Schriftsteller.
 

Anna Ritter 1865-1921

Raureif vor Weihnachten

 

Das Christkind ist durch den Wald gegangen,

Sein Schleier blieb an den Zweigen hangen,

Da fror er fest in der Winterluft

Und glänzt heut' morgen wie lauter Duft.

 

Ich gehe still durch des Christkinds Garten,

Im Herzen regt sich ein süß Erwarten:

Ist schon die Erde so reich bedacht,

Was hat es mir da erst mitgebracht!

 

 

J.R Wehle, Der Weihnachtsbaum,

aus: Die Gartenlaube, 1881
Johannes Raphael Wehle (1848-1936) deutscher Maler, wurde durch Holzstiche illustrierter Zeitungen einem breiten Publikum bekannt.
 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Der Weihnachtsbaum

 

Von allen den Bäumen jung und alt,

Von allen den Bäumen groß und klein,

Von allen in unserm ganzen Wald,

Was mag doch der allerschönste sein?

Der schönste von allen weit und breit

Das ist doch allein, wer zweifelt dran?

Der Baum, der da grünet allezeit,

Den heute mir bringt der Weihnachtsmann. -

 

Wenn Alles schon schläft in stiller Nacht,

Dann holet er ihn bei Sternenschein

Und schlüpfet, eh' einer sich's gedacht,

Gar heimlich damit ins Haus hinein.

Dann schmückt er mit Lichtern jeden Zweig,

Hängt Kuchen und Nüss' und Äpfel dran:

So macht er uns Alle freudenreich,

Der liebe, der gute Weihnachtsmann.

 

Jervis McEntee, Christmas in the Catskills
Jervis McEntee (1828-1981) war ein amerikanischer Maler der Hudson River School.
 

Ferdinand Avenarius 1856-1923

Der Seelchenbaum

 

Weit draußen, einsam im öden Raum

steht ein uralter Weidenbaum

noch aus den Heidenzeiten wohl,

verknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl.

Keiner schneidet ihn, keiner wagt

vorüberzugehn, wenn's nicht mehr tagt,

kein Vogel singt ihm im dürren Geäst,

raschelnd nur spukt drin der Ost und West;

doch wenn am Abend die Schatten düstern,

hörst du's wie Sumsen darin und Flüstern.

Und nahst du der Weide um Mitternacht,

siehst sie von grauen Kindlein bewacht:

Auf allen Ästen hocken sie dicht,

lispeln und wispeln und rühren sich nicht.

Das sind die Seelchen, die weit und breit

sterben gemußt, eh' die Tauf' sie geweiht:

Im Särglein liegt die kleine Leich',

nicht darf das Seelchen ins Himmelreich.

Und immer neue, - siehst es du? -

in leisem Fluge huschen dazu.

Da sitzen sie nun das ganze Jahr

wie eine verschlafene Käuzchenschar.

Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt

und über die Länder das Christkind fliegt,

dann regt sich's, pludert sich's, plaudert, lacht,

ei, sind unsre Käuzlein da aufgewacht!

Sie lugen aus, wer sieht was, wer?

Ja freilich kommt das Christkind her!

Mit seinem helllichten Himmelsschein

fliegt's mitten zwischen sie hinein:

»Ihr kleines Volk, nun bin ich da -

glaubt ihr an mich?« Sie rufen: »Ja!«

Da nickt's mit seinem lieben Gesicht

und herzt die Armen und ziert sich nicht.

Dann klatscht's in die Hände, schlingt den Arm

ums nächste - aufwärts schwirrt der Schwarm

ihm nach und hoch ob Wald und Wies'

ganz graden Weges ins Paradies.

 

 

Frederick Morgan, Weihnachtszeit
Frederick Morgan (1847-1927) war ein englischer Maler von Porträts, Tieren, häuslichen und ländlichen Szenen. Bekannt wurde er durch seine idyllischen Genreszenen der Kindheit.
 

 

Paula Dehmel 1862-1918

Weihnachtsschnee

 

Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf,

es riecht nach Weihnachtstorten;

Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd

und backt die feinsten Sorten.

 

Ihr Kinder, sperrt die Augen auf,

sonst nehmt den Operngucker:

die große Himmelsbüchse, seht,

tut Ruprecht ganz voll Zucker.

 

Er streut – die Kuchen sind schon voll –

er streut – na, das wird munter:

er schüttelt die Büchse und streut und streut

den ganzen Zucker runter.

 

Ihr Kinder, sperrt die Mäulchen auf,

schnell! Zucker schneit es heute!

Fangt auf, holt Schüsseln! – Ihr glaubt es nicht?

Ihr seid ungläubige Leute!

 

Carlton Alfred Smith, Christmas Eve
Carlton Alfred Smith (1853-1946) war ein britischer Maler, der hauptsächlich Genreszenen in Aquarell malt. Viele seiner Gemälde sind Darstellungen des häuslichen Lebens in englischen Cottages im späten neunzehnten Jahrhundert.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Weihnacht zur See

 

Weihnacht war es auf tosender See.

Haushohe Wellen an Luv und an Lee.

Am Ruder stand Jürgens Claus;

Sah bald auf den Kompaß und bald voraus.

Die eisernen Speichen lenkte er fest

Und führte verwegen

Durch Sturm und Regen

Das ächzende Schiff nach West-Nord-West.

Wuchtige Seen mit schäumender Gischt

Fegten das Deck,

Doch er wich nicht vom Fleck,

Er rührte sich nicht,

Ob auch vom Südwester übers Gesicht,

Ob von der Stirn in den struppigen Bart

Das salzige, eisige Wasser ihm rann. -

So etwas bleibt keinem Seemann erspart.

Jürgens Claus stand seinen Mann. --

West-Nord-West lag an.

Und er sah auf den Kompaß, vom Wetter umtost,

Wehrte behende dem tückischen Schwanken

Der kleinen Nadel. Doch in Gedanken

Flog er gen Ost-Süd-Ost;

Flog in ein fernes Fischerhaus.

Dort war er daheim, Jürgens Claus.

Es war ein armer,

Doch traulich warmer

Und freundlicher Raum.

 

Die Kuckucksuhr war eben verklungen.

Still malte der Feuerschein an den Wänden.

Im Lehnstuhl unter dem Weihnachtsbaum

Saß Mutter und hielt wie im Traum

In ihren alten, zitternden Händen

Den letzten Brief von ihrem Jungen. -

Er wußte, er war ja ihr einziges Glück. --

 

'Was ist der Kurs?' erklang es von oben.

'Recht West-Nord-West!' gab Claus zurück.

Die eisernen Speichen lenkte er fest

Und führte voll Kraft und kühnem Mut

Das ächzende Schiff gen West-Nord-West.

Claus Jürgens stand seinen Mann.

War es wohl salzige Meeresflut,

Was heiß ihm über die Wangen rann?

 

John Everett Millais, Christmas Eve
Sir John Everett Millais, (1829-189]) war ein britischer Maler aus dem Kreis der Präraffaeliten.
 

Karl von Gerok 1815-1890

 

O Heiliger Abend mit Sternen besät,

wie lieblich und labend dein Hauch mich umweht!

Vom Kindergetümmel, vom Lichtergewimmel

aufschau ich gen Himmel in leisem Gebet.

 

Ernst Metz, Weihnachtsabend Rotenburg,1845
Ernst Christopher Metz (1892-1973) war ein deutscher Maler und Grafiker, der vor allem durch seine Darstellung deutscher Stadtansichten in historischer Sicht bekannt geworden ist.

Joseph Freiherr von Eichendorff 1788-1857

Weihnachten

 

Markt und Straßen stehn verlassen,

Still erleuchtet jedes Haus,

Sinnend geh' ich durch die Gassen,

Alles sieht so festlich aus.

 

An den Fenstern haben Frauen

Buntes Spielzeug fromm geschmückt,

Tausend Kindlein stehn und schauen,

Sind so wunderstill beglückt.

 

Und ich wandre aus den Mauern

Bis hinaus in's freie Feld,

Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!

Wie so weit und still die Welt!

 

Sterne hoch die Kreise schlingen,

Aus des Schneees Einsamkeit

Steigt's wie wunderbares Singen –

O du gnadenreiche Zeit!

 

Doubek, O du Fröhliche
František Bohumil Doubek, auch bekannt als Franz Doubek (1865-1952), war ein tschechischer Maler und Illustrator.

Martin Greif 1839-1911

Weihnachtsgefühl

 

Naht die jubelvolle Zeit,

Kommt auch mir ein Sehnen,

Längst entfloh'ner Seligkeit

Denk' ich nach mit Tränen.

 

Carl Larsson, Julaftonen, 1904
Carl Olof Larsson (1853-1919) war ein schwedischer Künstler.

Arno Holz 1863-1929

 

Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln

Die Weihnacht ihre Sterne funkeln!

Die Engel im Himmel hört man sich küssen

Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen ...

 

So heimlich war es die letzten Wochen,

Die Häuser nach Mehl und Honig rochen,

Die Dächer lagen dick verschneit

Und fern, noch fern schien die schöne Zeit.

Man dachte an sie kaum dann und wann.

Mutter teigte die Kuchen an

Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,

Sass daneben und las und rauchte.

Da plötzlich, eh man sich's versah,

Mit einem Mal war sie wieder da.

 

Mitten im Zimmer steht nun der Baum!

 

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ...

Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,

Herrgott, was giebt's da nicht alles zu sehn!

Die kleinen Kügelchen und hier

Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!

Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen

All die unzähligen, kleinen Figürchen:

Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,

Elephanten und kleine Kälbchen,

Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,

Dicke Kerle mit rothen Nasen,

Reiche Hunde und arme Schlucker

Und Alles, Alles aus purem Zucker!

 

Ein alter Herr mit weissen Bäffchen

Hängt grade unter einem Aeffchen.

Und hier gar schält sich aus seinem Ei

Ein kleiner, geflügelter Nackedei.

Und oben, oben erst in der Krone!!

Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone

Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen –

Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!

 

In den offenen Mäulerchen ihre Finger,

Stehn um den Tisch die kleinen Dinger,

Und um die Wette mit den Kerzen

Puppern vor Freuden ihre Herzen.

Ihre grossen, blauen Augen leuchten,

Indess die unsern sich leise feuchten.

Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«,

Uns dreht sich die Welt um andre Achsen

 

Und zwar zumeist um unser Büreau.

Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh

Aus Zinkblech eine Eisenbahn,

Ein kleines Schweinchen aus Marzipan.

Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,

Der Reichstag interessirt uns heut mehr;

Auch sind wir verliebt in die Regeldetri

Und spielen natürlich auch Lotterie.

Uns quälen tausend Siebensachen.

Mit einem Wort, um es kurz zu machen,

Wir sind grosse, verständige, vernünftige Leute!

 

Nur eben heute nicht, heute, heute!

 

Ueber uns kommt es wie ein Traum,

 

Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,

An dem Millionen Kerzen schaukeln?

Alte Erinnerungen gaukeln

Aus fernen Zeiten an uns vorüber

Und jede klagt: Hinüber, hinüber!

Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:

O selig, o selig, ein Kind noch zu sei

 

Théophile Schuler, Christkindel et Hans Trapp, 1858
Jules Théophile Schuler (1821-1878) war ein französischer Maler und Illustrator im romantischen Stil. Hans Trapp ist die elsässische Entsprechung des Knecht Ruprecht, allerdings nicht wie dieser im Gefolge des Nikolaus sondern des Christkindel.

Emil Weber 1877-1944

Christkinds getreuer Knecht

 

Von grünen Tannen dicht umstellt

liegt still ein Haus am End der Welt.

Darinnen haust auf seine Art

ein alter Mann mit langem Bart.

 

Wenns Winter wird, da gibts zu tun

nicht mal am Abend kann er ruhn

und wenns die ersten Flocken schneit

dann schmunzelt er: "Bald ists so weit".

 

Und eines Abends schwebt ganz sacht

ein Engel nieder durch die Nacht,

er schwebt umglänzt vom goldnen Schein

aufs Häuschen zu und geht hinein.

 

"He, Alter", ruft er "sei bereit

Dezember ists und Weihnachtszeit".

Der Alte streicht den langen Bart

und spricht: "Ich bin bereit zur Fahrt."

 

"Längst fertig sind die Sachen all

der Esel wartet schon im Stall."

Der große, graue, dick vom ruhn

bekommt nun tüchtig was zu tun.

 

Drei große Säcke bis zum Rand

gefüllt, so gehts ins Menschenland.

Drei Tage drauf klopfts bei Euch an,

Du kriegst nen Schreck - der Weihnachtsmann.

 

 

Lovis Corinth, Weihnachtsbescherung, 1913
Lovis Corinth (1858-1925) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker.
 

Ernst Moritz Arndt 1769-1860

Der Weihnachtsbaum

 

Steht er da der Weihnachtsbaum

Wie ein bunter goldner Traum,

Spiegelt Unschuldkinderglück,

All sein Paradies zurück.

 

Und wir schau'n und denken dann,

Wie uns heut das Heil begann,

Wie das Kindlein Jesus Christ

Heut zur Welt geboren ist;

 

Wie das Kind von Himmelsart

Lag auf Stroh und Halmen hart,

Wie der Menschheit Hort und Trost

Erdenelend hat erlost.

 

Also steh'n und schauen wir

Gottes Lust und Gnade hier:

Was uns in dem Kindlein zart

Alles heut geboren ward.

 

Blüh' denn, leuchte, goldner Baum,

Erdentraum und Himmelstraum,

Blüh' und leucht' in Ewigkeit

Durch die arme Zeitlichkeit!

 

Sei uns Bild und sei uns Schein,

Daß wir sollen fröhlich sein,

Fröhlich durch den süßen Christ,

Der des Lebens Leuchte ist.

 

Sei uns Bild und sei uns Schein,

Daß wir sollen tapfer sein

Auf des Lebens Pilgerbahn,

Kämpfend gegen Lug und Wahn.

 

Sei uns Bild und sei uns Schein,

Daß wir sollen heilig sein,

Rein wie Licht und himmelklar,

Wie das Kindlein Jesus war.

 

 

Elizabeth Forbes,

The Christmas Tree
Elizabeth Adela Forbes (1859-1912) war eine kanadische Malerin des Spätimpressionismus und wichtige Vertreterin der Newlyn School, einer Künstlerkolonie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Friedrich Güll 1812-1879

Vor dem Christbaum

 

Da guck einmal, was gestern nacht

Christkindlein alles mir gebracht:

ein Räppchen,

ein Wägelein;

ein Käppchen

und ein Krägelein;

ein Tütchen

und ein Rütchen;

ein Büchlein

voller Sprüchlein;

das Tütchen, wenn ich fleißig lern,

ein Rütchen, tät ich es nicht gern,

und nun erst gar den Weihnachtsbaum,

ein schönrer steht im Walde kaum.

Ja, schau nur her und schau nur hin

und schau, wie ich so glücklich bin!

 

Arthur Hughes, A Christmas Carol at Bracken Dene, Birmingham Museum and Art Gallery
Arthur Hughes (1832-1915) war ein britischer Illustrator und Maler aus der Gruppe der Präraffaeliten.

Heinrich Seidel 1842-1906

Der Kleine Nimmersatt

 

Ich wünsche mir ein Schaukelpferd,

'ne Festung und Soldaten

Und eine Rüstung und ein Schwert,

Wie sie die Ritter hatten.

 

Drei Märchenbücher wünsch' ich mir

Und Farbe auch zum Malen

Und Bilderbogen und Papier

Und Gold- und Silberschalen.

 

Ein Domino, ein Lottospiel,

Ein Kasperletheater,

Auch einen neuen Pinselstiel

Vergiss nicht, lieber Vater!

 

Ein Zelt und sechs Kanonen dann

Und einen neuen Wagen

Und ein Geschirr mit Schellen dran,

Bei'm Pferdespiel zu tragen.

 

Ein Perspektiv, ein Zootrop,

'ne magische Laterne,

Ein Brennglas, ein Kaleidoskop

Dies Alles hätt' ich gerne.

 

Mir fehlt – ihr wisst es sicherlich –

Gar sehr ein neuer Schlitten,

Und auch um Schlittschuh' möchte ich

Noch ganz besonders bitten.

 

Um weisse Tiere auch von Holz

Und farbige von Pappe,

Um einen Helm mit Federn stolz

Und eine Flechtemappe.

 

Auch einen grossen Tannenbaum,

Dran hundert Lichter glänzen,

Mit Marzipan und Zuckerschaum

Und Schokoladenkränzen.

 

Doch dünkt dies Alles euch zu viel,

Und wollt ihr daraus wählen,

So könnte wohl der Pinselstiel

Und auch die Mappe fehlen.

 

Als Hänschen so gesprochen hat,

Sieht man die Eltern lachen:

»Was willst du, kleiner Nimmersatt,

Mit all den vielen Sachen?«

 

»Wer soviel wünscht« – der Vater spricht's –

»Bekommt auch nicht ein Achtel –

Der kriegt ein ganz klein wenig Nichts

In einer Dreierschachtel.«

 

Robert Weise, Weihnachtszauber, ca. 1908
Robert Weise (1870-1923) war ein deutscher Maler, Zeichner und Illustrator. Seine Werke sind durch den französischen Impressionismus beeinflusst, weisen darüber hinaus auch Tendenzen zum Jugendstil auf.

Ada Christen 1839-1901

Christbaum

 

Hörst auch du die leisen Stimmen

   Aus den bunten Kerzlein dringen?

Die vergessenen Gebete

   Aus den Tannenzweiglein singen?

Hörst du auch das schüchternfrohe,

   Helle Kinderlachen klingen?

Schaust auch du den stillen Engel

   Mit den reinen, weißen Schwingen?

Schaust auch du dich selber wieder

   Fern und fremd nur wie im Traume?

Grüßt auch dich mit Märchenaugen

   Deine Kindheit aus dem Baume? ...

 

 

La fête de Noël. Illustration extraite de 'Beaux jours et fêtes des petits enfants', par A. des Tilleuls (1881)
 

Hanns von Gumppenberg 1866-1928

Christbaumnüsse

 

Kehrt der Weihnachtsabend wieder,

Friedvoll und verheißungshold,

Schmückt man viele tauben Nüsse

Festlich mit dem Flittergold.

 

Und die goldnen Nüsse leuchten

Herrlich in dem Lichtermeer,

Wundersame Märchenfrüchte –

Innen aber sind sie leer.

 

Und wie reich die schönen schimmern

So von außen, so von fern,

Höher wären sie zu schätzen,

Bärgen sie den süßen Kern:

 

Dienten sie nicht blos den Träumen

Eine Stunde oder zwei,

Gäben sie auch brav zu zehren,

Wenn das Friedensfest vorbei.

 

Viggo Johansen, Frohe Weihnachten, 1891
Viggo Johansen (1851-1935) war ein dänischer Maler und Zeichner.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Weihnachten

 

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,

mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.

Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle

schöne Blumen der Vergangenheit.

 

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,

und das alte Lied von Gott und Christ

bebt durch Seelen und verkündet leise,

dass die kleinste Welt die größte ist.

 

Johann Carl Rößler, Die Kinder der Familie Buderus
Johann Carl Rößler (1775-1845) war ein deutscher Porträtmaler.

Gustav Falke 1853-1916

Weihnacht

 

Zeit der Weihnacht, immer wieder

rührst du an mein altes Herz,

führst es fromm zurück

in sein früh’stes Glück,

kinderheimatwärts.

 

Sterne leuchten über Städte,

über Dörfer rings im Land.

Heilig still und weiß

liegt die Welt im Kreis

unter Gottes Hand.

 

Kinder singen vor den Türen:

"Stille Nacht, heilige Nacht!"

Durch die Scheiben bricht

hell ein Strom von Licht,

aller Glanz erwacht.

 

Und von Turm zu Turm ein Grüßen,

und von Herz zu Herz ein Sinn,

und die Liebe hält

aller Welt

ihre beiden Hände hin.

 

Leopold Kalckreuth, Kinder beim Weihnachtsbaum
Leopold Karl Walter Graf von Kalckreuth (1855-1928) war ein deutscher Maler, Grafiker und Lehrer

Ferdinand von Saar 1833-1906

Christnacht

 

Wieder mit Flügeln, aus Sternen gewoben,

Senkst du herab dich, o heilige Nacht;

Was durch Jahrhunderte Alles zerstoben –

Du noch bewahrst deine leuchtende Pracht!

 

Ging auch der Welt schon der Heiland verloren,

Der sich dem Dunkel der Zeiten entrang,

Wird er doch immer auf's neue geboren,

Nahst du, Geweihte, dem irdischen Drang.

 

Selig durchschauernd kindliche Herzen,

Bist du des Glaubens süßester Rest;

Fröhlich begangen bei flammenden Kerzen,

Bist du das schönste, das menschlichste Fest.

 

Leerend das Füllhorn beglückender Liebe,

Schwebst von Geschlecht zu Geschlecht du vertraut –

Wo ist die Brust, die verschlossen dir bliebe,

Nicht dich begrüßte mit innigstem Laut?

 

Und so klingt heut' noch das Wort von der Lippe,

Das einst in Bethlehem preisend erklang,

Strahlet noch immer die liebliche Krippe –

Tönt aus der Ferne der Hirten Gesang...

 

Was auch im Sturme der Zeiten zerstoben –

Senke herab dich in ewiger Pracht,

Leuchtende du, aus Sternen gewoben,

Frohe, harzduftende, heilige Nacht!

 

Fritz Schider, Weihnachtsfeier in der Familie Leibl
Fritz Schider (1846-1907 war ein österreichischer Maler und Radierer.

Theodor Storm 1817-1888

Weihnachten

 

Mir ist das Herz so froh erschrocken,

das ist die liebe Weihnachtszeit!

Ich höre fern her Kirchenglocken

mich lieblich heimatlich verlocken

in märchenstille Herrlichkeit.

 

Ein frommer Zauber hält mich wieder,

anbetend, staunend muß ich stehn;

es sinkt auf meine Augenlider

ein goldner Kindertraum hernieder,

ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.

 

Schultheiß, Auf dem Weg zur Christmette

Ludwig Tieck 1773-1853

Weihnachten

 

Wenn herüber zu meinem Garten

Die alten Lieder tönen

Der Pfeifer, die aus dem Gebirge kommend

Jeglich Marienbild mit Weisen grüßen,

So dünk' ich mich in seltsame, ferne

Wunderzeiten entrückt,

Und alte Legenden, und himmlische Sehnsucht,

Zarte Lieb' und große Erinnerung

Quellen aus den rauen, einfachen Tönen.

Tiefer, und inniger

Spricht der Frömmigkeit Wort

Die wunderliche Melodie,

Als in den Kirchen

Der neuen Künstler Wirrwarr,

Die alle Töne keck aufbieten

Um zu heucheln und zu grimassieren,

Und mit weltlichem Prunk

Das Heilige höhnen.

 

Clarence Gagnon, Christmas Mass, 1933
Clarence Gagnon (1881–1942) war ein kanadischer Maler.

Friedrich Hebbel 1813-1863

Die Weihe der Nacht

 

Nächtliche Stille!

Heilige Fülle,

Wie von göttlichem Segen schwer,

Säuselt aus ewiger Ferne daher.

 

Was da lebte,

Was auf engem Kreise

Auf in's Weit'ste strebte,

Sanft und leise

Sank es in sich selbst zurück

 

Und quillt auf in unbewusstem Glück.

 

Und von allen Sternen nieder

Strömt ein wunderbarer Segen,

Dass die müden Kräfte wieder

Sich in neuer Frische regen,

Und aus seinen Finsternissen

Tritt der Herr, so weit er kann,

Und die Fäden, die zerrissen,

Knüpft er alle wieder an.

 

Firmin Baes, Weihnachtsszene
Firmin Baes (1874-1943) war ein belgischer Maler, Pastellkünstler, Zeichner und Druckdesigner.

Max Dauthendey 1867-1918

Weihnachten

 

Die eisige Straße mit Schienengeleisen,

Die Häusermasse in steinernen Reih'n,

Der Schnee in Haufen, geisterweißen,

Und der Tag, der blasse, mit kurzem Schein.

 

Der Kirchtüre Flügel sich stumm bewegen,

Die Menschen wie Schatten zur Türspalte gehn;

Bekreuzen die Brust, kaum dass sie sich regen,

Als grüßen sie jemand, den sie nur sehn.

 

Ein Kindlein aus Wachs, auf Moos und Watten,

Umgeben von Mutter und Hirten und Stall,

Umgeben vom Kommen und Gehen der Schatten,

Liegt da wie im Mittelpunkte des All.

 

Und Puppen als Könige, aus goldnen Papieren,

Und Mohren bei Palmen, aus Federn gedreht,

Sie kamen auf kleinen und hölzernen Tieren,

Knien tausend und tausend Jahr im Gebet.

 

Sie neigen sich vor den brennenden Kerzen;

Als ob im Arm jedem ein Kindlein schlief,

Siehst du sie atmen mit behutsamen Herzen

Und lauschen, ob das Kind sie beim Namen rief.

Fedot Syckov, Sternsinger
Fedot Vasilievich Sychkov (1870-1958) war ein russischer Maler.

Theodor Storm 1817-1888

Weihnachtsabend

 

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,

Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus,

Weihnachten war's; durch alle Gassen scholl

Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

 

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,

Drang mir ein heiser Stimmlein an das Ohr:

»Kauft, lieber Herr!« Ein magres Händchen hielt

Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

 

Ich schrak empor, und beim Laternenschein

Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;

Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,

Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

 

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,

Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:

»Kauft, lieber Herr!« den Ruf ohn Unterlaß

Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

 

Und ich? - War's Ungeschick, war es die Scham,

Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?

Eh meine Hand zu meiner Börse kam,

Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

 

Doch als ich endlich war mit mir allein,

Erfaßte mich die Angst im Herzen so,

Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein

Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

 

Fritz Grotemeyer, Weihnacht im Neuen Palais zu Potsdam
Fritz Grotemeyer (1864-1947) war ein deutscher Illustrator, Porträt-, Historien- und Kriegsmaler.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Der armen Kinder Weihnachtslied

 

Hört, schöne Herrn und Frauen,

Die ihr im Lichte seid:

Wir kommen aus dem Grauen,

Dem Lande Not und Leid;

Weh tun uns unsre Füße

Und unsre Herzen weh,

Doch kam uns eine süße

Botschaft aus Eis und Schnee.

Es ist ein Licht erglommen,

Und uns auch gilt sein Schein.

Wir habens wohl vernommen:

Das Christkind ist gekommen

Und soll auch uns gekommen sein.

 

Drum gehn wir zu den Orten,

Die hell erleuchtet sind,

Und klopfen an die Pforten:

Ist hier das Christuskind?

Es hat wohl nicht gefunden

Den Weg in unsre Nacht,

Drum haben wir mit wunden

Füßen uns aufgemacht,

Daß wir ihm unsre frommen

Herzen und Bitten weihn.

Wir habens wohl vernommen:

Das Christkind ist gekommen

Und soll auch uns gekommen sein.

 

So laßt es uns erschauen,

Die ihr im Lichte seid!

Wir kommen aus dem Grauen,

Dem Lande Not und Leid;

Wir kommen mit wunden Füßen,

Doch sind wir trostgemut:

Wenn wir das Christkind grüßen,

Wird alles, alles gut.

Der Stern, der heut erglommen,

Gibt allen seinen Schein:

Das Christkind ist gekommen! -

Die ihr es aufgenommen,

O, laßt auch uns zu Gaste sein!

 

Franz Hecker, Weihnachtsabend
Franz Hecker (1870-1944) war ein deutscher Maler und Graphiker. Seine Ausbildung erhielt er von 1890 bis 1893 an der Kunstakademie Düsseldorf, an der er unter anderem Fritz Overbeck, Otto Modersohn und Heinrich Vogeler kennenlernte und seither oft die Künstlerkolonie Worpswede besuchte.

Theodor Fontane 1819-1898

Zum 24. Dezember 1890

 

Noch einmal ein Weihnachtsfest,

immer kleiner wird der Rest,

aber nehm ich so die Summe,

alles Grade, alles Krumme,

alles Falsche, alles Rechte,

alles Gute, alles Schlechte –

rechnet sich aus all dem Braus

doch ein richtig Leben raus.

Und dies können ist das Beste

wohl bei diesem Wiegenfeste.

 

Heinrich Vogeler, Weihnachten, 1912
Johann Heinrich Vogeler (1872-1942) war ein deutscher Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge und Schriftsteller.
 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Weihnachten

 

Zwar ist das Jahr an Festen reich,

Doch ist kein Fest dem Feste gleich,

Worauf wir Kinder Jahr aus Jahr ein

Stets harren in süßer Lust und Pein.

 

O schöne, herrliche Weihnachtszeit,

Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!

Wenn der heilige Christ in jedem Haus

Theilt seine lieben Gaben aus.

 

Und ist das Häuschen noch so klein,

So kommt der heilige Christ hinein,

Und Alle sind ihm lieb wie die Seinen,

Die Armen und Reichen, die Großen und Kleinen.

 

Der heilige Christ an Alle denkt,

Ein Jedes wird von ihm beschenkt.

Drum laßt uns freu'n und dankbar sein!

Er denkt auch unser, mein und dein.

 

Christian Krohg, Seamstress Christmas Eve
Christian Krohg (1852-1925) war ein norwegischer Genremaler, Autor und Journalist.

Hugo Salus 1866-1929

Christabend

 

Christabend war's. Ich träumte durch die Gassen,

vom Weihnachtsglanz mein Herz durchglüh'n zu lassen.

Mein Herz war fromm, als ob durch jede Flocke

das Bluten einer wunden Seele stockt.

 

»Frieden auf Erden und den Menschen allen

Glückseligkeit und stilles Wohlgefallen!«

Da, wie ich ging, zerstörte meine Träume

ein Haufen unverkaufter Weihnachtsbäume.

 

Sie lagen auf dem Pflaster da, vergessen

und schneebedeckt, als wär ihr Grün vermessen,

als schämten sie sich ihrer hellen Farben,

die doch so gern, um heut zu leuchten, starben.

 

Gleich einer Gauklerschar, im Wald erfroren,

die tief im Schnee den Weg ins Dorf verloren,

so lagen sie und sah'n aus ihrem Dunkel

rings in den Fenstern strahlendes Gefunkel.

 

Sie lagen da wie unerfülltes Sehnen,

erträumter Schimmer, ausgelöscht durch Tränen,

wie Leid, das wirr um die Erlösung betet,

wie Kinderjauchzen, das der Hunger tötet.

 

Sie lagen da, verschüchtert und verbittert,

vom Frost des Elends bis in Mark durchzittert,

den Glanz verfluchend, gleich Millionen Seelen,

in denen heut die Friedenslichter fehlen.

 

 

Fritz von Uhde,

Nach Weihnachten
Fritz von Uhde (1848-1911) war ein sächsischer Kavallerieoffizier und Maler. Sein Stil lag zwischen Realismus und Impressionismus.
 

Friedrich Rückert 1788-1866

 

O Weihnachtsbaum,

O Weihnachtstraum!

Wie erloschen ist dein Glanz,

Wie zerstoben ist der Kranz,

Der um dich den Freudentanz

Schlang zur Weihnachtsfeier.

 

O Weihnachtsbaum,

O Weihnachtstraum!

Der du noch an jedem Ast

Halbverbrannte Kerzen hast;

Denn wir löschten sie mit Hast

Mitten in der Feier.

 

O Weihnachtsbaum,

O Weihnachtstraum!

Jeder Zweig ist noch beschwert,

Und kein Naschwerk abgeleert.

Ach, daß du so unverheert

Überstandst die Feier.

 

O Weihnachtsbaum,

O Weihnachtstraum!

Mit den Früchten unverzehrt,

Mit den Kerzen unversehrt,

Steh, bis Weihnacht wiederkehrt,

Steh zur Todtenfeier.

 

O Weihnachtsbaum,

O Weihnachtstraum!

Wenn wir neu dich zünden an,

Kaufen wir kein Englein dran;

Unsre beiden Englein nahn

Drobenher zur Feier.

 

 

aus: Kindertodtenlieder

Als Kindertodtenlieder bezeichnete der Dichter Friedrich Rückert die 428 Gedichte, die er unter dem Eindruck des Todes seiner Kinder Luise und Ernst 1833/1834 schrieb.

Alle damals sechs Kinder Rückerts waren im Dezember 1833 an Scharlach erkrankt. Am 31. Dezember 1833 starb Rückerts seinerzeit einzige Tochter Luise (* 25. Juni 1830), am 16. Januar 1834 sein Sohn Ernst (* 1. Januar 1829). Die übrigen vier Kinder erholten sich von der Krankheit.

 

Sir Stanley Spencer, Amaryllis
Sir Stanley Spencer (1891-1959) war ein britischer Maler.

und zum Schluss

ein Tässchen Schokolade von

Liotards Schokoladenmädchen

 

Jean-Étienne Liotard,

Das Schokoladenmädchen,

ca. 1744
Jean-Étienne Liotard (1702-1789)

war ein Genfer Pastell- und Emailmaler.

"Das schönste Pastell, das man je gesehen hat"

Rosalba Carriera, italienische Pastell-Malerin, 1675-1757

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin
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