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Anonym

Ein alt Totenlied

 

So fährt im Herbst der Abendwind

Wohl über die breite Heide

Und reißt die Blumen ab geschwind

Zu unserm tiefen Leide.

Verschwunden unserm Angesicht

Sieht man gar bald die Stätte nicht,

Wo Gras und Blumen gestanden.

 

Nun fliehe denn aus euerm Sinn

Das traurige Seufzen und Klagen hin

Und ziehet eure Straßen.

Denk wohl dabei, es währt nicht lang,

So wird man uns bei Sang und Klang

Gleichfalls der Erde lassen.

 

Jean François Millet, Die Ebene von Chailly mit Egge und Pflug, 1862
Jean-François Millet (1814-1875) war ein französischer Maler des Realismus.

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Theodor Fontane 1819-1898

Herbstmorgen

 

Die Wolken ziehn, wie Trauergäste,

Den Mond still – abwärts zu geleiten;

Der Wind durchfegt die starren Äste,

Und sucht ein Blatt aus beßren Zeiten.

 

Schon flattern in der Luft die Raben,

Des Winters unheilvolle Boten;

Bald wird er tief in Schnee begraben

Die Erde, seinen großen Toten.

 

Ein Bach läuft hastig mir zur Seite,

Es bangt ihn vor des Eises Ketten;

Drum stürzt er fort und sucht das Weite,

Als könnt' ihm Flucht das Leben retten.

 

Da mocht' ich länger nicht inmitten

So todesnaher Öde weilen;

Es trieb mich fort, mit hast'gen Schritten

Dem flücht'gen Bache nachzueilen.

 

 

Isaak Lewitan, Autumn Road in village
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Martin Greif 1839-1911

Herbstgefühl

 

Wie ferne Tritte hörst du's schallen,

Doch weit umher ist nichts zu sehn,

Als wie die Blätter träumend fallen

Und rauschend mit dem Wind verwehn.

 

Es dringt hervor wie leise Klagen,

Die immer neuem Schmerz entstehn,

Wie Wehruf aus entschwundnen Tagen,

Wie stetes Kommen und Vergehn.

 

Du hörst, wie durch der Bäume Gipfel

Die Stunden unaufhaltsam gehn,

Der Nebel regnet in die Wipfel,

Du weinst, und kannst es nicht verstehn.

 

 

Carl Gutherz, Falling Leaves
Carl Gutherz (1844-1907) war ein Maler, der im 19. Jahrhundert Teil der symbolistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten war.

Cäsar Flaischlen 1864-1920

Ich bin nicht mehr als ein rinnender Traum

 

Ich bin nicht mehr als ein Blatt am Baum,

Als ein Tropfen im fallenden Regen,

Nicht mehr als ein Sonnenflimmerflaum,

Ein Mondlichtschein in Waldgehegen ...

Oder sommerentlang

Ein Vogelklang,

Ein Schmetterling am Heidehang ...

Ein Wölkchen, das der nächste Wind

Spurlos ins Abendrot verrinnt ...

Und all meine Lust und all mein Leid,

Es ist nur die Lust, es ist nur das Leid

Eines kurzen rinnenden Traumes ...

Es ist nur die Lust, es ist nur das Leid

Eines Mondlichtscheins auf einsamen Wegen,

Eines Rufes im Ried,

Eines Vogellieds

In grünen Waldgehegen ...

Es ist nur die Lust, es ist nur das Leid

Eines Schmetterlings, der zur Sommerzeit

An blühenden Hängen flügelt

Und den der Herbst früh oder spät

Spurlos über die Heide verweht ...

 

Arnold Marc Gorter, Herfststemming in een bos met een beekje en koeien
Arnold Marc Gorter (1866-1933) war ein niederländischer Landschaftsmaler und Zeichner.

Theodor Fontane 1819-1898

Barbara Allen

 

Es war im Herbst, im bunten Herbst,

Wenn die rotgelben Blätter fallen,

Da wurde John Graham vor Liebe krank,

Vor Liebe zu Barbara Allen.

 

Seine Läufer liefen hinab in die Stadt

Und suchten, bis sie gefunden:

“Ach unser Herr ist krank nach dir,

Komm Lady, und mach' ihn gesunden.”

 

Die Lady schritt zum Schloß hinan,

Schritt über die marmornen Stufen,

Sie trat ans Bett, sie sah ihn an:

“John Graham, du ließest mich rufen.”

 

“Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst

Und die rotgelben Blätter fallen,

Hast du kein letztes Wort für mich?

Ich sterbe, Barbara Allen.”

 

“John Graham, ich hab' ein letztes Wort,

Du warst mein All und Eines;

Du teiltest Pfänder und Bänder aus,

Mir aber gönntest du keines.

 

John Graham, und ob du mich lieben magst,

Ich weiß, ich hatte dich lieber,

Ich sah nach dir, du lachtest mich an

Und gingest lachend vorüber.

 

Wir haben gewechselt, ich und du,

Die Sprossen der Liebesleiter,

Du bist nun unten, du hast es gewollt

Ich aber bin oben und heiter.”

 

Sie ging zurück. Eine Meil' oder zwei,

Da hörte sie Glocken schallen;

Sie sprach: Die Glocken klingen für ihn,

Für ihn und für Barbara Allen.

 

“Liebe Mutter mach ein Bett für mich,

Unter Weiden und Eschen geborgen;

John Graham ist heute gestorben um mich

Und ich sterbe um ihn morgen.”

 

Mary Stevenson Cassatt,

Autumn
Mary Stevenson Cassatt (1844-1926) war eine US-amerikanische Grafikerin und Malerin des Impressionismus.

Betty Paoli 1814-1894

Im Herbst

 

Durch Novemberlüfte schauernd

Strömen Regengüsse nieder;

Da verstummen, scheu und trauernd,

In der Seele mir die Lieder.

 

Vögeln gleich, die in so kalten

Regentagen, statt zu singen,

Fröstelnd die durchnäßten Schwingen

Lang und stumm zusammenfalten.

 

Carl Blechen, Bäume im Herbst
Carl Eduard Ferdinand Blechen (1798-1840) war ein deutscher Landschaftsmaler und Professor für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie der Künste.

Hermann Allmers 1821-1902

Spätherbst

 

Der graue Nebel tropft so still

Herab auf Feld und Wald und Heide,

Als ob der Himmel weinen will

In übergroßem Leide.

 

Die Blumen wollen nicht mehr blühn,

Die Vöglein schweigen in den Hainen,

Es starb sogar das letzte Grün,

Da mag er auch wohl weinen.

 

Gustav Klimt, Die große Pappel
Gustav Klimt (1862-1918) war ein bedeutender österreichischer Maler, einer der bekanntesten Vertreter des Wiener Jugendstils und Gründungspräsident der Wiener Secession.

Wilhelm Popp 1870-1938

Spätherbst

 

Fahlgrau verdämmert der Tag…

Nebel in flatternden Stücken,

will mir die Brust bedrücken,

Furcht regt sich im Föhrenschlag.

 

Und schon nahet der Sturm,

Herbst beugt die greisen Bäume, –

in meine dumpfen Träume

zittern die Glocken vom Turm.

 

Schall und verworrener Klang

aus dem Häusergewimmel;

Dampf quillt zum nächtlichen Himmel

in aufstrebendem Drang.

 

Dunkel schleicht mir ins Herz,

Wolken ballen sich dichter –

Aber drüben die Lichter

winken mir heimatwärts.

 

Marie Bashkirtseff, Autumn
Marie Bashkirtseff (1858 oder 1860 - 1884) war eine russische Malerin, deren Gemälde in Frankreich entstanden sind. Ihr Werk ist dem Naturalismus zuzuordnen.
 

Max Dauthendey 1867-1918

Vergänglichkeit

 

Nun spinnen sich die Tage ein,

Nicht einer will mehr freundlich sein,

Sie müssen sich alle besinnen

Auf eine Hand voll Sonnenschein

Und gehen dürftig von hinnen,

Wie Wasser im Sande verrinnen.

 

Die Menschen wandern hinterdrein,

Still einzeln, oder still zu zwein,

Und sehen die Blätter verfliegen

In alle vier Wände hinein.

Sie möchten im Sonnenschein liegen

Und müssen sich fröstelnd schmiegen.

 

So war es tausend Jahr und mehr,

Mit Blindheit kommt der Herbst daher.

Gern will ihn keiner sehen,

Er macht ja alle Wege leer.

Er muß zur Seite gehen

Und muß um Mitleid flehen.

 

Und so geht's tausend Jahre fort.

Vergänglichkeit, Du müdes Wort,

Du lösest ab die Tage,

Du duldest weder Zeit noch Ort,

Machst Wirklichkeit zur Sage,

Den Liebesrausch zur Klage.

 

Jan Hendrik Weissenbruch, Road Near Canal
Johan Hendrik Weissenbruch (1824-1903) war ein Maler aus den Niederlanden.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Herbst im Fluss

 

Der Strom trug das ins Wasser gestreute

Laub der Bäume fort.

Ich dachte an alte Leute

Die auswandern ohne ein Klagewort.

 

Die Blätter treiben und trudeln,

Gewendet von Winden und Strudeln

Gezügig, und sinken dann still.

 

Wie jeder, der Großes erlebte,

Als er an Größerem bebte,

Schließlich tief ausruhen will.

 

Konstantin Pervuhin, Der Herbst geht zu Ende
Konstantin Pervuhin (1863-1915) war ein russischer Maler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Ende des Herbstes

 

Ich sehe seit einer Zeit,

Wie alles sich verwandelt.

Etwas steht auf und handelt

Und tötet und tut Leid.

 

Von Mal zu Mal sind all

Die Gärten nicht dieselben;

Von der gilbenden zu der gelben

Langsamem Verfall:

Wie war der Weg mir weit.

 

Jetzt bin ich schon bei den leeren

Und schaue durch die Alleen.

Fast bis zu den fernsten Meeren

Kann ich den ernsten schweren

Verwehrenden Himmel sehn.

 

Adolf Kaufmann, Flock of Sheep with Shepherdess on a Rainy Day
Adolf Kaufmann (1848-1916) war ein österreichischer Landschafts- und Marinemaler.

Heinrich Heine 1797-1856

Spätherbstnebel, kalte Träume

 

Spätherbstnebel, kalte Träume,

Überfroren Berg und Tal,

Sturm entblättert schon die Bäume,

Und sie schaun gespenstisch kahl.

 

Nur ein einz'ger, traurig schweigsam

Einz'ger Baum steht unentlaubt,

Feucht von Wehmutstränen gleichsam,

Schüttelt er sein grünes Haupt.

 

 Ach, mein Herz gleicht dieser Wildnis,

Und der Baum, den ich dort schau

Sommergrün, das ist dein Bildnis,

Vielgeliebte, schöne Frau!

 

Hugo Mühlig, Schafherde im Herbst
Hugo Mühlig (1854-1929) war ein deutscher Maler. Er lebte ab 1881 als Maler von Landschaften und Genreszenen in Düsseldorf

Friedrich Rückert 1788-1866

Herbsthauch

 

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,

Hoffst du von Tagen zu Tagen,

Was dir der blühende Frühling nicht trug,

Werde der Herbst dir noch tragen!

 

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,

Immer zu schmeicheln, zu kosen.

Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,

Abends verstreut er die Rosen.

 

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,

Bis er ihn völlig gelichtet.

Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,

Was wir geliebt und gedichtet.

 

Léonard Jarraud, Le chemin dans les vignes, Musée des Beaux Arts d'Angoulême
Léonard Jarraud (1848-1926) war ein französischer Maler.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Im Blätterfallen

 

Da nun die Blätter fallen,

O weh, wie fahl,

Fühl' ich, wie alt ich worden bin.

Das macht mir Qual.

 

Die Sonne scheint. Ach, Sonne,

Wie bist du kalt.

Einst war der Herbst mir auch ein Lied.

Jetzt bin ich alt.

 

Philip Alexius de László, Falling Leaves, 1895
Philip Alexius de László (1869-1937) war einer der führenden britischen Porträtmaler des frühen 20. Jahrhunderts.

Georg Busse-Palma 1876-1915

Unnütz

 

Was der Frühling säte,

kommt im Herbst zur Mahd –

Es ist spät geworden,

und die Ernte naht.

 

Ich auch hör' am Wege,

wegmüd' und verstaubt,

Sang und Sichelschläge

über meinem Haupt.

 

Mähst du auch der Heide

unnütz Kraut und Strauch,

Herr der Ernte, schneide

dann mich auch…

 

Edvard Peterssen, Autumn Evening
Edvard Frederik Petersen (1841-1911) war ein dänischer Maler.
 

Charles Edouard Duboc 1822-1910

Ruhetag

 

Wohin ich trete, dürres Laub,

Des Herbstes hingeworfner Raub –

Nicht nahm er's mit, ihm ward's zu viel:

Nun treibt damit der Wind sein Spiel.

Doch bald hat's auch vor Diesem Ruh',

Es kommt der Schnee und deckt es zu:

Wer nur das End' erwarten mag,

Der findet seinen Ruhetag.

 

Théodore Rousseau, Under the Birches, Evening
Etienne Pierre Théodore Rousseau (1812-1867) war ein französischer Landschaftsmaler und Bruder des weniger bekannten Malers Philippe Rousseau. Er war Gründer der Schule von Barbizon, in der sich die ersten Freilichtmaler zusammenfanden. Sein Werk ist dem Realismus zuzuordnen.

Ferdinand von Saar 1833-1906

Landschaft im Spätherbst

 

Über kahle, fahle Hügel

Streicht der Dämm'rung kühler Flügel;

Dunkel, wie erstarrte Träume,

Steh'n im Thal entlaubt die Bäume.

 

Tiefe Stille, tiefes Lauschen:

Keine Welle hörst du rauschen,

Keine Stimme hörst du klingen,

Dir des Lebens Gruß zu bringen.

 

Nur als stummes Bild der Gnade

Siehst du dort am stein'gen Pfade,

Von des Kreuzes Holz getragen,

Durch die Nacht den Heiland ragen.

 

 

 

Giovanni Boldini,

La passeggiata nel parco,

um 1884
Giovanni Boldini (1842-1931) war ein italienisch-französischer Maler des Impressionismus. Er war einer der meist gefragten Porträtmaler in der Belle Époque.

Max Dauthendey 1867-1918

Schatten am Herzen

 

So bin ich denn hin in die Welt gegangen,

In den Herbst, wo die Winde sich Blätter fangen,

Und langen Nächten entgegen.

Doch immer sah ich auf allen Wegen

Ein Weib mit Blicken, mit bangen,

Die blieben wie Schatten am Herzen mir hangen,

Und fielen zur Erde wie weinender Regen.

 

Jules Breton, Un ouragan
Jules Adolphe Aimé Louis Breton (1827-1906) war ein französischer Maler.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Herbstgefühl

 

Mürrisch braust der Eichenwald,

Aller Himmel ist umzogen,

Und dem Wandrer, rauh und kalt,

Kommt der Herbstwind nachgeflogen.

 

Wie der Wind zu Herbsteszeit

Mordend hinsaust in den Wäldern,

Weht mir die Vergangenheit

Von des Glückes Stoppelfeldern.

 

An den Bäumen, welk und matt,

Schwebt des Laubes letzte Neige,

Niedertaumelt Blatt auf Blatt

Und verhüllt die Waldessteige;

 

Immer dichter fällt es, will

mir den Reisepfad verderben,

Daß ich lieber halte still,

Gleich am Orte hier zu sterben.

 

 

 

Isaak Brodski, Fallen Leaves
Isaak Israilewitsch Brodski (1883-1939) war ein russischer Künstler.

Wilfried von der Neun 1826-1916

Wieder fällt der Waldschmuck nieder

 

Wieder fällt der Waldschmuck nieder,

Wieder schweigen Waldeslieder;

Todvergess'ner Mensch, o sage,

Wieviel brauchst du Herbstestage,

Deines Lebens Ernst zu fassen

Und das Schimmernde zu lassen?

 

John Joseph Enneking, Tranquility at Sunset
John Joseph Enneking (1841-1916) war ein amerikanischer impressionistischer Maler, der mit der Boston School verbunden war.

Theodor Fontane 1819-1898

Spätherbst

 

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,

Reseden und Astern sind im Verblühn,

Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,

Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

 

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –

Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!

Banne die Sorge, genieße, was frommt,

Eh' Stille, Schnee und Winter kommt.

 

Jakub Schikaneder, Abend im Garten, 1907-09
Jakub Schikaneder (1855-1924) war ein böhmischer Maler.

Klabund 1890–1928

Die letzte Kornblume

 

Sie ging, den Weg zu kürzen, übers Feld.

Es war gemäht. Die Ähren eingefahren.

Die braunen Stoppeln stachen in die Luft,

Als hätte sich der Erdgott schlecht rasiert.

Sie ging und ging. Und plötzlich traf sie

Auf die letzte blaue Blume dieses Sommers.

Sie sah die Blume an. Die Blume sie. Und beide dachten

(Sofern die Menschen denken können, dachte die Blume...)

Dachten ganz das gleiche:

Du bist die letzte Blüte dieses Sommers,

Du blühst, von lauter totem Gras umgeben.

Dich hat der Sensenmann verschont,

Damit ein letzter lauer Blütenduft

Über die abgestorbene Erde wehe –

Sie bückte sich. Und brach die blaue Blume.

Sie rupfte alle Blütenblätter einzeln:

Er liebt mich – liebt mich nicht – er liebt mich... nicht. –

Die blauen Blütenfetzen flatterten

Wie Himmelsfetzen über braune Stoppeln.

Ihr Auge glänzte feucht – vom Abendtau,

Der kühl und silbern auf die Felder fiel

Wie aus des Mondes Silberhorn geschüttet.

 

 

 

Roman Kochanowski, Jesien, 1888
Roman Kazimierz Kochanowski (1857-1945) war ein polnischer Maler und Zeichner. Er lebte vorwiegend in München und malte preisgekrönte, stimmungsvolle Landschaftsbilder.

Friedrich Nietzsche 1844-1900

Vereinsamt

 

Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnein –

Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

 

Nun stehst du starr,

Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!

Was bist du Narr

Vor Winters in die Welt – entflohn?

 

Die Welt – ein Tor

Zu tausend Wüsten stumm und kalt!

Wer das verlor,

Was du verlorst, macht nirgends Halt.

 

Nun stehst du bleich,

Zur Winter-Wanderschaft verflucht,

Dem Rauche gleich,

Der stets nach kältern Himmeln sucht.

 

Flieg, Vogel, schnarr

Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –

Versteck, du Narr,

Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

 

Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnein,

Weh dem, der keine Heimat hat!

 

Jakub Schikaneder, In der Einsamkeit
Jakub Schikaneder (1855-1924) war ein böhmischer Maler.

Max Dauthendey 1867-1918

Als siehst Du in ein Buch hinein

 

Als siehst Du in ein Buch hinein,

Und des blassen Papieres heller Schein

Liegt Dir im Gesicht, und bleich wie Stein

Wird Deine Stirn von des Buches Licht.

So gehst Du im Herbst den Weg, den hellen.

Die Bäume stehen wie wächserne Zellen,

Durchsichtig wie Körbe, lose geflochten,

Vom Licht durchflackert an allen Stellen;

Sie sind gleich Kerzen mit langen Dochten.

Und bleich beschienen von fremden Schmerzen,

Geht jeder unter den Bäumen hin,

Bleich, als trägt er die Last von Eisen und Erzen,

Und liest erblaßt des Lebens Sinn.

 

Nils Kreuger, Autumn, Varberg
Nils Edvard Kreuger (1858-1930) war ein schwedischer Maler, Zeichner, Illustrator und Werbegrafiker.

Emil von Schoenaich-Carolath 1852-1908

Nebeltag

 

Vorbei nun ist es mit den blauen Tagen,

es senkt der Herbst die graue Schlußgardine;

vom Garten, der einst Rosenpracht getragen,

dringt Grabesduft verblühter Balsamine.

 

Ein letztes Ideal ward mir zerschlagen,

Brief zuckt auf Brief verflammend im Kamine;

indessen Schauer überm Parke jagen,

pfeift hell der Sturm die Abschiedskavatine.

 

Mir ahnt es trüb: wer um das Glück der Erden

sein Herzblut gab, den trösten nur hinferne

noch Arbeitslämpchen und Kamingefunkel.

 

Denn alle Wonnen, die begehret werden,

die Welt, der Ruhm, die Frauen und die Sterne,

sie wärmen nicht und sind im Grunde dunkel.

 

Guillaume Vogels, Temps de chien, Bruxelles, Musées Royaux des Beaux Arts de Belgique
Guillaume Vogels (1836-1896) war ein belgischer Maler.

Georg Trakl 1887-1914

Der Herbst des Einsamen

 

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,

Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.

Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;

Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.

Gekeltert ist der Wein, die milde Stille

Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

 

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;

Im roten Wald verliert sich eine Herde.

Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;

Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.

Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel

Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

 

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;

In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden

Und Engel treten leise aus den blauen

Augen der Liebenden, die sanfter leiden.

Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,

Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

 

 

 

Jules Breton, Last Flowers, Cincinnati Art Museum
Jules Adolphe Aimé Louis Breton (1827-1906) war ein französischer Maler.

Georg Heym 1887-1912

Winterwärts

 

Eben noch goldiger Maienglanz,

Heute schon fallender Blätter Tanz.

Müde senkt sich der welke Mohn,

Leise taumeln die Flocken schon.

 

Und ein großes Schweigen

Hüllt die Welten ein.

Tod mit seiner Geigen

Schreitet auf dem Rain.

 

 

 

Vincent van Gogh, Avenue Poplars Sunset, 1884
Vincent Willem van Gogh (1853-1890) war ein niederländischer Maler und Zeichner; er gilt als einer der Begründer der modernen Malerei.
 

Emanuel Geibel 1815-1884

Es schleicht um Busch und Halde

 

Es schleicht um Busch und Halde

Der Sonnenstrahl so matt,

Im herbstlich stillen Walde

Fällt langsam Blatt um Blatt.

Die Welt versinkt in Todesruh',

Was ist's denn mehr? Auch du, auch du,

Mein Herz, du findest balde

Die rechte Lagerstatt.

 

Du brachst am Lebenssteige

Die Früchte, die er bot,

Der Jugend Rosenzweige,

Der Minne Himmelsbrot.

Doch endlich wird des Windes Raub

Die letzte Lieb, das letzte Laub -

So neige dich, o neige

Dich lächelnd in den Tod.

 

Paul Baum, Weg nach Niedergrunstedt, Weimar Schlossmuseum
Paul Baum (1859-1932) war ein Maler des deutschen Impressionismus, Zeichner und Grafiker.

Guido Zernatto 1903-1943

Vor dem ersten Schnee

 

Auf dem braunen Acker drüben

Liegen jetzt in weißen Haufen

Als die letzte Frucht im Jahre

Rüben.

 

Und der alte Gaul geht schneller,

Weil ihn keine Fliegen beißen,

Auch der Most, gepreßt schon, liegt im

Keller.

 

Vor dem Hause und dahinter

Türmt sich schon das grobgespaltne

Buchenholz für einen langen

Winter.

 

Und kein Acker und kein Garten

Braucht jetzt Arbeit oder Pflege,

Oh, wir können ruhig auf den Winter

warten.

 

 

 

Carl Fredrik Hill, Autumn, Nationalmuseum
Carl Fredrik Hill (1849-1911) war ein schwedischer Maler und besonders durch seine Zeichnungen bekannt. Er wird der Epoche des Impressionismus zugeordnet.
 

Karl von Gerok 1815-1890

Herbst-Gefühl

 

Müder Glanz der Sonne!

Blasses Himmelblau!

Von verklungner Wonne

Träumet still die Au.

An der letzten Rose

Löset lebenssatt

Sich das letzte lose,

Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben

Schleicht sich durch den Hain!

Auch Vergeh'n und Sterben

Däucht mir süß zu sein.

 

Paul Cornoyer, After the Rain, Gloucester
Paul Cornoyer (1864-1923) war ein amerikanischer Maler.

Heinrich Heine 1797-1856

Verdroßnen Sinn im kalten Herzen hegend ...

 

Verdroßnen Sinn im kalten Herzen hegend,

Reis ich verdrießlich durch die kalte Welt,

Zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält

Feuchteingehüllt die abgestorbne Gegend.

 

Die Winde pfeifen, hin und her bewegend

Das rote Laub, das von den Bäumen fällt,

Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,

Nun kommt das Schlimmste noch – es regent.

 

Paul Gustav Fischer, Vesterbrogade
Paul Gustav Fischer (1860-1934) war ein dänischer Maler.

Emil Claar 1842-1930

Findling

 

Es war ein trüber Abend

Zwischen Herbst und Winter,

Regen strömte und strömte

Vermischt mit zerfließenden Flocken

Zeitigen Schnees,

Und eisiger Windhauch klatschte

Das rotbraune Laub des wilden Weins

Ans Gittertor –

Da standst du vor meinem Hause,

Nachdem du mir lange nachgeschlichen,

Scheu und doch hoffend,

Stumm und doch bittend.

Ich nickte dir zu,

Ich blickte dich an,

Und sah einen schlanken, biegsamen

Schwarzen Jäger,

Stammend aus schottischem Hochgebirge,

Durchnäßt und erschöpft,

Niederkauern vor mir.

Vordringliche Rippen zeugten

Von schwerer Entbehrung

Und ich erwog:

Wie lange du schon so heimatlos

Umhergeirrt in den fremden Straßen,

Und sagte: Komm!

Und du kamst.

 

Ivan Pokhitonov, The Hunter
Ivan Pavlovitch Pokhitonov (1850-1923) war ein russischer und ukrainischer Landschaftsmaler und Grafiker, der einen Großteil seines Arbeitslebens in Frankreich und Belgien verbrachte.

Theodor Däubler 1876-1934

Herbst

 

Der erste Schnee liegt leuchtend auf den Bergen,

Die schwarzen Vögel wuchten funkelnd auf,

Die Welt wird ihren Schmerz nicht mehr verbergen.

Das Dasein silbert hin im Sterbenslauf.

 

Die Jäger knallen, was noch atmet, nieder.

Das tote Jahr vermacht uns einen Rausch,

Wir Menschen hoffen sinnlos immer wieder,

Der Wein umnebelt uns beim schlechten Tausch.

 

Der reife Herbst beginnt die Trauben zu durchblauen,

Der Wind verwebt in Wipfeln Licht und Liebe,

Die guten Blumen, die verwundert aufwärtsschauen,

Erzählen unsern Wunsch: wenn alles traumhaft bliebe!

 

Gib mir die Hand, Geduld, Geduld, wir werden warten.

Bemerkst du nicht, wie Blatt auf Blatt vom Himmel fällt?

Bestärke unsern Händedruck im Laubengarten:

Wir wollen warten, wenn Geduld uns fromm erhält.

 

Geduld, Geduld, wir halten dich mit weißen Händen.

Verwelkt und rot zerblättert das Kastanienlaub.

So warten wir, es steigt ein Stern aus Blätterwänden.

Der Wind ist weg, die Bäume werden taub.

 

Michele Catti, Ultime foglie, 1906, Palermo, Collection Galleria d'arte Moderna
Michele Catti (1855-1914) war ein italienischer Künstler, der als einer der bedeutendsten sizilianischen Landschaftsmaler der Belle Époque gilt.

Christian Morgenstern 1871-1914

Durch manchen Herbst des Leidens

 

Durch manchen Herbst des Leidens

mußt du, Herz,

eh dich die letzte goldne Sichel mäht.

Schon späht

ihr blankes Erz

nach deinem dunklen Blut.

Wie bald, so ruht,

verströmend Gold,

es, Abendröten gleich

in jenem Reich

des Ewigen Abends,

welcher Friede heißt!

O süßer Geist

der Nächte,

sei mir hold!

 

Arhip Kuindji, Autumnal Slush
Arhip Ivanovich Kuindji (1841-1910) war ein russischer Maler des Realismus.

Max Dauthendey 1867-1918

Unsere Toten

 

Nebel filtert um die Felderrunden, um die brachen,

Und von Nebeln wird das Fenster grau umwunden.

Die sonst nur in unsern Träumen nachts am Bett erwachen,

Unsere Toten, die des Hauses Ausweg leis gefunden,

Kommen herbsttags mit den Nebeln in die Türen, in die Stunden.

Unsere Toten, die nur lächeln, nicht mehr lachen,

Wollen jetzt im Grauen abgebrochene Gespräche weiterführen.

Wollen mit den Nebeln Wangen und Dein Kinn anrühren.

Ihre Arme sind Gedanken, und Du kannst die Toten näher spüren,

Näher jetzt als damals, wo sie noch vom gleichen Glase mit Dir tranken.

Alle Toten können, ohne Ende, liebend die Geschlechter führen,

Und sie gehen aus und ein, wie die Nebel durch geschlossene Türen.

 

 

Alexei Sawrassow, Herbstlandschaft mit einem sumpfigen Fluss unter dem Mond
Alexei Kondratjewitsch Sawrassow (1830-1897) war ein russischer Landschaftsmaler.

Erich Mühsam 1878-1934

Angst packt mich an

 

Angst packt mich an,

Denn ich ahne, es nahen Tage

voll großer Klage.

Komm du, komm her zu mir! –

Wenn die Blätter im Herbst ersterben

und sich die Flüsse trüber färben

und sich die Wolken ineinander schieben –

dann komm, du, komm!

Schütze mich –

stütze mich –

faß meine Hand an.

Hilf mir lieben!

 

Theodore Clement Steele, Sunrise
Theodore Clement Steele (1847-1926) war ein amerikanischer impressionistischer Maler, der für seine Landschaften in Indiana bekannt war.

Konrad Weiß 1880-1940

Vor dem Winter

 

Kein Himmel in der Frühe,

nach halben Schritten wird es still,

und wie das Blatt vom Baume fiel,

verzuckt ein Lichtlein ohne Will,

grämt sich und hat nicht Mühe.

 

Es will der Tag nicht raten.

Als löste sich von unserm Mund

das Blatt, so sind die Worte wund.

Im Nebel rinnen Stund um Stund,

verrinnen unsere Taten.

 

Allein in letzter Höhe

steht noch ein Blatt und zittert bald.

Und wird im Sterben voll Gestalt;

ein Wind als wie ein Messer kalt

nimmt auch das letzte Blatt.

 

Frederik Nachtweh, Grauwe dag
Johannes Hendrik Frederik Coenraad Nachtweh (1857-1941) war ein niederländischer Maler, Zeichner und Aquarellist sowie Kunstpädagoge.

 

 

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Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

BuchKult

Franz Dewes

fjdewes@buchkult-dewes.de

 

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