BuchKult
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Christian Morgenstern 1871-1914

Das große Lalula

 

Kroklokwafzi! Semememi!

Seiokrontro - prafriplo;

Bifzi, bafzi; hulalemi:

quasti basti bo...

Lalu lalu lalu lalu la!

 

Hontraruru miromente

zasku zes rü rü?

Entepente, leiolente

klekwapufzi lü?

Lalu lalu lalu lalu la!

 

Simarar kos malzipempu

silzuzankunkrei(;)!

Marjomar dos: Quempu Lempu

Siri Suri Sei!

Lalu lalu lalu lalu la!

 

 

Pieter Huys attr, Jester
Pieter Huys (auch Peeter Huijs, um 1519/20 - 1581/84) war ein flämischer Maler der Renaissance und wird dem nördlichen Manierismus zugeordnet.

Karl Valentin 1882-1948

Das Futuristische Couplet

Ein Gegenstück zur modernen Malerei

 

In Nürnberg kam das Ganze,

Es sind ja mal erst recht,

Doch als es mir ganz falsch war,

Ist es ohnedies zu schlecht.

Mit wessen ich grad dachte,

Von ohne sie berührt,

So sind sie denn von vorne rein

Ganz ohne diszipliert.

 

Wer allzulange sind ist,

Ob arm, geht sich bei dem,

Das einmal es doch lieber sein,

Drum wird ja ohnedem,

Mitsammen, ja denn so kann,

Bei deinem nicht schon sein,

Sobald man kann es bleiben soll,

Zusammen fein zu sein.

 

Wenn einmal in der Nase,

Hast manchmal du in Ruh,

Die Plattform in der Tasche hast,

Und treibst in allem zu,

So wittert aus den Mitteln,

In Spanien aus und ab,

Der Blumen Augenbrauen senkt,

Mit Asien und in Trapp.

 

Jan Miense Molenaer, Children playing and merrymaking
Jan Miense Molenaer (um 1610-1668) war ein niederländischer Maler und Radierer.

Christian Morgenstern 1871-1914

Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst

 

Soll i aus meim Hause raus?

Soll i aus meim Hause nit raus?

Einen Schritt raus?

Lieber nit raus?

Hausenitraus –

Hauseraus

Hauseritraus

Hausenaus

Rauserauserauserause ...

 

(Die Schnecke verfängt sich in ihren eigenen Gedanken oder vielmehr diese gehen mit ihr dermaßen durch, daß sie die weitere Entscheidung der Frage verschieben muß.)

 

Hier zum Download die kongeniale Interpretation des Gedichts durch Gerd Fröbe
Morgenstern - Gespräch einer Hausschneck[...]
MP3-Audiodatei [1.9 MB]

 

Louis-Léopold Boilly,

Five decrepit doctors crushed together in consultation
Louis-Léopold Boilly (1761-1845) war ein französischer Maler und Lithograph.

Johann Georg August Galletti 1750-1828

Kathederblüten

 

Das größte Insekt ist der Elefant.

*

Das Schwein führt seinen Namen mit der Tat, denn es ist ein sehr unreinliches Tier.

*

Die Gans ist das dümmste Tier, denn sie frißt nur so lange, als sie etwas findet.

*

Die Begebenheiten des 30jährigen Krieges habe ich meistens noch selbst erlebt.

*

Ich bin so müde, daß ein Bein das andere nicht sieht.

*

Ich statuiere mit Kant nicht mehr als zwei Kategorien unseres Denkvermögens, nämlich Zaum und Reit, - ich wollte sagen Raut und Zeim.

*

Als ich Sie von ferne sah, Herr Hofrat Ettinger, glaubte ich, Sie wären Ihr Herr Bruder, der Buchhändler Ettinger, als Sie jedoch näher kamen, sah ich, daß Sie es selbst sind und jetzt sehe ich nun, daß Sie Ihr Herr Bruder sind.

 

Johann Georg August Galletti (* 19. August 1750 in Altenburg; † 16. März 1828 in Gotha) war ein deutscher Historiker und Geograph, Verfasser zahlreicher zeitgenössisch bedeutsamer Historien und Lehrbücher. Bekannter als durch seine wissenschaftliche Tätigkeit – Schiller soll ihn für den „langweiligsten und geistlosesten Historiker, der je gelebt hat“ erklärt haben – wurden seine „Kathederblüten“ genannten Versprecher, die angeblich von seinen Schülern gesammelt und später als Gallettiana veröffentlicht wurden.

 

 

Philipp Galle, Kopf eines Narren
Philipp Galle (1537-1612) war ein niederländischer Zeichner und Kupferstecher des Manierismus. Daneben war er als Kupferstichhändler, Kupferstichverleger und Schriftsteller tätig.

Christian Morgenstern 1871-1914

Die Behörde

 

Korf erhält vom Polizeibüro

ein geharnischt Formular,

wer er sei und wie und wo.

 

Welchen Orts er bis anheute war,

welchen Stands und überhaupt,

wo geboren, Tag und Jahr.

 

Ob ihm überhaupt erlaubt,

hier zu leben und zu welchem Zweck,

wieviel Geld er hat und was er glaubt.

 

Umgekehrten Falls man ihn vom Fleck

in Arrest verführen würde, und

drunter steht: Borowsky, Heck.

 

Korf erwidert darauf kurz und rund:

»Einer hohen Direktion

stellt sich, laut persönlichem Befund,

 

untig angefertigte Person

als nichtexistent im Eigen-Sinn

bürgerlicher Konvention

 

vor und aus und zeichnet, wennschonhin

mitbedauernd nebigen Betreff,

Korf. (An die Bezirksbehörde in –.)«

 

Staunend liests der anbetroffne Chef.

 

 

Hieronymus Bosch, The Temptation of Saint Anthony, Detail
Hieronymus Bosch (eigentlich Jheronimus van Aken, um 1450-1516) war ein niederländischer Maler der Renaissance.
 

Christian Morgenstern 1871-1914

Korf erfindet eine Art von Witzen ...

 

Korf erfindet eine Art von Witzen,

die erst viele Stunden später wirken.

Jeder hört sie an mit Langerweile.

 

Doch als hätt ein Zunder still geglommen,

wird man nachts im Bette plötzlich munter,

selig lächelnd wie ein satter Säugling.

 

*

 

Die Brille

 

Korf liest gerne schnell und viel;

darum widert ihn das Spiel

all des zwölfmal unerbetnen

Ausgewalzten, Breitgetretnen.

 

Meistens ist in sechs bis acht

Wörtern völlig abgemacht,

und in ebensoviel Sätzen

läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

 

Es erfindet drum sein Geist

etwas, was ihn dem entreißt:

Brillen, deren Energieen

ihm den Text – zusammenziehen!

 

Beispielsweise dies Gedicht

läse, so bebrillt, man – nicht!

Dreiunddreißig seinesgleichen

gäben erst – Ein – – Fragezeichen!!

 

*

 

Die Mittagszeitung

 

Korf erfindet eine Mittagszeitung,

welche, wenn man sie gelesen hat,

ist man satt.

 

Ganz ohne Zubereitung

irgendeiner andern Speise.

Jeder auch nur etwas Weise

hält das Blatt.

 

Jean Veber, L'arracheuse de dents
Jean Veber (1864- 1928) war ein französischer Karikaturist und Maler.

Eduard Mörike 1804-1875

Der Kehlkopf 

 

Der Kehlkopf, der im hohlen Bom

Als Weidenschnuppe uns ergötzt,

Dem kam man endlich auf das Trom,

Und hat ihn säuberlich zerbäzt,

Man kam von hinten angestiegen,

Drauf ward er vorne ausgezwiegen.

 

 

John William Waterhouse,

Touchstone, the Jester
John William Waterhouse (1849-1917) war ein britischer Maler, der sowohl dem Akademischen Realismus als auch der Gruppe der Präraffaeliten zugerechnet wird.
 

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Kindergebetchen

Erstes

 

Lieber Gott, ich liege

Im Bett. Ich weiß, ich wiege

Seit gestern fünfunddreißig Pfund.

Halte Pa und Ma gesund.

Ich bin ein armes Zwiebelchen,

Nimm mir das nicht übelchen.

 

*

 

Zweites

 

Lieber Gott, recht gute Nacht.

Ich hab noch schnell Pipi gemacht,

Damit ich von dir träume.

Ich stelle mir den Himmel vor

Wie hinterm Brandenburger Tor

Die Lindenbäume.

Nimm meine Worte freundlich hin,

Weil ich schon sehr erwachsen bin.

 

*

 

Drittes

 

Lieber Gott mit Christussohn,

Ach schenk mir doch ein Grammophon.

Ich bin ein ungezognes Kind,

Weil meine Eltern Säufer sind.

Verzeih mir, daß ich gähne.

Beschütze mich in aller Not,

Mach meine Eltern noch nicht tot

Und schenk der Oma Zähne.

 

Jan Steen, The Egg Dance Peasants Merrymaking in an Inn
Jan Havickszoon Steen (1626-1679) war ein niederländischer Maler, ein Meister des holländischen Genrebildes im Goldenen Zeitalter der Niederlande.

Frank Wedekind 1864-1918

Der Tantenmörder

 

Ich hab' meine Tante geschlachtet,

Meine Tante war alt und schwach;

Ich hatte bei ihr übernachtet

Und grub in den Kissen-Kasten nach.

 

Da fand ich goldene Haufen,

Fand auch an Papieren gar viel

Und hörte die alte Tante schnaufen

Ohn' Mitleid und Zartgefühl.

 

Was nutzt es, dass sie sich noch härme-

Nacht war es rings um mich her-

Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,

Die Tante schnaufte nicht mehr.

 

Das Geld war schwer zu tragen,

Viel schwerer die Tante noch.

Ich fasste sie bebend am Kragen

Und stieß sie ins tiefe Kellerloch.

 

Ich hab' meine Tante geschlachtet,

Meine Tante war alt und schwach;

Ihr aber, o Richter, ihr trachtet

Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.

 

 

Jacob van Oostsanen (attr.), Lachender Narr
Jacob Cornelisz. van Oostsanen, auch Jacob Cornelisz. van Amsterdam (vor 1470-1533) war ein niederländischer Maler und Holzschnittmeister zum Ende der Spätgotik.
 

Vermischtes

 

Berlin, den Datum weiß ich nicht,

Keinen Kalender hab ich nicht,

Die Tinte ist mir eingefroren,

Die Feder hab ich auch verloren,

Der Bleistift ist mir abgebrochen,

Vor Schreck bin ich ins Bett gekrochen.

 

(aus: Walter Kiaulehn, Der richtige Berliner)

 

*

 

Gibt dir det Leben einen Puff,

da weine keine Träne.

Lach dir 'nen Ast und setz dir druff

Un bammle mit de Beene.

 

(aus: Walter Kiaulehn, Der richtige Berliner)

 

*

 

Es pißt der Hund wohl auf drei Beinen,

Auf allen vieren pißt die Kuh,

Der kleine Pisser pißt ins Leinen,

In meinem Herzen bist nur du!

 

(aus: Wir machen keinen langen Mist )

 

*

 

Aus Irmas Album

 

Leb immer ohne Sorgen

Und meistens schön und rein,

So wie ein Frühlingsmorgen

Im Abendsonnenschein.

 

(aus: Fliegende Blätter 83 - 1885)

 

Jan Massys, Lustige Gesellschaft
Jan Massys (1510-1575) war ein bedeutender flämischer Maler des Manierismus, Sohn von Quentin Massys d. Ä. und wahrscheinlich von ihm ausgebildet.

Das Auto fuhr an einen Baum.

Als man zur Besinnung kam,

schrie der Mann:

»Wo ist der Schnellverband?«

 

Und die Frau antwortete:

»Er steckt in der Vasenoldose,

die in meiner Puderschachtel liegt,

die sich in deiner Zigarrenkiste befindet,

die wir in meine Nachthemden eingewickelt haben,

zuunterst in meinem kleinen Koffer,

der in die Reisedecke eingeschlagen

und unter deine Wäsche

in den großen Koffer hineingelegt wurde,

den wir in der Eile zu Hause vergessen haben.«

(aus: Alles Unsinn)

 

 

August Roeseler, Preistierschau
August Roeseler (auch Röseler, 1866-1934) war ein deutscher Maler, Zeichner, Radierer und Karikaturist, als „Dackelmaler“ bekannt.

Christian Morgenstern 1871-1914

 

Palmström steht an einem Teiche

und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:

Auf dem Tuch ist eine Eiche

dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

 

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen, -

er gehört zu jenen Käuzen,

die oft unvermittelt-nackt

Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

 

Zärtlich faltet er zusammen,

was er eben erst entbreitet.

Und kein Fühlender wird ihn verdammen,

weil er ungeschneuzt entschreitet

 

*

 

Palmström legt des Nachts sein Chronometer,

um sein lästig Ticken nicht zu hören,

in ein Glas mit Opium oder Äther.

 

Morgens ist die Uhr dann ganz ›herunter‹.

Ihren Geist von neuem zu beschwören,

wäscht er sie mit schwarzem Mokka munter.

 

*

 

Palmström, etwas schon an Jahren,

wird an einer Straßenbeuge

und von einem Kraftfahrzeuge überfahren.

"Wie war"(spricht er sich erhebend

und entschlossen weiterlebend)

"möglich, wie dies Unglück, ja -:

daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen

in bezug auf Kraftfahrwagen?

Gab die Polizeivorschrift

hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,

hier Lebendige zu Toten

umzuwandeln, - kurz und schlicht:

Durfte hier der Kutscher nicht -?"

Eingehüllt in feuchte Tücher,

prüft er die Gesetzesbücher

und ist alsobald im klaren:

Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:

"Nur ein Traum war das Erlebnis.

Weil", so schließt er messerscharf,

"nicht sein kann, was nicht sein darf."

 

 

Charles Hunt Jr., Waiting at the Level Crossing 2 (At the Toll Gate)
Charles Hunt Jr. (1829-1900) war ein britischer Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Gruselett

 

Der Flügelflagel gaustert

durchs Wiruwaruwolz,

die rote Fingur plaustert,

und grausig gutzt der Goltz.

 

Jan Van Beers, The King's Jester
Jan Van Beers (1852-1927) war ein belgischer Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Im Tierkostüm

 

Palmström liebt es, Tiere nachzuahmen,

und erzieht zwei junge Schneider

lediglich auf Tierkostüme.

 

So z.B. hockt er gern als Rabe

auf dem oberen Aste einer Eiche

und beobachtet den Himmel.

 

Häufig auch als Bernhardiner

legt er zottigen Kopf auf tapfere Pfoten,

bellt im Schlaf und träumt gerettete Wanderer.

 

Oder spinnt ein Netz in seinem Garten

aus Spagat und sitzt als eine Spinne

tagelang in dessen Mitte.

 

Oder schwimmt, ein glotzgeäugter Karpfen,

rund um die Fontäne seines Teiches

und erlaubt den Kindern ihn zu füttern.

 

Oder hängt sich im Kostüm des Storches

unter eines Luftschiffs Gondel

und verreist so nach Ägypten.

 

Louis-Léopold Boilly, Réunion de 35 têtes d'expression
Louis-Léopold Boilly (1761-1845) war ein französischer Maler und Lithograph.

Karl Valentin 1882-1948

 

Wissen Sie schon,

daß man ein weiches Ei nicht als Zahnstocher benutzen soll?

*

Das muß man dem Frühling hoch anrechnen:

Jedes Jahr besingen ihn die Dichter,

und trotzdem kommt er immer wieder.

*

Das Fischen von lebenden Fischen mit der Angel

wird von vielen Seiten als Grausamkeit empfunden:

Hauptsächlich vom Fisch selbst.

*

Die Reichen reichen sich die Hände,

die Armen reichen sich die Arme.

*

Enden tat das Spiel mit dem Sieg der einen Partei -

die andere Partei hatte den Sieg verloren.

Es war vorauszusehen, daß es so kam.

*

Heute ist die gute alte Zeit von morgen.

*

Mögen hätt ich schon wollen,

aber dürfen hab ich mich nicht getraut!

*

Ob so oder so, im Falle es könnte oder es ist,

da erklärlicherweise in Anbetracht oder vielmehr,

warum es so gekommen sein kann oder muß,

so ist kurz gesagt kein Beweis vorhanden,

daß es selbstverständlich erscheint.

*

Nieder mit den Hohen - Es leben die Niederen -

Nieder mit den Niederen - Es leben die ganz Niedrigen.

Nieder mit dem Verstand - es lebe der Blödsinn!

*

Gar nicht krank ist auch nicht gesund.

*

Ich bin kein direkter Rüpel aber die Brennnessel unter den Liebesblumen.

*

Alle reden vom Wetter, aber keiner unternimmt was dagegen.

*

Hoffentlich wird's nicht so schlimm, wie's schon ist.

*

Es freut sich's Herz und das Gemüt,

wo die Blume des Blödsinns blüht.

*

Zuerst wartete ich langsam, dann immer schneller.

*

Nur einen Tag zu spät, aber dennoch zu spät.

*

Ich freue mich wenn es regnet.

Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.

*

Als ich die Hebamme sah, die mich empfing, war ich sprachlos.

Ich habe die Frau in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

*

Ich wünsch Ihnen ewige Gesundheit und einen guten Hausarzt.

*

Manchmal bin ich einfach nicht meiner Meinung.

*

Heute in mich gegangen - auch nichts los.

 

 

Cornelis van Haarlem, Fou
Cornelis Corneliszoon van Haarlem (1562-1638) war ein niederländischer Maler und Zeichner, einer der führenden Künstler des Manierismus in den Niederlanden und ein wichtiger Vorgänger von Frans Hals.

Christian Morgenstern 1871-1914

Das Butterbrotpapier

 

Ein Butterbrotpapier im Wald,

da es beschneit wird, fühlt sich kalt...

 

In seiner Angst, wiewohl es nie

an Denken vorher irgendwie

 

gedacht, natürlich, als ein Ding

aus Lumpen usw., fing,

 

aus Angst, so sagte ich, fing an

zu denken, fing, hob an, begann

 

zu denken, denkt euch, was das heißt,

bekam (aus Angst, so sagt' ich) - Geist,

 

und zwar, versteht sich, nicht bloß so

vom Himmel droben irgendwo,

 

vielmehr infolge einer ganz

exakt entstandnen Hirnsubstanz -

 

die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer,

(durch Angst), mit Überspringung der

 

sonst üblichen Weltalter, an

ihm Boden und Gefäß gewann -

 

[(mit Überspringung) in und an

ihm Boden und Gefäß gewann.]

 

Mithilfe dieser Hilfe nun

entschloß sich das Papier zum Tun,

 

zum Leben, zum - gleichviel, es fing

zu gehn an - wie ein Schmetterling...

 

zu kriechen erst, zu fliegen drauf,

bis übers Unterholz hinauf,

 

dann über die Chaussee und quer

und kreuz und links und hin und her -

 

wie eben solch ein Tier zur Welt

(je nach dem Wind) (und sollst) sich stellt.

 

Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! -:

Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,

 

erblickt's (wir sind im Januar...) -

und schickt sich an, mit Haut und Haar -

 

und schickt sich an, mit Haar und Haut -

(wer mag da endigen!) (mir graut) -

 

(Bedenkt, was alles nötig war!) -

und schickt sich an, mit Haut und Haar --

 

ein Butterbrotpapier im Wald

gewinnt - aus Angst - Naturgestalt...

 

Genug!! Der wilde Specht verschluckt

das unersetzliche Produkt...

 

John Collier, Titel unbekannt
John Collier (1708-1786) war ein englischer Karikaturist und satirischer Dichter.

Johannes Trojan 1837-1915

Das Quadrat

 

Laßt uns das Quadrat betrachten,

denn das ist dem Geist gesund.

Höher müssen wir es achten,

als den Kreis, der gar zu rund.

 

Niemand kann es ihm bestreiten,

daß es ist an Tugend reich.

Denn es hat vier gute Seiten,

und sie sind einander gleich.

 

Ohne jeden falschen Dünkel

steht es da auf dem Papier.

Denn es hat nur rechte Winkel

und besitzt derselben vier.

 

Manchen Vorzug hat´s unstreitig,

den beim Dreieck man vermisst,

und erfreut auch anderseitig,

weil es so symmetrisch sit.

 

Ja, zur Lust der Weltbewohner

ist´s geschaffen in der Tat.

Reinlicher und zweifelsohner

ist wohl nichts als das Quadrat.

 

*

 

Der Rosenzweig
Von Kurt dem Träumer

Von einem blühenden Rosenstrauch
Brach heut' ich ein Zweiglein mir.
Das trug eine volle Ros' und auch
Dazu der Knospen vier.

Und als ich der Liebsten den Zweig gereicht,
Da fiel mir folgendes ein:
O diese Rose, wie sehr sie gleicht
Einer Sau mit vier Ferkelein.

Das sagt' ich der Liebsten, sie nahm es schief,
Warf mir den Zweig ins Gesicht,
Ich aber schimpfend von dannen lief
Und machte dieses Gedicht.

 

*

 

Skat

 

Und als an das blaue Meer ich trat,

Da standen drei Männer drinnen,

Die spielten während des Bades Skat,

Und einer schien zu gewinnen.

Der Skat dabei auf dem Wasser schwamm.

Mich aber dünkte das wundersam.

 

Und als ich kam auf des Faulhorns Höh',

Wohl über Klippen und Grate,

Da fand ich drei Männer im ewigen Schnee,

Sie saßen schon lange beim Skate.

Der eine gab schon zum hundertsten Mal –

Da floh ich schaudernd hinab ins Thal.

 

Es sitzen da im geheimen Rath

Drei strenge Richter der Todten.

Sie sollen's sein, doch sie spielten Skat,

Obgleich es Pluto verboten.

O sagt, wohin kann ein Mensch noch gehn,

Um nicht drei Männer beim Skat zu sehn?

 

 

Judith Leyster, Merry Trio
Judith Leyster (1609-1660) war eine niederländische Malerin des 17. Jahrhunderts. Sie gilt als eine der wenigen Malerinnen des Goldenen Zeitalters, deren Werk bis heute erhalten ist. Ihre Arbeiten werden dem Barock zugeordnet.

Wilhelm Busch 1832-1908

Gemartert

 

Ein gutes Tier

Ist das Klavier,

Still, friedlich und bescheiden,

Und muß dabei

Doch vielerlei

Erdulden und erleiden.

 

Der Virtuos

Stürzt darauf los

Mit hochgesträubter Mähne.

Er öffnet ihm

Voll Ungestüm

Den Leib gleich der Hyäne.

 

Und rasend wild,

Das Herz erfüllt

Von mörderlicher Freude,

Durchwühlt er dann,

Soweit er kann,

Des Opfers Eingeweide.

 

Wie es da schrie,

Das arme Vieh,

Und unter Angstgewimmer

Bald hoch, bald tief

Um Hilfe rief,

Vergess' ich nie und nimmer.

 

James Gillray, The Pic Nic Orchestra
James Gillray (1757-1815) war ein britischer Karikaturist und Radierer.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Betrachtungen über dicke und dünne Frauen

 

Die dünne Frau sitzt angesichts

Der Magerkeit beinah auf nichts.

 

Wenn dicke Fraun schon merklich schwitzen,

Dann soll man sie nicht noch erhitzen.

 

Die dünne Frau ist leicht verstimmt,

Wenn man ihr Rückenmark entnimmt.

 

Die Lerche steigt ins Wolkenblau.

Wie anders ist die dicke Frau.

 

Bei dünnen Frauen schmeckt das Knie

Nach ihrem Tod wie Sellerie.

 

Die dicken Fraun der Eskimos,

Die haben eisige Popos.

 

Die dünnen Fraun am schwarzen Meere

Benutzt man dort im Krieg als Speere.

 

Wenn dicke Frauen rasch verwesen,

So stört das sehr beim Zeitungslesen.

 

Es ist nicht fair, die dünnen Frauen

Vorm Frühstück mit Metall zu hauen.

 

Um dicke Frauen zu entkleiden,

Tut man sie besser erst zerschneiden.

 

Im Gegensatz zu den sehr dicken

Sind dünne Frauen leicht zu verschicken.

 

 

Louis-Léopold Boilly, Les amateurs de tableaux, 1823
Louis-Léopold Boilly (1761-1845) war ein französischer Maler und Lithograph.

Nikolaus Rost 1542-1622

Ein Meidlein jung

 

Ein Meidlein jung gefällt mir wohl,

Von Jahren alt, weis wie ein Kohl',

Schön wie ein Rap ihr gelbes Haar,

Triefftunckel seind die Aeuglein klar.

 

Die Stirn rund wie ein gfalten Rock,

Feist außgedürrt die Bäcklein schmock.

Blaurot ist ihr das Mündlein weiß,

Schön häßlich ich sie schelt und preiß.

 

Schneeweiß sind ihre schwarze Händ,

Wie eine Schneck im Gang behend,

Wie ein Kettenhund freundlich redt,

Sauhöflich, wenn sie geht und steht.

 

Ein solches Meidlein hätt ich gern,

Nah bei ihr zsein' sehr weit und fern,

Sie oft zu herzen nimmermehr,

Gott nehm sie bald! ist mein Begehr.

 

schmock = schmuck

zsein = zu sein

 

Nikolaus Rost, auch Rosthius, (* um 1542 in Weimar; † 22. November 1622 in Kosma) war ein deutscher Kantor und Komponist.

 

Jan van Hemessen, Tearful Bride
Jan van Hemessen (eigentlich Jan Sanders, 1500-1566) war ein flämischer Maler.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Bumerang

 

War einmal ein Bumerang;

War ein weniges zu lang.

Bumerang flog ein Stück,

Aber kam nicht mehr zurück.

Publikum – noch stundenlang –

Wartete auf Bumerang.

 

*

 

Volkslied

 

Wenn ich zwei Vöglein wär

Und auch vier Flügel hätt,

Flög die eine Hälfte zu dir.

Und die andere, die ging auch zu Bett,

Aber hier zu Haus bei mir.

 

Wenn ich einen Flügel hätt

Und gar kein Vöglein wär,

Verkaufte ich ihn dir

Und kaufte mir dafür ein Klavier.

 

Wenn ich kein Flügel wär

(Linker Flügel beim Militär)

Und auch keinen Vogel hätt,

Flög ich zu dir.

Da 's aber nicht kann sein,

Bleib ich im eignen Bett

Allein zu zwein.

 

*

 

Preisaufgaben

 

Das Es ki mo no to ne

Besteht aus fünfmal Wort.

Und eine Kaffeebohne

Treibt niemals Pferdesport.

 

Man soll nicht Pferde reizen.

Ein Pferd ist keine Kuh.

Wenn Aale Beine spreizen,

Sieht niemals jemand zu.

 

Je mand ar in der brüs te,

Recht sauber eingehüllt,

Erregen oft Gelüste,

Die manches gern erfüllt.

 

Man ches ter ho sen il es –,

Geht vieles stumpf einher.

Quatsch gibt den Dummen vieles,

Gibt Klugen manchmal mehr.

 

Jan Mandijn, Burlesque Feast
Jan Mandijn or Jan Mandyn (c.1500 – c.1560) war ein holländischer Renaissance-Maler.

Johannes Trojan 1837-1915

Die achtundachtziger Weine

Ein saures Stück Arbeit

 

In diesem Jahr am Rheine

Sind leider gewachsen Weine,

Die an Wert nur geringe,

Es reiften nur Säuerlinge

Im Verlauf dieses Herbstes;

Nur Herberes bracht er und Herbstes -

Zu viel Regen, zu wenig Sonnenschein

Ließ erhofften Segen zerronnen sein,

Nichts Gutes floß in die Tonnen ein.

Der 88er Rheinwein

Ist, leider Gottes, kein Wein,

Um Leidende zu laben,

Um Gram zu begraben,

Um zu vertreiben Trauer;

Er ist dafür zu sauer.

 

An der Mosel steht es noch schlimmer,

Da hört man nichts als Gewimmer,

Nichts als Ächzen und Stöhnen

Von den Vätern und Söhnen,

Den Müttern und den Töchtern

Über den noch viel schlechtern

Ertrag der heurigen Lese.

Der Wein ist wahrhaft böse,

Ein Rachenputzer und Krätzer,

Wie unter Gläubigen ein Ketzer,

Wie ein Strolch, ein gefährlicher,

In dem Kreise Ehrlicher

Unter guten Weinen erscheint er,

Aller Freude ist ein Feind er.

Aller Lust ein Verderber;

Sein Geschmack ist fast noch herber

Als der des Essigs, des reinen -

Ein Wein ist er zum Weinen.

 

Aber der Wein, der in Sachsen

In diesem Jahr ist gewachsen,

Und bei Naumburg, im Tale

Der rasch fließenden Saale,

Der ist saurer noch viele Male

Als der sauerste Moselwein.

Wenn du ihn schlürfst in dich hinein,

Ist dirs, als ob ein Stachelschwein

Dir kröche durch die Kehle,

Das deinen Magen als Höhle

Erkor, darin zu hausen.

Angst ergreift dich und Grausen.

 

Aber der Grünberger

Ist noch sehr viel ärger.

Laß ihn nicht deine Wahl sein!

Gegen ihn ist der Saalwein

Noch viel süßer als Zucker.

Er ist ein Wein für Mucker,

Für die schlechtesten Dichter

Und dergleichen Gelichter.

Er macht lang die Gesichter,

Blaß die Wangen; wie Rasen

So grün färbt er die Nasen.

Wer ihn trinkt, den durchschauert es,

Wer ihn trank, der bedauert es.

Er hat etwas so Versauertes,

Daß er sich nicht läßt mildern

Und schwer nur ist zu schildern

In Worten oder Bildern.

 

Aber der Züllichauer

Ist noch zwölfmal so sauer

Als der Wein von Grünberg,

Der ist an Säure ein Zwerg

Gegen den Wein von Züllichau.

Wie eine borstige wilde Sau

Zu einer zarten Taube

So verhält sich, das glaube,

Dieser Wein zu dem Rebensaft

Aus Schlesien. Er ist schauderhaft,

Er ist gräßlich und greulich,

Über die Maßen abscheulich.

Man sollte ihn nur auf Schächerbänken

Den Gästen in die Becher schenken,

Mit ihm nur schwere Verbrecher tränken

Aber nicht ehrliche Zecher kränken.

 

Wenn du einmal kommst

In diesem Winter nach Bomst,

Deine Erfahrung zu mehren,

Und man setzt, um dich zu ehren,

Dir heurigen Bomster Wein vor,

Dann, bitt ich dich, sieh dich fein vor,

Daß du nichts davon verschüttest

Und dein Gewand nicht zerrüttest,

Weil er Löcher frißt in die Kleider

Und auch in das Schuhwerk, leider.

Denn dieses Weines Säure

Ist eine so ungeheure,

Daß gegen ihn Schwefelsäure

Der Milch gleich ist, der süßen,

Die zarte Kindlein genießen.

Fällt ein Tropfen davon auf den Tisch,

So fährt er mit lautem Gezisch

Gleich hindurch durch die Platte.

Eisen zerstört er wie Watte,

Durch Stahl geht er wie durch Butter,

Er ist aller Sauerkeit Mutter.

Standhalten vor diesem Sauern

Weder Schlösser noch Mauern.

Es löst in dem scharfen Bomster Wein

Sich Granit auf und Ziegelstein.

Diamanten werden sogleich,

In ihn hineingelegt, pflaumenweich,

Aus Platina macht er Mürbeteig.

Dieses vergiß nicht, falls du kommst

In diesem Winter einmal nach Bomst.

 

 

Filipp Malyawin, Lachende Bäuerin, Detail
Filipp Andrejewitsch Malyawin (1869-1940) war ein russischer Maler.
 

Christian Morgenstern 1871-1914

Der Seufzer

 

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis

und träumte von Liebe und Freude.

Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß

glänzten die Stadtwallgebäude.

 

Der Seufzer dacht an ein Maidelein

und blieb erglühend stehen.

Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –

und er sank – und ward nimmer gesehen.

 

*

 

Vice versa

 

Ein Hase sitzt auf einer Wiese,

des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch im Besitze eines Zeißes,

betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-à-vis gelegnen Berg

ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum

ein Gott von fern an, mild und stumm.

 

*

 

Das Nasobêm

 

Auf seinen Nasen schreitet

einher das Nasobêm,

von seinem Kind begleitet.

Es steht noch nicht im Brehm.

 

Es steht noch nicht im Meyer.

Und auch im Brockhaus nicht.

Es trat aus meiner Leyer

zum ersten Mal ans Licht.

 

Auf seinen Nasen schreitet

(wie schon gesagt) seitdem,

von seinem Kind begleitet,

einher das Nasobêm.

 

Moritz Gottlieb Saphir 1795-1858

 

Weil gar zu schön im Glas der Wein geblunken,

hat sich der Hans dick voll getrinkt.

Drauf ist im Zickzack er nach Haus gehunken

und seiner Grete in den Arm gesinkt.

Die aber hat ganz mächtig abgewunken

und hinter ihm die Türe zugeklunken.

 

Moritz Gottlieb Saphir, österreichischer Journalist und Satiriker, Kritiker

Unbekannte Autoren

 

Finster war's, der Mond schien helle

Auf die grünbeschneite Flur,

Als ein Wagen blitzesschnelle

Langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute

Schweigend ins Gespräch vertieft,

Als ein totgeschossner Hase

Auf dem Wasser Schlittschuh lief

Und ein blondgelockter Knabe

Mit kohlrabenschwarzem Haar

Auf die grüne Bank sich setzte,

Die gelb angestrichen war.

 

*

 

Ick sitze hier und esse Klops

 

Ick sitze hier und esse Klops,

Uff eenmal kloppt's.

Ick kieke, staune, wundre mir,

Uff eenmal jeht se uff, die Tier,

Nanu, denk ick, ick denk, nanu,

Jetzt isse uff, erscht war se zu.

Ick jehe raus und blicke,

Und wer steht draußen? — Icke!

(aus, Dunkel war's)

 

 

Klavdy Lebedev, The Princess and the Fool
Klavdy Vasiliyevich Lebedev (1852-1916) war ein russischer Maler, Mitglied der realistischen Künstlergruppe The Wanderers.
 

Christian Morgenstern 1871-1914

Die beiden Esel

 

Ein finstrer Esel sprach einmal

zu seinem ehlichen Gemahl:

 

»Ich bin so dumm, du bist so dumm,

wir wollen sterben gehen, kumm!«

 

Doch wie es kommt so öfter eben:

Die beiden blieben fröhlich leben.

 

*

 

Der Schnupfen

 

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,

auf daß er sich ein Opfer fasse

 

– und stürzt alsbald mit großem Grimm

auf einen Menschen namens Schrimm.

 

Paul Schrimm erwidert prompt: »Pitschü!«

und hat ihn drauf bis Montag früh.

 

Jan Miense Molenaer, The Five Senses, Smell
Jan Miense Molenaer (um 1610-1668) war ein niederländischer Maler und Radierer.

Unbekannter Autor

Fürchterliche Ballade

in drei schauderhaften Abteilungen

 

I

 

Der Saal erglänzt im hellsten Kerzenstrahle,

Und lustger Sang ertönt aus jeder Kahle.

 

Und Tänzer fliegen auf der Freude Schwingen;

Doch ein Herz klopft voll Kummer und voll Bingen.

 

Es ist das Herz des Fräuleins Leonore,

Des Fräuleins mit dem rabenschwarzen Lockenhoore.

 

Lenoren sah man mit dem Ritter Kunzen

Schon etliche Galopps zusammen tunzen.

 

Das sah auch Ritter Veit, und Eifersucht

Ward gleich in seiner wilden Brust entfucht.

 

Zu Kunzen geht er hin und sagt ihm grimmig:

Gleich gehst du mit mir, oder Gott verdimm mich!

 

II

 

Der Garten glänzt im hellsten Mondenstrahle,

Und aus den Zweigen tönt das Lied der Philomale.

 

Der Ritter Veit zieht seine Klinge nackigt

Und steht voll Mordgier in dem dunklen Dackigt.

 

Der Ritter Kunz naht jetzt und spricht: Was soll ich?

Da sagt sein Feind: Dein Schwert zieh oder deinen Dollich!

 

Da sagt ihm Ritter Kunz: Du willst mir trumpfen?

Ich spotte dein! Auf, laß uns blutig kumpfen!

 

Schon fechten sie in wildentbranntenm Trotzen,

Daß durch die Nacht die scharfen Schwerter blotzen.

 

Und ehe fünf Minuten noch verstrichen,

Da lagen beide jämmerlich durchstichen.

 

III

 

Kaum hörte man im Saal Geklirr der Klingen,

So deckte Leichenblässe alle Wingen.

 

Schnell stürzet alles nach der dunklen Grotte.

Und sieht bald, was sich da ereignet hotte.

 

Lenore ruft: Weh mir, ich komm zu späte!

Sie liegen beide tot in ihrem Bläte.

 

So ruft die Jungfrau tugendreich und edel

Und nimmt aus ihren Haaren eine spitze Nedel,

 

Blickt in den Mond mit Schauder und mit Grausen

Und stößt die Nadel tief in ihren Bausen.

 

Und alles sieht mit Angst und mit Entsetzen

Der Jungfrau rotes Blut hochaufwärts spretzen.

 

Schon sinkt sie hin, die so viel Anmut hatte,

Und auf zwei Leichen lieget jetzt die dratte.

 

Aus wilder Eifersucht entstehet immer

Not, Drangsal, Trübsal, Pein und großer Jimmer.

 

Was das Geschick auch Böses mag verhängen,

Man tut nicht recht, sich selbsten umzubrängen.

 

aus "Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten..."

 

 

Franz Sedlacek, Das Narrenschiff, Jugend 1930 Heft 6, Detail
Franz August Moritz Georg Sedlacek (1891 - seit 1945 in Polen vermisst) war ein österreichischer Maler.

Jakob van Hoddis 1887-1942

Weltende

 

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

 

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

 

Pieter van der Heyden, Die blau Schuyte 1559
Pieter van der Heyden (um 1530 - nach 1572) war ein flämischer Kupferstecher. Er fertigte für den Verleger Hieronymus Cock Kupferstiche nach Vorlagen Hieronymus Boschs, Pieter Bruegels d. Ä., Frans Floris', Hans Bols und Lambert Lombards

Johann Georg August Galletti 1750-1828

Kathederblüten

 

In Paris werden Spiegel verfertigt, die ohne Glas und Rahmen wohl 12000 Taler kosten.

*

Wer auf einen sehr hohen Berg steigt, der wird schwindlig;

natürlich - denn es schwindelt ihn.

*

Als Humboldt den Chimborasso bestieg,

war die Luft so dünn,

daß er nicht mehr ohne Brille lesen konnte.

*

In der Sahara liegt der Sand so locker,

daß heute da Berge sind,

wo morgen Täler waren.

*

Das beste Pflanzensalz im Tierreich ist Erz.

*

Auf schwarzen Bergen sind schwarze Tiere schwarz.

 

Gerrit van Hondhorst, The Steadfast Philosopher
Gerrit van Honthorst (1592-1656) war ein niederländischer Maler. Er zählte zu den Anhängern Caravaggios und wird als einer der Utrechter Caravaggisten bezeichnet. Pseudonyme: Gherardo della Notte, Gerard van Honthorst, Gherardo Fiammingo oder Gerardo van Hermansz.

Wilhelm Busch 1832-1908

Der Philosoph

 

Ein Philosoph von ernster Art,

Der sprach und strich sich seinen Bart:

»Ich lache nie. Ich lieb' es nicht,

Mein ehrenwertes Angesicht

Durch Zähnefletschen zu entstellen

Und närrisch wie ein Hund zu bellen;

Ich lieb' es nicht, durch ein Gemecker

Zu zeigen, daß ich Witzentdecker;

Ich brauche nicht durch Wertvergleichen

Mit andern mich herauszustreichen,

Um zu ermessen, was ich bin,

Denn dieses weiß ich ohnehin.

Das Lachen will ich überlassen

Den minder hochbegabten Klassen.

Ist einer ohne Selbstvertraun

In Gegenwart von schönen Fraun,

So daß sie ihn als faden Gecken

Abfahren lassen oder necken,

Und fühlt er drob geheimen Groll

Und weiß nicht, was er sagen soll,

Dann schwebt mit Recht auf seinen Zügen

Ein unaussprechliches Vergnügen.

Und hat er Kursverlust erlitten,

Ist er moralisch ausgeglitten,

So gibt es Leute, die doch immer

Noch dümmer sind als er und schlimmer.

Und hat er etwa krumme Beine,

So gibt's noch krümmere als seine.

Und tröstet sich und lacht darüber

Und denkt: Da bin ich mir doch lieber.

Den Teufel lass' ich aus dem Spiele.

Auch sonst noch lachen ihrer viele,

Besonders jene ewig Heitern,

Die unbewußt den Mund erweitern,

Die, sozusagen, auserkoren

Zum Lachen bis an beide Ohren.

Sie freuen sich mit Weib und Kind

Schon bloß, weil sie vorhanden sind.

Ich dahingegen, der ich sitze

Auf der Betrachtung höchster Spitze,

Weit über allem Was und Wie,

Ich bin für mich und lache nie.«

 

Louis-Léopold Boilly, La Piece Curieuse. An Animal Trainer With Dancing Dogs A Bear And Monkey , Detail
Louis-Léopold Boilly (1761-1845) war ein französischer Maler und Lithograph.

Oscar Blumenthal 1852-1917

Vier kleine Gedichte

 

 

Seitdem bei Schiller ist zu lesen,

Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen,

Glaubt die Menge wahnbethört,

Daß sie zur Minderheit gehört.

 

*

 

Du willst bei Fachgenossen gelten?

Das ist verlorne Liebesmüh.

Was dir mißglückt, verzeihn sie selten;

was dir gelingt, verzeihn sie nie!

 

*

 

Wagner gleicht Beethoven? – Mit Verlaub,

Ein Unterschied bleibt, ein schwerer:

Bei Beethoven war der Musiker taub,

Bei Wagner werden's die Hörer.

 

*

 

Der satte Reichtum hat's ausgedacht,

daß Armut niemandem Schande macht.

Die Schlemmer lehren am vollen Tisch,

wie Salz und Brot hält die Wangen frisch.

 

Die Tauben gurren vom Dachesrand:

"Nehmt lieber den Sperling in der Hand!" …

Und die Dummen faßten den Mehrheitsbeschluß,

daß stets der Klügere nachgeben muß.

 

August Roeseler, Münchener Typen
August Roeseler (auch Röseler, 1866-1934) war ein deutscher Maler, Zeichner, Radierer und Karikaturist, als „Dackelmaler“ bekannt.

Unbekannter Autor

Lügenerzählung

 

Als im Jahre vierunddreißig siebzehnhundert

die Donau brannte und die Bauern bellten

und die Hunde Stroh herbeischleppten,

um das Feuer zu löschen, da begab sich's,

daß ich wandern mußte.

 

Da kam ich an eine Kirche von Pappdeckel,

darin war ein Pfarrer von grauem Löschpapier,

der sprach: »Meine Tochter ist ein geschickter Zimmermann,

macht Schuhe und Strümpfe aller Art,

und alle Leute lassen bei ihr backen.«

Als ich weiter ging, kam ich an ein Guck,

da lochte ich hinein;

da sah ich vier Stühle auf ihren Herrn sitzen,

da tat ich meinen Tag ab und sagte:

»Guten Hut, meine Damen.«

(aus: Nassauisches Kinderleben)

 

Jan Steen, Het vrolijke huisgezin, 1668
Jan Havickszoon Steen (1626-1679) war ein niederländischer Maler, ein Meister des holländischen Genrebildes im Goldenen Zeitalter der Niederlande.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

An Berliner Kinder

 

Was meint ihr wohl, was eure Eltern treiben,

Wenn ihr schlafen gehen müßt?

Und sie angeblich noch Briefe schreiben.

Ich kann’s euch sagen: Da wird geküßt,

Geraucht, getanzt, gesoffen, gefressen,

Da schleichen verdächtige Gäste herbei.

Da wird jede Stufe der Unzucht durchmessen

Bis zur Papagei-Sodomiterei.

Da wird hasardiert um unsagbare Summen.

Da dampft es von Opium und Kokain.

Da wird gepaart, daß die Schädel brummen.

Ach schweigen wir lieber. — Pfui Spinne, Berlin!

 

*

 

Überall

 

Überall ist Wunderland

Überall ist Leben

Bei meiner Tante im Strumpfenband

wie irgendwo daneben.

 

Überall ist Dunkelheit

Kinder werden Väter.

Fünf Minuten später

stirbt sich was für einige Zeit.

Überall ist Ewigkeit.

 

Wenn Du einen Schneck behauchst

Schrumpft er ins Gehäuse,

Wenn Du ihn in Kognak tauchst,

Sieht er weiße Mäuse.

 

 

Ernst Oppler, Ein Schreckschuss, 1904
Ernst Oppler (1867-1929) war ein Maler und Grafiker des deutschen Impressionismus. Sein Schaffen ist kennzeichnend für den Übergang von der Kunst des 19. Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik.
 

Erich Mühsam 1874-1934

Heimweg

 

Mein Heimweg ist nicht lang.

Er läßt mir grade Zeit

zu einem Lobgesang

auf meine Tüchtigkeit.

Ich saß beim Alkohol

und schwatzte angenehm

von Kunst und Menschenwohl:

ich weiß nicht mehr zu wem.

Jetzt aber geh ich heim

und lobe meinen Fleiß,

der stets mit einem Reim

sich zu bestätigen weiß.

 

*

 

Futuristischer Schleifenschüttelreim

 

Der Nitter splackt.

Das Splatter nickt,

wenn splitternackt

die Natter splickt.

 

 

Bartolomeo Passarotti, Villano che suona il liuto
Bartolomeo Passarotti (1529-1592) war ein italienischer Maler und Radierer der Renaissance.

Adolf Glaßbrenner 1810-1876

Die neue Geschichte

Unterhaltung zweier Männer aus dem Volke

 

A. Sag mal, hast du denn schon davon gehört?

B. Wovon denn?

A. Nu von die Jeschichte mit den - mit den - na da draußen, da neben die - Jees! wie heeßen denn die Leute?

B. Meenst du vielleicht die neue Bierkneipe?

A. I ne doch! Ick meene die Jeschichte da mit den - na, der Name schwebt mir uf de Lippe. Die da draußen vorjejangen is, da bei – da draußen bei – Jott, du mußt ja den Ort kennen!

B. Ach, Jees, des is die Jeschichte mit den - ja, die kenn ick – mit den - na mit den, Jees, wie heeßt er doch? Die meenste?

A. Richtig, die meen ick. Also du kennst se schon?

B. Ja, die kenn ick; die hat mir ja der - der - na wie heeßt er denn, erzählt. Der – da draußen - du weeßt ja!

A. Ja, ick weeß schon, det is die Jeschichte! Von den hab ick se ooch.

 

Adolf Glaßbrenner war ein deutscher Humorist und Satiriker, „Erfinder der querköpfig-verschmitzten Type, der Protokollant des biedermeierlichen Berlin, gar der Vater des Berliner Witzes“ (Heinrich-Jost: Adolf Glaßbrenner).

 

Jan van Hemessen, Loose company
Jan van Hemessen (eigentlich Jan Sanders, 1500-1566) war ein flämischer Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

O – raison d'esclave

 

"Krücken, Krücken! gebt uns Krücken!

Ach, wie geht die Menschheit lahm,

seit man, neu sie zu beglücken,

ihr die alten Stützen nahm.

 

Brillen, Brillen! gebt uns Brillen!  

grün und blau und gelb und rot!

Volles Licht ist für Pupillen

unsrer Art der sichre Tod.

 

Lügen, Lügen! gebt uns Lügen!

Ach, die Wahrheit ist so roh!

Wahrheit macht uns kein Vergnügen,

Lügen machen fett und froh!

 

Gängelbänder, Schaukelpferde,

Himmel, Hölle und Moral –

und dich selbst gib deiner Herde

neu zurück, o großer Baal!

 

 

 

 

- nach oben -

 

 

P.S.

 

Johann Michael Moscherosch 1601-1669

Grabschrift

 

Hie lig ich Hanß Schilckebrod

Und bitt dich lieber Herre Gott/

Das ewig Leben wolst geben mir:

Wie ich wolt haben geben dir /

Wann du wärest Hanß Schilckebrod

Und ich wär lieber Herre Gott.

 

Johann Michael Moscherosch, Pseudonym Philander (* 7. März 1601 in Willstätt; † 4. April 1669 in Worms), war ein deutscher Staatsmann, Satiriker und Pädagoge in der Zeit des Barock.

 

P.P.S.

 

Hier ruhen meine Gebeine,

ich wollt es wären Deine!

(Grabinschrift aus: Dymocritos 12)

 

P.P.P.S.

 

Hier liegt Hans Gottlieb Lamm,

Er starb durch'n Sturz vom Damm,

Eigentlich hieß er Leim,

Das paßt aber nicht in 'n Reim.

(aus: Grabinschriften)

 

P.P.P.P.S.

 

Hier ruh ich aus von meiner Erdenplag

Mich kann kein Hoffen mehr betrügen,

Und kommt dereinst der Auferstehungstag,

Ich rühr mich nicht, ich bleibe liegen.

(aus: Grabinschriften)

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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