BuchKult
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Felix Schumann 1854-1879

Wollt ihr Wolken gar nicht weichen?

 

Wollt ihr Wolken gar nicht weichen?

Sonne, willst du nie mehr glühn?

Frühling gibt noch gar kein Zeichen

Und die Erde wird nicht grün.

 

Und die Linde streckt noch immer

Kahl die alten Äste aus,

Und der Rauch steigt aus dem Zimmer

Immer noch zum Dach hinaus.

 

Im Kamin verglühn die Kohlen,

Dämmrung spinnt mich leise ein,

Mit der Hoffnung schleicht verstohlen

Wehmut sich ins Herz hinein.

 

Kommt der Lenz auch endlich wieder,

Bringt er mir das alte Glühn?

Wird mit Rosmarin und Flieder

Auch die Liebe wieder blühn?

 

Albert Baertsoen, Thaw in Ghent
Albert Baertsoen (1866-1922) war ein belgischer Impressionist.

Emanuel Geibel 1815-1884

 

Und dräut der Winter noch so sehr

Mit trotzigen Gebärden,

Und streut er Eis und Schnee umher,

Es muß doch Frühling werden.

 

Und drängen Nebel noch so dicht

Sich vor den Blick der Sonne,

Sie wecket doch mit ihrem Licht

Einmal die Welt zur Wonne.

 

Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht,

Mir soll darob nicht bangen,

Auf leisen Sohlen über Nacht,

Kommt doch der Lenz gegangen.

 

Da wacht die Erde grünend auf,

Weiß nicht, wie ihr geschehen,

Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf,

Und möcht vor Lust vergehen.

 

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar

Und schmückt sich mit Rosen und Ähren,

Und läßt die Brünnlein rieseln klar,

Als wären es Freudenzähren!

 

Drum still, und wie es frieren mag,

O Herz, gib dich zufrieden,

Es ist ein großer Maientag

Der ganzen Welt beschieden.

 

Und wenn dir oft auch bangt und graut,

Als sei die Höll' auf Erden:

Nur unverzagt auf Gott gebaut,

Es muß doch Frühling werden.

 

Hjalmar Munsterhjelm, Vårvintermåne Early Spring Moon     
Magnus Hjalmar Munsterhjelm (1840-1905) war ein finnischer Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule.

Hedwig Lachmann 1865-1918

Dämmerung im Vorfrühling

 

Der Tag bleicht. Letzte Helligkeit

Quillt aus dem ebenmässigen Gewölk.

Die Erde trocken und befreit

Von Schnee; nur hie und da die Spur

Von dünnem Eise, wie Glasur.

 

Die Dunkelheit wächst sanft und stät;

Ein Licht, das aufblitzt, glimmt noch matt;

Die Kinder spielen noch so spät,

Der Tagesfreuden nimmer satt.

 

Die Menschen schreiten säumig, wie verführt;

Und atmend heben sie das Kinn

So an die Luft, als läge drin

Für sie ein Etwas, das den Sinn

Wie eine wahre Seligkeit berührt.

 

Alexei Sawrassow, Spring thaw    
Alexei Kondratjewitsch Sawrassow (1830-1897) war ein russischer Landschaftsmaler.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929

Verheißung

 

Fühlst Du durch die Winternacht

Durch der kalten Sternlein Zittern

Durch der Eiskristalle Pracht

Wie sie flimmern und zersplittern,

Fühlst nicht nahen laue Mahnung,

Keimen leise Frühlingsahnung?

 

Drunten schläft der Frühlingsmorgen

Quillt in gährenden Gewalten

Und, ob heute noch verborgen,

Sprengt er rings das Eis in Spalten:

Und in wirbelnd lauem Wehen

Braust er denen, die's verstehen.

 

Hörst Du aus der Worte Hall,

Wie sie kühn und trotzig klettern

Und mit jugendlichem Prall

Klirrend eine Welt zerschmettern:

Hörst Du nicht die leise Mahnung,

Warmen Lebensfrühlings Ahnung?

 

Tom Thomson, Spring Ice    
Tom (Thomas John) Thomson (1877-1917) war ein kanadischer Künstler.

Afanassi Afanassjewitsch Fet 1820-1892

 

Noch ist's dem Frühling nicht gelungen,

Dem duftenden, sich uns zu nahn,

Schnee füllt die Schluchten, Niederungen,

Noch rasselt in den Dämmerungen

Das Fuhrwerk auf gefrorner Bahn.

 

Rot perlt auf hohen Lindenzweigen.

Kaum wärmt der Mittagssonne Hauch.

Ein erstes Gelb die Birken zeigen,

Jedoch die Nachtigallen schweigen

Noch im Johannisbeerenstrauch.

 

Vom Neugeborenwerden künden

Die Kraniche, die weiterziehen,

Und ihrem Flug folgt, bis sie schwinden,

Die Schöne in den Steppengründen,

Der bläulich rot die Wangen glühn.

 

Zhukovsky, Early Spring    
Stanislaw Zukowski (1873–1944) war ein polnischer Impressionist.

Hermann Lingg 1820-1905

Vorfrühling

 

Seelenvoll neigt dämmernd des Himmels Lichtblau

Sich zur Erdnacht nieder im Blumenkelche;

Laub an Laub, schwertauende Blätter, wie sie

Flüstern im Schlafe!

 

Will es Frühling werden, und kommt ihr wieder,

Ihr aus mildern Zonen gesandte Tage,

Von der holden Lerche verkündigt, kommt ihr,

Kommt ihr doch wieder?

 

Ivan Endogurov, Beginning of spring    
Ivan Ivanovic Endogurov (1861-1898) war ein russischer Landschaftsmaler und Aquarellist.

Richard Dehmel 1863-1920

Frühlingsahnung

 

Die Felder liegen weiß;

wohin ich schau'

ins fahle Nebelgrau,

scheint Schnee und Eis.

 

Doch da – ein Sonnenstrahl

bricht durch den Flor

und zieht den Blick empor

mit einem Mal,

 

und von der Erden

ringt jung ein Duft

sich durch die Luft: –

will's Frühling werden?

 

Ernst Oppler, Strasse im Schnee - Vorfühling    
Ernst Oppler (1867-1929) war ein Maler und Grafiker des deutschen Impressionismus.Sein Schaffen ist kennzeichnend für den Übergang von der Kunst des 19.Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929

Vorfrühling

 

Es läuft der Frühlingswind

Durch kahle Alleen,

Seltsame Dinge sind

In seinem Wehn.

 

Er hat sich gewiegt,

Wo Weinen war,

Und hat sich geschmiegt

In zerrüttetes Haar.

 

Er schüttelte nieder

Akazienblüten

Und kühlte die Glieder,

Die atmend glühten.

 

Lippen im Lachen

Hat er berührt,

Die weichen und wachen

Fluren durchspürt.

 

Er glitt durch die Flöte

Als schluchzender Schrei,

An dämmernder Röte

Flog er vorbei.

 

Er flog mit Schweigen

Durch flüsternde Zimmer

Und löschte im Neigen

Der Ampel Schimmer.

 

Es läuft der Frühlingswind

Durch kahle Alleen,

Seltsame Dinge sind

In seinem Wehn.

 

Durch die glatten

Kahlen Alleen

Treibt sein Wehn

Blasse Schatten.

 

Und den Duft,

Den er gebracht,

Von wo er gekommen

Seit gestern Nacht.

 

 

Vladimir Fedorovich,

The Brook    
Vladimir Nikolaevich Fedorovich (1871-1928) war ein russischer Maler.
 

Christian Morgenstern 1871-1914

Vorfrühling

 

Vorfrühling seufzt in weiter Nacht,

daß mir das Herze brechen will;

Die Lande ruh'n so menschenstill,

nur ich bin aufgewacht.

 

O horch, nun bricht des Eises Wall

auf allen Strömen, allen Seen;

Mir ist, ich müßte mit vergeh'n

und, Woge, wieder auferstehen,

zu neuem Klippenfall.

 

Die Lande ruh'n so menschenstill;

Nur hier und dort ist wer erwacht,

und meine Seele weint und lacht,

wie es der Tauwind will.

 

 

Kostjantyn Kryschyzkyj, Vorfrühling
Kostjantyn Jakowytsch Kryschyzkyj (1858-1911) war ein ukrainisch-russischer Landschafts-maler.
 

Adolf Friedrich von Schack 1815-1894

 

Unter tiefer Eisesdecke

träumt die junge Knospe schon,

Daß der Frühling sie erwecke

Mit der Lieder holdem Ton.

 

Nur empor den Blick gewendet,

Und durch düstres Wolkengrau

Bricht zuletzt, daß es dich blendet,

Glorreich noch des Himmels Blau.

 

Oldřich Blažíček, Early Spring    
Oldřich Blažíček (1887-1953) war ein tschechischer Maler.

Hoffmann von Fallersleben 1798-1874

Frühlings-Ankunft

 

Nach diesen trüben Tagen

Wie ist so hell das Feld!

Zerrissne Wolken tragen

die Trauer aus der Welt.

 

Und Keim und Knospe mühet

Sich an das Licht hervor,

Und manche Blume blühet

Zum Himmel still empor.

 

Ja auch so gar die Eichen

Und Reben werden grün!

O Herz, das sei dein Zeichen!

Herz, werde froh und kühn!

 

Paul Baum, Landschaft in letztem Schnee bei Weimar    
Paul Baum (1859-1932) war ein Maler des deutschen Impressionismus, Zeichner und Grafiker.

Paul Heyse 1830-1914

Vorfrühling

 

Stürme brausten über Nacht,

und die kahlen Wipfel troffen.

Frühe war mein Herz erwacht,

schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz'ger Ton

dringt zu mir vom Wald hernieder.

Nisten in den Zweigen schon

die geliebten Amseln wieder?

 

Dort am Weg der weiße Streif -

Zweifelnd frag' ich mein Gemüte:

Ist's ein später Winterreif

oder erste Schlehenblüte?

 

Sergei Winogradow, Spring    
Sergei Arsenjewitsch Winogradow (1869-1938) war ein russischer Maler.

Hugo Salus 1866-1929

Vorfrühling

 

Nun sind ihrer selbst noch die Tage nicht sicher

Und wissen vor Zweifel nicht aus noch ein:

Ist dieser Glanz noch ein winterlicher,

Oder schon Frühlingssonnenschein?

 

Nun decken sie selbst noch mit nebelfeuchten

Schleiern die Glut ihrer Morgen zu

Und ihrer Abende zärtliches Leuchten,

Und sind voll Unrast und ohne Ruh.

 

Indes macht die Erde sich gar keine Sorgen

Und ist nur in aller Stille bedacht,

Und rüstet froh für den einen Morgen,

Da alles blüht und duftet und lacht…

 

Isaak Lewitan, Savvinskaya Siedlung in der Nähe von Zvenigorod    
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Anna Ritter 1865-1921

Vorfrühling

 

Über den Feldern ein warmer Hauch,

Schwellende Knospen am Dornenstrauch

Ungeduldige Wölkchen schweben

Über mir hin, und fern im Land,

Wo die Berge ihr Haupt erheben,

Aus dem feinen, bläulichen Rauch

Winkt eine Hand:

»Wartest du auch?

Wartest du auch auf das blühende Leben...?«

 

Paul Lumnitzer, Early Spring    
Paul Lumnitzer (1861-1942) war ein deutscher Maler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Wenn‘s Frühling wird

 

Die ersten Keime sind, die zarten,

im goldnen Schimmer aufgesprossen;

schon sind die ersten der Karossen

im Baumgarten.

 

Die Wandervögel wieder scharten

zusamm sich an der alten Stelle,

und bald stimmt ein auch die Kapelle

im Baumgarten.

 

Der Lenzwind plauscht in neuen Arten

die alten, wundersamen Märchen,

und draußen träumt das erste Pärchen

im Baumgarten.

 

Carl Vinnen, Vorfrühling    
Carl Vinnen (1863-1922) war ein deutscher Maler. Er führte als Schriftsteller das Pseudonym Johann Heinrich Fischbeck.

Jean-Jacques Rousseau 1712-1778

 

Es lockt und säuselt um den Baum:

Wach auf aus deinem Schlaf und Traum,

der Winter ist zerronnen.

Da schlägt er frisch den Blick empor,

die Augen sehen hell hervor

ans goldne Licht der Sonnen.

Es zieht ein Wehen sanft und lau,

geschaukelt in dem Wolkenbau,

wie Himmelsduft hernieder.

Da werden alle Blumen wach,

da tönt der Vögel schmelzend Ach,

da kehrt der Frühling wieder.

 

 

Carl Gustav Carus, Landschaft im Vorfrühling, um 1823, Dresden, Gemälde Galerie Neue Meister Albertinum    
Carl Gustav Carus, auch Karl Gustav Carus (1789-1869) war ein deutscher Arzt, Maler und Naturphilosoph sowie Psychologe.
 

Martin Greif 1839-1911

Frühlingsnähe

 

Wieder seh ich jenen Schimmer,

Jenen Schimmer an den Bäumen,

Der mir sagt, es könne nimmer

Lange mehr der Frühling säumen.

 

Ja, es ist ein holdes Zeichen,

Und, bevor wir ihn noch bitten,

Wird er uns mit seinen reichen

Wunderblüten überschütten.

 

Hans Peter Feddersen, Vorfrühling am Feldrand    
Hans Peter Feddersen (1848-l1941) war ein deutscher Landschafts- und Genremaler.

Friedrich Hebbel 1813-1863

Vorfrühling

 

Wie die Knospe hütend,

Daß sie nicht Blume werde,

Liegt's so dumpf und brütend

Über der drängenden Erde.

 

Wolkenmassen ballten

Sich der Sonne entgegen,

Doch durch tausend Spalten

Dringt der befruchtende Segen.

 

Glüh'nde Düfte ringeln

In die Höhe sich munter.

Flüchtig grüßend, züngeln

Streifende Lichter herunter.

 

Daß nun, still erfrischend,

Eins zum andern sich finde,

Rühren, alles mischend,

Sich lebendige Winde.

 

Daniel Garber, Early Spring, New Hope    
Daniel Garber (1880-1958) war ein amerikanischer impressionistischer Landschaftsmaler.

Ludwig Thoma 1867-1921

Frühlingsahnen

 

Wohlig merken unsre Sinne

Nun den Frühling allgemach,

Denn es trauft aus jeder Rinne,

Und es tropft von jedem Dach.

 

Leise regt sich im Theater

Dieser Welt ein Liebeston;

Nächtens schreien viele Kater,

Und der Hase rammelt schon.

 

So ergreift auch unsre Glieder

Wundersame Lebenskraft;

Selbst solide Seifensieder

Fühlen ihren Knospensaft.

 

Treibet das Geschäft der Paarung!

Lasset der Natur den Lauf!

Denn ihr wisset aus Erfahrung,

Einmal hört es leider auf.

 

James Faed Jnr, At Cramond, Early Spring    
James Faed Jnr (1857-1920) war ein schottischer Maler.

Erich Mühsam 1878-1934

Frühling

 

Das Fell der Erde schäumt in Wellen.

Aus Bäumen und aus Schollen quellen

des Frühlings Knospen auf wie Gischt. -

Dröhnt, Fluten, - zischt!

Schlagt an die Dünen meiner Brust!

Treibt Frühlingsgrün aus meinen dürren Hängen!

Macht Leid zu Lust

und meine Liebe zu Gesängen!

 

Carl Vinnen, Vorfrühling    
Carl Vinnen (1863-1922) war ein deutscher Maler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Vorfrühling

 

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung

an der Wiesen aufgedecktes Grau.

Kleine Wasser ändern die Betonung.

Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.

Wege gehen weit ins Land und zeigen’s.

Unvermutet siehst du seines Steigens

Ausdruck in dem leeren Baum.

 

 

Max Fritz, Vorfrühling - aus: Der Guckkasten 08-1913    
Max Fritz (1849-1920) war ein deutscher Landschaftsmaler.
 

Max Dauthendey 1867-1918

Vorfrühling

 

Wir standen heute still am Zaun von einem fremden Garten,

Sah'n hin und sah'n das Wintergras am Teich auf Sonne warten.

Im Wasser lag verjährtes Laub gleichwie auf Glas,

Am Ufer saß ein Büschel Veilchen jung erblüht im gelben Gras,

Und frisches Lilienkraut wuchs grün bei Tuffsteinblöcken,

Am Himmel oben gingen Wolken jugendlich in weißen Röcken.

Wie wenig Welt tut schon den Augen gut!

Nur ein paar Atemzüge lang hat's Herz dort ausgeruht,

Nur ein paar Augenblicke tat es säumen ...

Wir sind doch alle in den weiten Lebensräumen

Zaungäste nur bei Wünschen und bei Träumen.

 

Carl Malchin, Vorfrühling, Feldweg bei der Dorfkirche Gressow, 1885    
Carl Malchin (1883-1923) war ein deutscher Restaurator und Landschaftsmaler, der hauptsächlich ländliche mecklenburgische Motive und Stadtansichten malte.

Friedrich Rückert 1788-1866

 

In Lüften hängt ein Lerchenton

Mein Ohr hat staunend ihn vernommen

ist's eine die noch nicht entflohn?

Ist's eine die zurückgekommen,

Gelockt von Frühling schon

Da rings die Schöpfung noch von Winter ist?

 

Durch meine Seele zieht ein Schwung,

denn jeder Ton hat angeschlagen.

Ist's Ahnung, ist's Erinnerung

Von künftigen, von vor'gen Tagen?

Ich fühle nur mich jung

Ob wie ich's war, ob wie ich sein werd'? Ist zu fragen.

 

Verklungen ist die Melodie

Verklungen von Schneewolkenherden

Und Winter ist's im Herzen, wie

Am Himmel Winter und auf Erden

So Winter, als ob nie

Gewesen Frühling sei und nimmer sollte werden.

 

 

Camille Corot,

The Church in Marissel    
Jean-Baptiste Camille Corot (1796-1875) war ein bedeutender französischer Landschaftsmaler. Er ist einer der Hauptvertreter der Schule von Barbizon.
 

Christian Morgenstern 1871-1914

Vorfrühling

 

Die blätterlosen Pappeln stehn so fein,

so schlank, so herb am abendfahlen Zelt.

Die Amseln jubeln wild und bergquellrein,

und wunderlich in Ahnung ruht die Welt.

 

Gespenstische Gewölke, schwer und feucht,

zerschatten den noch ungesternten Raum

und Übergraun, im sinkenden Geleucht.

Gebirg und Grund, ein krauser, trunkner Traum.

 

Lauritz Andersen Ring, From Borup near Ronnede, Early Spring    
Lauritz Andersen Ring, auch Lars Andersen Ring, eigentlich Lauritz Andersen (1854-1933) war ein dänischer Figuren-, Genre-, Landschafts-, Bildnismaler, Zeichner und Keramiker.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Sehnsuchtsgedanke

 

Mächtig zieht ein Frühlingssehnen

durch das traumestrunkne Tal -

wenn des Mondes milder Strahl

glitzert in des Taues Tränen ....

 

Unweit - dort im Laubengange -

lispelt leis ein Frühlingshauch,

so dass eine Träne auch

perlet über meine Wange.

 

Mächtig zieht ein Frühlingssehnen

durch mein Herz mit einem Mal -

wenn des Mondes milder Strahl

glitzert in des Taues Tränen.

 

Arnold Böcklin, Ackerfluren im Vorfrühling, 1884,Berlin, Alte Nationalgalerie, unvollendet    
Arnold Böcklin (1827-1901) war ein Schweizer Maler, Zeichner, Grafiker und Bildhauer des Symbolismus.

A. de Nora 1864-1936

Aus der Vogelperspektive

 

Die Äcker braun

Und schmutzig die Aun,

Und Streifen Schnees grau über dem Feld!

Es ist, als ob diese tote Erde

Nie mehr zum Blühen erwachen werde,

Und alle Hoffnung begraben hält.

 

Da plötzlich zieht

Ein Lerchenlied

Empor meinen trüben gesenkten Blick.

Und sieh, die Welt beginnt sich zu weiten,

Die Ängste der flachen Tiefe gleiten

Hinab – hinunter – bleiben zurück –

 

Und sonnenwärts

Flattert mein Herz,

Wie die Lerche trinkend erlösendes Licht –

Der Frühling wiegt es im Himmelblauen

Und läßt es jubelnd das Leben schauen,

Das unten aus allen Furchen bricht …

 

Willem Maris, Vroeg in 't voorjaar    
Willem Maris (1844-1910), im deutschsprachigen Raum auch Wenzel Maris genannt, war ein niederländischer Maler und der jüngste Sohn der Malerfamilie Maris.

August Stramm 1874-1915

Vorfrühling

 

Pralle Wolken jagen sich in Pfützen

Aus frischen Leibesbrüchen schreien Halme Ströme

Die Schatten stehen erschöpft.

Auf kreischt die Luft

Im Kreisen, weht und heult und wälzt sich

Und Risse schlitzen jählings sich

Und narben

Am grauen Leib.

Das Schweigen tappet schwer herab

Und lastet!

Da rollt das Licht sich auf

Jäh gelb und springt

Und Flecken spritzen –

Verbleicht

Und

Pralle Wolken tummeln sich in Pfützen.

 

Hans Thoma, Early Spring    
Hans Thoma (1839-1924) war ein deutscher Maler und Grafiker.

Adolf Holst 1867-1945

Winters Ende

 

Der Winter soll nicht bleiben

in unserm schönen Land.

Wir wollen ihn vertreiben

mit Blüten in der Hand.

Ihr Lämmlein, springt!

Ihr Kinder, singt!

Und fasst euch an die Hände!

Hinaus, hinaus! Herr Wintersmann,

jetzt fängt der Frühling wieder an,

dein' Herrschaft hat ein Ende!

 

Da nahm der Winter voller Graus

sein Kleid so kalt und weiss

und drückte sich zum Tor hinaus,

der alte Mummelgreis.

Und alles tanzte hintendrein

und sprang und sang voll Freude:

Herr Wintersmann, dreh dich nicht um,

sonst schlag ich dir den Buckel krumm

mit meiner grünen Weide!

 

Willard Leroy Metcalf, Early spring afternoon, Central Park, 1911    
Willard Leroy Metcalf (1858-1925) war ein amerikanischer Maler.

Ernst Stadler 1883-1914

Vorfrühling

 

Bäume weiß ich, frühlingsstarke Bäume,

denen gärend der Jugend Saft

durch glühende Adern singt.

Die lechzend verlangen

nach dem Rausche der Erfüllung.

Aber noch starren sie kahl und stumm.

Harte Schorfe ketten die vorschwellenden Triebe.

Und in wilden Träumen nur langen sie empor

zu dem schaffenden Licht,

daß es sie bade in Glanz und Glut.

Weiten sich ihre Äste, daß gierig sie einsögen

den zauberstarken Most lauen Sommerregens,

zu erblühen und zu leben gleich ihren Brüdern.

Denn noch kennen sie nicht den Sommerrausch

der Erfüllung. Aber krachend durchwühlt ihren Leib

der Lenzstrom der Ahnung.

Wanderer ziehen vorüber,

und also spricht einer zum anderen:

»Sehet die Bäume dort,

wie kahl sie stehen und stumm!

Kalt schleppt sich ihr Blut, und mürrisch fliehen

sie des Lenzes sanft wirkende Kraft.

Lasset sie im Dunkeln, die Finstern! ...«

So sprechen sie und gehen vorbei. –

Und nicht einer,

der sähe die stürmenden Flammen der Sehnsucht,

die gierend aus ihren Augen lodern

und verzehrend über ihnen zusammengluten ...

 

László Mednyánszky, Early Spring,    
László Mednyánszky, Baron von Mednyánszky, eigentlich Ladislaus Josephus Balthasar Eustachius Mednyánszky, (1852-1919) war ein ungarischer Landschaftsmaler.

Paul Zech 1881-1946

Krokus

 

Mit blauem Krokus hat das Gras

sich bis zum Silberstrand geschmückt.

Die Wellen tauchen aus dem Glas

des Stroms und lächeln so beglückt.

 

Im Flor des blauen Hauchs gerinnt

der Lärm der schwarzen Stadt.

Ich fühle, wie der schwarze Wind

mir schon die Stirn geglättet hat.

 

Ich war so müde von dem Radbetrieb,

ich wußte nicht mehr, wie ein Baum

sich in den Himmel ohne Raum

 

so ungeheuer weit verzweigt.

Ich schlich durch die Gebüsche wie ein Dieb

und habe Keinem mein Gesicht gezeigt.

 

 

Peder Mørk Mønsted, Early Spring, Denmark    
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschaftsmaler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Frühlingsahnung

 

Rosa Wölkchen überm Wald

wissen noch vom Abendrot dahinter

überwunden ist der Winter,

Frühling kommt nun bald.

 

Unterm Monde silberweiß,

zwischen Wipfeln schwarz und kraus

flügelt eine Fledermaus

ihren ersten Kreis.

 

Rosa Wölkchen überm Wald

wissen noch vom Abendrot dahinter

überwunden ist der Winter,

Frühling kommt nun bald.

 

Alfred Bergström, Early Spring   
Alfred Bergström (1869-1930) war ein schwedischer Künstler.

Angelus Silesius 1624-1677

Die Psyche muntert sich mit dem Frühling zu einem neuen Leben auf

 

Der Frühling kommt heran,

Der holde Blumenmann,

Es geht schon Feld und Anger

Mit seiner Schönheit schwanger.

Der Blütenfeind, der Nord,

Steht auf und macht sich fort.

Das Turteltäubelein

Lasst hörn die Seufzerlein.

 

Die Lerch ist aus der Gruft

Und zieret Feld und Luft

Mit ihrem Direlieren,

Das sie so schön kann führen.

Die Künstlern Nachtigall

Lockt und zickt überall.

Die Vöglein jung und alt

Sind munter in dem Wald.

 

Die Sonne führet schon

Ihr'n freudenreichen Thron

Durch ihre güldnen Pferde

Viel näher zu der Erde.

Die Wälder ziehn sich an

Und stecken auf ihr Fahn.

Der Westwind küsst das Laub

Und reucht nach Blumenraub.

 

Das Wild lauft hin und her

Die Läng und auch die Quer.

Es tanzen alle Wälder,

Es hüpfen alle Felder.

Das liebe Wollenvieh,

Das weidet sich nun früh.

Die stumme Schuppenschar

Schwimmt wieder offenbar.

 

Die ganze Kreatur

Wird anderer Natur.

Die Erde wird verneuet,

Das Wasser wird erfreuet,

Die Luft ist lind und weich,

Warm, tau- und regenreich.

Der Himmel lacht uns an,

So schön er immer kann.

 

Drum kreuch auch meine Seel

Herfür aus deiner Höhl.

Lass deines Herzens Erden

Zu einem Frühling werden.

Zertritt Gefröst und Eis

Und werd ein grüner Reis.

Sei eine neue Welt

Und tugendvolles Feld.

 

Lass deine Seufzer gehn

Mit lieblichem Getön.

Lass hören dein Verlangen,

Den Bräutgam zu empfangen.

Sei eine Nachtigall,

Und lock mit Liebesschall

Der Himmel höchste Zier,

Den süßen Gott, zu dir.

 

Schwing dich behänd und fein,

Gleich wie ein Lerchelein,

Vom irdischen Getümmel

Und schwebe frei im Himmel.

Bereite dich mit Klang

Und stetem Lobgesang,

Den Schöpfer zu verehrn

Und seinen Ruhm zu mehrn.

 

Es fähret schon herein

Sein gnädger Sonnenschein.

Er lässt schon seine Strahlen

Dein ganzes Herz bemalen.

Sein Geist, der süße Wind,

Weht schon dich an, sein Kind.

Drum blüh in seiner Lieb

Und folge seinem Trieb.

 

 

Giuseppe De Nittis,

Poplars
Giuseppe Gaetano De Nittis (1846-1884) war ein italienischer Maler des Impressionismus.
 

Dr. Owlglass* (Eulenspiegel) 1873-1945

Vorfrühling

 

Schon entkeimt die Hyazinthe.

Aber unsereiner steckt

Bis zum Nabel in der Tinte,

Die nicht halb so lieblich schmeckt.

 

Alle Zwiebeln, alle Knollen

Sind vom Bildungstrieb gereizt,

Und sie wissen, was sie wollen,

Wenn man nicht mit Wasser geizt.

 

Ohne weitre Redensarten,

Ohne Zutat oder Mist

Rührt sich das in seinem Garten,

Bis das Rüchlein fertig ist.

 

Unsereinem ist inweilen

Auch ein Resultat entflohn:

Ein Papier voll kurzer Zeilen

Oder gar ein Feuilleton.

 

*eigentlich Hans Erich Blaich, dt. Arzt, Schriftsteller und Lyriker

 

 

Harold Harvey, Early Spring    
Harold Harvey (1874–1941) war ein britischer Künstler.
 

Max Dauthendey 1867-1918

Die werden wie Menschen jetzt warm

 

Die Baumstämme werden wie Menschen jetzt warm,

Sie nehmen den Sonnenschein gern in den Arm.

Der Schnee rund um den Stamm entweicht,

Soweit des Baumes Wurzel reicht.

Die Schneeglocken hocken da rund in Scharen

Begrüßt von den Staren.

Auf graslosem Boden bloß Keim bei Keim,

Beim kahlen Baum duftet's nach Honigseim,

Es duftet nach Liebe, dem Frost entronnen,

Erste Blüte und letzter Schnee sich dort sonnen.

 

Kyriak Kostandi, Early Spring    
Kyriak Kostjantynowytsch Kostandi (1852-1921) war ein ukrainischer Maler griechischer Herkunft.

Wilhelm Jensen 1837-1911

Vorfrühling

 

Es fällt die Abenddämmerung

vom Himmel nebelnd und weich,

der laute Tag verstummet,

einem müden Kinde gleich.

Nur unsichtbar hernieder

vom Wipfel im leeren Hag

durch raschelnde Blätter des Vorjahrs

ruft einer Drossel Schlag.

Die Wolke löst sich rieselnd

in Tropfen feucht und sacht;

auf einsamem Wege befällt mich

die dunkelnd einsame Nacht.

Mir aber ist süß und sonnig

von Träumen die Seele bewegt,

wie selig vor seinem Geburtstag

ein Kind zum Schlafen sich legt.

 

 

Fritz Syberg, The First day of Spring    
Christian Friedrich Wilhelm Heinrich Syberg, bekannt als Fritz Syberg, (1862-1939) war ein dänischer Maler und Illustrator.
 

Kurt Tucholsky 1890-1935 als Theobald Tiger

Vorfrühling

 

Sieh da: nun ist der fette Dichter wieder

von seinem Winterschläfchen aufgewacht,

und er entlockt der Harfe heitre Lieder,

ti püng – die Winde wehn, der Himmel lacht.

 

Er schauet sanft verklärt, und eine Putte

hält über seinem Kopf den Lorbeerkranz.

Vorfrühling nähert sich, die junge Nutte,

und probt, noch schüchtern, einen kleinen Tanz.

 

Das Barometer droht mit seinem Zeiger:

»Nicht immer feste druff! Ich falle bald.«

Selbst Barometer schwätzen. Große Schweiger

sind selten in dem Land des Theobald.

 

Noch immer Zabern und Theaterpleiten,

und wie man wieder auf den Fasching geht,

Protestbeschlüsse, andre Lustbarkeiten –

und alles red't und alles red't.

 

Und wenn man dieses Deutschland sieht und diese

mit Parsifalleri – und -fallerein

von Hammeln abgegraste Geisteswiese –

ah Frühling! Hier soll immer Winter sein!'

 

Paul Cormoyer, Early Spring in Central Park, c.1900    
Paul Cornoyer (1864-1923) war ein amerikanischer Maler.

Klabund 1890-1928

 

Soll ich kleine Lieder singen,

Wie ich oftmals tat?

Sonne schon und Nachtigallenschwingen

Naht.

Unterm Schnee die Quellen rauschen

Schon dem Frühling zu.

Laß uns lächeln, laß uns lauschen!

Du!

Rinnt nicht auch in deinen Tränen

Schon der Mai?

Liebend Berge sich an Berge lehnen.

Sei!

Eine Tanne steht im jungen Triebe,

Wo der Marder schlich.

Winter wankt. Die Föhne stürmen. Liebe

Mich!

 

 

Heinrich Vogeler, Sehnsucht, 1908    
Johann Heinrich Vogeler (1872-1942) war ein deutscher Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge und Schriftsteller.
 

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929 

Vorgefühl

 

Das ist der Frühling nicht allein,

Der durch die Bäume dränget

Und wie im Faß der junge Wein

Die Reifen fast zersprenget,

 

Der Frühling ist ja zart und kühl,

Ein mädchenhaftes Säumen,

Jetzt aber wogt es reif und schwül

Wie Julinächte träumen.

 

Es blinkt der See, es rauscht die Bucht,

Der Mond zieht laue Kreise,

Der Hauch der Nachtluft füllt die Frucht,

Das Gras erschauert leise.

 

Das ist der Frühling nicht allein,

Der weckt nicht solche Bilder.

 

Honoré Daumier, Ein sanftes Lüftchen kündigt die Ankunft des Frühlings an, Le Charivari, le 30 mars 1855   

Honoré Daumier (1808-1879) war ein französischer Maler, Bildhauer, Grafiker und Karikaturist.

Guido Görres 1805-1852

Nun treiben wir den Winter aus

 

Nun treiben wir den Winter aus,

Den alten, kalten Krächzer;

Wir jagen ihn zum Land hinaus,

Den Brummbär und den Ächzer,

Und laden uns den Frühling ein

Mit Blumen und mit Sonnenschein,

Juhei! juhei, juhei!

O komm herbei!

O Mai, o Mai!

 

Das leere Stroh,

Das dürre Reis

Und alles, was vermodert,

Das geben wir dem Feuer preis,

Dass hoch die Flamme lodert,

Und laden uns den Frühling ein

Mit Blumen und mit Sonnenschein;

Juhei! juhei, juhei!

O komm herbei!

O Mai, o Mai!

 

 

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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