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Der September ist der Mai des Herbstes.

Deutsches Sprichwort

 

Erich Kästner (1899-1974)

Der September

 

Das ist ein Abschied mit Standarten

aus Pflaumenblau und Apfelgrün.

Goldlack und Astern flaggt der Garten,

und tausend Königskerzen glühn.

 

Das ist ein Abschied mit Posaunen,

mit Erntedank und Bauernball.

Kuhglockenläutend ziehn die braunen

und bunten Herden in den Stall.

 

Das ist ein Abschied mit Gerüchen

aus einer fast vergessenen Welt.

Mus und Gelee kocht in den Küchen.

Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

 

Das ist ein Abschied mit Getümmel,

mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.

Luftschaukeln möchten in den Himmel.

Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

 

Die Stare gehen auf die Reise.

Altweibersommer weht im Wind.

Das ist ein Abschied laut und leise.

Die Karussells drehn sich im Kreise.

Und was vorüber schien, beginnt.

 

 

Sebald Beham, September und October, Detail
Hans Sebald Beham (1500-1550) war ein bedeutender Maler und Kupferstecher.

Gottfried Keller (1819-1890)

Die kleine Passion

 

Der sonnige Duft, Semptemberluft,
sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch.
Das suchte sich die Ruhegruft
und fern vom Wald sein Leichentuch.
Vier Flügelein von Seiden fein
trug's auf dem Rücken zart,
drin man im Regenbogenschein
spielendes Licht gewahrt!
Hellgrün das schlanke Leibchen war,
hellgrün der Füßchen dreifach Paar,
und auf dem Köpfchen wundersam
saß ein Federbüschchen stramm;
die Äuglein wie ein goldnes Erz
glänzten mir in das tiefste Herz.
Dies zierliche und manierliche Wesen
hatt' sich zu Gruft und Leichentuch
das glänzende Papier erlesen,
darin ich las, ein dichterliches Buch;
so ließ den Band ich aufgeschlagen
und sah erstaunt dem Sterben zu,
wie langsam, langsam ohne Klagen
das Tierlein kam zu seiner Ruh.
Drei Tage ging es müd und matt
umher auf dem Papiere;
die Flügelein von Seide fein,
sie glänzten alle viere.
Am vierten Tage stand es still
gerade auf dem Wörtlein "will"!
Gar tapfer stand's auf selbem Raum,
hob je ein Füßchen wie im Traum;
am fünften Tage legt' es sich,
doch noch am sechsten regt' es sich;
am siebten endlich siegt' der Tod,
da war zu Ende seine Not.
Nun ruht im Buch sein leicht Gebein,
mög' uns sein Frieden eigen sein!

 

 

Joachim von Sandrart, Der Monat September
Joachim von Sandrart der Ältere (1606-1688) war ein deutscher Maler, Kupferstecher, Kunsthistoriker und Übersetzer.

Hermann Hesse (1877-1962)

Höhe des Sommers

 

Das Blau der Ferne klärt sich schon

Vergeistigt und gelichtet

Zu jenem süßen Zauberton,

Den nur September dichtet.

 

Der reife Sommer über Nacht

Will sich zum Feste färben,

Da alles in Vollendung lacht

Und willig ist zu sterben.

 

Entreiß dich, Seele nun der Zeit,

Entreiß dich deiner Sorgen

Und mache dich zum Flug bereit

In den ersehnten Morgen.

 

 

Eugène Samuel Grasset, Septembre
Eugène Samuel Grasset (1845-1917) war ein schweizerisch-französischer Bildhauer, Maler und Illustrator der Belle Époque und Wegbereiter des Jugendstils.

Cäsar Otto Hugo Flaischlen (1864-1920)

 

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September ... Herbst:

diese großen weichen Wolken am Himmel,

diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne

und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen

der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer ...

und diese süße weiche Müdigkeit und diese

frohe ruhige Stille überall und trotzdem wieder

diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft ...

das ist nicht Sommer ... das ist Herbst.

 

Frank Weston Benson, Afternoon in September, 1913
Frank Weston Benson (1862–1951), war ein US-amerikanischer Impressionist.

Eduard Mörike (1804-1875)

Septembermorgen

 

Im Nebel ruhet noch die Welt.

Noch träumen Wald und Wiesen:

Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,

Den blauen Himmel unverstellt.

Herbstkräftig die gedämpfte Welt

In warmem Golde fließen.

 

Edmund Blair Leighton, September
Edmund Blair Leighton (1852-1922) war ein englischer Maler, der im präraffaelitischen und romantischen Stil malte.

Kurt Tucholsky als Theobald Tiger (1890-1935)

Berliner Herbst

 

Für Paul Graetz

 

Denn, so um 'm September rum,

denn kriejn se wacklije Beene –

die Fliejen nämlich. Denn rummeln se so

und machen sich janz kleene.

Nee –

fliejn wolln se nich mehr.

 

Wenn se schon so ankomm, 'n bisken benaut ...

denn krabbeln se so anne Scheihm;

oda se summ noch 'n bisken laut,

aba mehrschtens lassen ses bleihm ...

Nee –

fliejn wolln se nich mehr.

 

Wenn se denn kriechen, falln se beinah um.

Un denn wern se nochmal heita,

denn rappeln se sich ooch nochmal hoch,

un denn jehts noch 'n Sticksken weita –

Aba fliejn ... fliejn wolln die nich mehr.

 

Die andan von Somma sind nu ooch nich mehr da.

Na, nu wissen se – nu is zu Ende.

Manche, mit so jelbe Eia an Bauch,

die brumm een so über de Hände ...

A richtich fliejn wolln se nich mehr.

 

Na, und denn finnste se morjens frieh,

da liejen se denn so hinta

de Fenstern rum. Denn sind se dot.

Und wir jehn denn ooch in 'n Winta.

Wie alt bist du eijentlich –?

 

– »Ick? Achtunnfürzich.«

– »Kommst heut ahmt mit, nach unsan Lokal –?«

– »Allemal.«

 

 

Lauritz Andersen Ring, Landskab med popler - Septemberaften
Lauritz Andersen Ring, auch Lars Andersen Ring, eigentlich Lauritz Andersen (1854-1933) war ein dänischer Figuren-, Genre-, Landschafts-, Bildnismaler, Zeichner und Keramiker.

Georg Trakl (1887-1914)

Landschaft (zweite Fassung)

 

Septemberabend; traurig tönen die dunklen Rufe der Hirten

Durch das dämmernde Dorf; Feuer sprüht in der Schmiede.

Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd;

die hyazinthenen Locken der Magd

Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern.

Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der Hirschkuh

Und die gelben Blumen des Herbstes

Neigen sich sprachlos über das blaue Antlitz des Teichs.

In roter Flamme verbrannte ein Baum;

aufflattern mit dunklen Gesichtern die Fledermäuse.

 

 

Gaspar Camps i Junyent, Les quatre saisons,  Automne, Museu del Modernisme
Gaspar Camps i Junyent (1874-1942) war ein spanischer Maler, Illustrator und Plakatkünstler des Jugendstils und der Art Déco.

Ricarda Huch (1864-1947)

Herbst

 

September sitzt auf einer hohlen Weide,

Spritzt Seifenblasen in die laue Luft;

Die Sonne sinkt; aus brauner Heide

steigt Ambraduft

 

Als triebe Wind sie, ziehn die leichten Bälle

Im goldnen Schaum wie Segel von Opal,

Darüber schwebt in seidener Helle

Der Himmelssaal.

 

Auf fernen Tennen stampft der Erntereigen,

Im Takt der Drescher schwingt der starre Saum.

Handörgelein und Baß der Geigen

Summt süß im Raum.

 

Lucas van Valckenborch,  Autumn landscape - September
Lucas van Valckenborch (um 1535-1597) war ein flämischer Maler.

Cäsar Flaischlen 1864-1920

Ende

 

Verträumt und müde wie ein Schmetterling im September

taumelt der Sommer das Gelände entlang.

Altweiberfäden wirren sich um seine zerrissenen Flügel

und die Blumen, die noch blühen, haben keinen Honig mehr.

 

Am Hochwald drüben, hinter dem die Sonne glutet,

lauert die Nacht, gleich einer großen Spinne,

und wie ein engmaschiges Netz

hängt sie die Dämmerung vor das verflackernde Abendrot,

nach dem der Schmetterling seinen Flug nimmt.

 

 

Michel Maximilien Leenhardt, Les vendages
Michel Maximilien Leenhardt (1853-1941), genannt Max Leenhardt, war ein französischer Maler.

Hermann Hesse (1877-1962)

Spätsommer

 

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag

Voll süßer Wärme. Über Blumendolden

Schwebt da und dort mit mildem Flügelschlag

ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.

 

Die Abende und Morgen atmen feucht

Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.

Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht

Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.

 

Eidechse rastet auf besonntem Stein,

Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.

Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein

In Schlaf, in Traum, und warnt dich, sie zu wecken.

 

So wiegt sich manchmal viele Takte lang

Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,

Bis sie erwachend sich dem Bann entrang

Zurück zu Werdemut und Gegenwart.

 

Wir Alten stehen erntend am Spalier

Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.

Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,

Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.

 

Ernest Biéler, Paysage automnal, les hauts de Saviese
Ernest Biéler (1863-1948) war ein Schweizer Maler und Illustrator. Er war durch den Impressionismus beeinflusst und wandte sich später dem Jugendstil zu.

Peter Rosegger 1843-1918

Erbschaft

 

Der Winter, der starre,

Er liegt auf der Sterbe,

O lächelnder Erbe,

Wie üppig du erbst!

Den blühenden Frühling,

Den leuchtenden Sommer,

Den Kastenfüller,

Den goldenen Herbst.

 

Gustav Klimt, Apfelbaum
Gustav Klimt (1862-1918) war ein bedeutender österreichischer Maler, einer der bekanntesten Vertreter des Wiener Jugendstils und Gründungspräsident der Wiener Secession.

Conrad Ferdinand Meyer 1825-1898

Fülle

 

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde

Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!

Tief beugt sich mancher allzu reich beschwerte,

Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde.

 

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!

Die saft'ge Pfirsche winkt dem durst'gen Munde!

Die trunknen Wespen summen in die Runde:

»Genug ist nicht genug!« um eine Traube.

 

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen

Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,

Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,

Genug kann nie und nimmermehr genügen!

 

Camille Pissarro, La récolte des pommes à Éragny
Jacob Abraham Camille Pissarro (1830-1903) war einer der bedeutendsten und produktivsten Maler des Impressionismus.

Ludwig Uhland 1787-1862

Einkehr

 

Bei einem Wirte wundermild

Da war ich jüngst zu Gaste.

Ein goldner Apfel war sein Schild

An einem langen Aste.

 

Es war der gute Apfelbaum

Bei dem ich eingekehret

Mit süßer Kost und frischem Schaum

Hat er mich wohl genähret.

 

Es kamen in sein grünes Haus

Viel leichtbeschwingte Gäste

Sie sprangen frei und hielten Schmaus

Und sangen auf das Beste.

 

Ich fand ein Bett in süßer Ruh

Auf weichen, grünen Matten

Der Wirt er deckte selbst mich zu

Mit seinem kühlen Schatten.

 

Nun fragt ich nach der Schuldigkeit.

Da schüttelt er den Wipfel

Gesegnet sei er allezeit

von der Wurzel bis zum Gipfel.

 

 

John George Brown, The Cider Mill
John George Brown (1831-1913) war ein englisch-amerikanischer Genremaler.
 

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

An den Herbst

 

Mit dankbarem Gemüte

Hier nehm ich deine Güte,

Herbsttag, du milder Gast,

Der du mich reich beschenktest,

Den Sinn in Klare lenktest

Und mich zum Abend fröhlich ausgerüstet hast.

 

Nun ist in mir kein Drängen

Und bin doch nicht im Engen,

Bin ruhevoll bewegt.

Was gilt es, mehr zu wollen,

Als so im Friedevollen

Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt.

 

 

Georg Britting 1891-1964

Drachen

 

Die Drachen steigen wieder

Und schwanken mit den Schwänzen

Und brummen stumme Lieder

Zu ihren Geistertänzen.

 

Von wo der knallende Wind herweht?

Von Bauerngärten schwer!

Jeder Garten prallfäustig voll Blumen steht,

Die Felder sind lustig leer.

 

Der hohe Himmel ist ausgeräumt,

Wasserblau, ohne Regenunmut.

Eine einzige weiße Wolke schäumt,

Goldhufig, wie ein Roß gebäumt,

Glanzstrudlig durch die Luftflut.

 

 

 

 

Karl Spitzweg, Drachensteigen
Franz Carl Spitzweg (veraltet auch: Karl Spitzweg; 1808-1885) war ein deutscher Maler und Zeichner der Spätromantik und des Biedermeiers.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Herbsttag

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

Und auf den Fluren laß die Winde los.

 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.

 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

 

Mary Stevenson Cassatt, Autumn
Mary Stevenson Cassatt (1844-1926) war eine US-amerikanische Grafikerin und Malerin des Impressionismus.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Herbst im Fluss

 

Der Strom trug das ins Wasser gestreute
Laub der Bäume fort.
Ich dachte an alte Leute
Die auswandern ohne ein Klagewort.

 

Die Blätter treiben und trudeln,
Gewendet von Winden und Strudeln
Gezügig, und sinken dann still.

 

Wie jeder, der Großes erlebte,
Als er an Größerem bebte,
Schließlich tief ausruhen will.

 

Albert Bierstadt, On the Saco
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Ferdinand von Saar 1833-1906

Herbstlese

 

Schon blicken rothe Wipfel

Aus fahlem Laub hervor,

Leis' um der Berge Gipfel

Wallt lichter Nebelflor.

 

Schon folgt dem Schnitterreigen

Des Jägers rascher Schuß –

Doch reift's noch an den Zweigen

Im letzten Sonnenkuß.

 

Bald nahen frohe Hände,

Sie schütteln Ast um Ast,

Sie brechen vom Gelände

Der Trauben süße Last.

 

Denn so ist's allerwegen:

Daß für des Sommers Fleiß

Mit köstlich reichem Segen

Der Herbst zu lohnen weiß.

 

Doch was ist dir beschieden,

Der du die Zeit verträumt,

Der du, zu sä'n hienieden,

Zu pflanzen hast versäumt?

 

Da du im Frühlingshauche

Nach Rosen nur gesucht:

So pflück' vom dorn'gen Strauche

Dir jetzt die herbe Frucht.

 

Józef Marian Chelmonski, Indian Summer, 1875, Nationalmuseum in Warschau
Józef Marian Chelmonski (1849-1914) war ein polnischer Maler.

Kurt Tucholsky 1890-1935

Die fünfte Jahreszeit

 

»Kurz und knapp, Herr Hauser! Hier sind unsere vier Jahreszeiten. Bitte: Welche –?« Keine. Die fünfte.

»Es gibt keine fünfte.«

Es gibt eine fünfte. – Hör zu:

Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –: dann ist die fünfte Jahreszeit.

Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber. Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.

Mücken spielen im schwarz-goldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen ... kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht.

So vier, so acht Tage –

Und dann geht etwas vor.

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt ... , na ... na ... , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher ... aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

 

Walter Moras, Spreewaldlandschaft bei Lehde
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

Iwan Sergejewitsch Turgenjew 1818-1883

Ich lieb den Herbst

 

Ich lieb den Herbst, im Blicke Trauer.

In stillen Nebeltagen geh

Ich oft durch Fichtenwald und seh

Vor einem Himmel, bleich wie Schnee,

Durch Wipfel wehen dunkle Schauer.

Ich lieb, ein herbes Blatt zu Brei

Zu kauen, lächelnd zu zerstören

Den Traum, dem wir so gern gehören.

Fern des Spechtes scharfer Schrei!

Das Gras schon welk … schon starr vor Kühle,

Von hellen Schleiern überhaucht.

In mir das Weben der Gefühle,

Das Herz in Bitternis getaucht …

Soll ich Vergangenes nicht beschwören?

Soll, was da war, nie wieder sein?

Die Fichten nicken dunkel, hören

Gelassen zu und flüstern Nein.

Und da: ein ungeheures Lärmen,

Ein Ineinanderwehn von Zweigen,

Ein Rauschen wie von Vogelschwärmen,

Die, einem Ruf gehorchend, steigen.

 

James Tissot, Waiting also known as in the shallows
James Tissot (1836-1902) war ein französischer Maler und Grafiker. Der vor allem für seine Porträts im viktorianischen England der 1870er Jahre bekannte Künstler widmete sich in seinem Spätwerk überwiegend religiösen Themen.

Paul Verlaine 1844-1896

Herbstlied

 

Den Herbst durchzieht

Das Sehnsuchtslied

Der Geigen

Und zwingt mein Herz

In bangem Schmerz

Zu schweigen.

 

Bleich und voll Leid,

Dass die letzte Zeit

Erscheine,

Gedenk' ich zurück

An fernes Glück,

Und ich weine.

 

Und so muss ich gehn

Im Herbsteswehn

Und Wetter,

Bald hier, bald dort,

Verweht und verdorrt

Wie die Blätter.

 

Hans Andersen Brendekilde, Tre småpiger plukker brombær, um 1885
Hans Andersen Brendekilde (1857-1942) war ein dänischer Maler.

Maria Luise Weissmann 1899-1929

Abend im Frühherbst

 

Weit ausgegossen liegt das breite Land.

Der Himmel taucht den Scheitel noch ins Licht,

Doch seitlich hebt gelassen eine Hand

Die dunkle Maske Nacht ihm ins Gesicht.

 

Viel fette Lämmer weiden auf der Flur,

In Gärten steht das Kraut in seiner Fülle,

Herbstwälder ziehn als eine goldne Spur,

Am Baum die Frucht glänzt prall in ihrer Hülle.

 

Es ist der letzte dieser kurzen Tage:

All Ding steht reif und rund und unbewegt

Schwebend in sich gebannt wie eine Waage,

Die Tod und Leben gleichgewichtig trägt.

 

Julian Onderdonk, Fall Landscape
Julian Onderdonk (1882-1922) war ein Maler des Texanischen Impressionismus, der oft als "Vater der texanischen Malerei" bezeichnet wurde

Georg Trakl 1887-1914

Verklärter Herbst

 

Gewaltig endet so das Jahr

Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.

Rund schweigen Wälder wunderbar

Und sind des Einsamen Gefährten.

 

Da sagt der Landmann: Es ist gut.

Ihr Abendglocken lang und leise

Gebt noch zum Ende frohen Mut.

Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

 

Es ist der Liebe milde Zeit.

Im Kahn den blauen Fluß hinunter

Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -

Das geht in Ruh und Schweigen unter.

 

George Inness, Early Autumn, Montclair 1891
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Johannes Schlaf 1892-1941

Herbst

 

Nun kommen die letzten klaren Tage

Einer müderen Sonne.

Bunttaumelnde Pracht,

Blatt bei Blatt.

So heimisch raschelt

Der Fuß durchs Laub.

O du liebes, weitstilles Farbenlied!

Du zarte, umrißreine Wonne!

Komm!

Ein letztes Sonnenblickchen

Wärmt unser Heim.

Da wollen wir sitzen,

Still im Stillen,

Und in die müden Abendfarben sehn.

Da wollen wir beieinander sitzen

In Herbstmonddämmer hinein

Und leise

Verlorene Worte plaudern.

 

Nikolay Bogdanov-Belsky, Country Lane
Nikolay Petrovich Bogdanov-Belsky (1886-1945) war ein russischer Maler.

Joseph Victor von Scheffel 1826-1886

 

Wer klappert von dem Turme

Seltsamen Gruß mir? horch!

Das ist in seinem Neste

Mein alter Freund, der Storch.

 

Er rüstet sich zur Reise

Weit über Land und See,

Der Herbst kommt angezogen,

Drum sagt er uns Ade!

 

Hast recht, daß du verreisest,

Bei uns wird's kahl und still,

Grüß mir das Land Italien

Und auch den Vater Nil.

 

Es werde dir im Süden

Ein besser Mahl zuteil,

Als deutsche Frösch' und Kröten,

Maikäfer und Langweil'!

 

Behüt' dich Gott, du Alter,

Mein Segen mit dir zieht,

Du hast in stillen Nächten

Oftmals gehört mein Lied.

 

Und wenn du nicht zufällig

Im Nest verschlafen bist,

So hast du auch gesehen,

Wie sie mich einst geküßt.

 

Doch schwatz nicht aus der Schule,

Schweig still, alter Kumpan!

Was geht die Afrikaner

Die Lieb' am Rheine an?

 

Konstantin Gorbatov, Autumn Gold
Konstantin Iwanowitsch Gorbatov (1876-1945) war ein russischer Vertreter des Post-Impressionismus und Professor der Petersburger Kunstakademie.

Kumagai Naoyoshi 1782-1862

 

Wenn einer einen blütenreichen Frühling

und einen satten Herbst erlebt,

so muß er sich doch eingestehen,

daß es schön ist, Mensch zu sein.

 

Isaak Lewitan, Autumn Rostov
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Friedrich Wilhelm Nietzsche 1844-1900

Der Herbst

 

Dies ist der Herbst:

der – bricht dir noch das Herz!

Fliege fort! fliege fort!

Die Sonne schleicht zum Berg

Und steigt und steigt

Und ruht bei jedem Schritt.

 

Was ward die Welt so welk!

Auf müd gespannten Fäden spielt

Der Wind sein Lied.

Die Hoffnung floh –

Er klagt ihr nach.

 

Dies ist der Herbst:

der – bricht dir noch das Herz!

Fliege fort! fliege fort!

O Frucht des Baums,

Du zitterst, fällst?

Welch ein Geheimnis lehrte dich

Die Nacht,

Daß eisiger Schauder deine Wange,

Die Purpur-Wange deckt? –

 

Du schweigst, antwortest nicht?

Wer redet noch? – –

 

Dies ist der Herbst:

der – bricht dir noch das Herz!

Fliege fort! fliege fort!

Ich bin nicht schön

– so spricht die Sternenblume –,

Doch Menschen lieb ich

Und Menschen tröst ich –

 

Sie sollen jetzt noch Blumen sehn,

Nach mir sich bücken

Ach! und mich brechen –

In ihrem Auge glänzet dann

Erinnerung auf,

"Erinnerung an Schöneres als ich: –

– ich seh's – und sterbe so." –

 

Dies ist der Herbst:

der – bricht dir noch das Herz!

Fliege fort! fliege fort!

 

George Inness, Red oaks
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Erich Mühsam 1878-1934

Angst packt mich an

 

Angst packt mich an,

Denn ich ahne, es nahen Tage

voll großer Klage.

Komm du, komm her zu mir! –

Wenn die Blätter im Herbst ersterben

und sich die Flüsse trüber färben

und sich die Wolken ineinander schieben –

dann komm, du, komm!

Schütze mich –

stütze mich –

faß meine Hand an.

Hilf mir lieben!

 

Stanislav Zhukovsky, Waldsee (Goldener Herbst, Blaues Wasser)
Stanislav Yulianovich Zhukovsky (1873-1944) war ein polnischer Impressionist und Mitglied der russischen Künstlervereinigung Mir Iskusstwa.

Luise Büchner 1821-1877

Herbstlied

 

Es liegt der Herbst auf allen Wegen,

In hundert Farben prangt sein Kleid,

Wie seine Trauer, seinen Segen

Er um sich streut zu gleicher Zeit.

 

Es rauscht der Fuß im welken Laube,

Was blüht' und grünte, ward ein Traum –

Allein am Stocke winkt die Traube

Und goldne Frucht schmückt rings den Baum.

 

So nimmt und gibt mit vollen Händen

Der Herbst, ein Dieb und eine Fee;

Erfüllung kann allein er spenden,

Doch sie umfängt ein tiefes Weh! –

 

O, Herbst der Seele! deine Früchte,

Sind auch Gewinn sie, oder Raub?

Der Wünsche Blüthe ist zunichte,

Der Hoffnung Grün ein welkes Laub.

 

Zu schwer erkauft, um zu beglücken,

O, Seelenherbst, ist deine Zier!

Der Saft der Traube kann entzücken,

Doch keine Wonne strömt aus dir.

 

Die Weisheit, wie die Frucht sie nennen,

Sie preßt mir bittre Thränen aus,

Und ihres Kernes herbem Brennen

Entkeimet nie ein Frühlingsstrauß!

 

Frederick Childe Hassam, Oregon Still Life, 1904
Frederick Childe Hassam (1859-1935) war ein amerikanischer Maler des Impressionismus.
 

Wilhelm Busch 1832-1908

Im Herbst

 

Der schöne Sommer ging von hinnen,

Der Herbst, der reiche, zog ins Land.

Nun weben all die guten Spinnen

So manches feine Festgewand.

 

Sie weben zu des Tages Feier

Mit kunstgeübtem Hinterbein

Ganz allerliebste Elfenschleier

Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

 

Ja, tausend Silberfäden geben

Dem Winde sie zum leichten Spiel,

Die ziehen sanft dahin und schweben

Ans unbewußt bestimmte Ziel.

 

Sie ziehen in das Wunderländchen,

Wo Liebe scheu im Anbeginn,

Und leis verknüpft ein zartes Bändchen

Den Schäfer mit der Schäferin.

 

Pascal Dagnan-Bouveret, Willows by a Stream, 1908, Museum of Fine Arts
Pascal Adolphe Jean Dagnan (1852-1929), genannt Dagnan-Bouveret, war ein französischer Maler.

"Solanum tuberosum L., die Kartoffel, Erdäpfel, aus dem heißeren Amerika herstammend, hat als Nahrungsmittel alle Zweifel besiegt, trotz ihrer bösen Verwandtschaft. Die Gattung Solanum, Nachtschatten, ist eine der zahlreichsten des Pflanzenreiches; sie gehört vorzüglich dem heißeren Erdgürtel an. Die Pflanzen, die sie einbegreift, sind der schädlichen Eigenschaften, die wir in den vorerwähnten Giftpflanzen bezeichnet haben, teilhaftig oder verdächtig. Die Früchte etlicher werden als Gemüse gegessen. Die Knollen, welche Stärkemehlbehälter zur Ernährung der Pflanzen sind, haben bei verschiedenen Gewächsen keinen Anteil an deren giftigen Kräften; die Knollen von Solanum tuberosum und von zwei anderen verwandten Arten sind eine gesunde Nahrung, und die Kartoffel wird jetzt überall angebaut."

Adelbert von Chamisso (1781-1838), Heil-, Gift- und Nutzpflanzenbuch (erstellt im Auftrag des Preußischen Kultusministeriums)

 

Jules Bastien-Lepage, Kartoffelernte
Jules Bastien-Lepage (1848-1884) war ein französischer Maler. Sein Werk ist dem Naturalismus zuzuordnen.

Lorbeer macht nicht satt:

besser, wer Kartoffeln hat.

Deutsches Sprichwort

 

Wer Kartoffeln ißt,

wird eher satt,

als wer Braten essen sieht.

Deutsches Sprichwort

 

Ach du großer Gott,

was lässt du mir für kleine Kartoffeln wachsen.

Unbekannt

 

Fritz Boehle, Kartoffelernte 1899
Fritz Boehle, eigentlich Karl Friedrich Boehle (1873-1916) war ein deutscher Maler, Zeichner und Bildhauer.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

 

"Hört!" rief die Kartoffel, "ich weiß eine tolle

Geschichte von einer Zauberknolle,

Die einen Regenwurm in ein Blatt

Und dann in ein Heupferd verwandelt hat!"

Und die Kartoffel wollte beginnen - -

Da war kein Wasser im Topf mehr drinnen.

So platzte ihr schönes Kartoffelkleid.

"Ach", jammerte sie, "es tut mir so leid,

Ich würde euch gern die Geschichte erzählen,

Doch ist es zu spät - ich muss mich jetzt schälen."

 

So sprach die Kartoffel und drehte sich um

Und blieb von dieser Minute an stumm!

 

Michael Ancher, Kartoffelhøst, 1901
Michael Peter Ancher (1849-1927) war ein dänischer Maler.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Abschiedsworte an Pellka

 

Jetzt schlägt deine schlimme Stunde,

du Ungleichrunde,

du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,

du Vielgequälte,

du Gipfel meines Entzückens.

Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens

mit der Gabel! - - Sei stark!

Ich will auch Butter und Salz und Quark

Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.

Musst nicht so ängstlich dampfen.

Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.

Soll ich Schnittlauch über dich streun?

Oder ist dir nach Hering zumut?

Du bist ein so rührend junges Blut. -

Deshalb schmeckst du besonders gut.

Wenn das auch egoistisch klingt,

So tröste dich damit, du wundervolle

Pellka, dass du eine Edelknolle

Warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.

 

Max Liebermann, Die Kartoffelernte
Max Liebermann (1847-1935) war ein deutsch-jüdischer Maler und Grafiker. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Impressionismus.

Fred Endrikat (1890-1942)

 

Die Kokosnuß erzählt von hohen Palmen

Romanzen aus der Tropenkolonie.

Wenn hier daheim Kartoffelpuffer qualmen,-

Das nenn' ich Weihrauch,- das ist Poesie!

 

Ich stütze meine Arme auf den Spaten.
Verdammt - das Bücken fällt beim Buddeln schwer.
Die Pellkartoffeln sind famos geraten.
Nun noch der Hering! Herz, was willst du mehr?

 

 
Camille Pissarro, Recolte des pommes de terre, Gouache
Jacob Abraham Camille Pissarro (1830-1903) war einer der bedeutendsten und produktivsten Maler des Impressionismus.
 

Matthias Claudius (1740-1815)

Kartoffellied

 

Pasteten hin, Pasteten her,

was kümmern uns Pasteten?

Die Kumme hier ist auch nicht leer

und schmeckt so gut als bonne chere

von Fröschen und von Kröten.

 

Und viel Pastet und Leckerbrot

verdirbt nur Blut und Magen.

Die Köche kochen lauter Not,

sie kochen uns viel eher tot;

Ihr Herren, laßt Euch sagen!

 

Schön rötlich die Kartoffeln sind

und weiß wie Alabaster!

Sie däun sich lieblich und geschwind

und sind für Mann und Frau und Kind

ein rechtes Magenpflaster.

 

Jean François Millet, L'Angélus
Jean-François Millet (1814-1875) war ein französischer Maler des Realismus.

Wilhelm Busch 1832-1908

Pfannkuchen und Salat

 

Von Fruchtomletts da mag berichten

Ein Dichter aus den höhern Schichten.

 

Wir aber, ohne Neid nach oben,

Mit bürgerlicher Zunge loben

Uns Pfannekuchen und Salat.

 

Wie unsre Liese delikat

So etwas backt und zubereitet,

Sei hier in Worten angedeutet.

 

Drei Eier, frisch und ohne Fehl,

Und Milch und einen Löffel Mehl,

Die quirlt sie fleißig durcheinand

Zu einem innigen Verband.

 

Sodann, wenn Tränen auch ein Übel,

Zerstückelt sie und mengt die Zwiebel

Mit Öl und Salz zu einer Brühe,

Daß der Salat sie an sich ziehe.

 

Um diesen ferner herzustellen,

Hat sie Kartoffeln abzupellen.

Da heißt es, fix die Finger brauchen,

Den Mund zu spitzen und zu hauchen,

Denn heiß geschnitten nur allein

Kann der Salat geschmeidig sein.

 

Hierauf so geht es wieder heiter

Mit unserem Pfannekuchen weiter.

 

Nachdem das Feuer leicht geschürt,

Die Pfanne sorgsam auspoliert,

Der Würfelspeck hineingeschüttelt,

So daß es lustig brät und brittelt,

Pisch, kommt darüber mit Gezisch

Das ersterwähnte Kunstgemisch.

 

Nun zeigt besonders und apart

Sich Lieschens Geistesgegenwart,

Denn nur zu bald, wie allbekannt,

Ist solch ein Kuchen angebrannt.

 

Sie prickelt ihn, sie stochert ihn.

Sie rüttelt, schüttelt, lockert ihn

Und lüftet ihn, bis augenscheinlich

Die Unterseite eben bräunlich,

Die umgekehrt geschickt und prompt

Jetzt ihrerseits nach oben kommt.

 

Geduld, es währt nur noch ein bissel,

Dann liegt der Kuchen auf der Schüssel.

 

Doch späterhin die Einverleibung,

Wie die zu Mund und Herzen spricht,

Das spottet jeglicher Beschreibung,

Und darum endet das Gedicht.

 

 

Robert Müller, Kartoffelernte - Der König überall, 1886
Robert Müller (später: Warthmüller, 1859-1895) war ein deutscher Maler.


Friedrich der Große war bekannt für seine unangekündigten Inspektionsreisen durch sein Land. Anlässlich seiner Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel per Anordnung 1756 kontrollierte der Große König auch die Bauern in den Dörfern. Eine solche Szene hat Robert Müller (gen. Warthmüller, 1712-1786) in seinem Gemälde "Die Kartoffelernte" festgehalten.
 

Es wurde ein Blumen-Körbchen angekündigt

und siehe da,

es erschien ein Kartoffel-Säckchen.

 

 

Da liegen nun die Kartoffeln,

und schlafen ihrer Auferstehung entgegen.

Georg Christoph Lichtenberg 1742-1799

 

Vincent van Gogh, The Potato Eaters, Lithography
Vincent Willem van Gogh (1853-1890) war ein niederländischer Maler und Zeichner; er gilt als einer der Begründer der modernen Malerei.

 

Ich habe versucht, zu betonen, daß diese Leute, die ihre Kartoffeln im Lampenlicht essen, die Erde umgegraben haben mit denselben Händen, die in die Schüssel langen, und so spricht es von ihrer Hände Arbeit und wie sie ihr Essen ehrlich verdient haben.

Vincent van Gogh

Kurt Tucholsky 1890-1935

Mutterns Hände

 

Hast uns Stulln jeschnitten

un Kaffe jekocht

un de Töppe rübajeschohm –

un jewischt und jenäht

un jemacht und jedreht ...

alles mit deine Hände.

 

Hast de Milch zujedeckt,

uns Bobongs zujesteckt

un Zeitungen ausjetragen –

hast die Hemden jezählt

und Kartoffeln jeschält ...

alles mit deine Hände.

 

Hast uns manches Mal

bei jroßen Schkandal

auch 'n Katzenkopp jejeben.

Hast uns hochjebracht.

Wir wahn Sticker acht,

sechse sind noch am Leben ...

Alles mit deine Hände.

 

Heiß warn se un kalt.

Nu sind se alt.

Nu bist du bald am Ende.

Da stehn wa nu hier,

und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.

 

 

Léon Frédéric,

Trois Sœurs ou Les Eplucheuses de pommes de terre, 1896
Léon Frédéric, The Four Seasons - Fall
Léon Frédéric (1856-1940) war ein belgischer Maler des Symbolismus.

Luther erschütterte Deutschland –

aber Franz Drake beruhigte es wieder:

er gab uns die Kartoffel.

Heinrich Heine 1797-1856

 

José Júlio de Souza Pinto, Die Kartoffelernte - Kartoffelfeuer, 1898, Musée d'Orsay
José Júlio de Souza Pinto (1856-1939) war ein portugiesischer Maler im naturalistischen Stil.

Hermann Hesse (1877-1962)

Spätsommer

 

Noch einmal, ehe der Sommer verblüht,

wollen wir für den Garten sorgen,

die Blumen giessen, sie sind schon müd,

bald welken sie ab, vielleicht schon morgen.

 

Noch einmal, ehe wieder die Welt

irrsinning wird und von Kriegen gellt,

wollen wir an den paar schönen Dingen

uns freuen und ihnen Lieder singen.

 

 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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