BuchKult
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Paul Ernst Köhler 1880-1914

Sommerabend

 

Ob das des Sommerabends Wesen ist?

Die offene Seele lauscht dem dunklen Lied,

Das eine Nachtigall vor Sehnsucht weint,

Und eine Grille geigt verliebt im Ried.

Ich hauche: Kommt denn niemand, der mich küßt?

 

Ob das des Sommerabends Wesen ist? …

Die Liebe lockt: "Gib dich mir ganz! Gib! Gib!" …

Der letzte Laut erstirbt. Heimlich geeint

Hat sich der Liebste traulich mit dem Lieb …

Zu mir allein kommt niemand, der mich küßt.

 

Hans Ole Brasen, Work on the Old Homestead, Sørup near Esrom, Summer Evening
Hans Ole Brasen (1849-1930) war ein dänischer Maler.

Heinrich Heine 1797-1856

 

Dämmernd liegt der Sommerabend

Über Wald und grünen Wiesen;

Goldner Mond, im blauen Himmel,

Strahlt herunter, duftig labend.

 

An dem Bache zirpt die Grille,

Und es regt sich in dem Wasser,

Und der Wandrer hört ein Plätschern

Und ein Atmen in der Stille.

 

Dorten an dem Bach alleine,

Badet sich die schöne Elfe;

Arm und Nacken, weiß und lieblich,

Schimmern in dem Mondenscheine.

 

John Constable, Summer-Evening Landscape
John Constable (1776-1837) war ein Vertreter der romantischen Malerei (Landschaftsmalerei) in England.
 

Friedrich Theodor von Vischer 1807-1887

Pastors Abendspaziergang

 

Das Abendroth brennt an des Himmels Saum,

Ich schlendre so, als wie im halben Traum,

Zum Dorf hinaus auf grünem Wiesenwege

Am Wald hinunter, wie ich täglich pflege.

Rings auf der Wiese wimmelt es und schafft,

Vom frischen Heu kommt mit gewürz'ger Kraft

Ein süßer Duft auf kühler Lüfte Wogen,

Mein alter Liebling, zu mir hergezogen.

Roth, Blau und Gold, ein ganzes Farbenreich,

Betrachtet sich im spiegelhellen Teich,

Wild-Enten sieht man durch die Wellen streben

Und hoch in Lüften Weih und Sperber schweben.

Ein flüsternd Wehen geht im dunkeln Wald,

Die Vögel rufen, daß es weithin schallt,

Die Unke will sich auf der Flöte zeigen,

Die Grille zirpt und auch die Schnaken geigen.

Studieren wollt' ich einen Predigtplan,

Nun hör' ich selbst die große Predigt an,

Voll Kraft und Mark, ein Menschenherz zu stärken,

Die große Predigt von des Meisters Werken.

 

Paul Gustav Fischer, Summer Evening in Tivoli
Paul Gustav Fischer (1860-1934) war ein dänischer Maler.

Otto Ernst 1862-1926

Ruhe des Herzens

 

Wie heimlich glüht ein Bild

aus langer Dämm'rung:

Ein Sommerabend war's

Im Heimatdorfe;

Noch lag ein Sonnenhauch

Auf Dach und Giebeln,

Und hell stand schon der Mond

In leerer Straße.

Der Nachbar sprach ein Wort

Von Tau und Regen,

Er sprach zu seinem Weib

Drin in der Kammer;

Er zog das Fenster an,

Es klang der Riegel;

Ein erstes Sternlein trat

Aus lichtem Dunkel.

Aus fernen Gärten klang

Ein Mädchenlachen;

Ein letzter Nachhall dann

Und letzte Stille.

Und all die Sommerwelt

Ging wie ein Atem

Geruhig ein und aus

Durch meine Lippen. –

 

Nun weiß ich's, da mein Haar

Beginnt zu bleichen:

Was damals ich geatmet, war

Das Glück.

 

Eero Järnefelt, Moonlit Summer Night
Erik (Eero) Nikolai Järnefelt (1863-1937) war ein finnischer Maler des Realismus.

Richard Dehmel 1863-1920

Sommerabend

 

Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;

fern dampft der See, das hohe Röhricht schimmert

im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur;

ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.

 

Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton;

ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde,

im stillen Walde steht die Dämm'rung schon,

der Hirte sammelt seine satte Herde.

 

Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,

die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;

nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.

So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!

 

Albert Edelfelt, Summer Evening
Albert Gustaf Aristides Edelfelt (1854-1905) war ein finnlandschwedischer Maler und Graphiker.

Alfred Lichtenstein 1889-1914

Sommerabend

 

Faltenlos sind alle Dinge,

Wie vergessen, leicht und matt.

Heilighoch spült grüner Himmel

Stille Wasser an die Stadt.

 

Fensterschuster leuchten gläsern.

Bäckerläden warten leer.

Straßenmenschen schreiten staunend

Hinter einem Wunder her.

 

... Rennt ein kupferroter Kobold

Dächerwärts hinauf, hinab.

Kleine Mädchen fallen schluchzend

Von Laternenstöcken ab.

 

Harald Sohlberg, Summer Night
Harald Oskar Sohlberg (1869-1935) war ein norwegischer Maler und Grafiker.

Georg Trakl 1887-1914

Abend in Lans

 

Wanderschaft durch dämmernden Sommer

An Bündeln vergilbten Korns vorbei. Unter getünchten Bogen,

Wo die Schwalbe aus und ein flog, tranken wir feurigen Wein.

 

Schön: o Schwermut und purpurnes Lachen.

Abend und die dunklen Düfte des Grüns

Kühlen mit Schauern die glühende Stirne uns.

 

Silberne Wasser rinnen über die Stufen des Walds,

Die Nacht und sprachlos ein vergessenes Leben.

Freund; die belaubten Stege ins Dorf.

 

 

Frederick Childe Hassam, Summer evening in Paris
Frederick Childe Hassam (1859-1935) war ein amerikanischer Maler des Impressionismus.
 

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Sommerabend

 

Die große Sonne ist versprüht,

der Sommerabend liegt im Fieber,

und seine heiße Wange glüht.

Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber ..."

Und wieder dann: "Ich bin so müd ..."

 

Die Büsche beten Litanein,

Glühwürmchen hangt, das regungslose,

dort wie ein ewiges Licht hinein;

und eine kleine weiße Rose

trägt einen roten Heiligenschein.

 

(jach adj. veraltet, schnell und heftig)

 

Peder Severin Krøyer, Sommeraften ved Skagens strand, 1899
Peder Severin Krøyer (1851-1909), war ein norwegisch-dänischer Maler der Künstlerkolonie Skagen. Seine Werke sind überwiegend der impressionistischen Freilichtmalerei zuzuordnen.

Conrad Ferdinand Meyer 1825-1898

Schwüle

 

Trüb verglomm der schwüle Sommertag,

Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag -

Sterne, Sterne - Abend ist es ja -

Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

 

Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang!

Schilf, was flüsterst du so frech und bang?

Fern der Himmel und die Tiefe nah -

Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

 

Eine liebe, liebe Stimme ruft

Mich beständig aus der Wassergruft -

Weg, Gespenst, das oft ich winken sah!

Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?

 

Endlich, endlich durch das Dunkel bricht.

Es war Zeit! - ein schwaches Flimmerlicht.

Denn ich wußte nicht, wie mir geschah.

Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah.

 

Alfred de Breanski Jr., Summer Evening, Canterbury
Alfred de Breanski Jr. (1877-1957) war britischer Maler.

Josef Weinheber 1892-1945

Sommer

 

Geliebte, gib mir deine Hand.

Der Weg liegt weit.

Schwarz steigt und schwer des Waldes Wand.

 

Die Büsche, die im Abend stehn,

sind bang bereit.

Das sanfte Land erwartet wen.

 

Die Sterne hangen hoch und fern

auf Nacht gereiht.

Der leuchtendste ist unser Stern.

 

Die dunkle Wiese schauert fromm.

Es ist die Zeit.

Es rauscht das Blut. Geliebte, komm!

 

Aksel Waldemar Johannessen, Sommernacht, ca. 1920
Aksel Waldemar Johannessen (1880-1922) war ein norwegischer Grafiker, Bildhauer und Maler des Expressionismus.

Georg Trakl 1887-1914

Sommer

 

Am Abend schweigt die Klage

Des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

Der rote Mohn.

 

Schwarzes Gewitter droht

Über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

Erstirbt im Feld.

 

Nimmer regt sich das Laub

Der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

Rauscht dein Kleid.

 

Stille leuchtet die Kerze

Im dunklen Zimmer;

Eine silberne Hand

Löschte sie aus;

 

Windstille, sternlose Nacht.

 

Remigius van Haanen, Summer Evening on the Canal
Remigius Adrianus van Haanen (1812-1894) war ein niederländischer Landschaftsmaler und Radierer.

Hedwig Lachmann 1865-1918

Schwermut

 

Mir ist, wie wenn in einer Sommernacht

Die Menschen schweigsam in den Lauben sitzen.

Die Luft ist schwer. Ein Wolkenhimmel dacht

Sich über ihnen. Und die Fernen blitzen.

 

Sie fragen in die Höh: Kommt wohl ein Sturm?

Und legen spät sich und bekümmert schlafen.

Und lauschen oft gepresst, ob nicht vom Turm

Ihr Ohr im Halbschlaf Glockenklänge trafen.

 

Albert Bierstadt, Evening on the Prairie, 1870, Madrid, Musée Thyssen Bornemisza
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Traumsommernacht

 

Sommernacht, Traumsommernacht ...

Die Brunnen rauschen leise,

Die Trauerweide wiegt sich sacht;

Nun steigt der Mond in voller Pracht

Empor zur Wolkenreise.

 

Traum und Frieden ...

Was hienieden

Unruhvoll das Herz verstört,

Senkt sich in des Traumes Tiefen.

Und der Ruhe Geigentöne,

Die in Tages Lärme schwiegen,

 

In der heißen Helle schliefen,

Seelentiefe, seelenschöne,

Kommen nun heraufgestiegen,

Werden nun gehört.

 

Sommernacht, Traumsommernacht ...

Ein Rauschen lieb und leise,

Die Seele wiegt sich süß und sacht

Nach ihrer Geigenweise:

 

Traum und Frieden ...

Hingeschieden

Alles was uns traurig macht.

Sterne glimmen,

Wolken schwimmen,

Und das Märchen ist erwacht.

 

Janus la Cour, Quiet Summer Evening by the River Mouth
Janus Andreas Bartholin la Cour (1837-1909) war ein dänischer Landschaftsmaler in der Tradition des Goldenen Zeitalters der dänischen Malerei.

Max Dauthendey 1867-1918

Und einmal steht das Herz am Wege still

 

Häuser und Mauern, welche die Menschen überdauern,

Bäume und Hecken, die sich über viele Menschalter strecken,

Dunkel und Sternenheer, in unendlich geduldiger Wiederkehr,

Kamen mir auf den Hügelwegen in der Sommernacht entgegen.

Nach der Farbe von meinen Haaren, bin ich noch der wie vor Jahren,

Nach meiner Sprache Klang und an meinem Gang

Kennen mich die Gelände und im Hohlweg die Felsenwände.

Viele Wünsche sind vergangen, die wie Sterne unerreichbar hangen,

Und einmal steht das Herz am Wege still,

Weil es endlich nichts mehr wünschen will.

 

 

 

Alphonse Osbert,

Soir antique, 1908, Paris, Petit Palais
Alphonse Osbert (1857-1939) war ein französischer Maler des Symbolismus.
 

Detlev von Liliencron 1844-1909

Sommernacht

 

An ferne Berge schlug wie Donnerkeulen

ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter.

Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen,

und singend kehrten Winzervolk und Schnitter.

Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen

genügsam himmelan, ein luftig Gitter.

Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,

einsam aus einer Laube klingt die Zither.

 

James Tissot, La Rêveuse dit aussi Soirée d'été, um 1876, Paris, Orsay
James Tissot (1836-1902) war ein französischer Maler und Grafiker. Der vor allem für seine Porträts im viktorianischen England der 1870er Jahre bekannte Künstler widmete sich in seinem Spätwerk überwiegend religiösen Themen.

Christian Morgenstern 1871-1914

Hochsommernacht

 

Es ist schon etwas, so zu liegen,

im Aug der Allnacht bunten Plan,

so durch den Weltraum hinzufliegen

auf seiner Erde dunklem Kahn!

 

Die Grillen eifern mit den Quellen,

die murmelnd durch die Matten ziehn;

und droben wandern die Gesellen

in unerhörten Harmonien.

 

Und neben sich ein Kind zu spüren,

das sich an deine Schulter drängt,

und ihr im Kuß das Haar zu rühren,

das über hundert Sterne hängt ...

 

Es ist schon etwas, so zu reisen

im Angesicht der Ewigkeit,

auf seinem Wandler hinzukreisen,

so unaussprechlich eins zu zweit

 

Peder Mørk Mønsted , A Summer evening at Saeby
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschaftsmaler.

Theodor Storm 1817-1888

Die Nachtigall

 

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süßen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

Die Rosen aufgesprungen.

 

Sie war doch sonst ein wildes Kind;

Nun geht sie tief in Sinnen,

Trägt in der Hand den Sommerhut

Und duldet still der Sonne Glut

Und weiß nicht, was beginnen.

 

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süßen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

Die Rosen aufgesprungen.

 

Henri Le Sidaner, De tafel met lampions
Henri Le Sidaner (1862-1939) war ein französischer Maler.
 

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Deutsche Sommernacht

 

Wenn die Pfirsichpopos

Sich im Sekt überschlagen.

Und der Teufel legt los,

Uns mit Mücken zu plagen.

Und wir füllen einmal reichlich bloß

Einem Armen Tasche und Magen.

 

Doch es blähn sich Männerbäuche.

Tabakblau hängt sich an Sträuche.

Wenn wir dann die Jacken ausziehn,

Und ein Bratenduft poussiert Jasmin –

 

In das dunkle Umunsschweigen

Senden zwei entfernte Geigen

Schwesterliche Melodie.

Uns durchglüht ein Urgedanke.

Und es wechseln runde, schlanke

Frauenbeine Knie um Knie.

 

Und auf einmal lacht die Runde,

Weil ein Herr aus einem Hunde

Hinten einen Faden nimmt.

 

Wenn dann wirklich alles, alles lacht,

Dann ist jene seltne deutsche Nacht,

Da mal alles stimmt.

 

Winslow Homer, Moonlight
Winslow Homer (1836-1910) war ein US-amerikanischer Zeichner und Maler.

Anna Ritter 1865-1921

Sternschnuppe

 

Manchmal, in schwülen Sommernächten,

Wenn um die Rosen buhlt der Wind,

Löst schwindelnd sich vom Himmel droben

In jähem Fall ein irrend Kind.

 

Dann stehen wohl die Menschen drunten

Und starren still und bang empor,

Bis sich des Sternleins leuchtend Sinken

in der Unendlichkeit verlor,

 

Und greifen mit der Hand zum Herzen

Und sinnen einer Sehnsucht nach,

Die zuckend, leuchtend und verglühend,

In dunkle Tiefen niederbrach.

 

Willard Leroy Metcalf, Summer night no 2, 1914
Willard Leroy Metcalf (1858-1925) war ein amerikanischer Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Sommernacht im Hochwald

 

Im Hochwald sonngesegnet

hat's lange nicht geregnet.

 

Doch schaffen sich die Bäume

dort ihre Regenträume.

 

Die Espen und die Erlen -

sie prickeln und sie perlen.

 

Das ist ein Sprühn und Klopfen

als wie von tausend Tropfen.

 

Die Lärchen und die Birken -

sie fühlen flugs es wirken.

 

Die Fichten und die Föhren -

sie lassen sich betören!

 

Der Wind weht kühl und leise.

Die Sterne stehn im Kreise.

 

Die Espen und die Erlen:

sie schaudern tausend Perlen...

 

Isaak Iljitsch Levitan, Summer evening river, ca. 1894
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Anna Ritter 1865-1921

Des alten Mannes Sommertraum

 

Es huscht die Nacht vorbei auf leisen Sohlen,

Schwül weht ihr Athemzug zu ihm herauf,

Im Garten schließt der zitternden Violen

Lichtscheue Schaar die blassen Kelche auf.

 

Und in die Winde, die sein Haupt umkosen

Wie eine linde, weiche Frauenhand,

Mischt sich ein Duft von Heliotrop und Rosen,

Der süße Duft, den er so wohl gekannt.

 

Sie trug ihn einst, die er im Arm gehalten,

Die hingeschmiegt an seiner Brust geruht,

Er stieg empor aus des Gewandes Falten,

Aus ihres Hauptes gold'ner Lockenfluth.

 

Er war ihr eigen, wie der Nacht die Träume,

Und als sie längst sich seinem Arm entwand,

Zog noch der schwere Duft durch seine Räume

Ein Frühlingsgruß, da lang der Frühling schwand.

 

So lang ist's her! Die Jahre sind entschwunden

Er ward ein müder, freudeloser Mann,

Dem Keiner mehr den Rausch verblühter Stunden

Von der durchfurchten Stirne lesen kann.

 

Doch wenn die schwülen Sommerwinde wehen,

In's Fenster zieht des Heliotrops Duft,

Dann will ihr Bildniß ihm wie einst erstehen,

Dann steigt die Jugend aus der stillen Gruft.

 

Christian Eduard Boettcher, Sommernacht am Rhein
Christian Eduard Boettcher (auch: Christian Eduard Böttcher, 1818-1869) war ein deutscher Maler.

Else Galen-Gube 1869-1922

 

Wenn der Goldregen blüht, wenn die Nächte so heiß,

daß ich rastlos mich nicht zu fassen weiß

in der atemberaubenden Schwüle –

sag, weißt du, was ich dann fühle? –

 

Wenn die Wogen von süßem, berauschenden Duft

mein Zimmer erfüllen, und heiße Luft

mich umflutet, willst du es wissen?

Dann wein ich in meine Kissen.

 

Wenn der Vollmond hell leuchtend am Himmel steht,

der Pendelschlag langsam, so langsam geht,

ohne kärglichstes Glück mir zu bringen,

dann gilts ein verzweifeltes Ringen.

 

Ein Ringen der sehnenden Jugendkraft,

ein Ringen begehrender Leidenschaft,

ein Ringen der Glieder, der jungen,

mit toten Erinnerungen.

 

Edvard Munch, Summer night, Inger on the beach, 1889
Edvard Munch (1863-1944) war ein norwegischer Maler und Grafiker des Symbolismus.

Angelika von Hörmann 1843-1921

 

Wie hast du selig mich gemacht

Du milde, dunkle Sommernacht!

Es war so still in weiter Rund',

Da lag verstummt auch Mund an Mund –

Mein Liebster hat mich geküßt!

 

Ich träum' es Nachts in süßer Ruh',

Im Traum ist's, was am Tag ich thu',

Weiß nicht, ob Sturm ob Sonnenschein,

Muß lächeln nur in mich hinein:

Mein Liebster hat mich geküßt!

 

O dürft' ich künden, was mich drängt,

Was pochend fast die Brust mir sprengt,

Auf daß die Welt, die nichts vergönnt,

Den ganzen Himmel fassen könnt':

Mein Liebster hat mich geküßt!

 

Harold Harvey, A Summer Evening - Evelyn
Harold Harvey (1874–1941) war ein britischer Künstler.
 

Joseph von Eichendorff 1788-1857

Sehnsucht

 

Es schienen so golden die Sterne,

Am Fenster ich einsam stand

Und hörte aus weiter Ferne

Ein Posthorn im stillen Land.

Das Herz mir im Leib entbrennte,

Da hab ich mir heimlich gedacht:

Ach, wer da mitreisen könnte

In der prächtigen Sommernacht!

 

Zwei junge Gesellen gingen

Vorüber am Bergeshang,

Ich hörte im Wandern sie singen

Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Felsenschlüften,

Wo die Wälder rauschen so sacht,

Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.

 

Sie sangen von Marmorbildern,

Von Gärten, die überm Gestein

In dämmernden Lauben verwildern,

Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,

Wann der Lauten Klang erwacht

Und die Brunnen verschlafen rauschen

In der prächtigen Sommernacht. -

 

Adolf Kaufmann, A Summer Evening
Adolf Kaufmann (1848-1916) war ein österreichischer Landschafts- und Marinemaler.

Martin Greif 1839-1911

Hochsommernacht

 

Stille ruht die weite Welt,

Schlummer füllt des Mondes Horn,

Das der Herr in Händen hält.

 

Nur am Berge rauscht der Born

Zu der Ernte Hut bestellt

Wallen Engel durch das Korn.

 

George Clausen, Summer Night
George Clausen (1852-1944) war ein britischer Künstler, der mit Öl und Aquarell, Radierung, Mezzotinta, Trockenpunkt und gelegentlich Lithografien arbeitete.

Emanuel Geibel 1815-1884

Sommernacht

 

Willst du wieder bei mir sein,

Muse, die mich längst gemieden?

Ach, in diesem Sternenschein

Welche Fülle, welch ein Frieden!

Horch! Gedämpfter Klang erwacht

In den unberührten Saiten;

Nimm mich hin denn, süße Macht!

Schon von ferne durch die Nacht

Hör' ich Götter schreiten.

 

Edward Henry Potthast, A summer's night
Edward Henry Potthast (1857-1927) war ein US-amerikanischer impressionistischer Maler.
 

Ludwig Thoma 1867-1921

Sommernacht

 

Laue, stille Sommernacht,

Rings ein feierliches Schweigen,

Und am mondbeglänzten See

Tanzen Elfen ihren Reigen.

 

Unnennbares Sehnen schwillt

Mir das Herz. In jungen Jahren

Hab ich nie der Liebe Lust,

Nie der Liebe Glück erfahren.

 

Schmeichelnd spielt die linde Luft

Um die Stirne, um die Wangen.

Und es faßt mit Allgewalt

Mich ein selig-süßes Bangen.

 

Blaue Augen, blondes Haar

Soll ich bald mein eigen nennen?

Und der Ehe Hochgefühl

Soll ich aus Erfahrung kennen.

 

In der lauen Sommernacht

Wird sie dann im Bette sitzen,

"Männchen", fragt sie, "sag mir doch,

Mußt du auch so gräßlich schwitzen?"

 

Helmi Biese, Summer Evening, Sunset
Helmi Katharina Biese (1867-1933) war eine finnische Malerin.

Joseph Victor von Scheffel 1826-1886

 

Die Sommernacht hat mir's angetan,

Das ist ein schweigsames Reiten,

Leuchtkäfer durchschwirren den dunkeln Grund

Wie Träume, die einst zu guter Stund'

Das sehnende Herz mir erfreuten.

 

Harald Sohlberg, Flower Meadow in the North, 1905, Oslo, National Gallery
Harald Oskar Sohlberg (1869-1935) war ein norwegischer Maler und Grafiker.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

 

Laue Sommernacht; am Himmel

Stand kein Stern; im weite Walde

Suchten wir uns tief im Dunkel,

Und wir fanden uns.

 

Fanden uns im weiten Walde

In der Nacht, der sternenlosen,

Hielten staunend uns im Arme

In der dunklen Nacht.

 

War nicht unser ganzes Leben

So ein Tappen, so ein Suchen?

Da: In seine Finsternisse,

Liebe, fiel Dein Licht.

 

Frits Thaulow, Une nuit d'été - Clair de lune dans le Pas-de-Calais
Frits Thaulow, eigentlich Johan Frederik Thaulow (1847-1906), war ein norwegischer Maler des 19. Jahrhunderts.

Ludwig Jacobowski 1868-1900

Nach Hause

 

Das macht die Sommernacht so schwer:

Die Sehnsucht kommt und setzt sich her

und streichelt mir die Wange.

Man hat so wunderlichen Sinn;

man will wohin, weiß nicht wohin,

und steht und guckt sich bange.

Wonach?

Die Fackel in der Hand,

so weist die Sehnsucht weit ins Land,

wo tausend Wege münden.

Ach! einen möchte ich schon geh'n,

»Nach Hause!« müßte drüber steh'n. –

O Herz, nun geh' ihn finden!

 

Frederick Childe Hassam, Summer evening, 1886
Frederick Childe Hassam (1859-1935) war ein amerikanischer Maler des Impressionismus.

Gottfried Keller 1819-1890

Sommernacht

 

Es wallt das Korn weit in die Runde

Und wie ein Meer dehnt es sich aus;

Doch liegt auf seinem stillen Grunde

Nicht Seegewürm noch andrer Graus;

Da träumen Blumen nur von Kränzen

Und trinken der Gestirne Schein,

O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen

Saugt meine Seele gierig ein!

 

In meiner Heimat grünen Talen,

Da herrscht ein alter schöner Brauch:

Wann hell die Sommersterne strahlen,

Der Glühwurm schimmert durch den Strauch,

Dann geht ein Flüstern und ein Winken,

Das sich dem Ährenfelde naht,

Da geht ein nächtlich Silberblinken

Von Sicheln durch die goldne Saat.

 

Das sind die Bursche jung und wacker,

Die sammeln sich im Feld zuhauf

Und suchen den gereiften Acker

Der Witwe oder Waise auf,

Die keines Vaters, keiner Brüder

Und keines Knechtes Hilfe weiß -

Ihr schneiden sie den Segen nieder,

Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.

 

Schon sind die Garben festgebunden

Und rasch in einen Ring gebracht;

Wie lieblich flohn die kurzen Stunden,

Es war ein Spiel in kühler Nacht!

Nun wird geschwärmt und hell gesungen

Im Garbenkreis, bis Morgenluft

Die nimmermüden braunen Jungen

Zur eignen schweren Arbeit ruft.

 

Nils Edvard Kreuger, Summer Evening at Kalmarsund
Nils Edvard Kreuger (1858-1930) war ein schwedischer Maler, Zeichner, Illustrator und Werbegrafiker.

Detlev von Liliencron 1844-1909

Zwei Meilen Trab

 

Es sät der Huf, der Sattel knarrt,

der Bügel jankt, es wippt mein Bart

im immer gleichem Trabe.

 

Auf stillen Wegen wiegt mich längst

mein alter Mecklenburger Hengst

im Trab, im Trab, im Trabe.

 

Der sammetweichen Sommernacht

Violenduft und Blütenpracht

begleiten mich im Trabe.

 

Ein grünes Blatt, ich nahm es mit,

das meiner Stirn vorüberglitt

im Trabe, Trabe, Trabe.

 

Hut ab, ich nestle wohlgemut,

Hut auf, schon sitzt das Zweiglein gut,

ich blieb im gleichen Trabe.

 

Bisweilen hätschelt meine Hand

und liebkost Hals und Mähnenwand

dem guten Tier im Trabe.

 

Ich pfeif aus Flick und Flock ihm vor,

er prustet, er bewegt das Ohr,

und sing ihm eins im Trabe.

 

Ein Nixchen, das im nahen Bach

sich badet, plantscht und spritzt mir nach

im Trabe, Trabe, Trabe.

 

Und wohlig weg im gleichen Maß,

daß ich die ganze Welt vergaß

im Trabe, im Trab, im Trabe.

 

Und immer fort, der Fackel zu,

dem Torfahrtlicht der ewigen Ruh,

im Trabe, Trabe, Trabe.

 

Adelsteen Normann, Sommernacht im Fjord
Eilert Adelsteen Normann (1848-1918) war ein norwegischer Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule.

Gottfried Keller 1819-1890

Stille der Nacht

 

Willkommen, klare Sommernacht,

die auf betauten Fluren liegt!

Gegrüßt mir, goldne Sternenpracht,

die spielend sich im Weltraum wiegt!

 

Das Urgebirge um mich her

ist schweigend, wie mein Nachtgebet;

weit hinter ihm hör' ich das Meer

im Geist und wie die Brandung geht.

 

Ich höre einen Flötenton,

den mir die Luft von Westen bringt,

indes herauf im Osten schon

des Tages leise Ahnung dringt.

 

Ich sinne, wo in weiter Welt

jetzt sterben mag ein Menschenkind —

und ob vielleicht den Einzug hält

das viel ersehnte Heldenkind.

 

Doch wie im dunklen Erdental

ein unergründlich Schweigen ruht

ich fühle mich so leicht zumal

und wie die Welt so still und gut.

 

Der letzte leise Schmerz und Spott

verschwindet aus des Herzens Grund;

es ist, als tät' der alte Gott

mir endlich seinen Namen kund.

 

Olof Thunman, Surf
Jacob Olof Magnus Thunman (1879-1944) war ein schwedischer Maler, Karikaturist und Dichter.

E. Marlitt* 1825-1887

Sommernacht

 

Der lichte Tag ist heimgezogen

Ins graue Meer vergang'ner Zeit.

Wie vieler Glück, wie manches Leid

Versinkt mit ihm in jene Wogen.

 

Nun ist die Nacht herabgesunken,

Ums stolze Haupt den Strahlenkranz,

Den Schleier webt der Mondesglanz,

Aus ihrem Mantel sprühen Funken.

 

Wie geisterhaft das Mondlicht zittert

Und mit den nächt'gen Schatten ringt.

Ein gold'nes Märchen, leichtbeschwingt

Schlüpft's durch die Zweige, zartgegittert.

 

O Sommernacht unnennbar schöne!

Du scheuchst mit rätselhafter Macht

Aus dem Gemüt die trübe Nacht

Berührst dort niegeahnte Töne!

 

Man lernt das Herz nie selbst verstehen,

Wenn Tagsgeräusch es wild erregt –

Von nächt'gem Schweigen mild bewegt

Läßt es uns seine Tiefe sehen.

 

*Pseudonym für Friederieke Henriette Christiane Eugenie John

 

 

Claude Monet, Zaandam à soir d'été, 1871
Claude Monet (1840-1926) war ein bedeutender französischer Maler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Städtische Sommernacht

 

Unten macht sich aller Abend grauer,

Und das ist schon Nacht, was da als lauer

Lappen sich um die Laternen hängt.

Aber höher, plötzlich ungenauer,

 

Wird die leere leichte Feuermauer

Eines Hinterhauses in die Schauer

Einer Nacht hinaufgedrängt,

Welche Vollmond hat und nichts als Mond.

 

Und dann gleitet oben eine Weite

Weiter, welche heil ist und geschont,

Und die Fenster an der ganzen Seite

Werden weiß und unbewohnt.

 

Ernst Oppler, Abend an der Ostsee
Ernst Oppler (1867-1929) war ein Maler und Grafiker des deutschen Impressionismus.Sein Schaffen ist kennzeichnend für den Übergang von der Kunst des 19.Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik.

Emanuel Geibel 1815-1884

Eine Sommernacht

 

Wie glänzte tief azuren

Der See und rauschte sacht,

Als wir von Lindau fuhren

In klar gestirnter Nacht.

 

Sanft weht' es von den Hügeln

Und leise wie ein Schwan

Mit ausgespannten Flügeln

Zog unser Schiff die Bahn.

 

Sie saß in warmer Hülle,

Das Kind an ihrer Brust,

Versunken in die Fülle

Der Lieb' und Mutterlust.

 

Und wie ins Sterngefunkel

Entzückt ich schaut' empor,

Kam leise durch das Dunkel

Ihr Flüstern an mein Ohr:

 

„O Mann, seit uns beschieden

Dies süße Glück zu Drei‘n,

Wie fühl' ich schon hienieden

Den ganzen Himmel mein!“

 

Sie sprach's, und plötzlich linde

Umfloß ein Glorienlicht

Ihr selig zu dem Kinde

Geneigtes Angesicht.

 

Der Mond war aufgegangen

Am Saum des Firmaments,

Und über‘s Wasser klangen

Die Glocken von Bregenz.

  

Erik Henningsen, Summer Evening with Music
Erik Ludvig Henningsen (1855-1930) war ein dänischer Maler und Illustrator.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

An die Nacht

 

Düfteschwüle, feuchteschwere,

Rauschende, raunende, sterneleere,

Schwarze, samtene Sommernacht!

Mein Herz lauscht an deines bange,

Nimm von mir, was mich so lange

Müde hat gemacht.

 

Sieh, ich flüchte mich in deine

Arme, siehe Nacht, ich weine,

Und ich kenne mich nicht mehr.

Stille Mutter, heilige, große,

Sieh mein Haupt in deinem Schooße,

Banger Wehen schwer.

 

Nimm mich ein in deine Güte,

Hürde mich ein dein Gehüte,

Das der Müden Hafen ist:

Küsse mild mich ins Vergehen,

Die du aller Lebenswehen

Linde Löserin bist.

 

Thorarinn Thorlaksson, Summer Evening in Reykjavík
Thorarinn B. Thorlaksson (1867-1924) war ein isländischer Maler.

 

 

 

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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Franz Dewes

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