BuchKult
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Der schönste Monat für das Herz

ist und bleibt der Monat März.

Deutsches Sprichwort

 

Der März soll wie ein Wolf kommen

und wie ein Lamm gehen.

Deutsches Sprichwort

 

Honoré Daumier, Ein sanftes Lüftchen kündigt die Ankunft des Frühlings an, Le Charivari, le 30 mars 1855
Honoré Daumier (1808-1879) war ein französischer Maler, Bildhauer, Grafiker und Karikaturist.

Märzen, Lenzing, Lenz, Lenzmond, Lenzmonat, Reiner Mond, Frühlingsmonat

 

Der März ist der dritte Monat des Jahres im gregorianischen Kalender.

 

Er hat 31 Tage und ist nach dem römischen Kriegsgott Mars benannt,  Martius nannten ihn die Römer. Ursprünglich versammelten sich in diesem Monat, mit dem die Feldzugssaison begann, die waffenfähigen römischen Bürger auf dem so genannten Marsfeld (oder Märzfeld) vor den Toren der Stadt, um gemustert zu werden und ihre Feldherrn zu wählen.

Der alte deutsch-germanische Name ist Lenz, Lenzing bzw. Lenzmond; eine veraltete Schreibung ist Märzen.

 

Der 1. März markiert den meteorologischen Frühlingsanfang. Die Tagundnachtgleiche, der astronomische Frühlingsbeginn, findet in den nächsten Jahrzehnten meist am 20. März statt (auf den 21. März fiel sie zuletzt 2011). An diesem Tag steht die Sonne über dem Äquator im Zenit und geht dort damit genau im Osten auf und genau im Westen unter.

 

 

Eugène Grasset, Mars
Eugène Samuel Grasset (1845-1917) war ein schweizerisch-französischer Bildhauer, Maler und Illustrator der Belle Époque und Wegbereiter des Jugendstils.
 

Erich Kästner 1899-1974

Der März

 

Sonne lag krank im Bett.

Sitzt nun am Ofen.

Liest, was gewesen ist.

Liest Katastrophen.

 

Springflut und Havarie,

Sturm und Lawinen, -

gibt es denn niemals Ruh

drunten bei ihnen.

 

Schaut den Kalender an.

Steht drauf: "Es werde!"

Greift nach dem Opernglas.

Blickt auf die Erde.

 

Schnee vom vergangenen Jahr

blieb nicht der gleiche.

Liegt wie ein Bettbezug

klein auf der Bleiche.

 

Winter macht Inventur.

Will sich verändern.

Schrieb auf ein Angebot

aus andern Ländern.

 

Mustert im Fortgehn noch

Weiden und Erlen.

Kätzchen blühn silbergrau.

Schimmern wie Perlen.

 

In Baum und Krume regt

sich's allenthalben.

Radio meldet schon

Störche und Schwalben.

 

Schneeglöckchen ahnen nun,

was sie bedeuten.

Wenn Du die Augen schließt,

hörst Du sie läuten.

 

 

Gaspar Camps i Junyent, Marcho
Gaspar Camps i Junyent (1874-1942) war ein spanischer Maler, Illustrator und Plakatkünstler des Jugendstils und der Art Déco.
 

Erich Mühsam  1878-1934

März

 

Der Nachtschnee färbt die Straße blau.

Schwarz wächst der Wald am Weg empor,

streckt kahles Ästewerk hervor

wie drohende Wehr aus Feindesbau.

 

Wer hat den feuchten Schnee gehäuft?

Wer hat den Himmel grau verdeckt?

Wer hat den irren Fuß geschreckt,

dass er in lauernde Ängste läuft?

 

Das ist der März: der drückt und droht.

Das ist die Schwangerschaft der Welt.

Das ist, vom Frühlingsdunst zerspellt,

des Winters röchelnde Sterbensnot

 

Breviarium Grimani, März
Breviarium Grimani, Stundenbuch des Domenico Grimani. Das berühmte Breviarium Grimani mit über 1600 durchgehend illuminierten Seiten gilt als eines der schönsten Zeugnisse der flämischen Buchmalerei des frühen 16. Jahrhunderts. Um 1510-1520 in Brügge und Gent entstanden, waren zahlreiche berühmte Miniaturisten an seiner Entstehung beteiligt, darunter Gerard David, Simon Bening und Gerard Horenbout.
 

Im Märzen der Bauer

 

Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.

Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.

Er pflüget den Boden, er egget und sät

und rührt seine Hände früh morgens und spät.

 

Die Bäurin, die Mägde, sie dürfen nicht ruhn,

sie haben im Haus und im Garten zu tun;

sie graben und rechen und singen ein Lied

und freun sich, wenn alles schön grünet und blüht.

 

So geht unter Arbeit das Frühjahr vorbei,

dann erntet der Bauer das duftende Heu;

er mäht das Getreide, dann drischt er es aus:

im Winter, da gibt es manch fröhlichen Schmaus.

Autor unbekannt

 

Daniel Garber, Bright Day, March
Daniel Garber (1880-1958) war ein amerikanischer impressionistischer Landschaftsmaler.

Ferdinand Ernst Albert Avenarius 1856-1923

Im März

 

Graublaue Nebel schleichen

Durch winterlich Gefild,

Graublaue Berge dämmern

Gleich blassem Traumgebild.

 

Der Regen rieselt leise

Im blätterlosen Wald,

Vom kühlen Wind das Flüstern

Aus dürren Zweigen hallt.

 

Dort droben zwitschert ein Vogel

Schüchtern sein kleines Lied –

Weiss nicht, ob Herbst, ob Frühling

Die stille Welt durchzieht.

 

Iwan Choultsé, Nuit de Mars, Russie
Iwan Fedorowitsch Choultsé (1874-1939) war ein Maler des russischen Realismus.

Ernst Blass 1890-1938

Märzabend

 

Meinem Freunde Kurt Hiller gewidmet

 

Die Luft kommt hart und mauerhaft herein

Durch offne Fenster. Und sie bringt Bazillen

Von Influenza sicherlich herein.

Und in dem unerbittlich Mauerstillen:

Zwei schwarze Schwäne, die

Mit Fadenhälsen Hyazinthen spein.

 

Vom Tode werden Mädchen oft entrückt

Dem Arzte, der noch Kampfer injiziert.

Dann wieder wird in Stuben kondoliert,

Wo Schränke stehen, weise und gedrückt;

Und Menscheneinsamkeit, die schüttelfröstelnd stiert

In Räume, in luftleere Räume.

 

 

Emil Jakob Schindler, Märzstimmung – Vorfrühling im Wienerwald, um 1884
Emil Jakob Schindler (1842-1892) war ein österreichischer Landschaftsmaler.
 

Adelbert von Chamisso 1781–1838

Märzveilchen

 

Der Himmel wölbt sich rein und blau,

Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.

 

Am Fenster prangt ein flimmernder Flor,

Ein Jüngling steht, ihn betrachtend, davor,

 

Und hinter den Blumen blühet noch gar

Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar,

 

Märzveilchen, wie jener noch keine gesehn.

Der Reif wird, angehaucht, zergehn.

 

Eisblumen fangen zu schmelzen an,

Und Gott sei gnädig dem jungen Mann.

 

 

Nikolai Astrup, March Atmosphere at Jølstravatnet
Nikolai Astrup (1880-1928) war ein norwegischer Maler und Grafiker.
 

Rudolf G. Binding 1867-1938

 

März. Schmächtiger. Aus Fronmacht

Erwecktes Zart. O Lächeln

Noch zwischen Macht und Ohnmacht.

 

Die blassen Säfte steigen

Im Baum der Sonne nach

Zu schlafenden Gezweigen.

 

Und bleich im Ungewissen

Liegt Feld still neben Brache,

Ruht Land in Düsternissen. –

 

Der Lerche blauer Dom

Ist noch nicht aufgerichtet.

Doch wilder jagt der Strom.

 

Die Wasser drängts zu Meeren

Und heimlich hoch im Grau

Zieht es von Vogelheeren.

 

Nichts blickt zurück. Was stockt

Ist stummes Sich-ermannen

Im strengsten Ruf der lockt.

 

Und um dich ist es schwer

Und leicht von Schlaf und Schauern

Von Lächeln und Begehr.

 

William James Glackens, March Day Washington Square
William James Glackens (1870-1938) war ein amerikanischer Maler und Illustrator.

Fred Endrikat 1890-1942

 

Früher Frühling

Zwischen Februar und März

liegt die große Zeitenwende,

und, man spürt es allerwärts,

mit dem Winter geht’s zu Ende.

Schon beim ersten Sonnenschimmer

steigt der Lenz ins Wartezimmer.

Keiner weiß, wie es geschah,

und auf einmal ist der da.

 

Manche Knospe wird verschneit

zwar im frühen Lenz auf Erden.

Alles dauert seine Zeit,

nur Geduld, es wird schon werden.

Folgt auch noch ein rauer Schauer,

lacht der Himmel um so blauer.

Leichter schlägt das Menschenherz

zwischen Februar und März.

 

Marie Collart, La campagne en mars
Marie Collart (Ehename Marie Collart-Henrotin, auch: Madame Henrotin; 1842-1911) war eine belgische Landschaftsmalerin.

Cäsar Flaischlen 1864-1920

Frühling

 

Hallo, es wird Frühling!

hallo, es ist März!

hörst du den Sturm nicht,

altes Herz?! und siehst du nicht:

wie Tag um Tag nun immer heller

die Sonne durch die Wolken bricht

und wie es ringsum tropft und rinnt

und wie es zu keimen und knospen beginnt

in Tal und Höh, all-allerwärts…

siehs doch und glaub es, altes Herz!

 

Siehs doch und glaub es

und rüst ihm entgegen

und schüttle ab, was dich bedrückt

und verstimmt…

es ist so einfach alles, wenn man

selber nur es einfach nimmt!

und Sorgen und Schwarzsehn trägt nicht weit;

Zuversicht schafft es und Fröhlichkeit!

 

Also raffe dich auf, hallo! und tu mit

und halte Schritt

und mache dich jung wieder, altes Herz!

es wird ja doch Frühling!

es ist ja schon März!

 

Und wiederum sag ich: Hallo, es ist Zeit!

und wenn es auch wettert mitunter

und schneit,

als wenn der Frühling noch monateweit,

es ist Zeit!

sei bereit!

noch ehe dus acht,

steht in siegender Pracht

am tiefblauen Himmel die Sonne und lacht:

 

Ihr habt gejammert wochein und -aus,

wenn nur der Winter erst wieder vorbei

und all die Karneval-Narretei!

man käm nicht aus Frack und aus Festen heraus

und möchte Mensch sein endlich wieder

und hinaus! …

Und nun, und nun?! wo bleibt ihr nun

wenn euch so viel darum zu tun?

 

Ich bin schon immer auf dem Weg,

ich weiß schon lange wie es steht,

und wer einmal über die Felder geht,

auch wenns ihm kalt um die Nase weht,

der weiß Bescheid

und macht sich bereit

und lacht und freut sich: es ist so weit!

 

Konstantin Juon, März-Sonne, 1915
Konstantin Fjodorowitsch Juon (1875-1958) war ein russisch-sowjetischer Maler, Bühnenbildner und Kunsttheoretiker.

Emanuel Geibel 1815-1884

Im März

 

Es ist mir eben angetan,

Zwei schöne Augen sahn mich an,

Und in den süssen feuchten Schein

Blickt' ich zu tief, zu tief hinein.

Mir schwirrt der Kopf, mir glühn die Wangen,

Und nun kommt draussen der Lenz gegangen

Über die Hügel, über den Fluss,

Die Schwalbe zwitschert ihren Gruss,

Die Wolken ziehn und zwischendrein

Fliesset der lichte Sonnenschein,

Und aus dem klar vertieften Blau

Säuselt es linde, weht es lau,

Man meint, die Veilchen sind schon da.

Das ist ein sehnsuchtsvolles Weben,

Ein heimlich Locken und Leben

Allüberall, fern und nah.

Und du, mein Herz, wirst nie gescheidt,

Lässest so willig dich verführen,

Öffnest der Sehnsucht Tor und Türen;

Von Liebes-Freud und Leid

Singest du Lieder,

Und bist so froh, bist ganz so töricht wieder,

Als wie in deiner jungen Zeit.

 

Frits Thaulow, March Day
Frits Thaulow, eigentlich Johan Frederik Thaulow (1847-1906), war ein norwegischer Maler des 19. Jahrhunderts.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

März

 

Es ist ein Schnee gefallen,

Denn es ist noch nicht Zeit,

Dass von den Blümlein allen,

Dass von den Blümlein allen

Wir werden hoch erfreut.

 

Der Sonnenblick betrüget

Mit mildem, falschem Schein,

Die Schwalbe selber lüget,

Die Schwalbe selber lüget,

Warum? Sie kommt allein.

 

Sollt ich mich einzeln freuen,

Wenn auch der Frühling nah?

Doch kommen wir zu zweien,

Doch kommen wir zu zweien,

Gleich ist der Sommer da.

 

Clarence Gagnon, March in the Birch woods, 1919
Clarence Gagnon (1881–1942) war ein kanadischer Maler.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929

Vorfrühling

 

Es läuft der Frühlingswind

Durch kahle Alleen,

Seltsame Dinge sind

In seinem Wehn.

 

Er hat sich gewiegt,

Wo Weinen war,

Und hat sich geschmiegt

In zerrüttetes Haar.

 

Er schüttelte nieder

Akazienblüten

Und kühlte die Glieder,

Die atmend glühten.

 

Lippen im Lachen

Hat er berührt,

Die weichen und wachen

Fluren durchspürt.

 

Er glitt durch die Flöte

Als schluchzender Schrei,

An dämmernder Röte

Flog er vorbei.

 

Er flog mit Schweigen

Durch flüsternde Zimmer

Und löschte im Neigen

Der Ampel Schimmer.

 

Es läuft der Frühlingswind

Durch kahle Alleen,

Seltsame Dinge sind

In seinem Wehn.

 

Durch die glatten

Kahlen Alleen

Treibt sein Wehn

Blasse Schatten.

 

Und den Duft,

Den er gebracht,

Von wo er gekommen

Seit gestern Nacht.

 

 

Nikolai Astrup, Martzmorgen
Nikolai Astrup (1880-1928) war ein norwegischer Maler und Grafiker.
 

Friedrich Hölderlin 1770-1843

An Neuffer

Im März 1794

 

Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder,

Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz,

Noch rinnt vom Auge mir der Tau der Liebe nieder

Noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.

 

Noch tröstet mich mit süßer Augenweide

Der blaue Himmel und die grüne Flur,

Mir reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude,

Die jugendliche freundliche Natur.

 

Getrost! es ist der Schmerzen wert, dies Leben,

So lang uns Armen Gottes Sonne scheint,

Und Bilder beßrer Zeit um unsre Seele schweben,

Und ach! mit uns ein freundlich Auge weint.

 

Albert Baertsoen, Thaw in Ghent
Albert Baertsoen (1866-1922) war ein belgischer Impressionist.

Kurt Tucholsky 1890-1935 als Theobald Tiger

Vorfrühling

 

Sieh da: nun ist der fette Dichter wieder

von seinem Winterschläfchen aufgewacht,

und er entlockt der Harfe heitre Lieder,

ti püng – die Winde wehn, der Himmel lacht.

 

Er schauet sanft verklärt, und eine Putte

hält über seinem Kopf den Lorbeerkranz.

Vorfrühling nähert sich, die junge Nutte,

und probt, noch schüchtern, einen kleinen Tanz.

 

Das Barometer droht mit seinem Zeiger:

»Nicht immer feste druff! Ich falle bald.«

Selbst Barometer schwätzen. Große Schweiger

sind selten in dem Land des Theobald.

 

Noch immer Zabern und Theaterpleiten,

und wie man wieder auf den Fasching geht,

Protestbeschlüsse, andre Lustbarkeiten –

und alles red't und alles red't.

 

Und wenn man dieses Deutschland sieht und diese

mit Parsifalleri – und -fallerein

von Hammeln abgegraste Geisteswiese –

ah Frühling! Hier soll immer Winter sein!

 

Ernst Oppler, Strasse im Schnee - Vorfühling
Ernst Oppler (1867-1929) war ein Maler und Grafiker des deutschen Impressionismus.Sein Schaffen ist kennzeichnend für den Übergang von der Kunst des 19.Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik.

Paul Zech 1881-1946

Krokus

 

Mit blauem Krokus hat das Gras

sich bis zum Silberstrand geschmückt.

Die Wellen tauchen aus dem Glas

des Stroms und lächeln so beglückt.

 

Im Flor des blauen Hauchs gerinnt

der Lärm der schwarzen Stadt.

Ich fühle, wie der schwarze Wind

mir schon die Stirn geglättet hat.

 

Ich war so müde von dem Radbetrieb,

ich wußte nicht mehr, wie ein Baum

sich in den Himmel ohne Raum

 

so ungeheuer weit verzweigt.

Ich schlich durch die Gebüsche wie ein Dieb

und habe Keinem mein Gesicht gezeigt.

 

Walter Moras, Vorfrühling im Engadin
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

Adolf Holst 1867-1945

Winters Ende

 

Der Winter soll nicht bleiben

in unserm schönen Land.

Wir wollen ihn vertreiben

mit Blüten in der Hand.

Ihr Lämmlein, springt!

Ihr Kinder, singt!

Und fasst euch an die Hände!

Hinaus, hinaus! Herr Wintersmann,

jetzt fängt der Frühling wieder an,

dein' Herrschaft hat ein Ende!

 

Da nahm der Winter voller Graus

sein Kleid so kalt und weiss

und drückte sich zum Tor hinaus,

der alte Mummelgreis.

Und alles tanzte hintendrein

und sprang und sang voll Freude:

Herr Wintersmann, dreh dich nicht um,

sonst schlag ich dir den Buckel krumm

mit meiner grünen Weide!

 

Konstantin Juon, Frühling im Trinity Lavra, 1911
Konstantin Fjodorowitsch Juon (1875-1958) war ein russisch-sowjetischer Maler, Bühnenbildner und Kunsttheoretiker.

Wilhelm Jensen 1837-1911

Vorfrühling

 

Es fällt die Abenddämmerung

vom Himmel nebelnd und weich,

der laute Tag verstummet,

einem müden Kinde gleich.

Nur unsichtbar hernieder

vom Wipfel im leeren Hag

durch raschelnde Blätter des Vorjahrs

ruft einer Drossel Schlag.

Die Wolke löst sich rieselnd

in Tropfen feucht und sacht;

auf einsamem Wege befällt mich

die dunkelnd einsame Nacht.

Mir aber ist süß und sonnig

von Träumen die Seele bewegt,

wie selig vor seinem Geburtstag

ein Kind zum Schlafen sich legt.

 

 

Carl Gustav Carus, Landschaft im Vorfrühling, um 1823, Dresden, Gemälde Galerie Neue Meister Albertinum
Carl Gustav Carus, auch Karl Gustav Carus (1789-1869) war ein deutscher Arzt, Maler und Naturphilosoph sowie Psychologe.
 

Alexei Sawrassow, Spring Evening, 1840, State Russian Museum, St. Petersburg
Alexei Kondratjewitsch Sawrassow (1830-1897) war ein russischer Landschaftsmaler.

Hedwig Lachmann 1865-1918

Dämmerung im Vorfrühling

 

Der Tag bleicht. Letzte Helligkeit

Quillt aus dem ebenmässigen Gewölk.

Die Erde trocken und befreit

Von Schnee; nur hie und da die Spur

Von dünnem Eise, wie Glasur.

 

Die Dunkelheit wächst sanft und stät;

Ein Licht, das aufblitzt, glimmt noch matt;

Die Kinder spielen noch so spät,

Der Tagesfreuden nimmer satt.

 

Die Menschen schreiten säumig, wie verführt;

Und atmend heben sie das Kinn

So an die Luft, als läge drin

Für sie ein Etwas, das den Sinn

Wie eine wahre Seligkeit berührt.

 

Camille Corot, The Church in Marissel
Jean-Baptiste Camille Corot (1796-1875) war ein französischer Landschaftsmaler. Er ist einer der Hauptvertreter der Schule von Barbizon.
 

Angelus Silesius 1624-1677

Die Psyche muntert sich mit dem Frühling

zu einem neuen Leben auf

 

Der Frühling kommt heran,

Der holde Blumenmann,

Es geht schon Feld und Anger

Mit seiner Schönheit schwanger.

Der Blütenfeind, der Nord,

Steht auf und macht sich fort.

Das Turteltäubelein

Lasst hörn die Seufzerlein.

 

Die Lerch ist aus der Gruft

Und zieret Feld und Luft

Mit ihrem Direlieren,

Das sie so schön kann führen.

Die Künstlern Nachtigall

Lockt und zickt überall.

Die Vöglein jung und alt

Sind munter in dem Wald.

 

Die Sonne führet schon

Ihr'n freudenreichen Thron

Durch ihre güldnen Pferde

Viel näher zu der Erde.

Die Wälder ziehn sich an

Und stecken auf ihr Fahn.

Der Westwind küsst das Laub

Und reucht nach Blumenraub.

 

Das Wild lauft hin und her

Die Läng und auch die Quer.

Es tanzen alle Wälder,

Es hüpfen alle Felder.

Das liebe Wollenvieh,

Das weidet sich nun früh.

Die stumme Schuppenschar

Schwimmt wieder offenbar.

 

Die ganze Kreatur

Wird anderer Natur.

Die Erde wird verneuet,

Das Wasser wird erfreuet,

Die Luft ist lind und weich,

Warm, tau- und regenreich.

Der Himmel lacht uns an,

So schön er immer kann.

 

Drum kreuch auch meine Seel

Herfür aus deiner Höhl.

Lass deines Herzens Erden

Zu einem Frühling werden.

Zertritt Gefröst und Eis

Und werd ein grüner Reis.

Sei eine neue Welt

Und tugendvolles Feld.

 

Lass deine Seufzer gehn

Mit lieblichem Getön.

Lass hören dein Verlangen,

Den Bräutgam zu empfangen.

Sei eine Nachtigall,

Und lock mit Liebesschall

Der Himmel höchste Zier,

Den süßen Gott, zu dir.

 

Schwing dich behänd und fein,

Gleich wie ein Lerchelein,

Vom irdischen Getümmel

Und schwebe frei im Himmel.

Bereite dich mit Klang

Und stetem Lobgesang,

Den Schöpfer zu verehrn

Und seinen Ruhm zu mehrn.

 

Es fähret schon herein

Sein gnädger Sonnenschein.

Er lässt schon seine Strahlen

Dein ganzes Herz bemalen.

Sein Geist, der süße Wind,

Weht schon dich an, sein Kind.

Drum blüh in seiner Lieb

Und folge seinem Trieb.

 

 

Josef Stoitzner,

Early Spring
Josef Stoitzner (1884-1951) war ein österreichischer Maler und Grafiker.
 

Ernst Stadler 1883-1914

Vorfrühling

 

Bäume weiß ich, frühlingsstarke Bäume,

denen gärend der Jugend Saft

durch glühende Adern singt.

Die lechzend verlangen

nach dem Rausche der Erfüllung.

Aber noch starren sie kahl und stumm.

Harte Schorfe ketten die vorschwellenden Triebe.

Und in wilden Träumen nur langen sie empor

zu dem schaffenden Licht,

daß es sie bade in Glanz und Glut.

Weiten sich ihre Äste, daß gierig sie einsögen

den zauberstarken Most lauen Sommerregens,

zu erblühen und zu leben gleich ihren Brüdern.

Denn noch kennen sie nicht den Sommerrausch

der Erfüllung. Aber krachend durchwühlt ihren Leib

der Lenzstrom der Ahnung.

Wanderer ziehen vorüber,

und also spricht einer zum anderen:

»Sehet die Bäume dort,

wie kahl sie stehen und stumm!

Kalt schleppt sich ihr Blut, und mürrisch fliehen

sie des Lenzes sanft wirkende Kraft.

Lasset sie im Dunkeln, die Finstern! ...«

So sprechen sie und gehen vorbei. –

Und nicht einer,

der sähe die stürmenden Flammen der Sehnsucht,

die gierend aus ihren Augen lodern

und verzehrend über ihnen zusammengluten ...

 

Hans Peter Feddersen, Vorfrühling am Feldrand
Hans Peter Feddersen (1848-l1941) war ein deutscher Landschafts- und Genremaler.

Stefan George 1868-1933

Blumen

 

In märzentagen streuten wir die samen

Wann unser herz noch einmal heftig litt

An wehen die vom toten jahre kamen

Am letzten kampf den eis und sonne stritt.

An schlanken stäbchen wollten wir sie ziehen

Wir suchten ihnen reinen wasserquell

Wir wussten dass sie unterm licht gediehen

Und unter blicken liebevoll und hell.

Mit frohem fleisse wurden sie begossen

Wir schauten zu den wolken forschend bang

Zusammen auf und harrten unverdrossen

Ob sich ein blatt entrollt ein trieb entsprang.

Wir haben in dem garten sie gepflückt

Und an den nachbarlichen weingeländen

Wir wandelten vom glanz der nacht entzückt

Und trugen sie in unsren kinderhänden.

 

 

 

Eugen Wolff-Filseck, Vorfrühling
Eugen Wolff-Filseck (1873-1937) war ein deutscher Maler des Impressionismus.

 

Carl Weitbrecht 1847-1904

Frühlingslied zum 22. März.

 

Neue Säfte drängen mächtig

Nach des Baumes jungem Holz,

Wettertrotzend, kronenprächtig

Trägt er seiner Jahre Stolz.

Märzenschnee in leichten Flocken

Deckt im Feld des Pfluges Spur,

Morgen wieder sonnig trocken

Dampft die Scholle auf der Flur.

 

Auf ein kühnverjüngtes Werden

Spannt sich neu die deutsche Kraft,

Unter Mühen und Beschwerden

Treibt der unverlorne Saft.

Scharfgeriss’ne Furchen bergen

Keime schwellend reicher Saat,

In zersprengten morschen Särgen

Rührt sich junge Lebensthat.

 

Und der Kaiser überm Volke

Denkt vergang’ner Siege leis,

Durch der Zukunft Schleierwolke

Schaut der ungebeugte Greis:

Milde Friedensstrahlen glänzen

Statt der Kriege düstrem Roth

Und in schwertbeschützten Grenzen

Steht der Arbeit Aufgebot.

 

Schnell ist eine Schlacht geschlagen,

Langsam wächst des Friedens Bau –

Hoffnungsreichen Frühlingstagen

Trübt sich leicht das reine Blau;

Aber wer in Sturm und Grauen

Seiner Schlachten ruhig stand,

Legt mit ruhigem Vertrauen

Wieder an den Pflug die Hand.

 

Und der Greis, dem seiner Tage

Sonne langsam tiefer sinkt,

Lächelt letzter Sorg und Plage,

Ob auch fern die Ernte winkt,

Zieht noch Furchen, streut noch Samen,

Der für Andre reifen soll,

Grüßt in seines Gottes Namen

Frühlingstage, zukunftsvoll.

 

Arnold Böcklin, Ackerfluren im Vorfrühling, 1884,  Berlin, Alte Nationalgalerie, unvollendet
Arnold Böcklin (1827-1901) war ein Schweizer Maler, Zeichner, Grafiker und Bildhauer des Symbolismus.

Georg Trakl 1887-1914

Ein Frühlingsabend

 

Ein Strauch voll Larven; Abendföhn im März;

Ein toller Hund läuft durch ein ödes Feld

Durchs braune Dorf des Priesters Glocke schellt;

Ein kahler Baum krümmt sich in schwarzem Schmerz.

 

Im Schatten alter Dächer blutet Mais;

O Süße, die der Spatzen Hunger stillt.

Durch das vergilbte Rohr bricht scheu ein Wild.

O Einsamstehn vor Wassern still und weiß.

 

Unsäglich ragt des Nußbaums Traumgestalt.

Den Freund erfreut der Knaben bäurisch Spiel.

Verfallene Hütten, abgelebt' Gefühl;

Die Wolken wandern tief und schwarz geballt.

 

John Henry Twachtman, Springtime, 1884
John Henry Twachtman (1853-1902) war ein amerikanischer Maler und Radierer des Impressionismus.

Emanuel Geibel 1815-1884

Äquinoktium

 

Allgewaltig aus Nordosten

Braust der Märzwind über Land,

Und es bebt in ihren Pfosten

Meines Hauses Giebelwand.

 

Durch die Schlöte mit Gewimmer

Fegt der losgelaßne Hauch,

Trüb verzuckt des Herdes Schimmer,

Und die Halle füllt der Rauch.

 

Ziegel prasseln, Türen schlagen,

Dürres Astwerk kracht und bricht,

Doch in all das Unbehagen

Lächelt meine Mus' und spricht:

 

»Nur getrost! Sich zu erneuen

Ringt die Welt im Jugenddrang;

Darfst die kurze Not nicht scheuen,

Rauh ist jeder Übergang.

 

Auf den Braus des wüsten Tages

Folgt der Lenz im Goldgewand;

Merk' es dir, Poet, und sag' es

Deinem deutschen Vaterland!«

 

Paul Baum, Waldrand mit Vorfrühlingswiesen, 1893
Paul Baum (1859-1932) war ein Maler des deutschen Impressionismus, Zeichner und Grafiker.

Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Frühlings Ankunft

 

Grüner Schimmer spielet wieder

Drüben über Wies' und Feld.

Frohe Hoffnung senkt sich nieder

Auf die stumme trübe Welt.

Ja, nach langen Winterleiden

Kehrt der Frühling uns zurück,

Will die Welt in Freude kleiden,

Will uns bringen neues Glück.

 

Seht, ein Schmetterling als Bote

Zieht einher in Frühlingstracht,

Meldet uns, dass alles Tote

Nun zum Leben auferwacht.

Nur die Veilchen schüchtern wagen

Aufzuschau'n zum Sonnenschein;

Ist es doch, als ob sie fragen:

»Sollt' es denn schon Frühling sein?«

 

Seht, wie sich die Lerchen schwingen

In das blaue Himmelszelt!

Wie sie schwirren, wie sie singen

Über uns herab ins Feld!

Alles Leid entflieht auf Erden

Vor des Frühlings Freud' und Lust -

Nun, so soll's auch Frühling werden,

Frühling auch in unsrer Brust!

 

 

Heinrich Vogeler, Sehnsucht, 1908
Johann Heinrich Vogeler (1872-1942) war ein deutscher Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge und Schriftsteller.
 

Joseph von Eichendorff 1788-1857

Frische Fahrt

 

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein,

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von Euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

Fritz Overbeck, Im März (Vorfrühling)
Fritz Overbeck (1869-1909) war ein deutscher Maler und Radierer.

Max Dauthendey 1867-1918

Vorfrühling

 

Wir standen heute still am Zaun von einem fremden Garten,

Sah'n hin und sah'n das Wintergras am Teich auf Sonne warten.

Im Wasser lag verjährtes Laub gleichwie auf Glas,

Am Ufer saß ein Büschel Veilchen jung erblüht im gelben Gras,

Und frisches Lilienkraut wuchs grün bei Tuffsteinblöcken,

Am Himmel oben gingen Wolken jugendlich in weißen Röcken.

Wie wenig Welt tut schon den Augen gut!

Nur ein paar Atemzüge lang hat's Herz dort ausgeruht,

Nur ein paar Augenblicke tat es säumen ...

Wir sind doch alle in den weiten Lebensräumen

Zaungäste nur bei Wünschen und bei Träumen.

 

Guillaume Van Strydonck, Jardin potager au printemps, 1884, Ostende, Mu.ZEE
Guillaume Van Strydonck (1861-1937) war ein belgischer Maler, von 1891 bis 1896 in Indien tätig.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Vorfrühling

 

Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,

Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,

In einem Lichte, das wie Frühling ist.

Der blaue Himmel zeigt türkisenblau

Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist

Des jungen Jahres erster Farbenklang,

Die ferne Flöte der Beruhigung:

Die Liebe hat die Flügel schon gespannt,

Sie naht gelassenen Flügels himmelher,

Bald wird die Erde bräutlich heiter sein.

 

Nun Herz, sei wach und halte dich bereit

Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt

Und Liebe atmet, wie die Blume Duft.

Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir,

Wenn du nur recht ergeben und getrost

Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch.

 

Frits Thaulow, A Stream in Springtime
Frits Thaulow, eigentlich Johan Frederik Thaulow (1847-1906), war ein norwegischer Maler des 19. Jahrhunderts.

Ferdinand Ernst Albert Avenarius 1856-1923

Vorfrühling

 

Verloren im Raume

ein erster Vogelruf.

 

Doch schwer hinschnaubend

durchs dampfende Marschland

mit dem Eisen durchwühlt's

der gewaltige Stier.

 

Und festen Tritts hinter ihm

schreitet der Mensch,

die Körner schleudernd,

wo auseinander

mit schwarzroten Wellen

schäumt der Grund.

 

Regenschwanger

der Himmel darüber

breit lagernd

in schlafender Kraft.

 

László Mednyánszky, Early Spring, 1852-1919
László Mednyánszky, Baron von Mednyánszky, eigentlich Ladislaus Josephus Balthasar Eustachius Mednyánszky, (1852-1919) war ein ungarischer Landschaftsmaler.

Max Dauthendey 1867-1918

Die werden wie Menschen jetzt warm

 

Die Baumstämme werden wie Menschen jetzt warm,

Sie nehmen den Sonnenschein gern in den Arm.

Der Schnee rund um den Stamm entweicht,

Soweit des Baumes Wurzel reicht.

Die Schneeglocken hocken da rund in Scharen

Begrüßt von den Staren.

Auf graslosem Boden bloß Keim bei Keim,

Beim kahlen Baum duftet's nach Honigseim,

Es duftet nach Liebe, dem Frost entronnen,

Erste Blüte und letzter Schnee sich dort sonnen.

 

 

Sergei Winogradow, Spring
Sergei Arsenjewitsch Winogradow (1869-1938) war ein russischer Maler.
 

Guido Görres 1805-1852

Nun treiben wir den Winter aus

 

Nun treiben wir den Winter aus,

Den alten, kalten Krächzer;

Wir jagen ihn zum Land hinaus,

Den Brummbär und den Ächzer,

Und laden uns den Frühling ein

Mit Blumen und mit Sonnenschein,

Juhei! juhei, juhei!

O komm herbei!

O Mai, o Mai!

 

Das leere Stroh,

Das dürre Reis

Und alles, was vermodert,

Das geben wir dem Feuer preis,

Dass hoch die Flamme lodert,

Und laden uns den Frühling ein

Mit Blumen und mit Sonnenschein;

Juhei! juhei, juhei!

O komm herbei!

O Mai, o Mai!

 

Aksel Waldemar Johannessen, Frühlingsanbruch, 1918-20
Aksel Waldemar Johannessen (1880-1922) war ein norwegischer Grafiker, Bildhauer und Maler des Expressionismus.

Christian Morgenstern 1871-1914

Vorfrühling

 

Die blätterlosen Pappeln stehn so fein,

so schlank, so herb am abendfahlen Zelt.

Die Amseln jubeln wild und bergquellrein,

und wunderlich in Ahnung ruht die Welt.

 

Gespenstische Gewölke, schwer und feucht,

zerschatten den noch ungesternten Raum

und Übergraun, im sinkenden Geleucht.

Gebirg und Grund, ein krauser, trunkner Traum.

 

*

 

Christian Morgenstern 1871-1914

Vorfrühling

 

Vorfrühling seufzt in weiter Nacht,

daß mir das Herze brechen will;

Die Lande ruh'n so menschenstill,

nur ich bin aufgewacht.

 

O horch, nun bricht des Eises Wall

auf allen Strömen, allen Seen;

Mir ist, ich müßte mit vergeh'n

und, Woge, wieder auferstehen,

zu neuem Klippenfall.

 

Die Lande ruh'n so menschenstill;

Nur hier und dort ist wer erwacht,

und meine Seele weint und lacht,

wie es der Tauwind will.

 

Janus Cour, The edge of an oak forest on an early spring morning
Janus Andreas Bartholin la Cour (1837-1909) war ein dänischer Landschaftsmaler in der Tradition des Goldenen Zeitalters der dänischen Malerei.

Paul Heyse 1830-1914

Vorfrühling

 

Stürme brausten über Nacht,

und die kahlen Wipfel troffen.

Frühe war mein Herz erwacht,

schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz'ger Ton

dringt zu mir vom Wald hernieder.

Nisten in den Zweigen schon

die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif.

Zweifelnd frag' ich mein Gemüte:

Ist's ein später Winterreif

oder erste Schlehenblüte?

 

Vladimir Fedorovich, Spring
Vladimir Nikolaevich Fedorovich (1871-1928) war ein russischer Maler.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Ein großer Teich war zugefroren

 

Ein großer Teich war zugefroren;

Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,

Durften nicht ferner quaken noch springen,

Versprachen sich aber, im halben Traum:

Fänden sie nur da oben Raum,

Wie Nachtigallen wollten sie singen.

Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,

Nun ruderten sie und landeten stolz

Und saßen am Ufer weit und breit

Und quakten wie vor alter Zeit.

 

Ivan Pokhitonov, Frühlingstag
Ivan Pavlovich Pokhitonov (1850-1923) war ein ukrainischer Landschaftsmaler, der Teil der Ambulants-Bewegung war und den größten Teil seines Lebens in Frankreich und Belgien verbracht hat.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929

Vorgefühl

 

Das ist der Frühling nicht allein,

Der durch die Bäume dränget

Und wie im Faß der junge Wein

Die Reifen fast zersprenget,

 

Der Frühling ist ja zart und kühl,

Ein mädchenhaftes Säumen,

Jetzt aber wogt es reif und schwül

Wie Julinächte träumen.

 

Es blinkt der See, es rauscht die Bucht,

Der Mond zieht laue Kreise,

Der Hauch der Nachtluft füllt die Frucht,

Das Gras erschauert leise.

 

Das ist der Frühling nicht allein,

Der weckt nicht solche Bilder.

 

 

Alexei Sawrassow,

Early spring
Alexei Kondratjewitsch Sawrassow (1830-1897) war ein russischer Landschaftsmaler.
 

Arno Holz 1863-1929

Erste Lerche

 

Zwischen Gräben und grauen Hecken,

den Rockkragen hoch, die Hände in den Taschen,

schlendre ich durch den frühen Märzmorgen.

Falbes Gras, blinkende Lachen und schwarzes Brachland,

so weit ich sehn kann.

Dazwischen,

mitten in den weissen Horizont hinein,

wie erstarrt,

eine Weidenreihe.

Ich bleibe stehn.

Nirgends ein Laut. Noch nirgends Leben.

Nur die Luft und die Landschaft.

Und sonnenlos, wie den Himmel, fühl ich mein Herz!

Plötzlich ein Klang.

Ich starre in die Wolken.

Ueber mir,

jubelnd,

durch immer heller werdendes Licht,

die erste Lerche!

 

Fritz von Wille, Vorfrühling im Arfttal
Friedrich (Fritz) Gustav August Julius Philipp Rudolf von Wille (1860-1941) war ein deutscher Landschaftsmaler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Vorfrühling

 

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung

an der Wiesen aufgedecktes Grau.

Kleine Wasser ändern die Betonung.

Zärtlichkeiten, ungenau,

 

greifen nach der Erde aus dem Raum.

Wege gehen weit ins Land und zeigens.

Unvermutet siehst du seines Steigens

Ausdruck in dem leeren Baum.

 

 

Fritz Syberg,

The First day of Spring
Christian Friedrich Wilhelm Heinrich Syberg, bekannt als Fritz Syberg, (1862-1939) war ein dänischer Maler und Illustrator.
 

Georg Stolzenberg 1857-1941

Lauer Märzwind ...

 

Lauer Märzwind

jagt verspätete Flocken.

 

Von unten

gegen die schwarze Erddecke

drücken lebendige Finger.

 

Unruhig laufen die Menschen,

die Tiere.

 

Fern,

immer näher rauscht

die Springflut

von Licht

und Glück.

 

 

*

 

Netz-Fundsache

 

Das muß man dem Frühling hoch anrechnen:

Jedes Jahr besingen ihn die Dichter,

und trotzdem kommt er immer wieder.

Karl Valentin

 

Das Jahr geht weiter, und ehe man sich's versieht,

ist für die Tulpen, die man im Herbst nicht gesetzt hat,

die Zeit gekommen, nicht zu blühen.

Unbekannt

 

Und kommt im März die Sommerzeit,

ist's länger hell für Schwarzarbeit.

Unbekannt

 

 

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Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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