BuchKult
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Frederic Shields, A Study of Apple Blossom

Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

 

Die Bäume blühen überall,

die Blumen blühen wieder,

und wieder singt die Nachtigall

nun ihre alten Lieder.

O glücklich, wer doch singt und lacht,

daß auch der Frühling sein gedacht.

 

Mathias J. Alten, Lilacs
Mathias Joseph Alten (1871-1938) war ein deutsch-amerikanischer impressionistischer Maler.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Flieder

 

(Erinnerungsblatt an M.M.)

 

Stille, träumende Frühlingsnacht ...

Die Sterne am Himmel blinzelten mild,

Breit stand der Mond wie ein silberner Schild,

In den Zweigen rauschte es sacht.

Arm in Arm und wie in Träumen

Unter duftenden Blütenbäumen

Gingen wir durch die Frühlingsnacht.

 

Der Flieder duftet berauschend weich;

Ich küsse den Mund dir liebeheiß,

Dicht überhäupten uns blau und weiß

Schimmern die Blüten reich.

Blüten brachst du uns zum Strauße,

Langsam gingen wir nach Hause,

Der Flieder duftete liebeweich ..

 

Frederick Carl Frieseke, The Judas Tree
Frederick Carl Frieseke (1874 - 1939) war ein amerikanischer Maler.Der Künstler lebte überwiegend in Frankreich, wo er einige Jahre in der amerikanischen Künstlerkolonie in Giverny arbeitete.
 

Nikolaus Lenau 1802-1850

Lenz

 

Die Bäume blühn,

Die Vöglein singen,

Die Wiesen bringen

Ihr erstes Grün.

 

Schier tut's mir leid,

Zu treten die Erden

Und ihr zu gefährden

Ihr neues Kleid.

 

Sie hat nicht acht,

Ob Knospenspringen

Und Frühlingssingen

Mich traurig macht.

 

Franz Hecker, Kastanie
Franz Hecker (1870-1944) war ein deutscher Maler und Graphiker. Seine Ausbildung erhielt er von 1890 bis 1893 an der Kunstakademie Düsseldorf, an der er unter anderem Fritz Overbeck, Otto Modersohn und Heinrich Vogeler kennenlernte und seither oft die Künstlerkolonie Worpswede besuchte.

Friedrich Hölderlin 1770-1843

Der Frühling

 

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,

Die Tage kommen blütenreich und milde,

Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen

Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.

 

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten

Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,

Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,

So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

 

Joseph Krachkovsky, Frühling auf der Krim, Jalta, Judasbaum in Blüte
Joseph Krachkovsky (1854-1914) war ein polnischer Maler.

Ludwig Uhland 1787-1847

Frühlingsglaube

  

   Die linden Lüfte sind erwacht,

Sie säuseln und weben Tag und Nacht,

Sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muß sich alles, alles wenden.

 

   Die Welt wird schöner mit jedem Tag,

Man weiß nicht, was noch werden mag,

Das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Tal:

Nun, armes Herz, vergiß der Qual!

Nun muß sich alles, alles wenden.

 

Vertonungen u.a von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Schubert, Ludwig Spohr

 

James Herbert Snell, Wild Hyacinths and Apple Blossom
James Herbert Snell (1861–1935) war ein britischer Maler.

Fred Endrikat 1890-1942

Es werde

 

Der Fink probiert sein Osterlied

und läßt die ersten Triller steigen.

Es atmet in den kahlen Zweigen,

wie wenn ein langer Schlaf entflieht.

 

Am Wiesenhang der Krokus blüht,

der erste zarte Frühlingsbote,

wie bunte Lichtlein, rosarote,

aus welkem Gras hervorgesprüht.

 

Die Pflugschar ihre Furchen zieht.

Es weht ein Duft von frischer Erde.

Gott sprach sein schönstes Wort: »Es werde.«

Das größte Wunderwerk geschieht.

 

Achille Laugé, Flowering Almond Trees, Cailhau
Achille Laugé (1861-1944) war ein französischer Maler des Pointillismus.

Ludwig Uhland 1787-1847

Frühlingslied des Rezensenten

 

Frühling ists, ich laß es gelten,

Und mich freuts, ich muß gestehen,

Daß man kann spazieren gehen,

Ohne just sich zu erkälten.

 

Störche kommen an und Schwalben,

Nicht zu frühe! nicht zu frühe!

Blühe nur, mein Bäumchen, blühe!

Meinethalben, meinethalben!

 

Ja! ich fühl ein wenig Wonne,

Denn die Lerche singt erträglich,

Philomele nicht alltäglich,

Nicht so übel scheint die Sonne.

 

Daß es keinen überrasche,

Mich im grünen Feld zu sehen!

Nicht verschmäh ichs auszugehen,

Kleistens ›Frühling‹ in der Tasche!

 

 

Ferdinand Hodler, Blühender Kirschbaum, 1905
Ferdinand Hodler (1853-1918) war ein Schweizer Maler des Symbolismus und des Jugendstils.

Ernst Stadler 1883-1914

Frühlingsnacht

 

Die Kirschbaumblüten im lichtdurchschwemmten Garten

Sind wie Kandelaber von Millionen Kerzen,

Die das Vollmondfeuer angesteckt. Die zarten Kissen

Grüngesprengten Rasens zwischen Krokusbeeten

Sind besteckt mit weißen Perlensäumen,

Und die kühle spiegelhelle Luft

Ist ein feiner Schleier von gewebtem Silber,

Den die Lenznacht heimlich glühend um die

Weiße warme Nacktheit ihrer Glieder hängt.

 

Theodore Wores, Peach Orchard, Saratoga, California, 1925
Theodore Wores (1859-1939) war ein US-amerikanischer Maler.

Ida von Düringsfeld 1815-1876

Alles heilig

 

Ich sag es euch 's ist alles Heilig jetzt,

Und wer im Blühen einen Baum verletzt,

Der schneidet ein wie in ein Menschenherz;

Und wer sich eine Blume pflückt zum Scherz,

Und sie dann von sich schleudert sorgenlos,

Der reißt ein Kind von seiner Mutter Schoß;

Und wer dem Vogel jetzt die Freiheit raubt,

Der sündigt an eines Sängers Haupt;

Und wer im Frühling bitter ist und hart,

Vergeht sich gegen Gott, der sichtbar ward! –

 

Vincent van Gogh, Les amandiers en fleurs
Vincent Willem van Gogh (1853-1890) war ein niederländischer Maler und Zeichner; er gilt als einer der Begründer der modernen Malerei.

Clemens Brentano 1778-1842

Frühling

 

Frühling soll mit süßen Blicken

mich entzücken

und berücken,

Sommer mich mit Frucht und Myrthen

reich bewirten,

froh umgürten.

Herbst, du sollst mich Haushalt ehren,

zu entbehren,

zu begehren,

und du Winter lehr mich sterben,

mich verderben,

Frühling erben.

 

Fritz Freund, Landschaft mit blühenden Bäumen und Spaziergängern
Fritz Freund (1859-1936) war ein deutscher Maler.

Wilhelm Busch 1832-1908

Immerhin

 

Mein Herz, sei nicht beklommen,

Noch wird die Welt nicht alt.

Der Frühling ist wiedergekommen,

Frisch grünt der deutsche Wald.

 

Seit Ururvätertagen

Stehen die Eichen am See,

Die Nachtigallen schlagen,

Zur Tränke kommt das Reh.

 

Die Sonne geht auf und unter

Schon lange vieltausendmal,

Noch immer eilen so munter

Die Bächlein ins blühende Tal.

 

Hier lieg ich im weichen Moose

Unter dem rauschenden Baum,

Die Zeit, die wesenlose,

Verschwindet als wie ein Traum.

 

Von kühlen Schatten umdämmert,

Versink ich in selige Ruh;

Ein Specht, der lustig hämmert,

Nickt mir vertraulich zu.

 

Mir ist, als ob er riefe:

Heija, mein guter Gesell,

Für ewig aus dunkler Tiefe

Sprudelt der Lebensquell.

 

Charles Edward Conder, Orchard Scene
Charles Edward Conder (1868-1909) war ein in England geborener Maler, Lithograf und Designer.Er wanderte nach Australien aus und war eine Schlüsselfigur der Heidelberger Schule, wohl der Beginn einer typisch australischen Tradition in der westlichen Kunst.

Novalis 1772-1801

 

Es färbte sich die Wiese grün

Und um die Hecken sah ich blühn,

Tagtäglich sah ich neue Kräuter,

Mild war die Luft, der Himmel heiter.

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

Und immer dunkler ward der Wald

Auch bunter Sänger Aufenthalt,

Es drang mir bald auf allen Wegen

Ihr Klang in süßen Duft entgegen.

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

Es quoll und trieb nun überall

Mit Leben, Farben, Duft und Schall,

Sie schienen gern sich zu vereinen,

Daß alles möchte lieblich scheinen.

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

So dacht ich: ist ein Geist erwacht,

Der alles so lebendig macht

Und der mit tausend schönen Waren

Und Blüten sich will offenbaren?

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

Vielleicht beginnt ein neues Reich –

Der lockre Staub wird zum Gesträuch

Der Baum nimmt tierische Gebärden

Das Tier soll gar zum Menschen werden.

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

Wie ich so stand und bei mir sann,

Ein mächtger Trieb in mir begann.

Ein freundlich Mädchen kam gegangen

Und nahm mir jeden Sinn gefangen.

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

Sie ging vorbei, ich grüßte sie,

Sie dankte, das vergeß ich nie –

Ich mußte ihre Hand erfassen

Und Sie schien gern sie mir zu lassen.

Ich wußte nicht, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

Uns barg der Wald vor Sonnenschein

Das ist der Frühling fiel mir ein.

Kurzum, ich sah, daß jetzt auf Erden

Die Menschen sollten Götter werden.

Nun wußt ich wohl, wie mir geschah,

Und wie das wurde, was ich sah.

 

Alfred East, Ploughing
Sir Alfred East (1849-1913) war ein britischer Maler.

Ricarda Huch 1864-1947

Heimweh

 

Daß ich einmal doch zu Haus

Läg im Grase wieder!

Bienenschwarm beim Honigschmaus

Summt am blauen Flieder,

Zwitscherton vorüber mir

Aus der Amsel Kehle,

Leichte Wölkchen über mir,

Hoffnung in der Seele!

 

Mary Cassatt, Lilacs in a Window, 1880
Mary Stevenson Cassatt (1844-1926) war eine US-amerikanische Grafikerin und Malerin des Impressionismus.
 

Ilse von Stach 1879-1941

Frühling

 

Wie soll mein Herz den Frühling überstehn,

wenn sonnentrunken wieder rings auf Erden

die Knospe schwillt in ahnungsvollem Werden

und tausend Wünsche durch die Täler gehn ...

Wie soll mein Herz den Frühling überstehn!

 

Den Frühling, den auch du so sehr geliebt,

wenn, wo ein Herz um deines fast vergangen,

zwei Augen leuchtend gross an dir gehangen,

ein Lippenpaar, das immer gibt und gibt.

Wie hat dein Herz den Frühling dann geliebt! -

 

Und wieder wird's von Tal zu Tale wehn,

dieselbe liebeselge Frühlingsfeier,

dann stehn die Birken keusch im Hochzeitsschleier,

und durch die Nächte wird ein Flüstern gehn -

Wie soll mein Herz den Frühling überstehn!

 

Alois Arnegger, Frühlingstag
Alois Arnegger (1879-1963) war ein österreichischer Landschaftsmaler.

Ludwig Anzengruber 1839 - 1889

Frühling

 

Wenn wir mit jedem neuen Jahre

Sich schmücken sehen Wald und Flur,

Beschleicht uns neidisches Empfinden

Ob unsers Lebens flücht'ger Spur.

 

Der Neid, daß uns kein Frühling wieder

Will kehren nach der Jugend Tagen,

Daß Bäumen gleich mit kahlen Ästen

Wir winterlich zum Himmel ragen!

 

Daß sich mit Blüten und mit Düften

Allimmerdar der Lenz erneut,

Indes das Schicksal auch nicht eine

Der Blumen auf den Weg uns streut!

 

Doch möchten wir uns nur bespiegeln

Im tiefen Born des Selbsterkennens,

Wir fänden selbst, als abgestorben,

Uns wert des Fällens und Verbrennens.

 

Es wäre auch in uns oft wieder

Ein neuer Frühling aufgewacht,

Wenn nicht der Herzen eis'ge Kälte

Ihn rasch erstarren hätt' gemacht!

 

Isaak Lewitan, Spring, White, lilacs, c.1895
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Arno Holz 1863-1929

Frühlingszauber

 

Nun muß sich wieder alles wenden,

Ich fühl's an meines Herzens Schlag,

Und schöner wird's an allen Enden

Und lieblicher mit jedem Tag.

 

Die Liebe schnürt ihr rothes Mieder,

Der Armuth schmeckt ihr trocknes Brod

Und süß klingt's nächtlich aus dem Flieder:

Im Frühling lächelt selbst der Tod!

 

Utagawa Hiroshige, Kirschblüte
Utagawa Hiroshige (1797-1858) war zusammen mit Kuniyoshi und Kunisada einer der drei stilbildenden Meister des japanischen Farbholzschnitts am Ende der Edo-Zeit. Seine besondere Bedeutung liegt in einer völlig neuartigen Komposition des Landschaftsdruckes seiner Zeit und seinem maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des europäischen Impressionismus.

Ricarda Huch 1864-1947

 

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,

Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,

Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum,

Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.

Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,

Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende –

Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.

Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

 

Franz Hecker, Kirschbaumblüte
Franz Hecker (1870-1944) war ein deutscher Maler und Graphiker. Seine Ausbildung erhielt er von 1890 bis 1893 an der Kunstakademie Düsseldorf, an der er unter anderem Fritz Overbeck, Otto Modersohn und Heinrich Vogeler kennenlernte und seither oft die Künstlerkolonie Worpswede besuchte.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

 

Komm her und laß dich küssen!

Die Luft ist wie voll Geigen,

Von allen Blütenzweigen

Das weiße Wunder schneit;

Der Frühling tobt im Blute,

Zu allem Übermute

Ist jetzt die allerbeste Zeit.

 

Komm her und laß dich küssen!

Du wirst es dulden müssen,

Daß dich mein Arm umschlingt.

Es geht durch alles Leben

Ein Pochen und ein Beben:

Das rote Blut, es singt, es singt.

 

Nicholas Roerich, Spring in Kulu
Nicholas Roerich (Nikolai Konstantinowitsch Rerich; 1874-1947) war ein russischer Maler, Schriftsteller, Archäologe, Wissenschaftler, Reisender und Philosoph.

Annette von Droste-Hülshoff 1797-1848

Der Säntis*

Frühling

 

Die Rebe blüht, ihr linder Hauch

Durchzieht das tauige Revier,

Und nah' und ferne wiegt die Luft

Vielfarb'ger Blumen bunte Zier.

 

Wie's um mich gaukelt, wie es summt

Von Vogel, Bien' und Schmetterling,

Wie seine seidnen Wimpel regt

Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing.

 

Noch sucht man gern den Sonnenschein

Und nimmt die trocknen Plätzchen ein;

Denn nachts schleicht an die Grenze doch

Der landesflücht'ge Winter noch.

 

O du mein ernst gewalt'ger Greis,

Mein Säntis mit der Locke weiß!

In Felsenblöcke eingemauert,

Von Schneegestöber überschauert,

In Eisespanzer eingeschnürt:

Hu! wie dich schaudert, wie dich friert!

 

*Der Säntis ist mit 2501,9 m ü. M. der höchste Berg im Alpstein (Ostschweiz).

 

 

Hans Heyerdahl, Two Children by a Fruit-Tree in Full Bloom
Hans Heyerdahl (1857-1913) war ein norwegischer Maler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Frühling

 

Die Vögel jubeln – lichtgeweckt –,

die blauen Weiten füllt der Schall aus;

im Kaiserpark das alte Ballhaus

ist ganz mit Blüten überdeckt.

 

Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll

ins junge Gras mit großen Lettern.

Nur dorten unter welken Blättern

seufzt traurig noch ein Steinapoll.

 

Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz

hinweg das gelbe Blattgeranke

und legt um seine Stirn, die blanke,

den blauenden Syringenkranz.

 

Edward Atkinson Hornel, Idylle in Spring, 1905, Gent, Musée des Beaux Arts
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spätimpressionismus und wichtiger Vertreter der Glasgow Boys, einer Künstlergruppe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Anna Ritter 1865-1921

Frühlingssegen

 

Der Schlehbusch am Wege

Schimmert in Blüthen,

An den Geländen

Des Thales entlang

Schreitet der Frühling

Mit segnenden Händen.

Über den Wiesen

Hängt Glockenklang,

Früsternde Stimmchen

Erwachen im Dorn,

Und auf den Feldern,

Aus Schollen und Ritzen,

Lugt es hervor

Mit grünlichen Spitzen,

Das heilige Korn.

 

 

Der Frühling blüht! Herz – war er je so schön?

Lag je ein solcher Schimmer auf den Höhn

Und in den Thälern solch ein lieber Glanz?

Ein jeder Baum trägt seinen Blüthenkranz –

Auch du, mein Haupt, willst unter grünen Zweigen

Dich ahnungsvoll dem Glück entgegen neigen.

 

Die beiden Hände drück' ich auf die Brust –

Ist's Schmerz, der drinnen lodert, ist es Lust?

Ach, wunderlich verwoben und verwebt

Ist Beides mir, und meine Sehnsucht schwebt

Darüber hin, aus dieses Frühlings Zagen

In der Erfüllung Frieden mich zu tragen.

 

Stepan Kolesnikov, Lilacs in a Blue Vase
Stepan Fedorovitch Kolesnikoff (1879-1955) war ein realistischer Maler, der in Russland geboren wurde und den größten Teil seines Lebens in Serbien verbrachte.

Hermann Lingg 1820-1905

Frühlingslied

 

Der Frühling verschleiert nun wieder

Die Erde ganz

Mir zartem Laubgefieder,

Mit Blütenglanz;

Nun eilet zum Tanz

Hier unter dem blühenden Flieder!

 

Von schwellenden Zweigen hernieder

Singt sehnlich bang

Die Drossel so liebliche Lieder;

Ertöne noch lang

Du süßer Gesang

Hier unter dem blühenden Flieder!

 

Schwermütige Liebe, komm wieder,

Du schönstes Glück!

Vom Dunkel der Sterne schweb nieder

Zur Erde zurück,

Du schönstes Glück,

Hier unter dem blühenden Flieder!

 

Tina Blau-Lang, Pommiers en fleurs, 1884, Wien Leopold Museum
Tina Blau, später Tina Blau-Lang (1845-1916) war eine österreichische Landschaftsmalerin des Wiener Jugendstils.

Adelbert von Chamisso 1781-1838

Frühling

 

Der Frühling ist kommen, die Erde erwacht,

Es blühen der Blumen genung.

Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht,

Ich fühle so frisch mich, so jung.

 

Die Sonne bescheinet die blumige Au,

Der Wind beweget das Laub.

Wie sind mir geworden die Locken so grau?

Das ist doch ein garstiger Staub.

 

Es bauen die Nester und singen sich ein

Die zierlichen Vögel so gut.

Und ist es kein Staub nicht, was sollt es denn sein?

Mir ist wie den Vögeln zu Mut.

 

Der Frühling ist kommen, die Erde erwacht,

Es blühen der Blumen genung.

Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht,

Ich fühle so frisch mich, so jung.

 

Julia Beck, Fruit Trees in Bloom, Scene from Normandy
Augusta Lovisa Julia Beck (1853-1935) war eine schwedische Malerin mit deutschen Vorfahren, die sich in Frankreich niederließ.

Luise Büchner 1821 - 1877

Frühlingslied

 

Es kam der Frühling mit Herrschermacht,

Da wollt' ich ein Lied ihm singen;

Er strahlte so hold in lieblichster Pracht –

Wie sollt' es da nicht gelingen?

 

Ich sah mir die Blüthenbäume an,

Dran alle Knospen gesprungen,

Sie waren gleich Bräuten angethan,

Von Schleier und Myrth' umschlungen.

 

Es nickten Blumen an jedem Steg,

Als ob sie selber sich streuten

Den schlanken Bräuten auf ihren Weg,

Beim Maienglockenläuten.

 

Die grünen Blätter im Buchenhain,

Umhaucht von weißem Gefieder,

Sie flüstern in alle Welt hinein

Die süßesten, wonnigsten Lieder.

 

Es lauschet den Tönen die Lerch' im Feld,

Es lauschen die Nachtigallen,

Aus Blüthensträuchern, vom Himmelszelt

Klingt wieder das fröhliche Schallen.

 

O, Frühling! Frühling! so hold und licht!

Fast will mir das Herz zerspringen!

Du – selbst der Schöpfung höchstes Gedicht,

Wer könnte dich würdig besingen?

 

Hans am Ende, Frühlingstag, 1898, Bremen
Hans am Ende (1864-1918) war ein deutscher Maler des Impressionismus und Mitbegründer der Künstlerkolonie Worpswede.

Wilhelm Busch 1832-1908

Vertraut

 

Wie liegt die Welt so frisch und tauig

Vor mir im Morgensonnenschein.

Entzückt vom hohen Hügel schau ich

Ins frühlingsgrüne Tal hinein.

 

Mit allen Kreaturen bin ich

In schönster Seelenharmonie.

Wir sind verwandt, ich fühl es innig,

Und eben darum lieb ich sie.

 

Und wird auch mal der Himmel grauer;

Wer voll Vertraun die Welt besieht,

Den freut es, wenn ein Regenschauer

Mit Sturm und Blitz vorüberzieht.

 

Louis Aston Knight, Apple Blossoms
Louis Aston Knight (1873-1948) war ein in Frankreich geborener amerikanischer Künstler, der für seine Landschaftsbilder bekannt war.

Frank Wedekind 1864-1918

Frühling

 

Willkommen, schöne Schäferin

In deinem leichten Kleide,

Mit deinem leichten frohen Sinn,

Willkommen auf der Weide.

Sieh, wie so klar mein Bächlein fließt,

Zu tränken deine Herde!

Komm setz dich, wenn du müde bist,

Zu mir auf die grüne Erde.

Und trübt sich der Sonne goldiger Schein,

Und fällt ein kühlender Regen,

Dann ist mein Mantel nicht zu klein,

Wollen beide darunter uns legen.

 

 

Karl Buchholz, Frühling auf dem Dorf, 1872, Berlin, Alte Nationalgalerie
Karl Buchholz (1849-1889) war ein deutscher Landschaftsmaler, ausgebildet in der „Weimarer Malschule“.
 

Wilhelm Busch 1832-1908

Spatzen und Schwalben

 

Es grünte allenthalben.

Der Frühling wurde wach.

Bald flogen auch die Schwalben

Hell zwitschernd um das Dach.

 

Sie sangen unermüdlich

Und bauten außerdem

Am Giebel, rund und niedlich

Ihr Nest aus feuchtem Lehm.

 

Und als sie eine Woche

Sich redlich abgequält,

Hat nur am Eingangsloche

Ein Stückchen noch gefehlt.

 

Da nahm der Spatz, der Schlingel,

Die Wohnung in Besitz.

Jetzt hängt ein Strohgeklüngel

Hervor aus ihrem Schlitz.

 

Nicht schön ist dies Gebahren

Und wenig ehrenwert

Von einem, der seit Jahren

Mit Menschen viel verkehrt.

 

Mykhailo Berkos, Apple Tree in Flower
Mykhailo Andriyovich Berkos (1861-1919) war ein russischer und ukrainischer Künstler griechischer Herkunft.

Theobald Kerner 1817-1907

Frühlingswünsche

 

Im Frühling, wenn sich Baum und Strauch

Hat bräutlich angezogen,

Da kommen mir die Wünsche auch

Gleich Lerchen angeflogen.

 

Ich möchte sein ein stolzer Baum,

Hoch in den Himmel ragen;

Ich möcht' des Waldes grünen Raum

Als flinkes Reh durchjagen.

 

Ein starker Adler möcht' ich sein,

Aufwärts zur Sonne streben;

Ich möcht' der Blumen bunte Reih'n

Als Schmetterling durchschweben.

 

Ich möcht' als Sturm durch Meere hin

Wild tanzen meinen Reigen –

Ich blieb am liebsten wer ich bin,

Wenn du nur wär'st mein eigen.

 

Aureliano de Beruete y Moret, Hawthorn in Blossom, 1911
Aureliano de Beruete y Moret (1845-1912) war ein spanischer Politiker, Maler, Zeichner, Kunstsammler und Kunstschriftsteller.

Auguste Kurs 1815-1892

In den duftenden Frühling will ich hinaus

 

In den duftenden Frühling will ich hinaus,

Hinweg aus dem kalten, beengenden Haus

In die freie verlockende Weite;

Was soll mir der Bücher verdrießlicher Kram,

Die ich immer und immer vergeblicher nahm,

Ich werfe sie freudig zur Seite.

 

Denn find' ich nicht draußen der Blätter genug?

Da schimmert geheimnißvoll jeglicher Zug

Von des Ewigen eigenen Händen,

Das wieget die übrigen Lettern wohl auf,

So will ich denn auch in geflügeltem Lauf

Von dem Einen zum Andern mich wenden.

 

Da bin ich nun draußen und blicke umher,

Wie wird das Studiren schon wieder mir schwer,

Hier unter den blühenden Bäumen!

Sie senden schon Blüthe auf Blüthe mir zu,

So will ich hier rasten in seliger Ruh,

Und will nur genießen und träumen.

 

Ker-Xavier Roussel, Le parc
Ker-Xavier Roussel (1867-1944) war ein französischer Maler, der der Künstlergruppe Nabis angehörte.

Conrad Ferdinand Meyer 1825-1898

 

Frühling, der die Welt umblaut,

Frühling mit der Vöglein Laut,

Deine blühnden Siegespforten

Allerenden, allerorten

Hast du niedrig aufgebaut!

 

Ungebändigt, kreuz und quer,

Über alle Pfade her

Schießen blütenschwere Zweige,

Daß dir jedes Haupt sich neige,

Und die Demut ist nicht schwer.

 

Elliott Daingerfield, Springtime
Elliott Daingerfield (1859-1932) war ein amerikanischer Künstler, der in North Carolina lebte und arbeitete.

Max Dauthendey 1867-1918

 

Nie sangen die Vögel so lüstern.

Sonne und Winde flüstern

Von weichen, wonnigen Frauen,

Alle Bäume hangen voll Küsse,

Alle Lippen müssen verlangen,

Der Frühling ist hungersäend

Über die Erde gegangen.

 

Isidore Verheyden, Verger au printemps, Bruxelles, Musées Royaux des Beaux Arts de Belgique
Isidore Verheyden (1846-1905) war ein belgischer Maler von Landschaften, Porträts und Stillleben.

A. de Nora 1864-1936

Blütenzeit

 

Durch die Nacht, die monderglühte,

flog der Schelm, der Frühling, heut

Mit der großen Zuckertüte

Und nun ist mit weißer Blüte

Baum und Strauch und Flur bestreut.

 

Zucker! Zucker! Nichts als Zucker!

Alles Bittre süß gemacht!

Schnuppernd streich ich armer Schlucker,

Büchergucker, Versedrucker,

Durch die neue Blütenpracht.

 

Soll ich schönre Schenken suchen?

Lieblich duftet um die Nas

Mir der frische Frühlingskuchen –

Unter Linden, unter Buchen

Leg ich mich ins grüne Gras.

 

Und ich strample mit den Füßen

Und bis in des Magens Grund

Laß ich mir den goldnen süßen

Honigseim der Sonne fließen

Durch den offnen Schleckermund.

 

Alfred Wahlberg, Orchard in Spring
Alfred Wahlberg (1834-1906) war ein schwedischer Maler.

Otto Roquette 1824-1896

Neuer Frühling

 

Neuer Frühling ist gekommen,

Neues Laub und Sonnenschein,

Jedes Ohr hat ihn vernommen,

Jedes Auge saugt ihn ein.

Und das ist ein Blühn und Sprießen,

Waldesduften, Quellenfließen,

Und die Brust wird wieder weit,

Frühling, Frühling, goldne Zeit!

 

Von dem Felsen in die Weite

Fliege hin, mein Frühlingssang,

Ueber Ströme und Gebreite,

Durch Gebirg und Blüthenhang!

Darf nicht wandern, muß ja bleiben

Ob's mich ziehn auch will und treiben,

Doch so weit mein Himmel blau't

Singen, singen will ich laut!

 

Wie die Welt auch wechselnd gehe,

Wie das Schicksal auch mich treibt,

Komme Glück und komme Wehe,

Wenn nur Eines mir verbleibt:

Fester Muth der freien Seele

Und die freud'ge Liederkehle,

Lebenslust und Lebensdrang,

Goldnes Leben im Gesang!

 

 

Peder Mørk Mønsted, Spring day at a thatched house with blooming lilacs, 1925
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschaftsmaler.
 

Friedrich Rückert 1788-1866

 

Eingeschlafen im Abendhauch

War der knospende Rosenstrauch,

Und staunend, als er früh erwacht,

Stand er in voller Blütenpracht,

Was tut nicht eine Frühlingsnacht

An Menschenblumenknospen auch!

 

Henry William Banks Davis, Apple Blossoms in the Upper Wye
Henry William Banks Davis (1833–1914) war ein englischer Maler.

Ferdinand von Saar 1833–1906

Wieder!

 

Wieder die ersten sonnigen Hauche,

Lockend hinaus vor die düstere Stadt,

Wieder am zitternden, treibenden Strauche

Die ersten Knospen, das erste Blatt.

 

Wieder auf leis' ergrünenden Hängen

Ersten Veilchens lieblicher Fund,

Wieder mit ersten Jubelgesängen

Hebt sich die Lerche vom scholligen Grund.

 

Werdenden Frühlings verkündende Zeichen,

Alte Genossen von Lust und Schmerz,

Ach, wie entzückt ihr, ihr ewig Gleichen,

Ewig aufs neue das Menschenherz!

 

Antonín Hudeček, Blühender Apfelbaum
Antonín Hudeček(1872-1941) war ein tschechischer, post-impressionistischer Landschaftsmaler.

Gustav Schüler 1868-1938

Frühling

 

Die Sonne jauchzt in Siegen,

wie blitzt ihr goldnes Kleid!

Tauschwere Wiesen liegen

in stiller Herrlichkeit.

 

Die Wälder und Felder schließen

all ihre Schätze auf,

heilige Geister gießen

Wunder von Schönheit drauf.

 

Heilige Geister schützen

mit treuer Hand das Licht;

sie müssen den Himmel stützen,

der sonst von Fülle bricht.

 

Alexei Sawrassow, Ländlicher Blick, 1867
Alexei Kondratjewitsch Sawrassow (1830-1897) war ein russischer Landschaftsmaler.

Ludwig Scharf 1864-1938

Frühlings-Hymne

 

Dieser blaue Frühlingsmorgen-Himmel

Und dies junge frische Blattgewimmel,

Drin der Wind von Ast zu Aste springt –

Bis sich Blatt mit Blatt im Tanze schwingt –

 

Diese Flitterwochenzeit der Bäume,

Ihre ersten Sonnen-Blütenträume

Unterm blauen Hochzeitsbaldachin –

Dieses golddurchwirkte Farbenglühn …

 

O, dies unaussprechlich zarte Beben,

Leib-inLeib- und Seel-in-Seel-Verweben,

Dies Beseeltsein stummster Kreatur,

Offenbarend ihre Gottnatur! …

 

Bad dich nun, mein Herz, von Staub und Asche!

Wind und Sonne deine Pulse wasche!

Tauche ganz ins golden-grüne Meer!

Wirf im goldnen Blau

Deiner Sehnsucht Arme hin und her! …

 

John Joseph Enneking, Blooming meadows, 1870
John Joseph Enneking (1841-1916) war ein amerikanischer impressionistischer Maler, der mit der Boston School verbunden war.

Ludwig Uhland 1787-1862

Frühlingsfeier

 

Süßer, goldner Frühlingstag!

Inniges Entzücken!

Wenn mir je ein Lied gelang,

Sollt es heut nicht glücken?

 

Doch warum in dieser Zeit

An die Arbeit treten?

Frühling ist ein hohes Fest:

Lasst mich ruhn und beten!

 

Mary Fairchild Low, Blossoming Time in Normandy
Mary Fairchild Low (auch Mary Louise Fairchild oder Mary Fairchild MacMonnies) (1858-1946 in Bronxville) war eine amerikanische Malerin. Sie lebte mehrere Jahre in Frankreich, wo sie in der Künstlerkolonie Giverny zahlreiche Werke im Stil des Impressionismus malte.

Ludwig Eichrodt 1827 - 1892

Vergiß!

 

Was kleidet die Wiesen, was schmücket die Wälder,

Was sprenget die Fesseln dem keuchenden Bach?

Was führet die Thiere zurück in die Felder

Und wehet den Klang aller Lieder wach?

 

Es ist der Frühling, es ist die Sonne,

Drum freue sich laut ein jegliches Herz,

Und in der großen unsterblichen Wonne

Verstumme der eitle, der menschliche Schmerz!

 

 

Claude Monet,

Plum Blossoms
Claude Monet (1840-1926) war ein  französischer Maler.
 

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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