BuchKult
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Joachim Ringelnatz 1883-1934

Heimatlose

 

Ich bin fast

Gestorben vor Schreck:

In dem Haus, wo ich zu Gast

War, im Versteck,

Bewegte sich,

Regte sich

Plötzlich hinter einem Brett

In einem Kasten neben dem Klosett,

Ohne Beinchen,

Stumm, fremd und nett

Ein Meerschweinchen.

Sah mich bange an,

Sah mich lange an,

Sann wohl hin und sann her,

Wagte sich

Dann heran

Und fragte mich:

»Wo ist das Meer?«

 

Caspar David Friedrich, Frau am Strand von Rügen
Caspar David Friedrich (1774-1840) war ein deutscher Maler, Grafiker und Zeichner. Er gilt heute als der bedeutendste Künstler der deutschen Frühromantik.

Friedrich Nietzsche 1844-1900

Im Süden

 

So häng’ ich denn auf krummem Aste

Und schaukle meine Müdigkeit.

Ein Vogel lud mich her zu Gaste,

Ein Vogelnest ist’s, drin ich raste.

Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit!

 

Das weiße Meer liegt eingeschlafen,

Und purpurn steht ein Segel drauf.

Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen,

Idylle rings, Geblök von Schafen, —

Unschuld des Südens, nimm mich auf!

 

Nur Schritt für Schritt — das ist kein Leben,

Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.

Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,

Ich lernte mit den Vögeln schweben, —

Nach Süden flog ich über’s Meer.

 

Vernunft! Verdrießliches Geschäfte!

Das bringt uns allzubald an’s Ziel!

Im Fliegen lernt’, ich, was mich äffte, —

Schon fühl’ ich Mut und Blut und Säfte

Zu neuem Leben, neuem Spiel…

 

Einsam zu denken nenn’ ich weise,

Doch einsam singen — wäre dumm!

So hört ein Lied zu eurem Preise

Und setzt euch still um mich im Kreise,

Ihr schlimmen Vögelchen, herum!

 

So jung, so falsch, so umgetrieben

Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben

Und jedem schönen Zeitvertreib?

Im Norden — ich gesteh’s mit Zaudern —

Liebt’ ich ein Weibchen, alt zum Schaudern:

„Die Wahrheit“ hieß dies alte Weib…

 

Konstantin Korovin, Pier in Gurzuf
Konstantin Alexejewitsch Korowin (1861-1939) war ein russischer Maler, Bühnenbildner und Pädagoge. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Impressionismus des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Wilhelm Busch 1832-1908

Im Sommer

 

In Sommerbäder

Reist jetzt ein jeder

Und lebt famos.

Der arme Dokter,

Zu Hause hockt er

Patientenlos.

 

Von Winterszenen,

Von schrecklich schönen,

Träumt sein Gemüt,

Wenn, Dank der Götter,

Bei Hundewetter

Sein Weizen blüht.

 

 

Maurice Prendergast, The Balloon, 1898
Maurice Brazil Prendergast (1858-1924) war ein US-amerikanischer Aquarellist des Post-Impressionismus.

 

Charles Conder, Sand-Dunes
Charles Edward Conder (1868-1909) war ein in England geborener Maler, Lithograf und Designer. Er wanderte nach Australien aus und war eine Schlüsselfigur der Heidelberger Schule, wohl der Beginn einer typisch australischen Tradition in der westlichen Kunst.
 

Gustav Falke 1853-1916

Strandidyll

 

Auf dem Rücken im warmen Sand

Nie ein schöneres Lager ich fand.

Murmelnde, kichernde Wellen zu Füßen,

Oben im Wind ein Lispeln und Grüßen

Schwankender Halme und leises Gesumm

Sammelnder Bienen, sonst Stille ringsum.

Ja, ringsum!

Nur selten, bald ferne, bald nahebei

Ein Möwenschrei.

 

Durch das halbgeöffnete Lid

Blinzelt das Auge hinüber zum Ried.

Blendendes, zitterndes Sonnengegleiße;

Schmetterlingsspiele. Blaue und weiße

Kinder der Stunde. Nun löst aus der Schar

Sich ein bläulich geflügeltes Paar,

Liebespaar!

Das schaukelt und gaukelt und flügelt und giebt

Sich sehr verliebt.

 

Plötzlich, ei fällt denn der Himmel ein?

Weitet sich, breitet sich bläulicher Schein.

Lässt sich das zärtliche Pärchen nieder

Frech mir gerad' auf die Augenlider?

Aber schon merk' ich's am salzigen Geruch,

Und schon fühl' ich's am derben Tuch,

Schürzentuch,

Und hör es am Lachen, die Grete, die Katz,

Beschlich ihren Schatz.

 

Seit an Seit und Hand in Hand,

Schäferstündchen am stillen Strand.

Schmeichelnder Wind und schäkernde Wellen;

Faltergeschwirr im zitternden, hellen

Sonnengeflirr überm Dünenhang;

Irgendwoher ein verwehter Klang,

Glockenklang,

Und Hundegebell und das klägliche Muh

Einer einsamen Kuh.

 

Albert Aublet, Bathing Hour at Treport
Albert Louis Aublet (1851-1938) war ein französischer Akt- und Genremaler sowie Maler des Orientalismus.

Ernst Blass 1890-1939

Sonntagnachmittag

 

Die Töchter liegen weiß auf dem Balkon.

In Oberhemden spielen Väter Kachten:

Ein Roundser steigt nach einem Full von Achten.

– Und singen tut sich eins der Grammophon.

 

In Straßen, die sich weiß wie Küsse dehnen,

Sind Menschen viel, die sich nach Liebe sehnen.

Noch andre sitzen in Cafés und warten

Die Resultate ab aus Hoppegarten.

 

Der Dichter sitzt im luftigsten Café,

Um sich an Eisschoklade zu erlaben.

Von einem Busen ist er sehr entzückt.

 

Der Oberkellner denkt hinaus (entrückt)

An Mädchen, Boote, Schilf, ... an Schlachtensee.

Der Dichter träumt »... und werde nie sie haben ...«

 

Niccolò Cannicci, Summer, 1896, Galleria nazionale d'arte moderna
Niccolò Cannicci (1846-1906) war ein italienischer Maler des Realismus und Mitglied der zweiten Generation der Macchiaioli-Künstlergruppe.

Lovis Corinth, Schwimmanstalt in Horst Ostsee, 1902
Lovis Corinth (1858-1925) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker.

Laurits Tuxen, Summer day at the beach of Skagen
Laurits Regner Tuxen (1853-1927) war ein dänischer Bildhauer, Porträt-, Historien- und Landschaftsmaler. Er war ein Vertreter der Skagen-Maler.

Zum Thema Strand- und Badefreuden

hat die Lyrik relativ wenig zu bieten,

die Malerei umso mehr.

Deshalb gibts hier im Wesentlichen Bilder zu sehen.

 

Max Liebermann, Badende Knaben, 1900
Max Liebermann (1847-1935) war ein deutsch-jüdischer Maler und Grafiker. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Impressionismus.

William Merritt Chase, At the seaside
William Merritt Chase (1849-1916) war ein US-amerikanischer Porträt- und Landschaftsmaler.

Charles Courtney Curran, On The Beach, Lake Erie
Charles Courtney Curran (1861-1942) war ein US-amerikanischer Maler.

James Ensor, L' Appel de la sirène, La Baignade, 1893
James Sidney Ensor (1860-1949) war ein belgischer Maler und Zeichner, der neben Gemälden auch eine Vielzahl von Radierungen und Kaltnadelarbeiten schuf.

Anton Renk 1871-1906

Ewigkeiten

 

Es spielen blonde Kinder an dem Meer,

die blauen Blicke leise zu mir gleiten,

die blauen Wogen schenken Muscheln her,

wenn sie zurück vom Meeresstrande schreiten.

Es schenkt das Kind – was eine Unschuld gibt:

den Dankesblick, der Gott und Erde liebt.

 

Ich sehe Gott im Kinderaugenglanz,

ich höre ihn in stetem Wogenrauschen,

und jetzt erst fasse ich sein Wunder ganz:

Ich sehe Ewigkeiten Schätze tauschen!

und jene Frage ist für mich vorbei,

in welcher Ewigkeit er größer sei.

 

Max Klinger, Eine Gesandtschaft
Max Klinger (1857-1920) war ein deutscher Bildhauer, Maler und Grafiker und auch Medailleur. Sein Werk ist vornehmlich dem Symbolismus zuzuordnen.

 

Edward Henry Potthast, A Summer Day on Beach
Edward Henry Potthast (1857-1927) war ein US-amerikanischer impressionistischer Maler.

Francesco Paolo Michetti, Annunziata Michetti con il figlio Giorgio e la tata
Francesco Paolo Michetti (1851-1929) war ein italienischer Maler.

Joaquín Sorolla, After Bathing
Joaquín Sorolla y Bastida (1863-1923) war ein spanischer Maler und Grafiker des Impressionismus.

Alexander Mark Rossi, Children at Play
Alexander Mark Rossi (1840-1916) war ein britischer viktorianischer Maler, der vor allem Genreszenen aus der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft sowie empfindsam-rührende Kinderporträts malte.

Richard Dehmel 1863-1920

Klarer Tag

 

Der Himmel leuchtet aus dem Meer;

ich geh und leuchte still wie er.

 

Und viele Menschen gehn wie ich,

sie leuchten alle still für sich.

 

Zuweilen scheint nur Licht zu gehn

und durch die Stille hinzuwehn.

 

Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:

o wundervoller Müßiggang.

 

Hermann Seeger, Mädchen am Ostseestrand
Hermann Seeger (1857-1945) war ein deutscher Maler.

Sie gehen am Strand. Seewind. Die Wellen gehen und rufen und mahnen. Er macht ihr eine leidenschaftliche Liebeserklärung. Sie ist bestürzt, hingerissen. Sie weint. "Ach das Glück, weinen zu können." Und sie sank an seine Brust. Und sie zogen weiter in gehobener Stimmung und nebenan gingen die Wellen und riefen und mahnten und klagten und jubelten. In die Dünen bogen sie ein, und sie trennten sich.

Theodor Fontane 1819-1898

 

Paul Gustav Fischer, The Conversation, Helgoland
Paul Gustav Fischer (1860-1934) war ein dänischer Maler.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Lied vom Meer

 

Capri. Piccola Marina

 

Uraltes Wehn vom Meer,

Meerwind bei Nacht:

            du kommst zu keinem her;

wenn einer wacht,

so muss er sehn, wie er

dich übersteht:

            uraltes Wehn vom Meer

welches weht

nur wie für Ur-Gestein,

lauter Raum

reißend von weit herein...

 

O wie fühlt dich ein

treibender Feigenbaum

oben im Mondschein.

 

 

Konstantin Korovin, In the boat
Konstantin Alexejewitsch Korowin (1861-1939) war ein russischer Maler, Bühnenbildner und Pädagoge. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Impressionismus des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Conrad Ferdinand Meyer 1825-1898

Schwüle

 

Trüb verglomm der schwüle Sommertag,

Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag -

Sterne, Sterne - Abend ist es ja -

Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

 

Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang!

Schilf, was flüsterst du so frech und bang?

Fern der Himmel und die Tiefe nah -

Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

 

Eine liebe, liebe Stimme ruft

Mich beständig aus der Wassergruft -

Weg, Gespenst, das oft ich winken sah!

Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?

 

Endlich, endlich durch das Dunkel bricht.

Es war Zeit! - ein schwaches Flimmerlicht.

Denn ich wußte nicht, wie mir geschah.

Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah.

 

Frederick McCubbin, At Colombo, 1907
Frederick McCubbin (1855-1917) war ein australischer Maler.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Meeresstille

 

Tiefe Stille herrscht im Wasser,

Ohne Regung ruht das Meer,

Und bekümmert sieht der Schiffer

Glatte Fläche ringsumher.

Keine Luft von keiner Seite!

Todesstille fürchterlich!

In der ungeheuern Weite

Reget keine Welle

 

Lovis Corinth, Fräulein Heck, 1897
Lovis Corinth (1858-1925) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker.

Heinrich Heine 1797-1856

 

Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang.

Es rührte sie so sehre

Der Sonnenuntergang.

 

Mein Fräulein! sein Sie munter,

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

Und kehrt von hinten zurück.

 

Colin Campbell Cooper, Summer, 1918
Colin Campbell Cooper (1856-1937) war ein amerikanischer Impressionist.

Ernst Goll 1887-1912

Meine Sehnsucht…

 

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,

Löst vom Strande sich im Abendrot.

 

Deine Schönheit ist ein weißer Schwan,

Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

 

Einmal findet auf der Hohen Flut

Boot zu Schwan. – Und dann ist alles gut….

 

 

Mary Cassatt, Summertime, ca. 1894
Mary Stevenson Cassatt (1844-1926) war eine US-amerikanische Grafikerin und Malerin des Impressionismus.

Richard Dehmel 1863-1920

Blick ins Licht

 

Still von Baum zu Bäumen schaukeln

Meinen Kahn die Uferwellen;

Märchenblütenblau umgaukeln

Meine Fahrt die Schilflibellen,

Schatten küssen den Boden der Flut.

 

Durch die dunkle Wölbung der Erlen

- welch ein funkelndes Verschwenden -

Streut die Sonne mit goldenen Händen

Silberne Perlen

In die smaragdenen Wirbel der Flut.

 

Durch die Flucht der Strahlen schweben

Bang nach oben meine Träume,

Wo die Bäume

Ihre krausen Häupter heben

In des Himmels ruhige Flut.

 

Und in leichtem, lichtem Kreise

Weht ein Blatt zu meinen Füßen

Nieder; und des Friedens leise

Weiße Taube seh ich grüßen,

Fernher grüßen

Meiner Seele dunkle Flut.

 

John Lavery, A Windy Day, 1908
Sir John Lavery (1856-1941) war ein irischer Porträtist und Landschaftsmaler.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832

Auf dem See

 

Und frische Nahrung, neues Blut

Saug' ich aus freier Welt

Wie ist Natur so hold und gut,

Die mich am Busen hält!

Die Welle wieget unsern Kahn

Im Rudertakt hinauf,

Und Berge, wolkig, himmelan,

Begegnen unserm Lauf.

 

Aug', mein Aug', was sinkst du nieder?

Goldne Träume, kommt ihr wieder?

Weg, du Traum! so gold du bist;

Hier auch Lieb' und Leben ist.

 

Auf der Welle blinken

Tausend schwebende Sterne

Weiche Nebel trinken

Rings die türmende Ferne;

Morgenwind umflügelt

Die beschattete Bucht

Und im See bespiegelt

Sich die reifende Frucht.

 

Giuseppe De Nittis, Ora tranquilla, 1874
Giuseppe Gaetano De Nittis (1846-1884) war ein italienischer Maler des Impressionismus.

Ralph Wormeley Curtis, Drifting with the Tide
Ralph Wormeley Curtis (1854-1922) war ein amerikanischer Maler und Zeichner.

Johann Gaudenz von Salis-Seewis 1762-1834

Lied zu singen bei einer Wasserfahrt

 

Wir ruhen vom Wasser gewiegt,

Im Kreise vertraulich und enge;

Durch Eintracht wie Blumengehänge

Verknüpft und in Reihen gefügt:

Uns sondert von lästiger Menge

Die Flut, die den Nachen umschmiegt.

 

So gleiten, im Raume vereint,

Wir auf der Vergänglichkeit Wellen,

Wo Freunde sich innig gesellen

Zum Freunde, der redlich es meint!

Getrost, weil die dunkelsten Stellen

Ein Glanz aus der Höhe bescheint.

 

Ach! trüg’ uns die fährliche Flut

Des Lebens so friedlich und leise!

O drohte nie Trennung dem Kreise,

Der sorglos um Zukunft hier ruht!

O nähm’ uns am Ziele der Reise

Elysiums Busen in Hut!

 

Verhallen mag unser Gesang,

Wie Flötenhauch schwinden das Leben;

Mit Jubel und Seufzern verschweben

Des Daseyns zerfließender Klang!

Der Geist wird verklärt sich erheben,

Wenn Lethe sein Fahrzeug verschlang.

 

John Singer Sargent, Lady and Child Asleep in a Punt under the Willows
John Singer Sargent (1856-1925) galt als der bedeutendste US-amerikanische Porträt-Maler seiner Zeit.

Lisa Baumfeld 1877-1897

Sommertraum

 

Golddurchflammte Ätherwogen,

Schwerer Äste grüne Bogen,

Süß verwob'ne Träumerei'n…

Sommer, deine warmen Farben,

Helle Blumen, gold'ne Garben

Leuchten mir ins Herz hinein…

 

In dem Wald, dem dämm'rig düstern,

Hörst du's rauschen, lispeln, flüstern,

Elfenmärchen – Duft und Schaum…?

Blumenkinder nicken leise,

Lauschen fromm der alten Weise

Von des Waldes Sommertraum…

 

Und der See, der windumfächelt

Lallend plätschert, sonnig lächelt,

Netzt das Schilf aus lauem Born…

Rosen blühen am Gelände,

Rosenglut, wo ich mich wende,

Und im Herzen tief ein Dorn…

 

Frederick Carl Frieseke, On the River, 1909-10
Frederick Carl Frieseke (1874 - 1939) war ein amerikanischer Maler. Der Künstler lebte überwiegend in Frankreich, wo er einige Jahre in der amerikanischen Künstlerkolonie in Giverny arbeitete.

Max Slevogt, Segelboote, 1905
Franz Theodor Max Slevogt (1868-1932) war ein deutscher Maler, Grafiker, Illustrator und Bühnenbildner des deutschen Impressionismus.

Joseph Victor von Scheffel 1826-1886

Eine traurige Geschichte

 

Ein Hering liebt' eine Auster

Im kühlen Meeresgrund;

Es war sein Dichten und Trachten

Ein Kuß von ihren Mund.

 

Die Auster, die war spröde,

Sie blieb in ihrem Haus;

Ob der Hering sang und seufzte,

Sie schaute nicht heraus.

 

Nur eines Tags erschloß sie

Ihr duftig Schalenpaar;

Sie wollte im Meeresspiegel

Beschauen ihr Antlitz klar.

 

Schnell kam der Hering geschwommen,

Streckt seinen Kopf herein

Und dacht' an einem Kusse

In Ehren sich zu freun!

 

O Harung, armer Harung,

Wie schwer bist du blamiert!

- Sie schloß in Wut die Schalen,

Da war er guillotiniert.

 

Jetzt schwamm sein toter Leichnam

Wehmütig im grünen Meer

Und dachte: "In meinem Leben

Lieb' ich keine Auster mehr!"

 

Joaquín Sorolla, Valencian boats
Joaquín Sorolla y Bastida (1863-1923) war ein spanischer Maler und Grafiker des Impressionismus.

Christian Morgenstern 1871-1914

Am Meer

 

Wie ist dir nun,

meine Seele?

Von allen Märkten

des Lebens fern,

darfst du nun ganz

dein selbst genießen.

Keine Frage

von Menschenlippen

fordert Antwort.

Keine Rede

noch Gegenrede

macht dich gemein.

Nur mit Himmel und Erde

hältst du

einsame Zwiesprach.

Und am liebsten

befreist du

dein stilles Glück.

dein stilles Weh

in wortlosen Liedern.

Wie ist dir nun,

meine Seele?

Von allen Märkten

des Lebens fern

darfst du nun ganz

dein selbst genießen.

 

 

Paul Signac,

Port of Concarneau, 1925
Paul Signac (1863-1935) war ein französischer Maler und Grafiker und neben Georges Seurat der bedeutendste Künstler des Neo-Impressionismus bzw. Pointillismus.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Segelschiffe

 

Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch

Und über sich Wolken und Sterne.

Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch

Mit Herrenblick in die Ferne.

 

Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand

Wie trunkene Schmetterlinge.

Aber sie tragen von Land zu Land

Fürsorglich wertvolle Dinge.

 

Wie das im Winde liegt und sich wiegt,

Tauweb überspannt durch die Wogen,

Da ist eine Kunst, die friedlich siegt

Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.

 

Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. –

Natur gewordene Planken

Sind Segelschiffe. – Ihr Anblick erhellt

Und weitet unsre Gedanken.

 

Odilon Redon, Flower Clouds, ca. 1903
Odilon Redon, eigentlich Bertrand Redon (1840-1916), war ein französischer Graphiker und Maler des Symbolismus und Mitbegründer der Société des Artistes Indépendants.

Rainer Maria Rilke 1875-1926

 

Oft fühl ich in scheuen Schauern,

wie tief ich im Leben bin.

Die Worte sind nur die Mauern.

Dahinter in immer blauern

Bergen schimmert ihr Sinn.

 

Ich weiß von keinem die Marken,

aber ich lausch in sein Land.

Hör an den Hängen die Harken

und das Baden der Barken

und die Stille am Strand.

 

Hermann Corrodi, Sposalizio in laguna
Hermann David Salomon Corrodi (1844-1905) war ein italienischeer Maler.

Paul Heyse 1830-1914

Mittagsruhe

 

Goldner Nebelsonnenduft

Überhaucht Gebirg und Flur.

Droben steht ein Wölkchen nur

In der windstill reinen Luft.

 

Auf dem See ein Fischerkahn

Mit den Segeln gelb und blau,

Drauf gemalt die Himmelsfrau,

Zieht wie träumend seine Bahn.

 

Rings kein Laut der wachen Welt

Um des Monte Baldo Thron,

Gleich als wüßten's alle schon,

Daß der Alte Siesta hält.

 

Leis am Ufer gluckst die Flut;

Auch der Kummer, der zur Nacht

Mich um meinen Schlaf gebracht,

Hält den Atem an und ruht.

 

Winslow Homer, Gloucester Harbor, 1873
Winslow Homer (1836-1910) war ein US-amerikanischer Zeichner und Maler.

Else Galen-Gube 1869-1922

Fern

 

Fern vom Strand, wenn an den Felsenklippen

scheidend, glühend-rot der Tag verglomm,

hauchen in die Dämmrung meine Lippen

still verträumt ein sehnsuchtszittern: "Komm!"

 

Meine Blicke, die noch tränenfeuchten,

streifen hoffnungslos den öden Strand.

Stille rings! Die See, vom Meeresleuchten

überflutet, trägt ihr Prachtgewand.

 

Sinnend weil ich in dem Zauberlande,

bis der Vollmund küßt die schwüle Nacht,

träum, ich ruht in deinem Arm am Strande,

wachgeküßt von deiner Liebesmacht.

 

 

Anders Zorn, Sommervergnügen 1886
Anders Leonard Zorn (1860-1920) war ein schwedischer Maler, Grafiker und Bildhauer.

Heinrich Heine 1797-1856

 

Auf den Wolken ruht der Mond,

Eine Riesenpomeranze,

Überstrahlt das graue Meer,

Breiten Streifs, mit goldnem Glanze.

 

Einsam wandl ich an dem Strand,

Wo die weißen Wellen brechen,

Und ich hör viel süßes Wort,

Süßes Wort im Wasser sprechen.

 

Ach, die Nacht ist gar zu lang,

Und mein Herz kann nicht mehr schweigen –

Schöne Nixen, kommt hervor,

Tanzt und singt den Zauberreigen!

 

Nehmt mein Haupt in euren Schoß,

Leib und Seel sei hingegeben!

Singt mich tot und herzt mich tot,

Küßt mir aus der Brust das Leben!

 

Eugène Boudin, Les figures sur la plage à Trouville
Eugène Boudin (1824-1898) war ein französischer Maler, Vorläufer des Impressionismus und einer der ersten Freilichtmaler.

Jozef Israëls, Dreaming, 1860
Jozef Israëls (1824-1911) war ein niederländischer Maler und Grafiker. Er zählt zu den bedeutendsten Vertretern der Haager Schule.

 

Peder Severin Krøyer, Dame mit Hund
Peder Severin Krøyer (1851-1909), war ein norwegisch-dänischer Maler der Künstlerkolonie Skagen. Seine Werke sind überwiegend der impressionistischen Freilichtmalerei zuzuordnen.

Hermann Ludwig Allmers 1821-1902

Strandlust

 

Gern bin ich allein an des Meeres Strand,

Wenn der Sturmwind heult und die See geht hohl,

Wenn die Wogen mit Macht rollen zu Land,

O wie wird mir so kühn und so wonnig und wohl!

 

Die segelnde Möwe, sie ruft ihren Gruß

Hoch oben aus jagenden Wolken herab;

Die schäumende Woge, sie leckt meinen Fuß,

Als wüßten sie beide, wie gern ich sie hab'.

 

Und der Sturm, der lustig das Haar mir zaust,

Und die Möw' und die Wolke, die droben zieht,

Und das Meer, das da vor mir brandet und braust,

Sie lehren mich alle manch herrliches Lied.

 

Doch des Lebens erbärmlicher Sorgendrang,

O wie sinkt er zurück, wie vergess' ich ihn,

Wenn die Wogenmusik und der Sturmgesang

Durch das hoch aufschauernde Herz mir ziehn!

 

Sergei Winogradow, Women by the Sea
Sergei Arsenjewitsch Winogradow (1869-1938) war ein russischer Maler.

Paul Gustav Fischer, Aftenstemning ved Falsterbo Strand, 1909
Paul Gustav Fischer (1860-1934) war ein dänischer Maler.

Joseph Victor von Scheffel 1826-1886

 

Die Sommernacht hat mir's angetan,

Das ist ein schweigsames Reiten,

Leuchtkäfer durchschwirren den dunkeln Grund

Wie Träume, die einst zu guter Stund'

Das sehnende Herz mir erfreuten.

 

Évariste Carpentier, Coucher de soleil à Ostende
Évariste Carpentier (1845-1922) war ein belgischer Maler des Post-Impressionismus.

Karl Rudolf Tanner 1794-1849

Wellengespräch

 

Eine Welle sagt zu andern:

Ach! wie rasch ist dieses Wandern!

Und die zweite sagt zur dritten:

Kurz gelebt ist kurz gelitten!

 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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