BuchKult
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O Herbst, was ist lieblicher, als deine Schritte im Tal? Was ist herrlicher, als dein Wandel auf den Hügeln? […] Der September ist die Zeit, Gedichte zu machen, und aus dem Leben ein Gedicht.

Wilhelm Raabe 1831-1910

 

 

 

Ivan Silych Goryushkin-Sorokopudov, Falling Leaves
Ivan Silych Goryushkin-Sorokopudov (1873-1954) war ein russischer Maler.

 

Erich Kästner 1899-1974

Herbst auf der ganzen Linie

 

Nun gibt der Herbst dem Wind die Sporen.

Die bunten Laubgardinen wehn.

Die Straßen ähneln Korridoren,

In denen Türen offen stehn.

 

Das Jahr vergeht in Monatsraten.

Es ist schon wieder fast vorbei.

Und was man tut, sind selten Taten.

Das, was man tut, ist Tuerei.

 

Es ist, als ob die Sonne scheine,

Sie lässt uns kalt. Sie scheint zum Schein.

Man nimmt den Magen an die Leine.

Er knurrt und will gefüttert sein.

 

Das Laub verschießt, wird immer gelber,

Nimmt Abschied vom Geäst und sinkt.

Die Erde dreht sich um sich selber.

Man merkt es deutlich, wenn man trinkt.

 

Wird man denn wirklich nur geboren,

Um, wie die Jahre, zu vergehn?

Die Straßen ähneln Korridoren,

In denen Türen offen stehn.

 

Die Stunden machen ihre Runde.

Wir folgen ihnen Schritt für Schritt

Und gehen langsam vor die Hunde.

Man führt uns hin! Wir laufen mit.

 

Man grüßt die Welt mit kalten Mienen.

Das Lächeln ist nicht ernst gemeint.

Es wehen bunte Laubgardinen.

Nun regnet's gar. Der Himmel weint.

 

Man ist allein und wird es bleiben.

Ruth ist verreist, und der Verkehr

Beschränkt sich bloß aufs Briefeschreiben.

Die Liebe ist schon lange her!

 

Das Spiel ist ganz und gar verloren.

Und dennoch wird es weitergehn.

Die Straßen ähneln Korridoren,

In denen Türen offen stehn ...

 

Henri Biva, A Lily Pond
Henri Biva (1848-1929) war ein französischer Maler.
 

Erik Axel Karlfeldt 1864-1931

Soll ich denn kommen, wenn das Herbstlaub sinkt

 

Soll ich denn kommen, wenn das Herbstlaub sinkt

und sanftes Gold in deinen Augen blinkt?

Soll Mandoline lernen, Arien lallen

und Verse lesen, um dir zu gefallen?

 

Die andere Schwester treibt es gar so toll –

es kommt ein Tag, da weiß ich, was ich soll,

ich sag zum Vater: "Höre meine Wahl:

Gib mir die Blonde, Mann, den Sonnenstrahl!"

 

Ernst Haymann, Fürstenfeldbrucker Allee
Ernst Haymann (1873-1947) war ein deutscher Maler.

Gottfried Keller 1819-1890

Feldbeichte

 

Im Herbst, wenn sich der Baum entlaubt,

Nachdenklich wird und schweigend,

Mit Reif bestreut sein welkes Haupt,

Fromm sich dem Sturme neigend:

 

Da geht das Dichterjahr zu End',

Da wird mir ernst zu Mute;

Im Herbst nehm' ich das Sakrament

In jungem Traubenblute.

 

Da bin ich stets beim Abendrot

Allein im Feld zu finden,

Da brech' ich zag mein Stücklein Brot

Und denk' an meine Sünden.

 

Ich richte mir den Beichtstuhl ein

Auf ödem Haideplatze;

Der Mond, der muß mein Pfaffe sein

Mit seiner Silberglatze.

 

Und wenn er grämlich zögern will,

Der Last mich zu entheben,

Dann ruf' ich: "Alter, schweig' nur still,

Es ist mir schon vergeben!

 

Ich habe längst mit Not und Tod

Ein Wörtlein schon gesprochen!"

Dann wird mein Pfaff vor Ärger rot

Und hat sich bald verkrochen.

 

Olga Wisinger-Florian, Fallende Blätter
Olga Wisinger-Florian (1844-1926) war eine österreichische Malerin des Impressionismus.

Johann Klaj 1616-1656

Vorzug des Herbstes

 

Die Sonne mit Wonne den Tagewachs mindert,

Der Renner, der Brenner sein Strahlenheiß lindert,

Die Felder die Wälderlust nimmer verhindert.

           Die Traube, die reift,

           Der Winzer, der pfeift,

           Zum Jagen man greift.

 

Man fället, man stellet den Vögeln der Lüfte,

Man jaget und plaget die Bürger der Klüfte,

Das helle Gebelle durchschrecket die Grüfte.

           Der Wäldner, der eilt,

           Sich nimmer verweilt,

           Rotschwarzes Wild pfeilt.

 

Da leben und schweben in Freuden die Götter,

In Sausen und Brausen die falbigen Blätter,

Sie spielen, sich kühlen in laulichem Wetter.

           Der Monde, der wacht,

           Die Freude belacht

           Bis mitten zur Nacht.

 

Iwan Schischkin, Autumn Landscape
Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832-1898) war ein russischer Maler und Grafiker.
 

Hans Leifhelm 1891-1947

Herbstlicher Ruf

 

Komm mit, verlaß die Tenne und die Kelter,

Es schwelt ein bittrer Duft in Herbstessüße,

Laß rauschen durch das welke Laub die Füße,

Es rinnt das Stundenglas, die Welt wird älter.

 

In Herbstessüße schwelt ein bittrer Duft,

Der Sommer geht, das Alte muß verderben,

Sieh wie die Ähren und die Wipfel sterben,

Versehrend haucht die Kühle durch die Luft.

 

Die Füße rauschen durch das welke Laub —

0 Herz, entreiße dich den Herbstgesängen,

Sieh wie die Kätzchen an den Haseln drängen,

Sie bergen schon der neuen Zeugung Staub.

 

Es rinnt das Stundenglas, komm mit und schau,

Es reift der Same rings in jeder Frucht,

Die Wolken harren trächtig in der Bucht,

Auf weißem Zelter kommt die Winterfrau.

 

Komm mit, verlaß die Kelter und die Tenne,

Es schwelt ein neuer Duft in Herbstessüße,

Laß rauschen durch das welke Laub die Füße,

Befiehl dem Herzen, daß es neu entbrenne.

 

Tom Scott, Autumn Leaves, 1902
Thomas (Tom) Scott 1854-1927) war ein schottischer Maler,  in erster Linie ein Aquarellmaler.

Albin Zollinger 1895-1941

Stille des Herbstes

 

Im Herbste kommen der Wiese die Herbstzeitlosen

und mir die Lieder,

die lieben Kinder der Melancholie,

die dämmernden Lampen im Nebel blühn wieder,

sanft dunkelt das tiefe Zuhause gebrochener Lüfte,

die Landschaft am Lethe,

der Sommer verwelkt, und Verträumung

füllt Gärten des Himmels, balsamische Beete.

 

Wie einer, der heimkehrt, nachdenksam verweilt

sich das Jahr in den Räumen der Stunden,

in diesem Meer, dieser Stille von Schilf

voller Weite, in der sich die Wasser gefunden.

Strömt alles zurück? Kommt die Kindheit noch einmal mit

Abend, mit Ängsten, mit ahnenden Wonnen

von Regen des Nachts? Du bist da, trübes Herz,

an des Herbstes melodischem Bronnen!

 

 

Lesser Ury, Herbststimmung am Grunewaldsee
Leo Lesser Ury (1861-1931) war ein deutscher Maler und Grafiker der impressionistischen Berliner Secession. Seine Motive waren anfangs Landschaften, Großstadtbilder und Stillleben, in seiner Spätzeit schuf er auch Monumentalbilder mit biblischen Motiven.

Bruno Wille 1860-1928

Herbstliche Eiche

 

Es nebelt. Knorriger Eichenheld,

Schon wird dein Lockenhaupt herbstlich bleich,

Und raschelnd die braune Eichel fällt.

Doch blüht dir heimlich ein Königreich.

 

Laß nebeln, dunkeln! Schlaf! Es ist spät!

Im Wintertraum küßt dich die Sonnenmaid,

Und aus den Keimen, die du gesät,

Sprießt tausendfach deine Jugendzeit.

 

George Inness, Autumn Oaks
George Inness (1825-1894) war ein amerikanischer tonalistischer Maler.

Johann Heinrich Voß 1751-1826

Herbstgang

 

Die Bäume stehn der Frucht entladen,

Und gelbes Laub verweht ins Tal;

Das Stoppelfeld in Schimmerfaden

Erglänzt am niedern Mittagsstrahl.

Es kreist der Vögel Schwarm und ziehet,

Das Vieh verlangt zum Stall und fliehet

Die magern Aun, vom Reife fahl.

 

O geh am sanften Scheidetage

Des Jahrs zu guter Letzt hinaus

Und nenn ihn Sommertag und trage

Den letzten, schwer gefundnen Strauß.

Bald steigt Gewölk und schwarz dahinter

Der Sturm und sein Genoß, der Winter,

Und hüllt in Flocken Feld und Haus.

 

Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet

Die Freuden im Vorüberfliehn,

Empfängt, was kommt, unüberraschet,

Und pflückt die Blumen, weil sie blühn;

Und sind die Blumen auch verschwunden,

So steht am Winterherd umwunden

Sein Festpokal mit Immergrün.

 

Noch trocken führt durch Tal und Hügel

Der längstvertraute Sommerpfad.

Nur rötlich hängt am Wasserspiegel

Der Baum, den grün ihr neulich saht.

Doch grünt der Kamp1 von Winterkorne;

Doch grünt beim Rot der Hagedorne

Und Spillbeern2 unsre Lagerstatt!

 

So still an warmer Sonne liegend,

Sehn wir das bunte Feld hinan

Und dort, auf schwarzer Brache pflügend,

Mit Luftgepfeif, den Ackermann;

Die Krähn in frischer Furche schwärmen

Dem Pfluge nach und schrein und lärmen,

Und dampfend zieht das Gaulgespann.

 

Natur, wie schön in jedem Kleide!

Auch noch im Sterbekleid wie schön!

Sie mischt in Wehmut sanfte Freude,

Und lächelt tränend noch im Gehen.

Du, welkes Laub, das niederschauert,

Du Blümchen, lispelst: Nicht getrauert!

Wir werden schöner auferstehn!

 

1 Kamp, ein eingefriedigtes Fruchtfeld

2 Spillbeeren, die roten Beeren des Spillbaums, Pfaffenhütlein genannt

 

Arthur Streeton, Autumn, 1889
Sir Arthur Ernest Streeton (1867-1943) ist einer der heute noch bekanntesten australischen Maler.

Ludwig Uhland 1787-1862

Im Herbste

 

Seid gegrüßt mit Frühlingswonne

Blauer Himmel, goldne Sonne!

Drüben auch aus Gartenhallen

Hör ich frohe Saiten schallen.

 

Ahnest du, o Seele wieder

Sanfte, süße Frühlingslieder?

Sieh umher die falben Bäume!

Ach! Es waren holde Träume.

 

 

Pál Szinyei Merse, Autumn
Pál Szinyei Merse (1845-1920), auch Paul Merse von Szinyei, war ein ungarischer Maler.

Kurt Tucholsky 1890-1935

Schöner Herbst

 

Das ist ein sündhaft blauer Tag!

Die Luft ist klar und kalt und windig,

weiß Gott: ein Vormittag, so find ich,

wie man ihn oft erleben mag.

 

Das ist ein sündhaft blauer Tag!

Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle

gewiß an eben diese Stelle,

wo dunnemals der Kurgast lag.

 

Ich hocke in der großen Stadt:

und siehe, durchs Mansardenfenster

bedräuen mich die Luftgespenster ...

Und ich bin müde, satt und matt.

 

Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett.

Am Strand war es im Herbst viel schöner ...

Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner

und eine alte Operett!

 

Wenn ich nun aber nicht mehr mag!

Schon kratzt die Feder auf dem Bogen –

das Geld hat manches schon verbogen ...

Das ist ein sündhaft blauer Tag!

 

Albert Bierstadt, On the Saco
Albert Bierstadt (1830-1902) war ein amerikanischer Maler deutscher Herkunft.

Georg Trakl 1887-1914

Winkel am Wald

 

An Karl Minnich

 

Braune Kastanien. Leise gleiten die alten Leute

In stilleren Abend, weich verwelken schöne Blätter.

Am Friedhof scherzt die Amsel mit dem toten Vetter,

Angelen gibt der blonde Lehrer das Geleite.

 

Des Todes reine Bilder schaun von Kirchenfenstern,

Doch wirkt ein blutiger Grund sehr trauervoll und düster.

Das Tor blieb heut verschlossen. Den Schlüssel hat der Küster.

Im Garten spricht die Schwester freundlich mit Gespenstern.

 

In alten Kellern reift der Wein ins Goldne, Klare.

Süß duften Äpfel. Freude glänzt nicht allzu ferne.

Den langen Abend hören Kinder Märchen gerne,

Auch zeigt sich sanftem Wahnsinn oft das Goldne, Wahre.

 

Das Blau fließt voll Reseden, in Zimmern Kerzenhelle.

Bescheiden ist ihre Stätte wohl bereitet.

Den Saum des Walds hinab ein einsam Schicksal gleitet,

Die Nacht erscheint, der Ruhe Engel, auf der Schwelle.

 

 

Grigoriy Myasoyedov, Autumn Morning
Grigoriy Grigorievich Myasoyedov (1834-1911) war ein russischer Maler und Bildhauer

Theodor Storm 1817-1888

Herbstnachmittag

 

Halbschläfrig sitz ich im Lehnstuhl;

Vor der Tür auf dem Treppenstein

Schwatzen die Mädchen und schauen

In den hellen Sonnenschein.

 

Die Braunen, das sind meine Schwestern,

Die Blond' ist die Liebste mein.

Sie nähen und stricken und sticken,

Als sollte schon Hochzeit sein. –

 

Von fern das Kichern und Plaudern

Und um mich her die Ruh,

In den Lüften ein Schwirren und Summen –

Mir fallen die Augen zu.

 

Und als ich wieder erwache,

Ist alles still und tot,

Und durch die Fensterscheiben

Schimmert das Abendrot.

 

Die Mädchen sitzen wieder

Am Tisch im stummen Verein;

Und legen zur Seite die Nadeln

Vor dem blendenden Abendschein.

 

Maximilian Lenz, Herbstgold 1905
Maximilian Lenz (1860-1948) war ein österreichischer Maler, Graphiker und Bildhauer.

Ernst Stadler 1883-1914

Herbstgang

 

Und strahlend unter goldnem Baldachin

um starre Wipfel funkelnd hingebreitet

und Kronen tragend gehn wir hin

und flüsternd gleitet

dein süßer Tritt gedämpft im bunten Laub.

Aus wilden schwanken lachenden Girlanden

rieselt's wie goldner Staub

und webt sich fließend ein in den Gewanden

und heftet wie Juwelen schwer

sich dir ins Haar und jagt vom Licht gehetzt

in grellen Wirbeln vor uns her

und sinkt aufstiebend in das wirre Meer

kräuselnder Blätter die vom Abendduft genetzt

wie goldgewirkte Teppiche sich spannen ...

 

Nun lischt im fernsten Feld der letzte Laut.

Vom Feuer leis umglüht ragen die Tannen.

Ein feiner dünner Nebel staut

und schlingt sich bäumend um zermürbte Reiser

und irgendwo zerfällt ein irres Rufen.

 

Und deiner Schleppe Goldsaum knistert leiser

und atmend steigen wir auf steilen Stufen.

Weit wächst das Land von Schatten feucht umballt.

Drohend aus Nebeln reckt sich Baum an Baum.

Und schwarz umfängt uns schon der große Wald.

Und dunkel trägt uns schon der große Traum.

 

Antonín Hudecek, Titel unbekannt
Antonín Hudecek (1872-1941) war ein tschechischer, post-impressionistischer Landschaftsmaler.

Heinrich Seidel 1842-1906

Sonniger Herbsttag

 

Abschiedshauch durchweht die Lüfte,

Letzte Farben, letzte Düfte,

Und ein letzter holder Klang. –

Wo sind jene schönen Tage,

Da aus jedem Blüthenhage

Tönte Nachtigallensang?

 

Zwar noch blüht die letzte Rose,

Doch die bleiche Herbstzeitlose

Schimmert schon im Wiesengrün;

Sie verschlief das beste Wetter

Und nun kommt sie ohne Blätter

Sich beizeit noch auszublühn.

 

Träumerisch in sich versunken

Und wie von Erinnrung trunken

Liegt die Welt so blau und weit,

Sehnsuchtsvoll, mit sanfter Klage,

Still gedenkend goldner Tage

Und der schönen Rosenzeit!

 

Isaak Lewitan, Der goldene Herbst, 1895
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Georg Trakl 1887-1914

Farbiger Herbst

 

Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn

Im klaren Blau die weißen zarten.

Bedächtig stille Menschen gehn

Am Abend durch den alten Garten.

 

Der Ahnen Marmor ist ergraut,

Ein Vogelzug streift in die Weiten.

Ein Faun mit toten Augen schaut

Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

 

Das Laub fällt rot vom alten Baum

Und kreist herein durchs offene Fenster.

Ein Feuerschein glüht auf im Raum

Und malet trübe Angstgespenster.

 

Opaliger Dunst webt über das Gras

Ein Teppich von verwelkten Düften.

Im Brunnen schimmert wie grünes Glas

Die Mondessichel in frierenden Lüften.

 

 

Will Hutchins, Autumn Landscape, 1905
Will Hutchins (1878-1948) war ein amerikanischer Maler.

Kurt Schwitters 1887-1948

Herbst

 

Es ist Herbst. Die Schwäne essen das Brot ihrer Herren mit

Tränen zusammengebacken. Einige matte Expressionisten

schreien nach Wein, denn es ist noch Wein genug da, aber es

gibt keinen Expressionismus mehr.

Es lebe der Kaiser, denn es gibt keinen Kaiser mehr. Uhren

uhren die Stunden fünfundzwanzigtausendmal.

Ich gleite.

Gleite Schlingen.

Kreischt eine Maschine.

Katzen hängen an der Wand.

Ein Jude geigt das Tier zum Fenster hinaus.

Hinaus.

Es ist Herbst und die Schwäne herbsten auch.

 

Jean Béraud, Boulevard Poissonnière en automne
Jean Béraud (1849-1935) war ein französischer Maler und Graphiker.

Johannes Schlaf 1892-1941

Herbst

 

Nun kommen die letzten klaren Tage

Einer müderen Sonne.

Bunttaumelnde Pracht,

Blatt bei Blatt.

So heimisch raschelt

Der Fuß durchs Laub.

O du liebes, weitstilles Farbenlied!

Du zarte, umrißreine Wonne!

Komm!

Ein letztes Sonnenblickchen

Wärmt unser Heim.

Da wollen wir sitzen,

Still im Stillen,

Und in die müden Abendfarben sehn.

Da wollen wir beieinander sitzen

In Herbstmonddämmer hinein

Und leise

Verlorene Worte plaudern.

 

James Tissot, Holyday
James Tissot (1836-1902) war ein französischer Maler und Grafiker.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen

 

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,

alternde Astern atmen schwach im Beet.

Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,

wird immer warten und sich nie besitzen.

 

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,

gewiß, daß eine Fülle von Gesichten

in ihm nur wartet, bis die Nacht begann,

um sich in seinem Dunkel aufzurichten: –

der ist vergangen wie ein alter Mann.

 

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,

und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;

auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,

welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

 

Francis Picabia, Bords du Loing à Moret, 1904, Agen, Musée des Beaux-Arts
Francis-Marie Martinez Picabia (1879-1953) war ein französischer Schriftsteller, Maler und Grafiker.

Clara Müller-Jahnke 1860-1905

Herbst

 

Und nun: der Wind geht hohl und schwer,

in weißen Wogen schäumt das Meer –

nun ist der Herbst gekommen

und hat vom Feld den Morgentau

und hat das letzte Stückchen Blau

vom Himmel weggenommen.

 

Und nun fahr hin! – Es rauscht und zieht

durch dunkle Luft ein dunkles Lied;

ich mag nicht ruhn und träumen.

Ich liege wach die ganze Nacht

und horche auf die heiße Schlacht,

das Stöhnen in den Bäumen.

 

Und nun fahr hin. Das war ein Jahr,

so früchtereif, so freudenklar . . .

nun laß die Blätter treiben.

Fahr hin! Die Saat von deiner Hand,

die Ernte, die in Halmen stand,

muß doch mein eigen bleiben.

 

Walter Moras, Waldlandschaft mit Teich
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Dies ist der Herbst,

der bricht dir noch das Herz

 

Dies ist der Herbst, der bricht dir noch das Herz.

Das Jahr enttönt ...

O Seligkeit! O Schmerz!

die es verschönt –

so ließet ihr mich doch!

 

Ich möchte wandern, wandern ohne Ruh ...

nur nicht mehr heim, zum kalten Herd zurück!

Der Liebe Tür fiel zu –

was hält mich noch!

Nun liegt es wieder vor mir weit,

das Glück –

das Glück –? –

der Einsamkeit ...

 

Wie über den Schnee der Schatten des Vogels webt,

den sonnenfunkigen, weich sich wölbenden Plan

der lautlos ziehende, blauhindämmernde Dust,

regt ruhlos schweifender Erinnerung Schatten

der Seele winterlich kristallnes Schweigen auf

und überdämmert ihren gleichen Frieden

ohn' Ende mit den Bildern ihrer Flucht.

 

Arthur Melville, Autumn Loch Lomond, 1893
Arthur Melville (1855-1904) war ein schottischer Maler. Er gilt als einer der besten Aquarellisten seiner Zeit.

Oskar Loerke 1884-1941

Leise Herbsttage

 

Die silberne Allee der Weiden

Dreht sich schon tagelang im Wind nach Ost.

Die Blumen rollen ihre Seiden,

Im Sonnenscheine zittert fern ein Frost.

 

Die Seele fährt auf leisen Achsen,

Und alles, was ein großes Glück heißt, stört,

Denn unsichtbare Wurzeln wachsen

Zu größer'm Glücke, heiß und unerhört.

 

Und über allem, was man vornimmt,

Liegt ein Verschweigen wartender Geduld,

Und hinter alles, was ins Ohr klingt,

Lauschst du auf eine unverhoffte Huld.

 

 

Evgenij Stolica, Autumn
Evgenij Ivanovic Stolica (1870-1929) war ein ukrainischer Maler.
 

Hieronymus Lorm 1821-1902

Baum und Herz

 

Wenn die Blätter fallen

Trauert nicht der Baum,

Neue schon durchwallen

Seinen Lebenstraum

 

Ganz vom Loos umsponnen,

Das Natur bestimmt,

Fühlt er gleiche Wonnen,

Ob sie giebt, ob nimmt.

 

Sicherheit wird Allen,

Die sie trägt im Schooß;

Menschen nur verfallen

Wandelbarem Loos.

 

Menschen nur umfluthet

Kein so treu' Geschick,

Und ein Herz verblutet

Jeden Augenblick.

 

Eugen Bracht, Herbstmorgen im Kranichsteiner Park
Eugen Felix Prosper Bracht (1842-1921) war ein deutscher Landschafts- und Historienmaler sowie Hochschullehrer.

Gustav Falke 1853-1916

Herbstgesang

 

Wirble deine Feuerblätter,

wilder Herbst, mir um den Hut.

Ach, in deinem Flammenwetter

lodert mir der alte Mut.

 

Schleudre Schloßen mir entgegen,

meine Kraft, sie brach noch nicht.

Türme Nacht auf meinen Wegen,

in mir trag ich Tag und Licht.

 

Boris Bessonov, Autumn
Boris Vasilevich Bessonov (1862-1934) war ein russischer Maler.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Herbst

 

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:

Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,

Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;

Ich liebe dieses milde Sterben.

 

Von hinnen geht die stille Reise,

Die Zeit der Liebe ist verklungen,

Die Vögel haben ausgesungen,

Und dürre Blätter sinken leise.

 

Die Vögel zogen nach dem Süden,

Aus dem Verfall des Laubes tauchen

Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,

Die Blätter fallen stets, die müden.

 

In dieses Waldes leisem Rauschen

Ist mir als hör' ich Kunde wehen,

dass alles Sterben und Vergehen

Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

 

 

Jan Bogaerts, Bankje in een herfstbos
Jan Bogaerts (1878-1962) war ein niederländischer Maler.

Joseph Freiherr von Eichendorff 1788-1857

Im Herbst

 

Der Wald wird falb, die Blätter fallen,

Wie öd und still der Raum!

Die Bächlein nur gehn durch die Buchenhallen

Lind rauschend wie im Traum,

Und Abendglocken schallen

Fern von des Waldes Saum.

 

Was wollt ihr mich so wild verlocken

In dieser Einsamkeit?

Wie in der Heimat klingen diese Glocken

Aus stiller Kinderzeit –

Ich wende mich erschrocken,

Ach, was mich liebt, ist weit!

 

So brecht hervor nur, alte Lieder,

Und brecht das Herz mir ab!

Noch einmal grüß ich aus der Ferne wieder,

Was ich nur Liebes hab,

Mich aber zieht es nieder

Vor Wehmut wie ins Grab.

 

 

Iwan Choultsé, Evening in Autumn
Iwan Fedorowitsch Choultsé (1874-1939) war ein Maler des russischen Realismus.

Ferdinand Avenarius 1856-1923

Herbstgold

 

Wie war's im Walde

heut wunderhold -

die Wipfel alle

von rotem Gold!

 

Goldender Boden,

golden der Duft,

fallende Blätter

von Gold aus der Luft.

 

Und es leuchtet

aus Tod und Vergeh'n

golden die Hoffnung

aufs Aufersteh'n.

 

John Joseph Enneking, Fall Landscape
John Joseph Enneking (1841-1916) war ein amerikanischer impressionistischer Maler, der mit der Boston School verbunden war.

Emmy Ball-Hennings 1885-1948

Klage im Wald

 

Wo es am innigsten blüht, blüht die Lust.

Was weinst du, weil du leben mußt?

Was singst du, weil du stirbst, mein Herz?

Wo es am innigsten blüht, blüht der Schmerz.

 

O Blühen im Tode, im Tode Blühen!

O bebender Wald im letzten Glühen!

Was leuchtet dein Blättermeer im Herbst?

Damit du die Ewigkeit ererbst?

 

Was brennt deine Schönheit im Versinken?

O all dein buntes Farbenwinken.

Wie macht es mich weinen ...?

Es will mir scheinen,

 

Als versängest du dein Blut im Vergehen.

Deine flammenden Blätter, die weich zur Erde wehen.

Singen Liebe im Sterben.

Leiser noch wirst du werben.

 

O still, verschweige dich, schweige bald.

Es geht ein Weinen durch den Wald ...

 

Frederic Edwin Church, Autumn, 1875
Frederic Edwin Church (1826-1900) war ein bedeutender Vertreter der Hudson River School, einer Gruppierung amerikanischer Künstler, die für präzis gemalte, oft dramatische und allegorische Landschaftsbilder bekannt wurde.

Lisa Baumfeld 1877-1897

Herbst

 

... Und plötzlich sind die warmen Rosenmädchen

Zu Georginen, hart und müd' verblaßt ...

Die Sonne zündet ihre Märchenfackel

Noch einmal blendend an, und festlich schwebt

Die lichte Sonnenlüge durch die Lüfte,

Und träufelt gold'nes Blut in jedes Blatt

Und träufelt gold'nes Blut in meine Seele ...

 

Noch einmal liegt der grüne See verträumt

Und streut mir lächelnd klares Schaumgeschmeide ...

Die Gletscher leuchten, wundersam entfacht,

Entbrannt im Abend ... schöne Feenpaläste

Die aufwärts locken – aufwärts – – !

 

Und sie sind

Aus bläulichem Krystall, und traumgewobenen

Opalen und aus flüssigem Rubin ...

Die Sonne zündet ihre Märchenfackel

Noch einmal an, und freudeschluchzend ringt

Das hohe Lied des reifen gold'nen Lebens

Sich noch einmal empor ...

 

Doch schwarz und schweigend

Naht sich die Wolkennacht ... Und lautlos wird

Von ihrem Hauch die Sonnenfackel sterben

Und rings wird Nacht sein – –.

 

 

Léopold Franz Kowalski, Autumn on the Shore of the Lake
Léopold Franz Kowalski (1856-1931) war ein in Frankreich geborener deutscher Maler.

Emanuel Geibel 1815-1884

Es schleicht um Busch und Halde

 

Es schleicht um Busch und Halde

Der Sonnenstrahl so matt,

Im herbstlich stillen Walde

Fällt langsam Blatt um Blatt.

Die Welt versinkt in Todesruh',

Was ist's denn mehr? Auch du, auch du,

Mein Herz, du findest balde

Die rechte Lagerstatt.

 

Du brachst am Lebenssteige

Die Früchte, die er bot,

Der Jugend Rosenzweige,

Der Minne Himmelsbrot.

Doch endlich wird des Windes Raub

Die letzte Lieb, das letzte Laub -

So neige dich, o neige

Dich lächelnd in den Tod.

 

Nils Kreuger, Autumn, Scene from Kastellholmen, Stockholm
Nils Kreuger, Autumn, Varberg
Nils Edvard Kreuger (1858-1930) war ein schwedischer Maler, Zeichner, Illustrator und Werbegrafiker.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

An den Herbst

 

Mit dankbarem Gemüte

Hier nehm ich deine Güte,

Herbsttag, du milder Gast,

Der du mich reich beschenktest,

Den Sinn ins Klare lenktest

Und mich zum Abend fröhlich ausgerüstet hast.

 

Nun ist in mir kein Drängen

Und bin doch nicht im Engen,

Bin ruhevoll bewegt.

Was gilt es, mehr zu wollen,

Als so im Friedevollen

Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt.

 

Lucien Lévy-Dhurmer, Autumn
Lucien Lévy-Dhurmer (1865-1953) war ein französischer Maler, dessen Hauptwerk der Stilrichtung des Symbolismus und Jugendstils zugeordnet wird, sowie ein bekannter Töpfer.

Jakob Bosshart 1862-1924

Herbststille

 

Lautlos schwebt das Wolkendach im Äther.

Ist der Herbstwind schon zur Ruh' gegangen?

Kein Gewild lauscht und kein Nachtanbeter

In den Schatten, die von Bäumen hangen.

 

Wachte außer mir noch eine Seele,

Ihre stillste Regung würd' ich hören.

Flög' ein Lichtstrahl nieder, ohne Fehle

Würd' im Dorf sein Schwung die Ruhe stören.

 

Da, ein Schlag! ein zweiter, ihm verbündet,

Mit den Händen mein' ich sie zu greifen.

Birnen fallen und ihr Schlag verkündet,

Daß die Früchte in der Stille reifen.

 

Franklin de Haven, Landscape
Franklin de Haven (1856-1934) war ein amerikanischer Maler.

Theodor Fontane 1819-1898

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«

Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

 

So ging es viel Jahre, bis lobesam

Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit;

Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab.«

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,

Trugen von Ribbeck sie hinaus,

Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht

Sangen »Jesus meine Zuversicht«,

Und die Kinder klagten, das Herze schwer:

»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

 

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -

Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;

Der neue freilich, der knausert und spart,

Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.

Aber der alte, vorahnend schon

Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,

Der wußte genau, was damals er tat,

Als um eine Birn' ins Grab er bat,

Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus

Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

 

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit

Leuchtet's wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,

So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«

Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

 

So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 

August Heinrich Plinke, Spielende Kinder im Herbst
August Heinrich Plinke (1855-1915) war ein deutscher Journalist, Maler und Illustrator.

Karl von Gerok 1815-1890

Herbst-Gefühl

 

Müder Glanz der Sonne!

Blasses Himmelblau!

Von verklungner Wonne

Träumet still die Au.

An der letzten Rose

Löset lebenssatt

Sich das letzte lose,

Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben

Schleicht sich durch den Hain!

Auch Vergeh'n und Sterben

Däucht mir süß zu sein.

 

 

Peder Mørk Mønsted, Autumn
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschafts-maler.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

An vollen Büschelzweigen

 

An vollen Büschelzweigen,

Geliebte, sieh nur hin!

Lass dir die Früchte zeigen,

Umschalet stachlig grün.

 

Sie hängen längst geballet,

Still, unbekannt mit sich;

Ein Ast, der schaukelnd wallet,

Wiegt sie geduldiglich.

 

Doch immer reift von innen

Und schwillt der braune Kern;

Er möchte Luft gewinnen

Und säh die Sonne gern.

 

Die Schale platzt, und nieder

Macht er sich freudig los;

So fallen meine Lieder

Gehäuft in deinen Schoß.

 

 

Herbert James Draper, Autumn
Herbert James Draper (1863-1920) war ein englischer Maler des Viktorianischen Zeitalters.

Felix Grafe 1888-1942

Nun will der Herbst mit welken Blättern

 

Nun will der Herbst mit welken Blättern

mir meine blasse Stirne kränzen,

wenn Nebel durch die Äste klettern

in grauen, wunderlichen Tänzen.

 

Fühlst du, wie in den Hauch von Küssen

ein Schauer fremder Nächte gleitet?

Und wie ein Wiederwandernmüssen

dir neue Wege vorbereitet?

 

 

Edward Atkinson Hornel, Autumn, 1904
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spät-impressionismus und wichtiger Vertreter der Glasgow Boys, einer Künstlergruppe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.
 

Friedrich Hebbel 1813-1863

Herbstgefühl

 

Grünen, Blühen, Duften, Glänzen,

Reichstes Leben ohne Grenzen,

Alles steigernd, nirgends stockend,

Selbst die kühnsten Wünsche lockend;

 

Ja, da kann ich wohl zerfließen,

Aber nimmermehr genießen;

Solche Flügel tragen weiter,

Als zur nächsten Kirschbaumleiter.

 

Doch, wenn rot die Blätter fallen,

Kühl die Nebelhauche wallen,

Leis durchschauernd, nicht erfrischend,

In den warmen Wind sich mischend:

 

Dann vom Endlos-Ungeheuren

Flücht' ich gern zum Menschlich-Teuren,

Und in einer ersten Traube

Sieht die Frucht der Welt mein Glaube.

 

Emanuel Phillips Fox, Autumn, 1889
Emanuel Phillips Fox (1865-1915) war ein australischer Impressionist.

Friedrich Hölderlin 1770-1843

Der Herbst

 

Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,

Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,

Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,

Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

 

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet

Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet

Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen

Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen

 

Die Zweig' und Äste durch mit frohem Rauschen

Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,

Der ganze Sinn des hellen Bildes lebt

Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

 

Stanislav Zhukovsky, Waldsee (Goldener Herbst, Blaues Wasser)
Stanislav Yulianovich Zhukovsky (1873-1944) war ein polnischer Impressionist und Mitglied der russischen Künstlervereinigung Mir Iskusstwa.

Georg Trakl 1887-1914

Sonniger Nachmittag

 

Ein Ast wiegt mich im tiefen Blau.

Im tollen, herbstlichen Blattgewirr

Flimmern Falter, berauscht und irr.

Axtschläge hallen in der Au.

 

In roten Beeren verbeißt sich mein Mund

Und Licht und Schatten schwanken im Laub.

Stundenlang fällt goldener Staub

Knisternd in den braunen Grund.

 

Die Drossel lacht aus den Büschen her

Und toll und laut schlägt über mir

Zusammen das herbstliche Blattgewirr –

Früchte lösen sich leuchtend und schwer.

 

Philipp Franck, Herbst am Wannsee
Philipp Franck (1860-1944) war ein deutscher Maler, Grafiker, Zeichenlehrer und Illustrator.

Selma Meerbaum-Eisinger 1924-1942

Kastanien

 

Auf dem glatten hellen Wege

liegen sie, verstreut und müde,

braun und lächelnd wie ein weicher Mund,

voll und glänzend, lieb und rund,

hör' ich sie wie perlende Etüde.

 

Wie ich eine nehme und in meine Hand sie lege,

sanft und zärtelnd wie ein kleines Kind,

denk' ich an den Baum und an den Wind,

wie er leise durch die Blätter sang,

und wie den Kastanien dieses weiche Lied

sein muß wie der Sommer, der unmerklich schied,

nur als letzten Abschied lassend diesen Klang.

 

Und die eine hier in meiner Hand

ist nicht braun und glänzend wie die andern,

sie ist matt und schläfrig wie der Sand,

der mit ihr durch meine Finger rollt.

Langsam, Schritt für Schritt, wie ungewollt

laß ich meine Füße weiter wandern.

 

Carl Carlsen, A Forest Walk in Autumn
Carl Christian Edvard Otto Carlsen (1855-1917) war ein dänischer Maler.

Nikolaus Lenau 1802-1850

Herbstlied

 

Ja, ja, ihr lauten Raben

Hoch in der kühlen Luft,

's geht wieder ans Begraben,

Ihr flattert um die Gruft!

 

Die Wälder sind gestorben,

Hier, dort ein leeres Nest;

Die Wiesen sind verdorben;

O kurzes Freudenfest!

 

Ich wandre hin und stiere

In diese trübe Ruh,

Ich bin allein und friere

Und hör euch Raben zu.

 

Auch mir ist Herbst, und leiser

Trag ich den Berg hinab

Mein Bündel dürre Reiser,

Die mir das Leben gab.

 

Einst sah ich Blüten prangen

An meinem Reiserbund,

Und schöne Lieder klangen

Im Laub, das fiel zu Grund.

 

Die Bürde muß ich tragen

Zum letzten Augenblick;

Den Freunden nachzuklagen,

Ist herbstliches Geschick.

 

Soll mit dem Rest ich geizen

Und mit dem Reisig froh

Mir meinen Winter heizen?

Ihr Raben, meint ihr so?

 

Erinnerungen schärfen

Mir nur des Winters Weh;

Ich möchte lieber werfen

Mein Bündel in den Schnee.

 

 

Gaetano Bellei, A Windy Day
Gaetano Bellei (1857-1922) war ein italienischer Maler.

Anna Ritter 1865-1921

Vom Küssen

 

War ich gar so jung und dumm,

Wollte gerne wissen:

"Warum ist mein Mund so roth?"

Sprach der Mai: "Zum Küssen."

 

Als der Nebel schlich durch's Land,

Hab ich fragen müssen:

"Warum ist mein Mund so blaß?"

Sprach der Herbst: "Vom Küssen."

 

 

Elizabeth Forbes, The Leaf
Elizabeth Adela Forbes (1859-1912) war eine kanadische Malerin des Spätimpressionismus und wichtige Vertreterin der Newlyn School, einer Künstlerkolonie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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