BuchKult
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Elisabeth Kulmann 1808-1825

Die Wolken

 

Seid mir gegrüßt, ihr Wolken!

Allwissende, denn Töchter

Seid ihr des Meers, und wisset

Was alles seine Tiefen

Geheimnißvoll verhüllen;

Und kaum geboren, steiget

Ihr in das Reich der Lüfte,

Und schauet auf den Menschen,

Den die Natur an's Erdreich

Gefesselt hält, hernieder

Aus schwindelhafter Höhe.

Wie euch beliebet, wallet

Nach Osten und nach Westen,

Nach Süden oder Norden

Ihr auf windschnellen Flügeln,

Und sehet Berg' und Thäler

Und Wälder und Gefilde,

Unabsehbare See,

Der Ströme Quell' und Mündung

Mit einem einz'gen Blicke,

Und seht auf Städt' und ihre

Unruhigen Bewohner,

Ameisenhaufen ähnlich,

Mitleidig lächelnd nieder.

Selbst tragt in euerm Schooße

Ihr Sturm, Gewitter, Regen.

Hier schnellt ihr Schlangenblitze,

Gefolgt von lauten Donnern;

Da schüttelt ihr die Wipfel

Erhabner Eichenwälder;

Dort strömt wohlthät'gen Regen

Ihr auf die dürren Felder.

Ihr spielet mit der Sonne,

Dem Monde und den Sternen,

Bald sie in voller Klarheit

Uns Sterblichen hienieden

Darstellend, bald in zarte,

Oft auch in dichte Schleier,

Wie's euch gefällt, sie hüllend.

 

 

Franz von Lenbach, Gewitterstimmung
Franz Seraph Lenbach, seit 1882 Ritter von Lenbach, (1836-1904) war ein deutscher Maler.

Fjodor Wassiljew, Before a thunderstorm
Fjodor Alexandrowitsch Wassiljew (1850-1873) war ein russischer Maler.

Georg Trakl 1887-1914

Sommer

 

Am Abend schweigt die Klage

des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

der rote Mohn.

 

Schwarzes Gewitter droht

über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

erstirbt im Feld.

 

Nimmer regt sich das Laub

der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

rauscht dein Kleid.

 

Stille leuchtet die Kerze

im dunklen Zimmer;

eine silberne Hand

löschte sie aus;

 

windstille, sternlose Nacht.

 

Giuseppe Gaetano De Nittis, The Approach of the Storm
Giuseppe Gaetano De Nittis (1846-1884) war ein italienischer Maler des Impressionismus.

Carl Blechen, Die Bucht von Rapallo, 1829/30
Carl Eduard Ferdinand Blechen (1798-1840) war ein deutscher Landschaftsmaler und Professor für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie der Künste.

Carl Busse 1872-1918

Vor dem Gewitter

 

Schwül drückte die Luft und der Tag versank,

Und die Lande lagen in Träumen,

Wie pochende Reue flüsterte bang

Der Thauwind in den Bäumen.

 

Kein Licht am Himmel, der Vollmond schlief

In dunklen Wolkengezelten,

Ein Vogel schwirrte, und geisterhaft rief

Sein Schrei durch die ängstlichen Welten.

 

Sonst hörtest du nichts; nur hier und da

Schwergehend ein Atemholen -

Wie Frauenhaarduft, betäubend und nah -

Von Rosen und Nachtviolen.

 

Zwei Fledermäuse flatterten grau,

Und hinter den thauwindgescheuchten,

Fliehenden Wolken, schweflig und blau,

Glühte ein Wetterleuchten.

 

Albert Bierstadt Aufziehendes Gewitter im Tal
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Fjodor Wassiljew, The gust of wind, 1860 o. 1870
Fjodor Alexandrowitsch Wassiljew (1850-1873) war ein russischer Maler.

Joachim Winterfeld von Damerow 1873-1934

Heraufziehendes Gewitter

 

Erd' und Himmel, grell besonnt,

sind bedrängt von dumpfem Glühen.

Tief am flimmernden Horizont

wächst ein bleiches Blühen.

 

Brünstiger Atem wiegt und wellt

raschelnde Ähren, die reifensmatten.

Über dem jäh erblassenden Feld

ziehende Wolkenschatten.

 

Zögernd schwindet der Sonnenglast,

reglos stehen die Roggenschläge.

Unter der finsteren Wolkenlast

bleichen die Weiden am Wege.

 

Weiß in die grollende Wetternacht

flatternde Schmetterlinge,

wie Gebetlein angstentfacht,

so kleinlaut und geringe.

 

George Inness, Coming Storm ca. 1879
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Nikolai Dubowskoj, Es ist still geworden. Vor dem Sturm, 1890, Russisches Museum
Nikolai Nikanorowitsch Dubowskoj (1859-1918) war ein russischer Landschaftsmaler.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

 

Ist um mich her ein wildes Brausen,

Als wogte Wald und Felsengrund,

Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,

Die Wasserfülle sich zum Schlund,

Berufen, gleich das Tal zu wässern;

Der Blitz, der flammend niederschlug,

Die Atmosphäre zu verbessern,

Die Gift und Dunst im Busen trug –

Sind Liebesboten, sie verkünden,

Was ewig schaffend uns umwallt.

 

George Morland, Vor dem Gewitter
George Morland (1763-1804) war ein englischer Maler.

George Inness, Harvest Scene in the Delaware Valley
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Max Dauthendey 1867-1918

Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen

 

Ein lechzend Gewitter durch den Nachmittag strich

Und krepierend hinter die Berge hinschlich.

Als lagen Drachen im Liebeskampf,

Umbrüllten sich Wolken mit dumpfem Gestampf.

Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen,

Sitzt grell der Tod in ihrem Lachen.

Jetzt atmet das Gras wieder hell und klar;

Kühl steht die Welt an alter Stell'

Und weiß kaum noch, dass sie voll Durstgefühl war.

 

George Inness, The Storm, 1885
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Carl Blechen, Stormy Weather over the Roman Campagna
Carl Eduard Ferdinand Blechen (1798-1840) war ein deutscher Landschaftsmaler und Professor für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie der Künste.

Karl Friedrich Gottlob Wetzel 1779-1819

Ungewitter

 

Horch und sieh! Die Blitze dröhnen

Und die dumpfen Täler stöhnen,

Die Natur im Fiebertraum

Wälzt Gewitter durch den Raum.

Wenn mich das Gewirr umschauert,

In der Luft der Zufall kauert,

Mahnt ein Götterbote mich:

"Daß du Mensch bist, freue dich!

Sollen all' die Graungewalten

Zur Bedeutung sich gestalten,

Müssen sie, dir untertan,

Deiner Macht sich schmiegen an.

Du nur schaffst durch dein Beraten

Dieses Wurfspiel um zu Taten,

Hauchst in den verworrnen Drang

Sprache, Geist und Seelenklang!"

 

Georges Michel, Gewitterlandschaft, Kunsthistorisches Museum
Georges Michel (1763-1843) war ein französischer Landschaftsmaler.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Das Gewitter

 

Noch immer lag ein tiefes Schweigen

Rings auf den Höhn; doch plötzlich fuhr

Der Wind nun auf zum wilden Reigen,

Die sausende Gewitterspur.

 

Am Himmel eilt mit dumpfem Klange

Herauf der finstre Wolkenzug:

So nimmt der Zorn im heißen Drange

Den nächtlichen Gedankenflug.

 

Der Himmel donnert seinen Hader;

Auf seiner dunklen Stirne glüht

Der Blitz hervor, die Zornesader,

Die Schrecken auf die Erde sprüht.

 

Der Regen stürzt in lauten Güssen;

Mit Bäumen, die der Sturm zerbrach,

Erbraust der Strom zu meinen Füßen; –

Doch schweigt der Donner allgemach.

 

Poussin, Landscape with Lightning, ca. 1667-69
Gaspard Poussin (1615-1675) - eigentlich Gaspard Dughet - war ein italienischer Landschaftsmaler.

Paul Zech 1881-1946

Wir ducken uns tief …

 

Endloser Regen rinnt und rinnt.

 

Nebel spannen im Schreiten

zitternde Saiten von Wind zu Wind.

 

Alle Weiten rauschen heran.

 

Und die Bäume stapfen ums Haus wie Riesen

und werfen Gewitter herein.

 

Wir ducken uns tief! Wir krümmen uns klein!

 

Und unser verschwistertes Hand in Hand

wird grau, wie ein einsamer Strand,

überschwemmt und verwiesen.

 

Albert Bierstadt, A Storm in the Rocky Mountains, Mt. Rosalie, 1866
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Gustav Falke 1853-1916

Nachtgewitter

 

Der runde, rote Mond rollt

auf schwarzen Wolken her.

Die Nacht ist schwül, die Nacht ist schwer,

sie zittert, wenn hinterm Wald heraus

das Wetter grollt.

 

Der rasche blaue Blitz tritt

herrisch aus seinem Haus

und schleudert den flammenden Speer hinaus.

Die Nacht erschrickt vor dem lodernden Schein,

zag zögert ihr Schritt.

 

Der runde, rote Mond kriecht

tief in die Wolken hinein.

Er will nicht ohnmächtiger Zeuge sein,

wenn der herrische Held seine bange Braut,

die Nacht besiegt.

 

Die steht mit gelöstem Schwarzhaar,

demütig, ohne Laut.

Durch tränenfeuchte Wimper schaut

sie auf, und der feurige Sieger küßt

ihr dunkles Augenpaar.

 

Jan van Goyen, The Thunderstorm, 1641
Jan Josephszoon van Goyen (1596-1656) war ein niederländischer Landschaftsmaler.

Gottfried Keller 1819-1890

 

Es dämmert, es dämmert den See herab,

Die Wasser sind gar so dunkel;

Doch wann der Blitz über den Bergen strahlt,

Was ist das für ein Gefunkel!

 

Dann tun dem Schiffer die Augen weh,

Er sputet sich ängstlich zu Lande,

Wo gaffend der Feierabend steht

Am fahlerleuchteten Strande.

 

Die Leute freuen und fürchten sich

Und wünschen ein gutes Ende

Und daß der Herr sein Schloßengericht

Nicht in den Krautgarten sende!

 

Jetzt zischt der Strahl in die laue Flut

Wie eine feurige Kette,

Der dumme Haufen ergreift die Flucht

Und kriecht erschrocken zu Bette!

 

Wann Gott einen guten Gedanken hat,

Dann sagt man: Es wetterleuchtet!

Gib acht, du Gesindel, daß nicht einmal

In deine Wirtschaft er leuchtet!

 

 

Giorgione,

La tempesta
Giorgione (1478-1510) – vollständiger Name Giorgio da Castelfranco, auch Zorzo da Castelfranco – war ein italienischer Maler der Renaissance.

Christian Morgenstern 1871-1914

Mensch und Blitz

 

Nächtiges Gewitterlicht,

schütte rings um dieses Haus

deines Blendwerks Fülle aus,

doch es selber rühre nicht.

 

Denn in seinem Dunkel schläft,

der dich sein Geschwister heißt.

Blitze, wenn ihr diesen träft,

träft ihr Geist von eurem Geist.

 

Carl Blechen, Stürmische See mit Leuchtturm, ca. 1826
Carl Eduard Ferdinand Blechen (1798-1840) war ein deutscher Landschaftsmaler und Professor für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie der Künste.

Max Dauthendey 1867-1918

Drei Blitze

 

Schweißtücher der Schnitterinnen in tiefen Ährenbetten,

Das laute Raufen der Sensen in fetten Feldern drinnen,

Das Klirren von Deichselketten und kurzes Pferdeschnaufen,

Und bei den blitzenden Stoppeln die toten Garbenhaufen.

Unter der Abendsonne, der Hitzenden und braunroten,

Ziehen Gewitter herauf, wie Rauch aus Schmieden und Schloten.

Der Schierling dunstet bitter, und alle Pflanzen sieden,

Der Wolken schleppender Bauch berstet auf allen Rieden.

Drei Blitze, drei Mordgesellen, schnellen wie Wahnsinn hervor,

Als ob Dir der Himmel drei Schwüre, in dreifacher Leidenschaft,

schwor.

 

George Inness, The Wheat Field, Cleveland Museum of Art
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

August Stramm 1874-1915

Gewitter

 

Schwarz fletscht in Weiß

Die blauspielfrohen Dünste starren hagelgelb.

Helle flackert

Täubt zu Boden.

Wüten

Steinigt

Schlossen!

Tottoll krallet um die Nacht.

Matt aufadert Blau das Recken

Bebet bäumet

Wuchtet

Hebt sich

Stemmt die Fäuste

Hartscharfkantig

Schellet Wolken

Hellet Ängste

Steht und streckt sich

Packt das Gurgeln

Und zerwürgt es

Nach ihm stürzend

Sich verbeißend

Kollernd rollend

In

Die

Leere!

Augen

Schleiern auf und schluchzen!

Tränen

Wellen

Lösen

Schrecken!

Lichter

Grellen

Hoch im Bogen!

Klänge

Schwingen

Freie

Starke

Sonnsiegklänge!

 

Albert Bierstadt, Buffalo Trail, The Impending Storm
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Die drei Indianer

 

Mächtig zürnt der Himmel im Gewitter,

Schmettert manche Rieseneich in Splitter,

Übertönt des Niagara Stimme,

Und mit seiner Blitze Flammenruten

Peitscht er schneller die beschäumten Fluten,

Daß sie stürzen mit empörtem Grimme.

 

Indianer stehn am lauten Strande,

Lauschen nach dem wilden Wogenbrande,

Nach des Waldes bangem Sterbgestöhne;

Greis der eine, mit ergrautem Haare,

Aufrecht überragend seine Jahre,

Die zwei andern seine starken Söhne.

 

Seine Söhne jetzt der Greis betrachtet,

Und sein Blick sich dunkler jetzt umnachtet

Als die Wolken, die den Himmel schwärzen,

Und sein Aug versendet wildre Blitze

Als das Wetter durch die Wolkenritze,

Und er spricht aus tiefempörtem Herzen:

 

»Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren!

Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren,

Die einst Bettler unsern Strand erklettert!

Fluch dem Windhauch, dienstbar ihrem Schiffe!

Hundert Flüche jedem Felsenriffe,

Das sie nicht hat in den Grund geschmettert!

 

Täglich übers Meer in wilder Eile

Fliegen ihre Schiffe, giftge Pfeile,

Treffen unsre Küste mit Verderben.

Nichts hat uns die Räuberbrut gelassen,

Als im Herzen tödlich bittres Hassen:

Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen sterben!«

 

Also sprach der Alte, und sie schneiden

Ihren Nachen von den Uferweiden,

Drauf sie nach des Stromes Mitte ringen;

Und nun werfen sie weithin die Ruder,

Armverschlungen Vater, Sohn und Bruder

Stimmen an, ihr Sterbelied zu singen.

 

Laut ununterbrochne Donner krachen,

Blitze flattern um den Todesnachen,

Ihn umtaumeln Möwen sturmesmunter;

Und die Männer kommen festentschlossen

Singend schon dem Falle zugeschossen,

Stürzen jetzt den Katarakt hinunter.

 

Georges Michel, Landscape with a windmill
Georges Michel (1763-1843) war ein französischer Landschaftsmaler.

Melanie Ebhardt 1879-1919

Gewitter

 

Die Tanne stöhnt und ächzt im Sturm,

Die starken Äste krachen,

Der Regen strömt, unheimlich schallt

Der Schrei der Eule durch den Wald

Wie wildes, schrilles Lachen.

 

Die Wolken ziehen grau und schwer,

Die grellen Blitze flammen,

Der Donner kracht, – dumpf rollt es nach –

Als bräche jäh beim nächsten Schlag

Die ganze Welt zusammen!

 

Doch wilder ist als Sturm und Wind

Mein sehnendes Verlangen!

Jäh, wie der Blitz die Nacht zerreißt,

Erscheint mein Glück vor meinem Geist,

Das gar zu schnell vergangen.

 

Und wenn der Wetterstrahl erlischt,

Scheint tiefer noch das Düster. –

Dein Nachglanz, Du verlor'nes Glück,

Enthüllt die Zukunft meinem Blick

Nur grauser noch und wüster!

 

Walter Withers, The Storm
Walter Herbert Withers (1854-1914) war ein australischer Landschaftskünstler und ein Mitglied der Heidelberger Schule, der australischen Impressionisten.

Afanassi Afanassjewitsch Fet 1820-1892

Sturm hoch am Abendhimmel

 

Zornigen Meeres Gesang –

Sturm auf dem Meer und Gedanken,

Viele Gedanken, so bang –

Sturm auf dem Meer und Gedanken,

Schwellnder Gedanken Klang –

Schwarzen Gewölkes Gewimmel,

Zornigen Meeres Gesang.

 

Poussin, Landscape with Lightning, ca. 1667-69
Gaspard Poussin (1615-1675) - eigentlich Gaspard Dughet - war ein italienischer Landschaftsmaler.

Oskar Loerke 1884-1941

Gartengewitter

 

Nach dem Monde greift ein Spuk,

Und er flieht gekrümmt.

Schwüler, träger Quell entspringt

Rings im Laub und fließt.

 

Durch die Kiefernwipfel huscht

Feuermähn ins Gras.

Aus dem grünen Schrecken glühn

Säulen wilden Weins.

 

Und sie schnellen wie zum Dienst

In den Regendom,

Das Gewölbe kracht und birst,

Doch sie tragen wohl.

 

Dann webt volle Finsternis.

Nur, wo Straßen sind,

Flickt das Dunkel dort und hier

Eine goldne Naht.

 

Aelbert Cuyp, Gewitter über Dordrecht, um 1645
Aelbert Jacobsz. Cuyp (1620-1691) war einer der bedeutendsten niederländischen Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts.

Albert Bierstadt, Bayerische Landschaft
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Gustav Schwab 1792-1850

Das Gewitter

 

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind

In dumpfer Stube beisammen sind;

Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,

Großmutter spinnet, Urahne gebückt

Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl. –

Wie wehen die Lüfte so schwül!

 

Das Kind spricht: »Morgen ist Feiertag,

Wie will ich spielen im grünen Hag,

Wie will ich springen durch Tal und Höhn,

Wie will ich pflücken viel Blumen schön;

Dem Anger, dem bin ich hold!« –

Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

 

Die Mutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,

Da halten wir alle fröhlich Gelag,

Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;

Das Leben, es hat auch Lust nach Leid;

Dann scheint die Sonne wie Gold!« –

Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

 

Großmutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag,

Großmutter hat keinen Feiertag,

Sie kochet das Mal, sie spinnet das Kleid,

Das Leben ist Sorg und viel Arbeit;

Wohl dem, der tat, was er soll!« –

Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

 

Urahne spricht: »Morgen ist’s Feiertag,

Am liebsten morgen ich sterben mag;

Ich kann nicht singen und scherzen mehr,

Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer;

Was tu ich noch auf der Welt?« –

Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

 

Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,

Es flammet die Stube wie lauter Licht:

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind

Vom Strahl miteinander getroffen sind;

Vier Leben endet ein Schlag, –

Und morgen ist’s Feiertag.

 

Georges Michel, Mills at Montmartre
Georges Michel (1763-1843) war ein französischer Landschaftsmaler.

Künstler nicht bekannt, Thunderstorm

Arno Holz 1863-1929

Abziehendes Gewitter

 

Gegen

eine dunkele,

dumpf verrollende, schrägschwarz abziehende

Wetterwand,

aus

der mich noch

die

letzten schweren,

stürzenden Schlossen treffen,

plötzlich,

die Luft wird licht, die Lachen

flimmern,

der gärende, wählende, weißgrau brodelnde Himmel über mir

jählings, zerreißt,

sprühblitzt ... die Sonne!

 

Jagende Wolken! Blendendes Blau!

Ins grüne Gras greift der Wind, Silberweiden sträuben sich.

 

Den

Kopf vorgeduckt,

die Augen fast zu, den Hut in die Stirn,

kämpfe ich mich

durch den fegend sausenden,

stürmisch brausenden, entfesselt tobenden Frühlingsaufruhr!

 

Mit

einem Mal,

die Brust atmet auf, mein Mantel flattert nichtg mehr,

ich blicke erstaunt um mich

alles ... still.

 

Der ganze Spektakel, Lärm und Tumult,

kein Blättchen rührt sich, kein Hälmchen schwankt,

auch

nicht das leiseste,

sanfteste, zarteste Lüftchen mehr,

wie

weggeblasen!

 

Erquickende, friedliche, glasklare

Frische!

Der Himmel glänzt, eine kleine Meise singt wieder,

ich spüre wohligste

Wärme.

 

Auf einem jungen Erlenbaum,

regenbogenschillernd, edelsteinfunkelnd,

märchenbunt,

leuchtwiegen, blinkdrehen,

spiegelschaukeln

sich

spielschwebend, tanzhangende,

seligkeitszitternde

Tropfen!

 

 

Fjodor Wassiljew, Nach dem Gewitter, 1871
Fjodor Alexandrowitsch Wassiljew (1850-1873) war ein russischer Maler.

Wilhelm Raabe 1831-1910

Vorüber

 

Nun ist es vorüber,

Nun ist es geschehn,

Die Donner verrollen,

Die Wolken verwehn.

 

Es leuchtet, es blitzet

Die Wiese, der Wald.

Was eben noch dunkel,

Wie hellt's sich so bald!

 

Nun ist es geschehen,

Nun ist es getan!

Es war ja ein Traum nur,

Es war nur ein Wahn!

 

Vom Zweige es träufet,

Die Wimper ab auch;

wie funkeln die Tropfen

An Blättlein und Aug'!

 

Wie leuchtet die Sonne

Mit glänzendem Schein,

Über Berg, über Tal,

Ins Herz mir hinein!

 

George Inness, The Passing Storm, 1892, High Museum
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Martin Greif 1839-1911

Nach dem Gewitter

 

Das Wetter ist niedergegangen,

Die Wolken, die grollend und grau

Ins schwüle Gebirge gehangen,

Sie stillten der Wälder Verlangen,

Gelöst in unendlichen Thau;

Der Himmel ward heiter und blau.

 

Wohl zittern wie flammend die Lüfte,

Doch kühlet ein Wehen sie lind

Und trägt durch die dampfenden Klüfte

Der Kräuter gewürzige Düfte;

Wo rege die Wipfel noch sind,

Erschauern die Sträucher im Wind.

 

Breit fluthet der Bach von den Fällen,

Der wirbelnd im Thale noch schwillt;

Rings tausend lebendige Quellen

Enteilen mit murmelnden Wellen:

Der Balsam, der köstliche, quillt,

Der Durst ist in Strömen gestillt.

 

 

Oswald Achenbach, Abziehendes Gewitter und ein Regenbogen über dem Golf von Neapel
Oswald Achenbach (1827-1905) war ein deutscher Maler, welcher der Düsseldorfer Malerschule zugerechnet wird.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Nach dem Gewitter

 

Der Blitz hat mich getroffen.

Mein stählerner, linker Manschettenknopf

Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf

Summt es, als wäre ich besoffen.

 

Der Doktor Berninger äußerte sich

Darüber sehr ungezogen:

Das mit dem Summen wär' typisch für mich,

Das mit dem Blitz wär' erlogen.

 

Fjodor Wassiljew, Nach dem Regen
Fjodor Alexandrowitsch Wassiljew (1850-1873) war ein russischer Maler.

George Inness, Close of a Stormy Day, ca. 1881-82
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Joseph Freiherr von Eichendorff

Wetterleuchten

 

Wetterleuchten fern im Dunkeln;

Wunderbar die Berge stehn,

Nur die Bäche manchmal funkeln,

Die im Grund verworren gehn.

 

Und ich schaue froh erschrocken,

Wie in eines Traumes Pracht,

Schüttle nur die dunklen Locken, –

Deine Augen sind die Nacht.

 

Leopold von Kalckreuth, Der Regenbogen
Leopold Karl Walter Graf von Kalckreuth (1855-1928) war ein deutscher Maler, Grafiker und Lehrer

Jules Breton, Arc-En-Ciel
Jules Adolphe Aimé Louis Breton (1827-1906) war ein französischer Maler.

Die Arbeit läuft nicht davon,

während du deinem Kind einen Regenbogen zeigst,

aber der Regenbogen wartet nicht,

bis du mit der Arbeit fertig bist.

Chinesisches Sprichwort

 

 

Caspar David Friedrich, Gebirgslandschaft mit Regenbogen
Caspar David Friedrich (1774-1840) war ein deutscher Maler, Grafiker und Zeichner. Er gilt heute als der bedeutendste Künstler der deutschen Frühromantik.

Frederic Edwin Church, The Aegean Sea, ca. 1877
Frederic Edwin Church (1826-1900) war ein bedeutender Vertreter der Hudson River School, einer Gruppierung amerikanischer Künstler, die für präzis gemalte, oft dramatische und allegorische Landschaftsbilder bekannt wurde.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Regenbogen

über den Hügeln einer anmutigen Landschaft

 

Grau und trüb und immer trüber

Kommt das Wetter angezogen; –

Blitz und Donner sind vorüber,

Euch erquickt ein Regenbogen.

 

Wilde Stürme, Kriegeswogen

Rasten über Hain und Dach;

Ewig doch und allgemach

Stellt sich her der bunte Bogen.

 

Frohe Zeichen zu gewahren

Wird der Erdkreis nimmer müde;

Schon seit vielen tausend Jahren

Spricht der Himmelsbogen: Friede!

 

Aus des Regens düstrer Trübe

Glänzt das Bild, das immer neue;

In den Tränen zarter Liebe

Spiegelt sich der Engel Treue.

 

Georges Seurat, L'Arc-en-ciel
Georges-Pierre Seurat (1859-1891) war ein französischer Maler und Zeichner und, neben Paul Signac, wichtigster Vertreter des Pointillismus.

Paul Signac, Regenbogen über Venedig
Paul Signac (1863-1935) war ein französischer Maler und Grafiker und neben Georges Seurat der bedeutendste Künstler des Neo-Impressionismus bzw. Pointillismus.

Franz Werfel 1890-1945

Regenbogen und Hoffnung

 

Die Stadt in Wetter und Gewölk geschlagen,

Von niedrer Schwalben Schmerzensflug durchtobt.

Doch jenseits leichter Berg, emporgetragen,

Aus Graus und Pfuhl dem Himmel anverlobt.

 

Den einen Fuß in Heiterkeit verloren,

Der andre stampft in Donner, Zorn und Krampf,

Bäumt sich der Bogen, seelenvoll geboren

Aus Schwanenlicht und fürchterlichem Dampf.

 

Die ungeheure Zwieheit ist begonnen.

Gott stößt sich ab, und spricht mit neuem Mund.

Und ist das Bunte tränenhaft zerronnen,

Gestiftet steht der alte erste Bund.

 

Das Hüben noch von Pest und Strahl vergiftet,

Das Drüben schon in maßlos weißem Bad.

Wer weint mit mir? Gelichtet und gelüftet,

Steht in uns auf der alte Ararat.

 

William Turner, Blick auf Filsen und Osterspai
Joseph Mallord William Turner (1775-1851) war ein englischer Maler, Aquarellist und Zeichner.

George Inness, The Rainbow in the Berkshire Hills, 1869
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Julius Rodenberg 1831-1914

Regenbogen

 

Noch schweben die Wolken zerrissen,

Noch hangen sie tief und schwer,

Mit den brütenden Finsternissen

Kämpft des Lichtes goldener Speer.

 

Und wo er sie trifft mit Funkeln,

Wie stäubt da die wilde Jagd!

Da strahlen die Wellen, die dunkeln,

Da blitzt es wie Gold und Smaragd.

 

Mit Staunen folgt und mit Freude

Der Blick dem verworrenen Hauf',

Phantastische Wolkengebäude

Steigen am Himmel herauf.

 

Schimmernde Seepaläste,

Wiesen von grünem Schein;

Die Sonne, der Wind als Gäste,

Die wandeln dort aus und ein.

 

Nun aber stürzt Turm und Mauer,

Und alles wird öd und fahl;

Ein eisiger Regenschauer

Löscht aus den letzten Strahl.

 

Es ballt sich zu finstrer Masse

Das Grau, das den Himmel verhüllt,

Bis plötzlich sich jene blasse

Wolke mit Glut erfüllt.

 

George Inness, The Rainbow
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Archip Kuindschi, Rainbow Chuvashia
Archip Iwanowitsch Kuindschi (1841-1910) war ein russischer Maler des Realismus.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Regen und Regenbogen

 

Auf schweres Gewitter und Regenguß

Blickt’ ein Philister zum Beschluß

Ins weiterziehende Grause nach,

Und so zu seinesgleichen sprach:

Der Donner hat uns sehr erschreckt,

Der Blitz die Scheunen angesteckt,

Und das war unsrer Sünden Teil!

Dagegen hat, zu frischem Heil,

Der Regen fruchtbar uns erquickt

Und für den nächsten Herbst beglückt.

Was kommt nun aber der Regenbogen

An grauer Wand herangezogen?

Der mag wohl zu entbehren sein,

Der bunte Trug! der leere Schein!

 

Frau Iris aber dagegen sprach:

Erkühnst du dich zu meiner Schmach?

Doch bin ich hier ins All gestellt

Als Zeugnis einer bessern Welt,

Für Augen, die vom Erdenlauf

Getrost sich wenden zum Himmel auf

Und in der Dünste trübem Netz

Erkennen Gott und sein Gesetz.

Drum wühle du, ein andres Schwein,

Nur immer den Rüssel in den Boden hinein

Und gönne dem verklärten Blick

An meiner Herrlichkeit sein Glück.

 

Archip Kuindschi, Regenbogen, 1905
Archip Iwanowitsch Kuindschi (1841-1910) war ein russischer Maler des Realismus.

Archip Kuindschi, Rainbow
Archip Iwanowitsch Kuindschi (1841-1910) war ein russischer Maler des Realismus.

Sieh den Regenbogen!

Nur wenn der Himmel weint,

erblickst du die Farben im Licht.

Shan Tao 205-283

 

 

Frederic Edwin Church, Rainy Season in the Tropics
Frederic Edwin Church (1826-1900) war ein bedeutender Vertreter der Hudson River School, einer Gruppierung amerikanischer Künstler, die für präzis gemalte, oft dramatische und allegorische Landschaftsbilder bekannt wurde.
 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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