BuchKult
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Johann Fercher von Steinwand 1828-1902

Herein!

 

Tritt ins Haus und sei mein Gast,

Draußen ist es schwüle,

Gönne deinem Herzen Rast,

Deinem Scheitel Kühle.

Magst du sein von fremdem Blut

Oder armer Gilde -

Blumen trägst du auf dem Hut,

Und im Auge Milde.

 

 

William Adolphe Bouguereau, Durst, 1886
William Adolphe Bouguereau (1825-1905) war ein französischer Maler.

Wilhelm Busch 1832-1908

 

Fortuna lächelt, doch sie mag

nur ungern voll beglücken:

Schenkt sie uns einen Sommertag,

so schenkt sie uns auch Mücken.

 

Carl Wilhelmson, Summer, 1911
Carl Wilhelm Wilhelmson (1866-1928) war ein schwedischer Maler.

Ernst Blass 1890-1939

Sonntagnachmittag

 

Die Töchter liegen weiß auf dem Balkon.

In Oberhemden spielen Väter Kachten:

Ein Roundser steigt nach einem Full von Achten.

– Und singen tut sich eins der Grammophon.

 

In Straßen, die sich weiß wie Küsse dehnen,

Sind Menschen viel, die sich nach Liebe sehnen.

Noch andre sitzen in Cafés und warten

Die Resultate ab aus Hoppegarten.

 

Der Dichter sitzt im luftigsten Café,

Um sich an Eisschoklade zu erlaben.

Von einem Busen ist er sehr entzückt.

 

Der Oberkellner denkt hinaus (entrückt)

An Mädchen, Boote, Schilf, ... an Schlachtensee.

Der Dichter träumt »... und werde nie sie haben ...«

 

Sergei Korowin, On Terrace
Sergei Alexejewitsch Korowin (1858-1908) war ein russischer Maler und Illustrator. Sein Bruder war der Maler Konstantin Korowin.

Friedrich Hölderlin 1770-1843

 

Wenn dann vorbei des Frühlings Blüte schwindet,

So ist der Sommer da, der um das Jahr sich windet.

Und wie der Bach das Tal hinuntergleitet,

So ist der Berge Pracht darum verbreitet.

Daß sich das Feld mit Pracht am meisten zeiget,

Ist, wie der Tag, der sich zum Abend neiget;

Wie so das Jahr verweilt, so sind des Sommers Stunden

Und Bilder der Natur dem Menschen oft verschwunden.

 

Gustave Courbet, The Young Ladies of the Village
Jean Désiré Gustave Courbet (1819-1877) war ein französischer Maler des Realismus.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

 

Blumen sehet ruhig sprießen,

Reizend euer Haupt umzieren;

Früchte wollen nicht verführen,

Kostend mag man sie genießen.

 

Bieten bräunliche Gesichter

Kirschen, Pfirschen, Königspflaumen,

Kauft! denn gegen Zung' und Gaumen

Hält sich Auge schlecht als Richter.

 

Kommt, von allerreifsten Früchten

Mit Geschmack und Lust zu speisen!

über Rosen läßt sich dichten,

In die Äpfel muß man beißen.

 

Sei's erlaubt, uns anzupaaren

Eurem reichen Jugendflor,

Und wir putzen reifer Waren

Fülle nachbarlich empor.

 

Unter lustigen Gewinden,

In geschmückter Lauben Bucht,

Alles ist zugleich zu finden:

Knospe, Blätter, Blume, Frucht.

 

aus: Faust. Der Tragödie zweiter Teil

 

Robert Lewis Reid, Red Peonies
Robert Lewis Reid (1862-1929) war ein US-amerikanischer Figuren- und Wandmaler, der sich ab 1905 als Porträtmaler vornehmlich Motiven mit weichen impressionistischen Pastellen zuwandte.

Richard von Volkmann 1830-1889

Hochsommer

 

In schwüler Mittagsstunde

Lieg' ich am Bach ins Gras gestreckt;

Kein Laut in weiter Runde,

Der mich aus dämmerndem Traume weckt.

 

Leicht in den Lüften weben

Sommerfäden den silbernen Zwirn,

Halme und Gräser schweben

Über der Brust mir und über der Stirn.

 

Und Bienen und Schmetterlinge

Blaue Libellen umsummen mich leis:

Viel süßere, heimliche Dinge

Trag' ich im Herzen, die keiner weiß.

 

Buntschimmernde Liebesgedanken,

Lange verborgen in tiefer Gruft,

Sie heben die Flügel, die schwanken,

Und schwirren hinaus in den Sommerduft.

 

Ich seh' sie flattern und gaukeln

Um wehende Gräser im Sonnenstrahl,

Wie Elfen auf Blumen sich schaukeln,

Ein lustiges Völkchen allzumal.

 

Freut euch, ihr goldnen Dinger,

Die Lust wird rasch zu Ende sein,

Des Herzens dunkler Zwinger

Schließt bald euch alle wieder ein.

 

Nikolai Kusnezow, Resting on a Public Holiday, 1879, Tretyakov Gallery
Nikolai Dmitrijewitsch Kusnezow (1850-1929) war ein russischer Maler und Kunstprofessor an der Russischen Kunstakademie.
 

Ferdinand Sauter 1804-1854

Sei nicht dumm

 

Kurzen Sommer blüht die Blume,

Denn das Schöne währt nicht lang,

Schwach Gedächtnis bleibt vom Ruhme,

Jubel schwindet und Gesang.

 

Blumen welken, Mädchen altern,

Folgsam ewigem Gesetz,

Jugend bannt man nicht mit Psaltern,

Und die Dauer bleibt Geschwätz.

 

Deshalb wollen wir zur Neige

Schlürfen jeden Augenblick;

Blau der Himmel, grün die Zweige,

Sei nicht dumm und preis das Glück!

 

Frederick Carl Frieseke, The Garden Pool, ca. 1913
Frederick Carl Frieseke (1874-1939) war ein amerikanischer Maler.Der Künstler lebte überwiegend in Frankreich, wo er einige Jahre in der amerikanischen Künstlerkolonie in Giverny arbeitete.

Heinrich Seidel 1842-1906

Im Sommer

 

O komm mit mir aus dem Gewühl der Menge,

Aus Rauch und Qualm und tobendem Gedränge,

Zum stillen Wald,

Dort wo die Wipfel sanfte Grüße tauschen,

Und aus der Zweige sanft bewegtem Rauschen

Ein Liedchen schallt.

 

Dort zu dem Quell, der durch die Felsen gleitet

Und dann zum Teich die klaren Wasser breitet,

Führ ich dich hin.

In seinem Spiegel schau die stolzen Bäume

Und weiße Wolken, die wie sanfte Träume

Vorüberziehn.

 

Dort laß uns lauschen auf der Quelle Tropfen

Und auf der Spechte weit entferntes Klopfen,

Mit uns allein.

Dort wollen wir die laute Welt vergessen,

An unsrem Herzschlag nur die Stunden messen

Und glücklich sein!

 

 

Carl Spitzweg, Der Schmetterlings-fänger
Franz Carl Spitzweg (veraltet auch: Karl Spitzweg; 1808-1885) war ein deutscher Maler und Zeichner der Spätromantik und des Biedermeiers.
 

Fred Endrikat 1890-1942

Morgenandacht

 

Es windet mir ein frischer Ost

ein bläulich Band um meine Nase.

Ein Brief kam mit der Morgenpost

und weht mir Blumen in die Vase.

 

Das wird fürwahr ein schöner Tag.

Mein Herz erfüllt ein frohes Ahnen

mit Wachtelfang und Finkenschlag.

Am Himmel flattern goldne Fahnen.

 

Die Lerche schwingt sich zum Zenit.

Der See glänzt morgendlich gerötet.

Vor einem Gänseblümchen kniet

im Gras ein Elefant – und betet.

 

Marie Bracquemond, Auf der Terrasse in Sèvres
Marie Bracquemond (1840-1916) war eine französische Malerin und gehörte zum Kreis der Impressionisten.

Ferdinand von Saar 1833-1906

Stadtsommer

 

Funkelnd über den Dächern

Liegt der heiße Strahl;

Ach, kein Lüften, kein Fächern

Lindert die sengende Qual.

 

Stumm in der Häuser Schatten

Gehen die Menschen hin;

Von Wäldern und grünen Matten

Träumt ihr lechzender Sinn.

 

Leiser rollen die Wagen,

Plätschert der Brunnen Fluth;

In solchen schlummernden Tagen

Selbst die Liebe ruht.

 

Einsam im weiten Raume

Schlummerst auch du, mein Herz,

Und leis' nur wie im Traume

Durchzuckt dich der Sehnsucht Schmerz.

 

Max Liebermann, Gartencafé am Elbufer
Max Liebermann (1847-1935) war ein deutsch-jüdischer Maler und Grafiker. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Impressionismus.

Martin Greif 1839-1911

Sommerhymnus

 

Strahlender Sommertag,

Der du aus reinen Höh'n

Froh dich herabschwangst,

Günstiger Herrscher,

Sei uns gegrüßt!

 

Licht- und farbenreich,

Rosenbekränzt die heitere Stirne,

Nahst du auf blauer Bahn

Und zerteilst behende

Fließender Dämmerwolken

Leicht gewebten Vorhang.

 

Morgendlicher Eile voll,

Nach dem Erntefeld begierig,

Strebst du der Sonne zu,

Die am Rand der ruhenden Erde

Früh emporgetaucht

Dein schon harrt

Und im Mutterstolz

Auf den kommenden Liebling

Heftet ihr stetes Flammenauge.

 

Aber noch decket Kühle die Flur

Und die tausend Wesen,

Die sie heimlich nähret,

Trinken an milchreicher Brust

Nährenden Tau der Frühe.

 

Doch es hält kein Schatten Stand,

Allgemach erlöschen rings

Auf des Grases Spitzen

Letzte funkelnde Tropfen.

Dampfender Schwüle Nebel

Überbreitet dunstig

Alles Gefilde,

Und die gereinigten Höhen

Füllt unendlicher

Trunkener Lichtglanz.

 

Wen nicht ein Kummer bedrückt

Oder ein heimlicher Vorwurf,

Der genießt dich entzückungsvoll,

Strahlender Sommertag,

Und erfreut sich deiner

Frohen glorreichen Helle.

 

In der benetzten Blume Schoß

Taumelnd festgesogen

Säumt die goldne Honigbiene

Und vergißt den Heimflug.

Ihres regen Atems froh

Trillert im hohen Äther

Einsam die junge Lerche.

Hinter seinen Garben her

Schreitet munter singend

Unverdrossen der braune Schnitter.

 

Auch mich erfüllet mit Trunkenheit

Dein gewaltig Licht,

Strahlender Sommertag,

Und ich verspüre eines schaffenden Hauches

Mutig Wehen im Busen.

 

Eva Gonzalès, Dans les Blés
Eva Gonzalès (1849-1883) war eine französische Impressionistin.

Ferdinand von Saar 1833-1906

Sommerlied

 

All' deine funkelnden Wonnen verstreue,

Herrlicher, sonniger, goldener Tag;

Dehne dich endlos, du strahlende Bläue,

Blühet und leuchtet, ihr Rosen am Hag!

 

Fluthet, ihr Lüfte, ihr zitternden, heißen,

Führet die süßesten Düfte mir zu –

Steiget, o steiget, ihr schimmernden weißen

Wolken der Ferne in heiliger Ruh'!

 

Ihr aber, Wipfel, mit leisestem Flüstern

Weckt mir Erinnerung seliger Lust,

Da ich einst saß unter schattenden Rüstern,

Still ein geliebtes Haupt an der Brust!

 

Winslow Homer, Two Girls with Sunbonnets in a Field
Winslow Homer (1836-1910) war ein US-amerikanischer Zeichner und Maler.

Ludwig Uhland 1787-1847

Der Mohn

 

Wie dort, gewiegt von Westen,

Des Mohnes Blüte glänzt!

Die Blume, die am besten

Des Traumgotts Schläfe kränzt;

Bald purpurhell, als spiele

Der Abendröte Schein,

Bald weiß und bleich, als fiele

Des Mondes Schimmer ein.

 

Zur Warnung hört ich sagen,

Daß, der im Mohne schlief,

Hinunter ward getragen

In Träume schwer und tief;

Dem Wachen selbst geblieben

Sei irren Wahnes Spur,

Die Nahen und die Lieben

Halt' er für Schemen nur.

 

In meiner Tage Morgen,

Da lag auch ich einmal,

Von Blumen ganz verborgen,

In einem schönen Tal.

Sie dufteten so milde!

Da ward, ich fühlt es kaum,

Das Leben mir zum Bilde,

Das Wirkliche zum Traum.

 

Seitdem ist mir beständig,

Als wär es nur so recht,

Mein Bild der Welt lebendig,

Mein Traum nur wahr und echt;

Die Schatten, die ich sehe,

Sie sind wie Sterne klar.

O Mohn der Dichtung! wehe

Ums Haupt mir immerdar!

 

Giuseppe De Nittis, In the Fields around London
Giuseppe Gaetano De Nittis (1846-1884) war ein italienischer Maler des Impressionismus.

Ernst Maria Richard Stadler 1883-1914

Mittag

 

Der Sommermittag lastet auf den weißen

Terrassen und den schlanken Marmortreppen

die Gitter und die goldnen Kuppeln gleißen

leis knirscht der Kies. Vom müden Garten schleppen

 

sich Rosendüfte her wo längs der Hecken

der schlaffe Wind entschlief in roten Matten

und geisternd strahlen zwischen Laubverstecken

die Götterbilder über laue Schatten.

 

Die Efeulauben flimmern. Schwäne wiegen

und spiegeln sich in grundlos grünen Weihern

und große fremde Sonnenfalter fliegen

traumhaft und schillernd zwischen Düfteschleiern.

 

Julius LeBlanc Stewart, The Mountebank
Julius LeBlanc Stewart (1855-1919) war ein US-amerikanischer Maler, der die meiste Zeit seines Lebens in Paris verbrachte.

Lisa Baumfeld 1877-1897

Sommer

 

Nun flammt in gold'nen Fluten

Der trunk'ne Sommer durch die Luft,

Der Erde heisse, liebeswilde Gluten

Entbrennen hell in rothem Rosenduft ...

 

Nun weint in Nächten, lauen, fahlen,

Sehnsücht'ger Mond in bangem Zittergrase,

Nun ist die Zeit der tiefen, grossen Qualen,

Der hohen, schmerzlich wonnigen Ekstase ...

 

Nun ist die Zeit - wann kommst du wieder?

Wo sonst ein Sang mir durch die Seele schauert,

Wo man aus Blumenkelchen Lieder

Und Klänge schöpft, und gerne bebt und trauert ...

 

Ich wollt', dass mich ein Weh durchgraute,

Dass eine Thräne mir im Herzen glüht',

Und dass, wie sonst, draus eine schmerzbethaute

Tiefdunkle, glutverwirrte Rose blüht ...

 

Henri Martin, Dans le jardin
Henri Jean Guillaume Martin (1860-1943) war ein französischer impressionistischer Maler.
 

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Übung am Klavier

 

Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;

sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid

und legte in die triftige Etüde

die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

 

die kommen konnte: morgen, heute abend –,

die vielleicht da war, die man nur verbarg;

und vor den Fenstern, hoch und alles habend,

empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

 

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte

die Hände; wünschte sich ein langes Buch

und schob auf einmal den Jasmingeruch

erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.

 

 

 

Louis Janmot, Les fleurs des champs
Louis Janmot (1814-1892) war ein französischer Maler und Dichter.

Peter van Bohlen 1796-1840

Der Sommer

 

Mit Sonnenglut und Mondesschimmer,

Mit Strömen, aufgeregt vom kühlen Bad;

Am Abend schön und mit gedämpftem Sehnen

Ist, Freundin, die Sommerzeit genaht.

 

Ein wasserkühles, flimmerndes Gewölbe,

Die Nächte glänzend mit des Mondes Schein,

Juwelen sind bereit und feuchter Sandel,

Dem Menschen ihren Liebesdienst zu weihn.

 

Im herrlich duftendem Gemache laben

Sich nun die Liebenden um Mitternacht

Am Weine, kräuselnd von der Gattin Odem,

Wenn Sang und Spiel die Sehnsucht angefacht.

 

Laurits Tuxen, Rhododendron i Dagminnes have, 1917
Laurits Regner Tuxen (1853-1927) war ein dänischer Bildhauer, Porträt-, Historien- und Landschaftsmaler.Er war ein Vertreter der Skagen-Maler.

Klabund 1890-1928

Sommerbetrachtung

 

Hier saß ich oft. An diesem grünen Strauch.

Die Rosen blühen heute röter noch.

Die Fuchsien halten ihre Farbe auch.

Es bellt am Zaun der kahle Köter noch.

 

Die Espe zittert, weil es ihr Beruf.

Den roten Pilz betreut der Regenwurm.

Ein Einhorn scharrt versonnen mit dem Huf.

Die Sonne steht als Frau auf einem Turm.

 

Der Sommer herbstelt. Im geharkten Kies

Geht an der Krücke ein geborstner Greis.

Ein Kind spielt Mutter. Und es lächelt leis,

Als ich ihm eine offne Grube wies.

 

Bei jedem Schritte trifft man auf ein Grab

Von Leuten, die noch längst am Leben sind.

O liebstes Herz, dem meinen Leib ich gab:

Wie wohlig weht durch mein Skelett der Wind!.

 

 

William Wells, Girl in a Meadow
William Page Atkinson Wells (1872-1923) war ein britischer Maler.

Otto Bierbaum 1865-1910

Waldvögel

 

Ein wohlbestelltes Mieder,

Die Backen rot gesund,

Den Schnabel voller Lieder

Und vorn und hinten rund.

 

Zwei Augen glutend blaue

Und eine kleine Hand,

Wohl mir, waldwilde Fraue,

Daß ich dich einsten fand.

 

Es war im tiefen Walde

Und Sommer war die Zeit,

In einem Wipfel balde

Nesthockten wir zu zweit

 

Und niemand hat gesehen

Das sondre Vogelpaar,

Das hoch im Windewehen

Vor Glücke schwindlig war.

 

Giuseppe De Nittis, Breakfast in the Garden, 1883
Giuseppe Gaetano De Nittis (1846-1884) war ein italienischer Maler des Impressionismus.

Heinrich Heine 1797-1856

 

Am leuchtenden Sommermorgen

Geh ich im Garten herum.

Es flüstern und sprechen die Blumen,

Ich aber, ich wandle stumm.

 

Es flüstern und sprechen die Blumen,

Und schaun mitleidig mich an:

»Sei unserer Schwester nicht böse,

Du trauriger, blasser Mann!«

 

George Clausen, Evening Song, 1893
George Clausen (1852-1944) war ein britischer Künstler, der mit Öl und Aquarell, Radierung, Mezzotinta, Trockenpunkt und gelegentlich Lithografien arbeitete.
 

Detlev von Liliencron 1844-1909

Sommer

 

Zwischen Roggenfeld und Hecken

Führt ein schmaler Gang;

Süßes, seliges Verstecken

Einen Sommer lang.

 

Wenn wir uns von ferne sehen,

Zögert sie den Schritt,

Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,

Nimmt ein Blättchen mit.

 

Hat mit Ähren sich das Mieder

Unschuldig geschmückt,

Sich den Hut verlegen nieder

In die Stirn gedrückt.

 

Finster kommt sie langsam näher,

Färbt sich rot wie Mohn;

Doch ich bin ein feiner Späher,

Kenn die Schelmin schon.

 

Noch ein Blick in Weg und Weite,

Ruhig liegt die Welt,

Und es hat an ihre Seite

Mich der Sturm gestellt.

 

Zwischen Roggenfeld und Hecken

Führt ein schmaler Gang;

Süßes, seliges Verstecken

Einen Sommer lang.

 

Lawrence Alma Tadema, Summer Offering, 1911
Lawrence Alma-Tadema (Geburtsname: Lourens Alma Tadema, 1836-1912) war ein niederländischer Maler und Zeichner des akademischen Realismus.

Joseph von Eichendorff 1788-1857

Es war als hätt der Himmel

 

Es war, als hätt der Himmel

die Erde still geküsst,

dass sie im Blütenschimmer

von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,

die Ähren wogten sacht,

es rauschten leis' die Wälder,

so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

weit ihre Flügel aus,

flog durch die stillen Lande,

als flöge sie nach Haus.

 

Léopold Franz Kowalski, Picking flower
Léopold Franz Kowalski (1856-1931) war ein in Frankreich geborener deutscher Maler.

Anna Louisa Karsch 1722-1791

Morgengedanken

 

Schön ist der Morgen, schön die trunkne Flur,

Von Gottes Wolken gestern überströmt

Und heute früh von seiner Sonne Glanz

Mit Blumenschöpferblicken angelacht.

Die Rose drang aus grüner Knospe leicht,

Wie mein Gedank aus diesem Herzen dringt,

Aus dieser neuerweckten Seele steigt

Zu dem, der mich wie Blumen werden ließ,

Verwelken und zu Staube werden läßt,

Wenn eine mir bestimmte Stunde kömmt.

Ich preise dich, wie dich der Vogel preist,

Der unter deinem niedern Himmel schwebt,

Ich danke dir, wie dir die Grille dankt,

Die kummerfrei von Halm zu Halme hüpft

Im manneshoch heraufgewachsnen Korn.

Ich bitte dich mit aller Flehekraft,

Die du den Menschen eingegossen hast:

Erhalte mir ein immerfrohes Herz

Voll Zuversicht auf deine Vaterhuld,

Bewahre mich vor Lebensüberdruß,

Laß mich im Alter noch das Tagelicht

Mit diesem Auge trinken, welches dich

In deinen Werken wie im Spiegel sieht.

Und wie mein Auge schütze meinen Freund!

 

Évariste Carpentier, Le petit étang
Évariste Carpentier (1845-1922) war ein belgischer Maler des Post-Impressionismus.

Wilhelm Busch 1832-1908

Noch zwei?

 

Durch das Feld ging die Familie,

Als mit glückbegabter Hand

Sanft errötend Frau Ottilie

Eine Doppelähre fand.

 

Was die alte Sage kündet,

Hat sich öfter schon bewährt:

Dem, der solche Ähren findet,

Wird ein Doppelglück beschert.

 

Vater Franz blickt scheu zur Seite.

Zwei zu fünf das wäre viel.

Kinder, sprach er, aber heute

Ist es ungewöhnlich schwül.

 

Carl Spitzweg, Sonntagsspaziergang
Franz Carl Spitzweg (veraltet auch: Karl Spitzweg; 1808-1885) war ein deutscher Maler und Zeichner der Spätromantik und des Biedermeiers.
 

Friedrich Hölderlin 1770-1843

Der Sommer

 

Noch ist die Zeit des Jahrs zu sehn, und die Gefilde

Des Sommers stehn in ihrem Glanz, in ihrer Milde;

Des Feldes Grün ist prächtig ausgebreitet,

Allwo der Bach hinab mit Wellen gleitet.

 

So zieht der Tag hinaus durch Berg und Tale,

Mit seiner Unaufhaltsamkeit und seinem Strahle,

Und Wolken ziehn in Ruh`, in hohen Räumen,

Es scheint das Jahr mit Herrlichkeit zu säumen.

 

Ludovic René Alleaume, Foin coupe
Ludovic René Alleaume (1859-1941) war ein französischer Maler, Holzschneider, Lithograf und Glasmaler.

Peter Hammerschlag 1902-1942

Der Chef in der Sauregurkenzeit

 

Warum wird hier Strom verschwendet'

Was — storniert? Na Prost! Was jetzt?

Haben Sie Muster mitgesendet?

Hallo ... haaall000 bums. Besetzt!

Ich denk nach in dem Gewölbe,

Woraus ich die Löhne quetsch' —

Jeden Ultimo dasselbe ...

Kann denn ich zum Ländermatch?

Frozzel ich die Lieferanten?

Ich renn mir die Füße ab!

Wozu hab ich Inkassanten,

Wenn ich nie ein Bargeld hab?

Ist die Schreibmaschin' gerichtet?

Hat man Steiner schon urgiert?

Sind die Rechnungen gesichtet?

Welcher Tepp hat das addiert?

Was? Ich selbst? Oh Gott, die Nerven!

Irr ich mich halt auch einmal ...

Soll ich mich vor's Auto werfen?

Sowas nennt sich Personal!

Zahlts denn ihr vielleicht die Zinsen?

Was habts ihr im Schädel drin?

Ja, das könnts ihr: frech sein — grinsen ...

Bringen S' mir ein Aspirin!

Sowas lebt. Das war noch nie da!

Das Geschäft ist unterm Hund!

Wird das Ausgleich oder Krida?

Oder gehn wir nur zugrund?

Euch ist's wurscht — ihr schlafts ja immer,

Ich hab nicht einmal gejaust.

Wo ich hinschau liegen Trümmer,

Ist's ein Wunder, wenn mir graust?

Josef, geben Sie mir Feuer.

Und den Preis radier'n Sie aus ...

Manchmal glaub ich, ich bin euer

Schammes nur — im eig'nen Haus!

Wenn wer anruft: zuerst fragen.

Zwar ... ah nein, der weiß es eh —

Soll er mich von mir aus klagen,

Ich sitz drüben im Cafe ...

 

Hans Andersen Brendekilde, Picnic at the Odense Aa, 1897
Hans Andersen Brendekilde (1857-1942) war ein dänischer Maler.

Hermann Lingg 1820-1905

Mittagszauber

 

Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle

Auf Tal und Höh' in Stille sich gebreitet;

Man hört nur, wie der Specht im Tannicht scheitet,

Und wie durchs Tobel rauscht die Sägemühle.

 

Und schneller fließt der Bach, als such' er Kühle.

Die Blume schaut ihm durstig nach und spreitet

Die Blätter sehnend aus, und trunken gleitet

Der Schmetterling vom seidnen Blütenpfühle.

 

Am Ufer sucht der Fährmann sich im Nachen

Aus Weidenlaub ein Sonnendach zu zimmern

Und sieht ins Wasser, was die Wolken machen.

 

Jetzt ist die Zeit, wo oft im Schilf ein Wimmern

Den Fischer weckt; der Jäger hört ein Lachen,

Und golden sieht der Hirt die Felsen schimmern.

 

 

 

Thomas Martine Ronaldson, Summer
Thomas Martine Ronaldson (1881–1942) war ein britischer Maler.
 

Kurt Tucholsky 1890–1935

Dreißig Grad

 

Das ist die Zeit der dicken Sommerhitze.

Das Thermometer kocht. Die Sonne strahlt.

Die gnädige Frau hats warm; ich Plebs, ich schwitze -

in blauen Badehöschen, eindrucksvoll bemalt.

 

Am hellen Strand läuft eine leichte Brise

und legt sich wieder - nein, das wird kein Wind.

Jetzt ist August, da hatten wir die Krise,

wie so die deutschen Sommerkrisen sind.

 

Da hinten badet eine fette Dame.

Es steigt das Meer, wenn sie ins selbe tritt.

Sag an, Sylphide, ist vielleicht dein Name

Germania? Nehm ich dich als Sinnbild mit?

 

Es rinnt der Sand. Da schleicht sich ein Vehikel -

wohl gar mit Butter? - übern Dünendamm.

Bei mir langts nur noch für den Leitartikel - 

was Kluges bring ich heut nicht mehr zusamm.

 

Wie lang ists her - da war in diesen Wochen

an angenehmer Weise gar nichts los.

Man hat nur faul den faulen Tag gerochen...

Heut kommen Kunz und Hintze angekrochen -

Du liebe Zeit, wie bist du heiß und groß!

 

 

Ivana Kobilca, Summer 1889
Ivana Kobilca (1861-1926) war eine slowenische Malerin.
 

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Die Sonnenuhr

 

Selten reicht ein Schauer feuchter Fäule

aus dem Gartenschatten, wo einander

Tropfen fallen hören und ein Wander-

vogel lautet, zu der Säule,

die in Majoran und Koriander

steht und Sommerstunden zeigt;

 

Nur sobald die Dame (der ein Diener

nachfolgt) in dem hellen Florentiner

über ihren Rand sich neigt,

Wird sie schattig und verschweigt.

 

Oder wenn ein sommerlicher Regen

aufkommt aus dem wogenden Bewegen

hoher Kronen, hat sie eine Pause;

Denn sie weiß die Zeit nicht auszudrücken,

Die dann in den Frucht- und Blumenstücken

Plötzlich glüht im weißen Gartenhause.

 

Leonardo Bazzaro, Tra le ortensie
Leonardo Bazzaro (1853-1937) war ein italienischer Maler.

Carl Hermann Busse 1872-1918

Der Sommer

 

Seht ihr den Sommer durch die Lüfte fliegen?

In Gold und Blau - so hab ich mir's gedacht;

Nun ist er wieder auf die Welt gestiegen,

Nun giebt's ein Blühn und Düften Tag und Nacht.

 

Die Falter wissen sich schon nicht zu lassen

Und taumeln glücklich in ein Meer von Licht,

Und Kinderjubel schallt auf allen Gassen,

Und überall ein Kinderangesicht.

 

Die kleinen Mädchen klatschen in die Hände

Und krähn vergnüglich in die blüh'nde Welt,

Und in der Stadt sind auch die kahlsten Wände

Vom glüh'nden Glanz des Sonnenscheins erhellt.

 

Der arme Schuster selbst ließ sein Trauer

Und hämmert lustig auf den alten Schuh,

Und vor der Werkstatt tönt vom Vogelbauer

Des gelben Sängers heller Klang dazu.

 

In allen Lüften wirbeln Lerchenlieder,

Und Schwalben schietzen durch die goldnen Höhn,

Und aus den Gärten düftet weißer Flieder -

Herrgott im Himmel, ist die Welt doch schön!

 

Emile Claus, Das Picknick
Emile Claus (1849-1924) war ein belgischer Maler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Im Sommer

 

Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer

auf Moldauwogen uns nach Zlichov

zu jenem Kirchlein, hoch und frei.

Im blauen Nebel schwindet Smichov; -

zur Rechten Flächen braun von Ampfer,

zur Linken stolz die "Loreley".

 

Wir legen an; und sieh, ein Alter

begrüßt uns leiernd: "Hej, Slované!"

Am Friedhofsrand dann lehnen wir.

Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,

und unser Träumen hebt, ein Falter,

auf Sonnenflügeln sich zu ihr.

 

 

Giovanni Boldini,

Le prime fragole, 1874
Giovanni Boldini (1842-1931) war ein italienisch-französischer Maler des Impressionismus.Er war einer der meist gefragten Porträtmaler in der Belle Époque.
 

Kurt Tucholsky 1890–1935

Feldfrüchte

 

Sinnend geh ich durch den Garten,

still gedeiht er hinterm Haus;

Suppenkräuter, hundert Arten,

Bauernblumen, bunter Strauß.

    Petersilie und Tomaten,

    eine Bohnengalerie,

    ganz besonders ist geraten

    der beliebte Sellerie.

 

Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?

Da wächst in der Erde leis

das bescheidene Radieschen:

    außen, rot und innen weiß.

 

Sinnend geh ich durch den Garten

unsrer deutschen Politik;

Suppenkohl in allen Arten

im Kompost der Republik.

    Bonzen, Brillen, Gehberockte,

    Parlamentsroutinendreh ...

 

Ja, und hier –? Die ganz verbockte

    liebe gute SPD.

Hermann Müller, Hilferlieschen

blühn so harmlos, doof und leis

wie bescheidene Radieschen:

    außen rot und innen weiß.

 

 

Nikolay Bogdanov-Belsky, The Teacher's Nameday
Nikolay Petrovich Bogdanov-Belsky (1886-1945) war ein russischer Maler.

Elisabeth Kulmann 1808-1825

Meine Lebensart

 

In der ganzen Stadt ist keine

Hütte kleiner als die meine;

Für mich ist sie groß genug.

Noch viel kleiner ist mein Gärtchen,

Ich nur gehe durch sein Pförtchen;

Doch auch so ist's groß genug.

 

Zweimal setz' ich mich zu Tische,

Etwas Fleisch, Kohl, Grütze, Fische;

Hungrig ging ich nie zur Ruh.

Ja, im Sommer, eß' ich Beeren:

Him- und Erd- und Heidelbeeren,

Oft kommt eine Birn dazu.

 

Bisher hatt' ich stets zwei Kleider;

Viele Menschen haben, leider!

Eines nur, und das noch schwach.

Klagen wäre eine Sünde!

Arm ist nur der Lahme, Blinde,

Und die Waise ohne Dach.

 

Hans Thoma, In der Hängematte, 1876
Hans Thoma (1839-1924) war ein deutscher Maler und Grafiker.

Conrad Ferdinand Meyer 1825-1898

Schwarzschattende Kastanie

 

Schwarzschattende Kastanie,

Mein windgeregtes Sommerzelt,

Du senkst zur Flut dein weit Geäst,

Dein Laub, es durstet und es trinkt,

Schwarzschattende Kastanie!

Im Porte badet junge Brut

Mit Hader oder Lustgeschrei.

Und Kinder schwimmen leuchtend weiß

Im Gitter deines Blätterwerks,

Schwarzschattende Kastanie!

Und dämmern See und Ufer ein

Und rauscht vorbei das Abendboot,

So zuckt aus roter Schiffslatern

Ein Blitz und wandert auf dem Schwung

Der Flut, gebrochnen Lettern gleich,

Bis unter deinem Laub erlischt

Die rätselhafte Flammenschrift,

Schwarzschattende Kastanie!

 

 

Lucien

Levy-Dhurmer, Fontaine, Place de la Concorde, Paris
Lucien Lévy-Dhurmer (1865-1953) war ein französischer Maler, dessen Hauptwerk der Stilrichtung des Symbolismus und Jugendstils zugeordnet wird, sowie ein bekannter Töpfer.
 

Max Dauthendey 1867-1918

Vorm Springbrunnenstrahl

 

Der Sommer brennt nicht mehr auf meine Haut,

Ich habe viel zu lang in die Ferne geschaut,

Daß mich das nächste Gartenbeet nicht mehr kennt,

Und mich der alte Buchsbaum schon Fremdling nennt.

Wie der Strahl des Springbrunnens sprang ich einmal

Hinein in den luftblauen Sommersaal.

Und fiel zurück und sprang von neuem auf gut Glück,

Wie ein springender Baum in der Bäume Zahl,

Und sprang doch nur täglich dasselbe Stück,

Wie der Springbrunnenstrahl, immer hoch und zurück.

Ich stehe noch immer am selben Teich,

Ringsum sommert dunkel das Blätterreich.

Viele Sommer streiften ab ihre grünen Häute,

Doch der Springbrunnen tanzt noch für die gaffenden Leute,

Und die gelben Fische schwimmen noch ihren Schatten nach

Und wedeln drunten in ihrem glashellen Gemach.

Mir ist, ich stehe seit meiner ersten Lebensstund'

Hier am durchsichtigen Teich und sehe zum Grund,

Bald zur Höhe ins Kahle, und bald in die flache Wasserschale,

Indessen mein Blut verbraust, gleich dem scharfen Strahle,

Der aus der Erde saust und sich losreißt als ein schäumender Geist,

Und dem doch nie gelingt, daß er vom Platz fortspringt,

Der seinen Satz hinsingt mit neuem Munde, immer wieder heftig und kurz,

Und nichts der Höhe abringt, als jede Sekunde seinen eigenen Sturz.

 

 

Paul Wilhelm Keller-Reutlingen, Gehöft unter Wolken im Spätsommerlicht
Paul Wilhelm Keller-Reutlingen (1854-1920) war ein deutscher Landschafts- und Genremaler.

Christian Morgenstern 1871-1914

An die Wolken

 

Und immer wieder,

wenn ich mich müde gesehn

an der Menschen Gesichtern,

so vielen Spiegeln

unendlicher Torheit,

hob ich das Aug

über die Häuser und Bäume

empor zu euch,

ihr ewigen Gedanken des Himmels.

 

Und eure Größe und Freiheit

erlöste mich immer wieder,

und ich dachte mit euch

über Länder und Meere hinweg

und hing mit euch

überm Abgrund Unendlichkeit

und zerging zuletzt

wie Dunst,

wenn ich ohn` Maßen

den Samen der Sterne

fliegen sah

über die Acker

der unergründlichen Tiefen.

 

Henri Martin, Church in Labastide
Henri Jean Guillaume Martin (1860-1943) war ein französischer impressionistischer Maler.

Detlev von Liliencron 1844-1909

Dorfkirche im Sommer

 

Schläfrig singt der Küster vor,

Schläfrig singt auch die Gemeinde,

Auf der Kanzel der Pastor

Betet still für seine Feinde.

 

Dann die Predigt, wunderbar,

Eine Predigt ohne Gleichen.

Die Baronin weint sogar

Im Gestühl, dem wappenreichen.

 

Amen, Segen, Thüren weit,

Orgelton und letzter Psalter.

Durch die Sommerherrlichkeit

Schwirren Schwalben, flattern Falter.

 

Emil Zschimmer, Ruhende Frau in der Heide, Private Sammlung
Emil Zschimmer (1842-1917) war ein deutscher Maler und Kunstpädagoge.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929

Wenn kühl der Sommermorgen

 

Wenn kühl der Sommermorgen graut,

Vom Himmel rosig wie Heidekraut,

Wie rosige Blüte von Heidekraut

Die blasse Sichel niederschaut:

 

Dann gehen auf silbernen Sohlen da

Aus ihres Gartens Tor

Umgürtet mit Schönheit und Schweigen ja

Die jüngsten Träume hervor.

 

Sie gehen durch eine blasse

Leisrauschende Pappelallee,

Durch eine Heckengasse

Und durch den duftigen Klee,

 

Sie öffnen mit feinen Fingern leis

Am dämmernden Hause das Tor

Und gehen die kleine Treppe leis

Zu deiner Kammer empor,

 

An deinem Bette sie stehen lang

Und haben keinen Mut,

Auf deine Seele sie horchen bang,

Die siedet und nicht ruht.

 

Sie sind für dich gekommen, weh!

Du atmest allzu schwer,

Rückgehen sie beklommen, weh!

Hin, wo sie kamen her,

Hin, wo der Sommermorgen graut

Wie rosig Blühn von Heidekraut.

 

 

 

 

Fritz von Uhde,

Heide-prinzesschen
Fritz von Uhde (1848-1911) war ein sächsischer Kavallerieoffizier und Maler. Sein Stil lag zwischen Realismus und Impressionismus.
 

Christian Morgenstern 1871-1914

Sommermittag

 

Wiese, laß mich ganz in dein

Wohlgefühl versinken,

dein legionenfältig Sein

als mein eignes trinken.

 

Deine breite Sonnenbrust

laß die meine werden,

meine Lust die feine Lust

deiner Gräserherden.

 

Mächtig schwelle mein Gesang

dann aus solchem Grunde,

künde Glückes Überschwang

höchster Sommerstunde.

 

Théo van Rysselberghe, Women walking on the beach, 1901
Théo van Rysselberghe (1862-1926), eigentlich Théophile van Rysselberghe, war der wohl bedeutendste flämische Maler des Pointillismus.

Friedrich Rückert 1788-1866

Das ist meine Klage

 

Das ist meine Klage,

Daß vor dieser Plage

Selbst verstummt die Klage.

 

Wie ich mich am Tage

Mit den Sorgen schlage,

Wie ich nächtlich zage,

Was ich stündlich trage,

Läßt nicht Raum der Klage.

 

Wann, o Himmel, sage,

Lösest du die Frage

Der Entscheidungswage,

Daß ich nicht mehr zage,

Sondern überschlage,

Mit Geduld ertrage,

Und in Ruh beklage!

 

Sonnenschein, o schlage

In die Flucht, verjage

Diese Nacht der Plage!

Sommer, komm, ich trage

Lust nach längstem Tage,

Wann ich nicht mehr zage

Neuer Niederlage,

Und am Sarkophage

Des Verlornen klage!

 

Frank Weston Benson, The sisters, 1889
Frank Weston Benson (1862–1951) war ein US-amerikanischer Impressionist.

Otto Ernst 1862-1926

Einem Sommer

 

Sommer, eh’ du nun entwandelst

Über sonnenrote Höhn,

Soll dir meine Seele sagen,

Wie du mir vor allen schön!

 

Wähne nicht, daß meinem Herzen

Sommer so wie Sommer sei;

Seltsam wie der Wolken Wandel

Ziehn die Zeiten ihm vorbei.

 

Und wie du hervorgetreten

Aus der Zukunft ernstem Tor,

Atmete aus dumpfen Qualen,

Atmete dies Herz empor ...

 

Dankbar will ich das nun singen:

Wie die Wiese lag im Glanz

Und du gingst am Rand im Schatten,

Und dein Gehn war Klang und Tanz –

 

Wie auf Wolken du gefahren,

Deren Weg dein Hauch gebeut,

Wie du in den hohen Himmel

Weiße Rosen hingestreut –

 

Wie du aus des Nußbaums Wipfel

Durchs Gezweige sahst herab –

Wie du rote Blüte gossest

Über ein versunknes Grab –

 

Wie im Wald am schwarzen Stamme

Stumm du standest, schwertbereit,

Als ein sonnenblanker Ritter

Aus verklung’ner Heldenzeit -

 

Wie du alle Glocken schwangest

Zum beglühten Turm des Doms –

Wie du rötlich hingewandelt

Auf der Wellenflur des Stroms,

 

Oder wie du braun von Wangen

Westlich schrittest durch das Feld

Und mit einer Amsel Tönen

Leis’ erweckt die Sternenwelt ...

 

Hoher, ehe du entwandelst

In den Saal „Vergangenheit“,

Nimm mit dir wie Hauch der Felder

Diesen Hauch der Dankbarkeit!

 

Wo gestorb’ne Sommer wandeln

Hinter nachtumraunten Höhn,

Wo nur Schatten dich umschweigen,

Soll er singend mit dir gehn.

 

William Heath Robinson, It was a typical Greenland summer night
William Heath Robinson (1872-1944) war ein britischer Karikaturist, Illustrator, Schriftsteller und Bühnenbildner.Bekannt wurde er durch seine komischen Zeichnungen von Maschinen, deren Kompliziertheit in keinem Verhältnis zu ihrem banalen Nutzen steht.
 

 

 

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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Franz Dewes

fjdewes@buchkult-dewes.de

 

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