BuchKult
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Der August (Erntemonat, Ährenmonat, Sichelmonat, Ernting; lateinisch augustus) ist der achte Monat des Jahres im gregorianischen Kalender. Der August hat 31 Tage und wurde im Jahre 8 v. Chr. nach dem römischen Kaiser Augustus benannt, da er in diesem Monat sein erstes Konsulat angetreten hat. Unter Kaiser Commodus wurde der Name des Monats ihm zu Ehren in Commodus geändert, nach dem Tod des Kaisers erhielt der Monat seinen alten Namen zurück.

 

 

Hans Thoma, August
Hans Thoma (1839-1924) war ein deutscher Maler und Grafiker.

Sorrent im August: Ich habe nun zwei Wochen kein deutsches Wort gehört und kein italienisches verstanden. So läßt sich's mit den Menschen leben, alles geht am Schnürchen und jedes aufreibende Mißverständnis ist ausgeschlossen.

Karl Kraus 1874-1936

 

 

Breviarium Grimani, August
Breviarium Grimani: Stundenbuch des Domenico Grimani. Das berühmte Breviarium Grimani mit über 1600 durchgehend illuminierten Seiten gilt als eines der schönsten Zeugnisse der flämischen Buchmalerei des frühen 16. Jahrhunderts. Um 1510-1520 in Brügge und Gent entstanden, waren zahlreiche berühmte Miniaturisten an seiner Entstehung beteiligt, darunter Gerard David, Simon Bening und Gerard Horenbout.

Erich Kästner 1899-1974

Der August

       

Nun hebt das Jahr die Sense hoch

und mäht die Sommertage wie ein Bauer.

Wer sät, muß mähen.

Und wer mäht, muß säen.

Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

 

Stockrosen stehen hinterm Zaun

in ihren alten, brüchigseidnen Trachten.

Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun,

mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau'n,

die eine Reise in die Hauptstadt machten.

 

Wann reisten sie? Bei Tage kaum.

Stets leuchteten sie golden am Stakete.

Wann reisten sie? Vielleicht im Traum?

Nachts, als der Duft vom Lindenbaum

an ihnen abschiedssüß vorüberwehte?

 

In Büchern liest man groß und breit,

selbst das Unendliche sei nicht unendlich.

Man dreht und wendet Raum und Zeit.

Man ist gescheiter als gescheit, -

das Unverständliche bleibt unverständlich.

 

Ein Erntewagen schwankt durchs Feld.

Im Garten riecht's nach Minze und Kamille.

Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille.

Wie klein ist heut die ganze Welt!

Wie groß und grenzenlos ist die Idylle ...

 

Nichts bleibt, mein Herz. Bals sagt der Tag Gutnacht.

Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,

ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.

Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht!

Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

 

 

Très Riches Heures, Août, um 1410/16
Die Brüder von Limburg (Paul, Johan und Herman) waren niederländische Miniaturmaler. Das Stundenbuch des Herzogs von Berry (französisch Les Très Riches Heures du Duc de Berry bzw. kurz Très Riches Heures) ist das berühmteste illustrierte Manuskript des 15. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein ausgesprochen reichhaltig verziertes Stundenbuch, das 208 Blätter mit 21,5 cm Breite und 30 cm Höhe enthält, von denen etwa die Hälfte ganzseitig bebildert sind.
 

Theodor Storm 1817-1888

August (Inserat)

 

Die verehrlichen Jungen, welche heuer

Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,

Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen

Wo möglich insoweit sich zu beschränken,

Dass sie daneben auf den Beeten

Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

 

 

Eugène Grasset, La Belle Jardinière: Août, 1896
Eugène Samuel Grasset (1845-1917) war ein schweizerisch-französischer Bildhauer, Maler und Illustrator der Belle Époque und Wegbereiter des Jugendstils.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Schwebende Zukunft 

 

Habt ihr einen Kummer in der Brust

Anfang August,

Seht euch einmal bewusst

An, was wir als Kinder übersahn.

 

Da schickt der Löwenzahn

Seinen Samen fort in die Luft.

Der ist so leicht wie Duft

Und sinnreich rund umgeben

Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.

 

Und er reist hoch über euer Dach,

Von Winden, schon vom Hauch gepustet.

Wenn einer von euch hustet,

Wirkt das auf ihn wie Krach,

Und er entweicht.

 

Luftglücklich leicht.

Wird sich sanft wo in Erde betten.

Und im Nächstjahr stehn

Dort die fetten, goldigen Rosetten,

Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.

 

Zartheit und Freimut lenken

Wieder später deren Samen Fahrt.

 

Flöge doch unser aller Zukunftsdenken

So frei aus und so zart.

 

Baldomer Galofre, Los meses, Agosto, 1889
Baldomer Galofre i Giménez (1845-1902) war ein katalanischer Maler.

Ferdinand von Saar 1833-1906

Nun ist das Korn geschnitten

 

Nun ist das Korn geschnitten,

die Felder leuchten fahl

ringsum ein tiefes Schweigen

im heißen Sonnenstrahl.

 

Verblüht ist und verklungen,

was duftete und sang,

nur sanft tönt von den Triften

der Herdenglockenklang.

 

Das ist, o Menschenseele,

des Sommers heilger Ernst,

daß du, noch eh' er scheidet,

dich still besinnen lernst.

 

Frank Weston Benson, The sisters, 1889
Frank Weston Benson (1862–1951) war ein US-amerikanischer Impressionist.

Alfred Lichtenstein 1889-1914

Sommerfrische

 

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.

Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel –

Friedliche Welt, du große Mausefalle,

entkäm ich endlich dir ... O hätt ich Flügel –

 

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.

Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.

Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,

hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

 

Wär doch ein Wind ... zerriß mit Eisenklauen

die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen.

Wär doch ein Sturm … der müßt den schönen blauen

ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.

 

Dora Hitz, Kirschenernte
Dora Hitz (1856-1924) war eine deutsche Malerin, die vom Symbolismus und vom Impressionismus beeinflusst war.

Wilhelm Busch 1832-1908

 

Fortuna lächelt, doch sie mag

nur ungern voll beglücken:

Schenkt sie uns einen Sommertag,

so schenkt sie uns auch Mücken.

 

 

Léon Frédéric, Four Seasons - Summer
Léon Frédéric (1856-1940) war ein belgischer Maler des Symbolismus.

Heinrich Seidel 1842-1906

Fliegender Sommer

 

Durch die sonnenklaren Lüfte

Fliegt's in Fäden und in Flocken -

Sind es die gebleichten Haare

Aus des Sommers sonn'gen Locken?

Sind es luftige Gefährte

Für der Elfen leichte Schaaren,

Drauf sie - Menschenaug' verborgen -

Durch die klaren Lüfte fahren?

Sind's des Herbstes leichte Fahnen,

Die, nach Endigung des Krieges

Mit dem Sommer, der entfaltet

Im Triumphe seines Sieges?

Oder ist 's die zarte Fessel,

Die den Sommer hielt am Norden?

Er zerriss sie - fliegt gen Süden

Jubelnd, dass er frei geworden!

Schwingt sich über Land und Meere

Dorthin, wo sein Herz gewohnet,

Wo er wieder in den bunten,

Duft'gen Prachtpalästen thronet!

 

Nikolay Bogdanov-Belsky, The Teacher's Nameday
Nikolay Petrovich Bogdanov-Belsky (1886-1945) war ein russischer Maler.

Ferdinand Sauter 1804-1854

Sei nicht dumm

 

Kurzen Sommer blüht die Blume,

Denn das Schöne währt nicht lang,

Schwach Gedächtnis bleibt vom Ruhme,

Jubel schwindet und Gesang.

 

Blumen welken, Mädchen altern,

Folgsam ewigem Gesetz,

Jugend bannt man nicht mit Psaltern,

Und die Dauer bleibt Geschwätz.

 

Deshalb wollen wir zur Neige

Schlürfen jeden Augenblick;

Blau der Himmel, grün die Zweige,

Sei nicht dumm und preis das Glück!

 

 

Edward Atkinson Hornel,

Summer    
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spätimpressionismus und wichtiger Vertreter der Glasgow Boys, einer Künstlergruppe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.
 

Joseph von Eichendorff 1788-1857

Es war als hätt der Himmel

 

Es war, als hätt der Himmel

die Erde still geküsst,

dass sie im Blütenschimmer

von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,

die Ähren wogten sacht,

es rauschten leis' die Wälder,

so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

weit ihre Flügel aus,

flog durch die stillen Lande,

als flöge sie nach Haus.

 

 

Michael Peter Ancher,

Anna Ancher returning

from the field
Michael Peter Ancher (1849-1927)

war ein dänischer Maler.
 

Theodor Storm 1817-1888

Sommermittag

 

Nun ist es still um Hof und Scheuer,

Und in der Mühle ruht der Stein;

Der Birnenbaum mit blanken Blättern

Steht regungslos im Sonnenschein.

 

Die Bienen summen so verschlafen;

Und in der offnen Bodenluk',

Benebelt von dem Duft des Heues,

Im grauen Röcklein nickt der Puk.

 

Der Müller schnarcht und das Gesinde,

Und nur die Tochter wacht im Haus;

Die lachet still, und zieht sich heimlich

Fürsichtig die Pantoffeln aus.

 

Sie geht und weckt den Müllerburschen,

Der kaum den schweren Augen traut:

"Nun küsse mich, verliebter Junge;

Doch sauber, sauber! nicht zu laut."

 

Henri Lebasque, Auf der grünen Bank - Sanary, 1911
Henri Lebasque (1865-1937) war ein französischer Maler des Post-Impressionismus.

Ernst Maria Richard Stadler 1883-1914

Mittag

 

Der Sommermittag lastet auf den weißen

Terrassen und den schlanken Marmortreppen

die Gitter und die goldnen Kuppeln gleißen

leis knirscht der Kies. Vom müden Garten schleppen

 

sich Rosendüfte her wo längs der Hecken

der schlaffe Wind entschlief in roten Matten

und geisternd strahlen zwischen Laubverstecken

die Götterbilder über laue Schatten.

 

Die Efeulauben flimmern. Schwäne wiegen

und spiegeln sich in grundlos grünen Weihern

und große fremde Sonnenfalter fliegen

traumhaft und schillernd zwischen Düfteschleiern.

 

Rae Sloan Bredin, Lawn Shadows
Rae Sloan Bredin (1880-1931) war ein amerikanischer Maler.

Kurt Tucholsky 1890–1935

Dreißig Grad

 

Das ist die Zeit der dicken Sommerhitze.

Das Thermometer kocht. Die Sonne strahlt.

Die gnädige Frau hats warm; ich Plebs, ich schwitze -

in blauen Badehöschen, eindrucksvoll bemalt.

 

Am hellen Strand läuft eine leichte Brise

und legt sich wieder - nein, das wird kein Wind.

Jetzt ist August, da hatten wir die Krise,

wie so die deutschen Sommerkrisen sind.

 

Da hinten badet eine fette Dame.

Es steigt das Meer, wenn sie ins selbe tritt.

Sag an, Sylphide, ist vielleicht dein Name

Germania? Nehm ich dich als Sinnbild mit?

 

Es rinnt der Sand. Da schleicht sich ein Vehikel -

wohl gar mit Butter? - übern Dünendamm.

Bei mir langts nur noch für den Leitartikel - 

was Kluges bring ich heut nicht mehr zusamm.

 

Wie lang ists her - da war in diesen Wochen

an angenehmer Weise gar nichts los.

Man hat nur faul den faulen Tag gerochen...

Heut kommen Kunz und Hintze angekrochen -

Du liebe Zeit, wie bist du heiß und groß!

 

Frederick Carl Frieseke, Garden Parasol
Frederick Carl Frieseke (1874 - 1939) war ein amerikanischer Maler. Der Künstler lebte überwiegend in Frankreich, wo er einige Jahre in der amerikanischen Künstlerkolonie in Giverny arbeitete.

Ludwig Thoma 1867-1921

Urlaubshitze

 

Überall hört man von Hitze,

Manchen trifft sogar der Schlag,

Naß wird man am Hosensitze

Schon am frühen Vormittag.

 

Damen, denen man begegnet,

Leiden sehr am Ambopoäng*:

"Gott! Wenn es nur endlich regnet'!"

Ist der ewige Refräng.

 

Oberlehrer und Pastoren

Baden sich in diesem Jahr,

Ihre Scham geht auch verloren,

Und man nimmt sie nackicht wahr.

 

Busen, Hintern, Waden, Bäuche

Zeigt man heuer lächelnd her,

Und wir kriegen schon Gebräuche

Wie die Neger ungefähr.

 

Wenn das Barometer sänke,

Käme eine bess're Zeit

In bezug auf die Gestänke

Und in puncto Sittlichkeit.

 

*Ambopoäng = embonpoint (frz.) Übergewicht
 

Carl Spitzweg, Der Maler im Garten
Franz Carl Spitzweg (veraltet auch: Karl Spitzweg; 1808-1885) war ein deutscher Maler und Zeichner der Spätromantik und des Biedermeiers.

Kurt Tucholsky 1890–1935

Feldfrüchte

 

Sinnend geh ich durch den Garten,

still gedeiht er hinterm Haus;

Suppenkräuter, hundert Arten,

Bauernblumen, bunter Strauß.

    Petersilie und Tomaten,

    eine Bohnengalerie,

    ganz besonders ist geraten

    der beliebte Sellerie.

 

Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?

Da wächst in der Erde leis

das bescheidene Radieschen:

    außen, rot und innen weiß.

 

Sinnend geh ich durch den Garten

unsrer deutschen Politik;

Suppenkohl in allen Arten

im Kompost der Republik.

    Bonzen, Brillen, Gehberockte,

    Parlamentsroutinendreh ...

 

Ja, und hier –? Die ganz verbockte

    liebe gute SPD.

Hermann Müller, Hilferlieschen

blühn so harmlos, doof und leis

wie bescheidene Radieschen:

    außen rot und innen weiß.

 

 

Daniel Ridgway Knight,

Summer Afternoon, Normandy
Daniel Ridgway Knight (1839-1924) war ein US-amerikanischer Maler.
 

Eugen Bracht, Sommertag in der Lüneburger Heide
Eugen Felix Prosper Bracht (1842-1921) war ein deutscher Landschafts- und Historienmaler sowie Hochschullehrer.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Bist du schon auf der Sonne gewesen?

 

Bist du schon auf der Sonne gewesen?

Nein? – Dann brich dir aus einem Besen

Ein kleines Stück Spazierstock heraus

Und schleiche dich heimlich aus dem Haus

Und wandere langsam in aller Ruh

Immer direkt auf die Sonne zu.

So lange, bis es ganz dunkel geworden.

Dann öffne leise dein Taschenmesser,

Damit dich keine Mörder ermorden.

Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst,

Dann ist es fürs erstemal schon besser,

Dass du dich wieder nach Hause schleichst.

 

Hans am Ende, Ein Sommertag
Hans am Ende (1864-1918) war ein deutscher Maler des Impressionismus und Mitbegründer der Künstlerkolonie Worpswede.

Karl Friedrich Hartmann Mayer 1786-1870

Sommerreise

 

Blaudunkler, als die Lüfte blühn,

sahn Nelken aus dem Saatengrün.

Den schönsten Farbengruß entbot

Durchsichtig, feuerpurpurrot

der Ackermohn dem Sonnentag,

und ob das Entzücken lag

als Lerchensang in klarer Luft,

berauscht von süßem Segensduft.

Da gab es viel zu sehn, zu preisen

und langsam ging es mit dem Reisen.

 

Willard Leroy Metcalf, Summer Day Gloucester Massachusetts, 1895, Huntington Museum of Art
Willard Leroy Metcalf (1858-1925) war ein amerikanischer Maler.

Thekla Lingen 1866-1931

Sommer

 

Sieh, wie sie leuchtet,

Wie sie üppig steht,

Die Rose -

Welch satter Duft zu dir hinüberweht!

Doch lose

Nur haftet ihre Pracht -

Streift deine Lust sie,

Hältst du über Nacht

Die welken Blätter in der heissen Hand ...

 

Sie hatte einst den jungen Mai gekannt

Und muss dem stillen Sommer nun gewähren -

Hörst du das Rauschen goldener Ähren?

Es geht der Sommer über's Land ...

 

Gustave Caillebotte, Häuser spiegeln sich im Wasser der Seine bei Argenteuil, 1889
Gustave Caillebotte (1848-1894) war ein französischer Maler des Impressionismus, Kunstsammler, Mäzen und Bootsbauer.

Friedrich Hölderlin 1770-1843

Der Sommer

 

Noch ist die Zeit des Jahrs zu sehn, und die Gefilde

Des Sommers stehn in ihrem Glanz, in ihrer Milde;

Des Feldes Grün ist prächtig ausgebreitet,

Allwo der Bach hinab mit Wellen gleitet.

 

So zieht der Tag hinaus durch Berg und Tale,

Mit seiner Unaufhaltsamkeit und seinem Strahle,

Und Wolken ziehn in Ruh`, in hohen Räumen,

Es scheint das Jahr mit Herrlichkeit zu säumen.

 

Peder Mørk Mønsted, Glimpses of the Sun in Sæby Stream
Peder Mørk Mønsted (1859-1941) war ein dänischer Landschaftsmaler.

Gottfried Keller 1819-1890

Das ist doch eine üppige Zeit

 

Das ist doch eine üppige Zeit,

Wo alles so schweigend blüht und glüht

Und des Sommers stolze Herrlichkeit

Still durch die grünenden Lande zieht.

 

Das Himmelblau und der Sonnenschein,

Die zehren und trinken mich gänzlich auf!

Ich welke dahin in müßiger Pein,

In Rosen versiegt mein Lebenslauf!

 

Die Schnitter so stumm an der Arbeit stehn,

Nachdenklich und düster auf brennender Au!

Ich höre ein heimliches Dröhnen gehn

Rings in der Berge dämmerndem Blau.

 

Ich sehne mich nach Gewitternacht,

Nach Sturm und Regen und Donnerschlag!

Nach einer tüchtigen Freiheitsschlacht

Und einem entscheidenden Völkertag!

 

Giuseppe Pelizza, Il Sole
Giuseppe Pellizza (1868-1907) war ein italienischer Maler.

Detlev von Liliencron 1844-1909

Sommer

 

Zwischen Roggenfeld und Hecken

Führt ein schmaler Gang;

Süßes, seliges Verstecken

Einen Sommer lang.

 

Wenn wir uns von ferne sehen,

Zögert sie den Schritt,

Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,

Nimmt ein Blättchen mit.

 

Hat mit Ähren sich das Mieder

Unschuldig geschmückt,

Sich den Hut verlegen nieder

In die Stirn gedrückt.

 

Finster kommt sie langsam näher,

Färbt sich rot wie Mohn;

Doch ich bin ein feiner Späher,

Kenn die Schelmin schon.

 

Noch ein Blick in Weg und Weite,

Ruhig liegt die Welt,

Und es hat an ihre Seite

Mich der Sturm gestellt.

 

Zwischen Roggenfeld und Hecken

Führt ein schmaler Gang;

Süßes, seliges Verstecken

Einen Sommer lang.

 

Claude Monet, Garden in Giverny
Claude Monet (1840-1926) war ein bedeutender französischer Maler.

Emanuel Geibel 1815-1884

Ferien

 

Am Waldhang überm Wiesengrunde

Wie ruht sich's gut zur Mittagstunde,

Wenn nur mit sanftem Hauch der Wind

Durchs Laub der Wipfel flüsternd rinnt!

 

Hier, vor der Welt und ihren Sorgen

Im Schoß der Einsamkeit geborgen,

Genieß' ich endlich frei von Zwang

Den langentbehrten Müßiggang.

 

Da saugt mein Leib aus Luft und Sonne

Des Daseins reinste Pflanzenwonne,

Indes der Geist zu freiem Spiel

Ins Blaue flattert ohne Ziel.

 

Doch träum' ich nicht von Ruhmeskränzen,

Von Sternen mehr, die täuschend glänzen;

Den Jüngling lockten solche Höhn;

Dem Alten deucht das Nächste schön.

 

Ich hör' im Forst den Jäger blasen,

Ich sehe, wie die Rinder grasen,

Der Storch durchs Ried hochbeinig stelzt,

Und schimmernd sich das Mühlrad wälzt.

 

Auch kommt mir bei der Wipfel Wogen

Bisweilen noch ein Reim geflogen,

Der, die die Seele schweift und sinnt,

Zum Liede still sich weiter spinnt.[281]

 

Doch nur für mich. Im Marktgedränge

Wer horcht' auch auf die leisen Klänge?

Mein Bestes gab ich; gönnt mir's nun,

Im Grünen spielend auszuruhn.

 

 

Birge Harrison, The Mirror
Lovell Birge Harrison (1854-1929) war ein amerikanischer Genre- und Landschaftsmaler, Lehrer und Schriftsteller.
 

Lisa Baumfeld 1877-1897

Sommertraum

 

Golddurchflammte Ätherwogen,

Schwerer Äste grüne Bogen,

Süß verwob'ne Träumerei'n…

Sommer, deine warmen Farben,

Helle Blumen, gold'ne Garben

Leuchten mir ins Herz hinein…

 

In dem Wald, dem dämm'rig düstern,

Hörst du's rauschen, lispeln, flüstern,

Elfenmärchen – Duft und Schaum…?

Blumenkinder nicken leise,

Lauschen fromm der alten Weise

Von des Waldes Sommertraum…

 

Und der See, der windumfächelt

Lallend plätschert, sonnig lächelt,

Netzt das Schilf aus lauem Born…

Rosen blühen am Gelände,

Rosenglut, wo ich mich wende,

Und im Herzen tief ein Dorn…

 

 

Isaak Iljitsch Lewitan, Schilf und Seerosen
Isaak Iljitsch Lewitan (1860-1900) war einer der bedeutendsten russischen Maler des Realismus.

Walter Moras, Sommeridylle
Walter Moras (1856-1925) war ein deutscher Maler.

Emanuel Geibel 1815-1884

Hochsommer

 

Von des Sonnengotts Geschossen

Liegen Wald und Flur versengt,

Drüber, wie aus Stahl gegossen,

Wolkenlose Bläue hängt.

 

In der glutgeborstnen Erde

Stirbt das Saatkorn, durstig ächzt

Am versiegten Bach die Herde,

Und der Hirsch im Forste lechzt.

 

Kein Gesang mehr in den Zweigen!

Keine Lilie mehr am Rain! –

O wann wirst du niedersteigen,

Donnerer, wir harren dein.

 

Komm, o komm in Wetterschlägen!

Deine Braut vergeht vor Weh –

Komm herab im goldnen Regen

Zur verschmachtenden Danae!

 

Edward Atkinson Hornel, The Music Of The Woods, 1906
Edward Atkinson Hornel (1864-1933) war ein schottischer Maler des Spätimpressionismus und wichtiger Vertreter der Glasgow Boys, einer Künstlergruppe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Max Dauthendey 1867-1918

Im Sommerwald

 

Im Sommerwald, wo sich die Blätter drücken,

Liegt Sonnenschein in kleinen Stücken,

Drinnen die Mücken schweben und rücken.

Ich muß mich unter die Stille bücken.

Vor den finstern Tannenlücken

Sah ich einen Schmetterling weiß wie einen Geist aufzücken.

Der Wald riecht nach Kien und ist heiß.

Vielleicht hat hier ein Herz gebrannt und nur der Wald davon weiß.

 

 

Wladimir Makovski, Zwei Mädchen, 1901
Wladimir Jegorowitsch Makowski (1846-1920) war ein russischer Maler, Pädagoge und Mitglied der Genossenschaft der Künstler der Wanderausstellungen, der Peredwischniki.
 

Otto Julius Bierbaum 1865-1910

Sommer

 

Singe, meine liebe Seele,

Denn der Sommer lacht.

Alle Farben sind voll Feuer,

Alle Welt ist eine Scheuer,

Alle Frucht ist aufgewacht.

 

Singe, meine liebe Seele,

Denn das Glück ist da.

Zwischen Aehren, welch ein Schreiten!

Flimmernd tanzen alle Weiten,

Gott singt selbst Hallelujah.

 

John William Waterhouse, Gossip
John William Waterhouse (1849-1917) war ein britischer Maler, der sowohl dem Akademischen Realismus als auch der Gruppe der Präraffaeliten zugerechnet wird.

Friedrich Haug 1761-1829

 

Gottlob, begrub man dieses Jahr,

so häufig das Erkranken war,

vier Kinder nur und einen Greisen;

denn unser Doktor ist auf Reisen.

 

Giuseppe De Nittis, Tra le spighe del grano
Giuseppe Gaetano De Nittis (1846-1884) war ein italienischer Maler des Impressionismus.

Carl Hermann Busse 1872-1918

Blauer Sommer

 

Ein blauer Sommer glanz- und glutenschwer

Geht über Wiesen, Felder, Gärten her.

Die Sonnenkrone glüht auf seinen Locken,

Sein warmer Atem läutet Blütenglocken.

Ein goldnes Band umzieht die blaue Stirne,

Schwer aus den Zweigen fällt die reife Frucht

Und Sens' und Sichel blitzt auf Flur und Feld,

Und rot von Rosen ist die ganze Welt.

 

Carl Spitzweg, Sonntagsspaziergang
Franz Carl Spitzweg (veraltet auch: Karl Spitzweg; 1808-1885) war ein deutscher Maler und Zeichner der Spätromantik und des Biedermeiers.

Wer an's Ziel kommen will,

kann mit der Postkutsche fahren,

aber wer richtig reisen will,

soll zu Fuß gehen.

Jean-Jacques Rousseau 1712-1778

 

Fjodor Wassiljew, Summer hot day
Fjodor Alexandrowitsch Wassiljew (1850-1873) war ein russischer Maler.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

 

In Hamburg lebten zwei Ameisen,

Die wollten nach Australien reisen.

Bei Altona auf der Chaussee,

Da taten ihnen die Beinchen weh,

Und da verzichteten sie weise

Dann auf den letzten Teil der Reise.

 

Konstantin Korowin, On Terrace
Konstantin Alexejewitsch Korowin (1861-1939) war ein russischer Maler, Bühnenbildner und Pädagoge. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Impressionismus des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Otto Reutter 1870-1931

Mit der Uhr in der Hand

...

Wir fahren in die Ferien und sitzen am Strand,

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,

erwarten die Post, den geschäftlichen Stand

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Ein Buch mal zu lesen, das wär ein Genuß –

wir lesen den Anfang und schauen nach dem Schluß,

durchblättern den Goethe, durchfliegen den Kant

mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

 

Nikolay Bogdanov-Belsky, Crossing the River
Nikolay Petrovich Bogdanov-Belsky (1886-1945) war ein russischer Maler.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Brief in die Sommerfrische

 

Ich habe so Sehnsucht nach Dir.

Weil alles so gut steht

Auf unserem Gemüsebeet.

Und Du bist in England. Nicht hier

Bei mir.

Frau heißt auf Englisch »wife«;

Muß man, um das zu lernen,

Sich so weit und so lange entfernen?

 

Bei uns ist alles Gemüse reif.

Meinst Du, daß ich das allein

Esse? Kommt gar nicht in Frage.

Und so vergehen die Tage.

Könnte doch zu zweit so billig sein.

 

Bis August und noch September vergeht,

Ist alles verfault auf dem Beet.

Aber Englisch ist wichtiger als Gemüse,

Das es schließlich auch in Büchsen gibt.

Und ich gönne Dir das alles sehr. Grüße

Dich!

Dein Mann (einsam in Dich verliebt).

 

Sergei Winogradow, Pond by the Manor House
Sergei Arsenjewitsch Winogradow (1869-1938) war ein russischer Maler.

Christian Morgenstern 1871-1914

Ebenengewitter

 

So löst sich denn die Spannung schwer.

Erfüllt ist, was wir baten:

Vom Himmel rauscht ein breites Meer

Auf durstig-dürre Saaten.

 

Und herrlich stürzt ein Donnerkeil

Sein Siegel auf all den Segen.

O Frucht, nun reifst du wieder heil

Dem hohen Herbst entgegen.

 

Iwan Schischkin, Roggen
Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832-1898) war ein russischer Maler und Grafiker.

Kurt Tucholsky als Theobald Tiger 1890-1935

Luftveränderung

 

Fahre mit der Eisenbahn,

fahre, Junge, fahre!

Auf dem Deck vom Wasserkahn

wehen deine Haare.

                 

Tauch in fremde Städte ein,

lauf in fremden Gassen;

höre fremde Menschen schrein,

trink aus fremden Tassen.

                 

Flieh Betrieb und Telefon,

grab in alten Schmökern,

sieh am Seinekai, mein Sohn,

Weisheit still verhökern.

                 

Lauf in Afrika umher,

reite durch Oasen;

lausche auf ein blaues Meer,

hör den Mistral blasen!

                 

Wie du auch die Welt durchflitzt

ohne Rast und Ruh –:

Hinten auf dem Puffer sitzt

du.

 

Edvard Munch, Summer Night in Studenterlunden, 1899
Edvard Munch (1863-1944) war ein norwegischer Maler und Grafiker des Symbolismus.

Ludwig Thoma 1867-1921

Sommernacht

 

Laue, stille Sommernacht,

Rings ein feierliches Schweigen,

Und am mondbeglänzten See

Tanzen Elfen ihren Reigen.

 

Unnennbares Sehnen schwillt

Mir das Herz. In jungen Jahren

Hab ich nie der Liebe Lust,

Nie der Liebe Glück erfahren.

 

Schmeichelnd spielt die linde Luft

Um die Stirne, um die Wangen.

Und es faßt mit Allgewalt

Mich ein selig-süßes Bangen.

 

Blaue Augen, blondes Haar

Soll ich bald mein eigen nennen?

Und der Ehe Hochgefühl

Soll ich aus Erfahrung kennen.

 

In der lauen Sommernacht

Wird sie dann im Bette sitzen,

"Männchen", fragt sie, "sag mir doch,

Mußt du auch so gräßlich schwitzen?"

 

 

Arthur Ernest Streeton, Near Heidelberg, 1890
Sir Arthur Ernest Streeton (1867-1943) war einer der heute noch bekanntesten australischen Maler.

Georg Trakl 1887-1914

Sommersneige

 

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden, dein kristallenes Antlitz.
Am Abendweiher starben die Blumen,
Ein erschrockener Amselruf.

Vergebliche Hoffnung des Lebens. Schon rüstet
Zur Reise sich die Schwalbe im Haus
Und die Sonne versinkt am Hügel;
Schon winkt zur Sternenreise die Nacht.

Stille der Dörfer; es tönen rings
Die verlassenen Wälder. Herz,
Neige dich nun liebender
Über die ruhige Schläferin.

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne Nacht.
Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,

Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

 

 

Anders Zorn, Landschaftsstudie aus Mora, 1886
Anders Leonard Zorn (1860-1920) war ein schwedischer Maler, Grafiker und Bildhauer.

Christian Morgenstern 1871-1914

Ein einunddreißigster August

 

Das war der letzte leuchtende August:

Der Sommer gipfelte in diesem Tage.

Und Glück erklang wie eine Seegrundsage

in den Vinetatiefen unsrer Brust.

 

Ein leises fernes Läuten kam gegangen -

und welche wollten selbst die Türme sehn,

in denen unsres Glückes Glocken schwangen:

so klar ließ Flut und Himmel sie verstehn.

 

Der Tag versank. Mit ihm Vinetas Stunde.

Septembrisch ward die Welt, das Herz, das Glück.

Ein Rausch nur wie von Tönen blieb zurück

und schwärmt noch über dem verschwiegnen Grunde.

 

Vineta (Betonung auf der zweiten Silbe) ist der Name einer sagenhaften Stadt an der vorpommerschen Ostseeküste. Der historische Kern der Sage geht wahrscheinlich auf die Überlieferung zu der hochmittelalterlichen Frühstadt zurück, die auch unter den Namen Jumne, Jomsburg, Julin o. ä. bekannt ist.

Der Sage nach ging Vineta bei einem Sturmhochwasser unter. Grund sei der moralische Verfall der Stadt, der „Hochmut und die Verschwendung der Bewohner“ gewesen. In einer der zahlreichen Varianten der Sage gab es eine Warnung: Drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor dem Untergang der Stadt erschien sie über dem Meer mit allen Häusern, Türmen und Mauern als farbiges Lichtgebilde. Die Ältesten rieten allen Leuten daraufhin, die Stadt zu verlassen, denn sehe man Städte, Schiffe oder Menschen doppelt, so bedeute das immer den Untergang. Doch die Bewohner Vinetas kümmerten sich in ihrem Mangel an Demut nicht darum. Niemand beachtete auch die allerletzte Warnung: Einige Wochen später tauchte eine Wasserfrau dicht vor der Stadt aus dem Meer und rief dreimal mit hoher, schauerlicher Stimme:

    „Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß se het väl Böses dahn“

 

William Heath Robinson, It was a typical Greenland summer night
William Heath Robinson (1872-1944) war ein britischer Karikaturist, Illustrator, Schriftsteller und Bühnenbildner. Bekannt wurde er durch seine komischen Zeichnungen von Maschinen, deren Kompliziertheit in keinem Verhältnis zu ihrem banalen Nutzen steht.
 

Um ernst zu sein,

genügt Dummheit,

während zur Heiterkeit

ein großer Verstand unerläßlich ist.
William Shakespeare

Wer Trinken, Rauchen und Sex aufgibt,

lebt auch nicht länger.

Es kommt ihm nur so vor.
Sigmund Freud

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

Was wir brauchen,

sind ein paar verrückte Leute;

seht euch an,

wohin uns die Normalen gebracht haben.
George Bernard Shaw

Der Kluge lernt aus allem
und von jedem,
der Normale aus
seinen Erfahrungen und
der Dumme
weiß alles besser.
Sokrates
Es ist schon alles gesagt,
nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

Blüte edelsten Gemütes

Ist die Rücksicht;

doch zuzeiten

Sind erfrischend wie Gewitter

Goldne Rücksichtslosigkeiten.

Theodor Storm

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